Offener Brief an Forsa-Chef Manfred Güllner

Sehr geehrter Herr Prof. Güllner,

in einem Spiegel-Interview warnen Sie vor einer grünen Diktatur der Gutmenschen. Das letzte Mal, als ich eine Aussage mit dieser Stoßrichtung gehört habe, war etwa um das Jahr 2000 aus dem publizistischen Umfeld der “Jungen Freiheit”. Ich glaube selbst das Wort “Gutmensch”, ursprünglich mal im innerlinken Diskurs des Taz-Umfelds genutzt, hat sich bei den Rechtsradikalen aber langsam etwas abgenutzt. Bei Ihnen offenbar noch nicht.

Zunächst zu meinen eigenen Verhältnis zur Grünen Partei: Es gibt Punkte, bei denen ich mit den Grünen vollkommen übereinstimme, beispielsweise wenn es um die Gleichberechtigung von Homosexuellen in der Gesellschaft geht. Es gibt Punkte, bei denen ich die Grünen für naiv halt, beispielsweise wenn es um die Folgen von Zuwanderung aus dem muslimischen Kulturkreis geht. Und es gibt Punkte, bei denen ich den grünen Positionen komplett widerspreche – beispielsweise wenn es um den in meinen Augen irrationalen und fortschrittsfeindlichen Umgang mit dem Thema grüne Gentechnik geht.

Nun aber zu Ihnen: Sie scheinen die Grünen zu hassen. Das ist Ihr gutes Recht. Warum diese seit 30 Jahren etablierte Partei mit Regierungserfahrung auch im Bund aber eine Gefahr für die Demokratie darstellen sollen, das führen Sie nicht einmal im Ansatz mit logischer Stringenz aus. Es ist nicht nur so, dass ich Ihre Argumente für komplett schwachsinnig halte – was ich definitiv tue – nein, ich verstehe sie nicht einmal.

Sie argumentieren, die Grünen hätten Macht und würden durch die Wählerstimmen einen Auftrag zur Umgestaltung der Politik empfinden, obwohl nur eine Minderheit der Wahlberechtigten die Grünen wählt – wobei sie die Zahlen besonders klein aussehen lassen, indem sie die Nichtwähler in die Statistik miteinbeziehen. Nun verrate ich Ihnen mal etwas: Das gilt für alle anderen deutschen Parteien ganz genauso.

Das Gesellschafts- und Menschenbild der FDP teilt in Deutschland ganz sicher auch nur eine sehr kleine – man könnte fast sagen radikale – Minderheit. Dennoch bestimmt die Partei derzeit sogar über Bundesministerien den Kurs der Politik mit – das ist Teil eines parlamentarischen Systems mit Verhältniswahlrecht, das Sie als Forsa-Chef eigentlich kennen sollten.

Ebenso wie den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität übrigens – also einem statistisch signifikanten Zusammengang zwischen zwei oder mehr Faktoren und der Tatsache, dass beide sich direkt bedingen. Dass Korrelation und Kausalität zwei völlig verschiedene Dinge sind, ist so ziemlich das erste, was jeder Student in Statistik an der Uni lernt. Dennoch tun Sie in dem Spiegel-Interview so, als würden Sie den Unterschied nicht kennen, um Ihre krude These empirisch zu belegen:

Bei kommunalen Wahlen gibt es schon einen eindeutigen Zusammenhang: Je höher der Stimmenanteil der Grünen, umso niedriger die Wahlbeteiligung. Auch im internationalen Vergleich ist auffällig: Nirgendwo in den westlichen Staaten sank die Wahlbeteiligung in den vergangenen 30 Jahren so stark wie in Deutschland. Gleichzeitig wurden die Grünen hier besonders stark.

Quelle: spiegel.de

Bei solchen Sätzen dreht sich jedem Studenten mit Statistik-I-Schein der Magen um – zumal in diesem Fall die intervenierende Drittvariabel, die sowohl Grünen-Wähleranteil als auch Nichtwähler-Anteil positiv beeinflusst, selbst dem Laien ins Gesicht springt: Sowohl Nichtwähler als auch Grünen-Wähler sind besonders häufig in Großstädten und unter jüngeren Bevölkerungsschichten zu finden, während es in Unions-Hochburgen auf dem Land mit älterer Bevölkerung die Bürger oft als ihre Pflicht sehen, zur Wahl zu gehen. Im internationalen Vergleich ist der Nichtwähler-Anteil in Deutschland übrigens nach wie vor besonders gering.

Derart fahrlässig und öffentlichkeitswirksam mit einer Korrelation eine Kausalität zu implizieren, halte ich für gefährlich. Nicht für die Demokratie – aber für die Volksbildung. Der sollten Sie sich als Forsa-Chef und Honorarprofessor mindestens so verpflichtet fühlen wie der Werbung für Ihr schwachsinniges Buch.

Besten Gruß

Stephan Dörner

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