Wie schreibe ich einen Spiegel-Artikel in vier Schritten?

1. Szenischer Einstieg. Sprachlich selbstverliebtes journalistisches Rumgeeier. “Ein Visagistin tupft ein bisschen Puder in das pausbäckige Gesicht …“; “Manfred Möllemann steht am Fenster und blickt auf die …“. Die ersten 40 Prozent des Artikels dürfen so gut wie keine relevante Information enthalten. Der Leser muss sie überspringen können, ohne irgendetwas zu verpassen.

Der Teil des Artikels dient vor allem dazu, auf den Leser einen Sturm von Adjektiven einprasseln zu lassen (“pausbäckig”, “gedrungen”, “breit”, “ausgelassen”, “verschraubt”), damit dieser sich schon mal innerlich vor der Sprachgewandtheit des Journalisten verbeugt.

2. Dann – typisch Magazin-journalitisch – Einführung der These. Am besten möglichst plakativ und dem Zeitgeist entsprechend.

3. Quellen runterbeten und sprachlich möglichst geschickt verbinden. Besonders wichtig beim Magazin-Journalismus: Quellen, die der eigenen These widersprechen, einfach weglassen. Was ein guter Magazinjournalist ist, der lässt sich seine These nicht totrecherchieren. Thesen werden durchgebracht, auch gegen eine feindliche Realität.

4. Für das Ende hebt sich der Spiegel-Journalist dann das knackigste Zitat auf, um einen schönen Schluss zu finden, der noch Mal den gesamten Tenor des Artikels in einem Zitat auf den Punkt bringt. Wenn es kein passendes Zitat gibt, muss auf stumpfe Aphorismen Zurückgegriffen werden.

“Ja”, sagt er knapp, “es geht ums Eingemachte”.”

“Das ist keine Drohung”, würde Hildegard Müller sagen, “sondern eine nüchterne Betrachtung der Sachlage.”

Am Ende sei es wie mit jedem neuen, noch unbekannten Markt: “ein Glücksspiel”. Ausgang: offen.

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4 thoughts on “Wie schreibe ich einen Spiegel-Artikel in vier Schritten?

  1. Jaja, der Spiegel ist auch nicht mehr das, was er mal war. Wenn ich mir SpON so anschaue, ist das Niveau zur Bild auch nicht mehr fern. Herr Augstein würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, wie es mittlwerweile um sein Blatt steht.

  2. Ich habe mindestens zwei Mal erlebt wie der SPIEGEL schlichtweg erdachte Artikel verfasste. Etwas erstaunt hat dies bei einem vermeintlichen Leitmedium natürlich schon.
    Abbestellt habe ich ihn dann aber schließlich, nachdem er sich zunehmend nicht mehr in der Lage sah, Satz 1 der hier aufgeführten Regel No 3 auszuführen.
    Ich lass mich zwar verarschen aber nicht auf jedem billigen Niveau.

  3. Ist das positiv oder kritisch gemeint, Dein Blogposting hier? Ich finde das doch ganz OK, wenn etwas nach einem Schema aufgebaut ist.

  4.  Soweit ich mich erinnere haben die Journalisten früher genau recherchiert bevor sie einen Artikle geschriebn haben!!! Heute ist es nicht mehr ganz so!

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