Netzwerke als Motor von Innovationen

Ich lese derzeit Jürgen Mirows “Weltgeschichte” (Piper-Verlag 2009). Das Buch ist in die theoretische Grundlegung und den Verlauf der Weltgeschichte unterteilt. Es beginnt 6 Millionen Jahre v.u.Z. mit der biologischen Evolution des Menschen, arbeitet sich dann von der neolithischen Revolution bis zur ökonomischen Globalisierung vor.

Besonders bei der theoretische Grundlegung hat Mirow einen interessanten Ansatz aufzuweisen. Der Historiker legt seinen Erklärungsfokus auf einen Vernetzungs- und Innovationsgedanken, also Austausch und technologische Innovation als hauptsächliche Triebfedern der Geschichte. Von der Ausbreitung von Basinnovationen wie Ackerbau, Viehzucht und Metallverarbeitung, bishin zur ökonomischen Globalisierung war es die Vernetzung, die Veränderungen ermöglicht und in einem dynamischen Prozess beschleunigt hat.

Natürlich muss bei diesem Ansatz wie bei jedem Raster der Geschichtserfassung einiges durchschlüpfen. Dennoch erscheint er mir pragmatischer und weniger theoriebeladen als klassische systemtheoretische, liberal-ökonomische, marxistische Modelle oder Modernisierungstheorien. Denn die Bezugsgröße der Betrachtung sind in diesem Modell nicht Völker oder Nationen, sondern Netzwerke der Wirtschaft, der Herrschaft und der Kultur. Die Theorie ist damit deutlich flexibler als spezifische historische Theorien wie die Modernisierungstheorie, die um bestimmte historische Ereignisse “herumgebaut” wurde.

Was sich daher besonders elegant an diesem Ansatz erweist, ist die generelle Anwendbarkeit auf alle Epochen der Weltgeschichte – eben vom Austausch der Basisinnovation Ackerbau bis zur globalen wirtschaftliche und informationellen Vernetzung im ausgehenden 20. Jahrhunderts/beginnenden 21. Jahrhunderts. Immerhin rund 100 eng beschriebene Seiten gönnt Mirow der Ausarbeitung dieser Theorie.

Damit schafft es Mirow im theoretischen Teil die wissenschaftliche Theorie und Grundlage herzuleiten, um diese dann auf den Gegenstand der Betrachtung – in diesem Fall tatsächlich die gesamte bisherige Geschichte der Menschheit – anzuwenden. Nebenbei spricht er dabei mit interdisziplinären die verschiedenen Methoden und Ansätze zur prozessorientierten Geschichtserfassung zumindest alle mal kurz an. Endlich jemand, der, um es mit Popper zu sagen, “das Netz auswirft, um die Wahrheit einzufangen”. Oberflächliche Betrachtungen, die mit Begriffen aus der Biologie hantieren – beispielsweise die beliebte Metaphorik von Blüte, Reife und Niedergang (vgl. z.B. Oswald Spengler), lehnt er natürlich zu recht ab.

Die Schattenseiten des Buches finden sich dann leider im eigentlichen historischen Teil des Buches – insbesondere dort, wo Mirow die Vorgeschichte des Menschen beschreibt, wo die Quellenlage dürftig ist. Leider weist der Autor nicht darauf hin, sondern schreibt Spekulationen als Tatsachen auf wie die Behauptung, archaische Gesellschaften seien Gemeinschaften von Freien und Gleichen ohne ausgeprägte Hierachie gewesen.

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