Deutschland wird zum weltpolitischen Buh-Mann – und das zu recht. Hier die Gründe dafür.

“These are times of madness, dressed in good suits.”

Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman

In den europäischen Südländern droht eine neue Form des Bank Runs – derzeit oft als “Bank Jog” beschrieben, weil die Bankkunden nicht physisch zur Bank rennen, sondern das ganze langsamer vonstatten geht. Die Leute transferieren ihre Euros in sichere Länder wie Deutschland, um sie vor einem möglichen Euro-Exit zu retten. Das entzieht den europäischen Südbanken die Kapitalbasis, es droht ein neuer Zusammenbruch mit Kettenreaktion.

Deutschland und Frankreich sind die Länder, an dem das Überleben der Euro-Zone hängt, wovon wiederum auch die Entwicklung der Weltwirtschaft abhängt. Beide sind ökonomisch stark, beide bilden den Kern der Euro-Zone, beide genießen noch AAA-Bonität und profitieren beim Schuldenmachen sogar von der Unsicherheit der Märkte, weil die Investoren zumindest Deutschland derzeit sogar Geld schenken, um es in Sicherheit zu bringen.

Deutschland blockiert konsequent jede mögliche Rettungsmaßnahm, die das Problem vorerst auf einen Schlag lösen könnte. Dazu gehören:

1. Euro-Bonds, die den Druck der Märkte wegnehmen würden. Das würde bedeuten, dass zumindest vorübergehend alle europäischen Länder gemeinsam für ausgegebene Anleihen haften. 

2. Eine europäische Banken-Union mit gemeinsamen Sicherhungsfonds, der den Bank Jog verhindern würde. 

3. Eine Abschwächung des von Deutschland geforderten Fiskalpakts – also ein Ende des strikten Sparkurses, der jetzt bereits die griechische Wirtschaft komplett zerstört hat. Eine Krise ist der völlig falsche Zeitpunkt für das Zurückfahren der Staatsausgaben ist, wenn Privathaushalte und Unternehmen sich gleichzeitig entschulden wollen. 

4. Einen moderaten Ausgleich der europäischen enormen wirtschaftlichen Ungleichgewichte. Deutschlands reale Lohnabwertung in den vergangenen 15 Jahren hat die Exportwirtschaft der europäischen Peripherie an die Wand gefahren. Es würde ihr helfen, wenn die deutschen Löhne steigen würden. Darauf hat die Bundesregierung über die Lohnabschlüsse im öffentlichen Dienst zumindest mittelbar Einfluss.

5. Eine wirklich expansive Geldpolitik der EZB nach dem Vorbild der US-Notenbank Fed mit direktem Ankauf von Staatsanleihen in großem Umfang und niedrigen Zinsen. Die USA haben deutlich schneller aus der Rezession gefunden als Europa. Derzeit wird in Europa der teure Umweg über die Banken gewählt. Diese leihen sich Geld unter Inflationssatz von der EZB und kaufen damit Anleihen zu sieben Prozent Verzinsung – und das ganze auch noch ohne formelles Risiko durch die Bürgschaften. Der direkte Anleihenkauf wird von den geldpolitischen Falken aus Deutschland verhindert. Dabei geht es längst vielmehr um Formalismus und Prinzipien-Reiterei als pragmatische Krisenpolitik.

Insgesamt ist Deutschlands Krisenpolitik von “too little, too late” gekennzeichnet, wodurch die Rettung jetzt schon wirtschaftlich und menschlich deutlich teurer geworden ist, als sie jemals hätte sein müssen.

Das alles ist auch unter dem Gesichtspunkt tragisch, dass es auch Deutschland möglicherweise mal wieder wirtschaftlich schlechter gehen wird – und dann sicher keine europäische Solidarität zu erwarten sein wird.

Deutschland wird derzeit zum weltpolitischen Buh-Mann durch sein Verhalten. Außerhalb von Deutschland gibt es eine große Einigkeit der Ökonomen und der Politik, dass das Verhalten grundfalsch ist. Offiziell haben zuletzt Großbritannien und die USA – zuvor auch schon mehrfach Frankreich – Merkel zu einem anderen Kurs gedrängt.

Um einen historischen Vergleich zu machen: Merkel zwingt gerade Griechenland, Spanien und Portugal Deutschlands Brüning-Politik der Weimarer Republik auf.

Brüning betrieb in insgesamt vier großen Notverordnungen eine einschneidende Spar- und Deflationspolitik: Er erhob neue Steuern bei gleichzeitiger Senkung staatlicher Leistungen und er wirkte auf eine Absenkung von Löhnen und Gehältern hin. Damit hoffte er, den deutschen Export zu erhöhen, doch weil Deutschlands Handelspartner eine ähnliche Politik betrieben und zudem ihre Zölle erhöhten, musste diese prozyklische Politik scheitern; sie verschärfte letztlich nur die Wirtschaftskrise in Deutschland. 

Quelle: Wikipedia

Wegen vager Ängste vor Inflation wird derzeit von Deutschland das sichere Auseinanderbrechen der Euro-Zone und eine katastrophale europäische Rezession in Kauf genommen, die letztlich droht, die Weltwirtschaft und das internationale Bankensystem erneut in den Abgrund zu reißen.

Wer wegen vager Inflationsängste den sicheren Crash in Kauf nimmt, wird am Ende alles verlieren-

Update vom 11. Juni 2012: Der britische Economist hat das Dilemma schön in einer Grafik zusammengefasst. Die Geschichte dazu: Start the engines, Angela.

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4 thoughts on “Deutschland wird zum weltpolitischen Buh-Mann – und das zu recht. Hier die Gründe dafür.

  1. Hallo, Stephan,
    was Du schreibst ist klar verständlich. Nun hoffe ich sehr, dass der Einfluss  des französischen Präsidenten Hollande die Kanzlerin klüger machen wird.
    So wie Du das alles beschreibst, handelt Deutschland mittelalterlich, nach dem Spruch: Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd das andere an!
    Liebe Grüße
    die Rabeneva

  2. Genau, Rabeneva. In der Ökonomie gibt es für das Sankt-Florian-Prinzip auch einen eigenen Begriff: Beggar-my-Neighbour-Politik.

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