Eine verkürzte Geschichte der Computerevolution: Kraft, Intelligenz, Gefühl

Über die Wachablösung an der Börse ist heute in den Tageszeitungen viel geschrieben worden: Apple hat Microsoft – zumindest vorübergehend – als größtes Technologieschwergewicht der Welt abgelöst. Zwar macht Microsoft immer noch deutlich mehr Gewinn – aber das mit Produkten der Vergangenheit. Die Börse als Abbild der Zukunftserwartungen sieht Apple vorne.

Ich will das in diesem Eintrag den Epochenwandel nicht aus betriebswirtschaftlicher Sicht kommentieren, sondern eine kurze feuilletonistische Erzählung der Computergeschichte aufschreiben. Fast meint man dort den hegel’schen Weltgeist wirken zu sehen: Das ewige teleologische Fortschreiten der Menschheit, das sich These, Antithese und Synthese vollzieht. Im Folgenden eine völlig verkürzte und nicht allen Details korrekte Darstellung – Feuilleton halt. 😉

Kraft: Am Anfang war IBM

Am Anfang der Geschichte der Computertechnologie als Branche stand IBM, die den Markt in den 60er und 70er Jahren dominierten. Groß, schwer, stark. Ein klassischer Konzern, der klassische Konzernprodukte an andere Konzerne verkaufte: Es war die Zeit der Mainframes, in dem Kraft und Größe zählten. Computer füllten erst Häuser, dann immer noch ganze Schränke. Technologisch vorne war derjenige, der mit reiner Rechenkraft punktete. 

Intelligenz: Microsoft entdeckt die Software

Der zweite Teil der Erzählung beginnt mit Microsoft und der Entdeckung der Software. Bill Gates erkannte, dass der Wert von Computern nicht in der reinen Rechenkraft der Maschinen lag, sondern in dem, was man damit anstellen kann. Was zuvor meist als Dreingabe zur Hardware verstanden wurde, die kostenlos mitgeliefert wurde, wurde zum eigentlichen Geschäftsmodell: Die Software-Lizenz war geboren. Die Muskelkraft der Prozessoren wurde vom Hirn der Software ausgestochen.

Doch Microsoft hatte schnell das Image eines Langeweilers. Langeweilige Software für langweilige Büroarbeiten. Das Herz der Konsumenten wurde nicht angesprochen, glühende Anhänger fand Microsofts Software nicht.

Gefühl: Apple zielt auf das Herz des Endverbrauchers

Der dritte Teil diesen kurzen Computergeschichte beginnt daher mit der Wiedererfindung von Apple ab Ende 1996 durch die Rückkehr des verlorenen Sohnes Setve Jobs. Er erkannte, dass nicht nur die Muskelkraft der alten IBM-Maschinen Schnee von gestern war, seit Computer immer schneller wurden – auch die Intelligenz von Software alleine reichte nicht für den dauerhaften Markterfolg. Steve Jobs hat das Herz entdeckt: Gefühl, Anmutung, Schönheit strahlen seine Produkte aus, die auf den Endverbraucher zielen.

Computertechnologie ist längst zu einem Massennmarkt geworden. Langfristig gewinnt deshalb nicht derjenige am Markt, der nur den kühl rechnenden Controller im Unternehmen durch intelligente Softwarelösungen überzeugt, er muss auch das Herz des Konsumenten erreichen.

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Die Finanzkrise und der Bullwhip-Effekt

Als Bullwhip-Effekt bezeichnet man in der Wirtschaft die Verstärkung eines Eingangssignals über die Bestandteile einer Funktionskette – analog zur Kinematik eines Peitschenschlages.

 

Wie in der oben gezeigten Wikipedia-Grafik zu sehen, führt der Bullwhip-Effekt dazu, dass eine nur geringfügig erhöhte Nachfrage beim Endverbraucher die Bestellmenge in den nachgelagerten Ebenen Einzelhändler, Großhändler und Hersteller deutlich nach oben schraubt, weil jeder Teil der Funktionskette zusätzliche Puffer nach oben einbaut, um auf jeden Fall liefern zu können. Der Ausschlag wird von Ebene zu Ebene größer.

In unserer hochgradig durch Kredithebel dominierten Wirtschaftswelt können wir diesen Bullwhip-Effekt aber nicht nur beim Supply-Chain-Management, sondern in allen Teilaspekten der Unternehmensplanung beobachten: Kleinste Abweichungen von Planwerten haben große Auswirkungen auf die nachgelagerten Ebenen.

Auch die Krise des Weltfinanzsystems erinnert mich an diesen Bullwhip-Effekt. Ausgehend von einer Krise des US-Immobilienmarktes hat sich das Subprime-Drama erst zu einer globalen Krise des Finanzsystems verstärkt, um danach die Realwirtschaft in Form einer Weltrezession und in letzter Instanz nun die Staatshaushalte in Form einer weltweiten Schuldenkrise zu befallen. Die Dramatik der Krise wurde dabei von Ebene zu Ebene – Immobilienmarkt, Finanzsystem, Weltwirtschaft, Staatshaushalte – größer. EZB-Präsident Jean-Claude Trichet spricht von der schwierigsten Situation seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Ursachen für den Bullwhip-Effekt im Weltmaßstab sind schnell ausgemacht: Komplexität, Vernetzung, Leverage und Finanzmärkte, die zu Übertreibungen neigen. Nur sind das natürlich gleichzeitig auch alles Faktoren, die nicht unwesentlich zu unserem Wohlstand beitragen. Und eine positive Erkenntnis gibt es ebenfalls: Mit den Staatshaushalten ist der Peitschenschlag nun endlich auf der letzten Ebene angekommen, beim “lender of last resorts” – dahinter folgt nur noch das Vertrauen in die Währung und die Wirtschaft insgesamt. Hoffen wir, dass sie diesem heftigsten Schlag mit der Bullenpeitsche seit 60 Jahren standhalten.