Kritische Gedanken zu Wikileaks

“Öffentliche Daten nützen, private Daten schützen”

Punkt acht der Hackerethik

Ich habe mir gerade den Podcast zu Wikileaks bei Küchenradio mit Wikileaks-Mitglied Daniel Schmitt angehört – und das Projekt hinterlässt von seiner Konzeption bei mir einen zwiespältigen Eindruck.

Sicher, Wikileaks.org gebühren große Verdienste. In einer Zeit, in der investigativer Journalismus immer stärker dem Kostendruck zum Opfer fällt, übernimmt das Projekt eine sehr wichtige Funktion in der Gesellschaft, zu der die Medien offenbar immer seltener in der Lage sind. Nicht Medien konnten den brisanten Toll-Collect-Dokumenten habhaft werden – dazu brauchte es Wikileaks. Aber auch diesseits des Atlantiks kam das US-Militär mit der Geheimhaltung eines Videos, das ein US-Massaker im Irak zeigte durch – bis es die Plattform veröffentlichte.

Dokumentation oder Interpretation?

Daniel spricht im Interview mit Küchenradio viel darüber, wie wichtig es sei, den Inhalt des Irak-Videos vor der Veröffentlichung geheim zu halten. Ansonsten könne sich die US-Propagandamaschinerie auf die Veröffentlichung des Videos vorbereiten und hätte bei Veröffentlichung sofort eine Interpretation der Ereignisse parat, mit der sie die öffentliche Meinung manipulieren könnten, so argumentiert er. Stattdessen solle die Weltöffentlichkeit die Chance bekommen, die Bilder unvoreingenommen betrachten zu können – ohne Interpretation.

Leider verzichtete auch Wikileaks selbst nicht auf die Interpretation des Gezeigten, sondern liefert sie in Form eingeblendeter Texte mit. Schon das Orwell-Zitat zu Anfang zeigt, dass es sich bei Wikileaks weniger um eine um Neutralität bemühte Aufklärer-Plattform handelt, als vielmehr um politische Aktivisten mit einer klaren politischen Agenda. Die Interpretation des Gezeigten durch die Texteinblendungen war mutmaßlich auch einer der Günde, warum viele etablierte Medien erst einen Tag später berichteten. 

Wikileaks als Denunziantenplattform?

Eine schlüssige Beantwortung der Frage, wie Wikileaks die komplett anonym hochgeladenen Daten auf Authentizität prüft, bleibt Daniel in dem Interview meiner Ansicht nach schuldig. Es werde geprüft, betont er zwar – aber wie, verrät er nicht. Mir persönlich fällt angesichts der komplett anonymen Quelle und einer Personalstärke, die aus einem kleinen Kreis von Freiwilligen besteht, kein gangbarer Weg ein.

Auch die Frage nach einer Güterabwägung zwischen öffentlichem Interesse an geheimen Dokumenten und dem Schutz der Privatsphäre beantwortet das Projekt aus meiner Sicht unbefriedigend. “Im Zweifel für die Veröffentlichung”, fasst Daniel die Policy des Projekts zusammen. So will Wikileaks beispielsweise auch 37.000 interne E-Mails der NPD veröffentlichen – ungefiltert. Man kann davon ausgehen, das unter diesem kaum zu überschauendem Datenhaufen auch viele private Informationen zu finden sind. Die Plattform veröffentlichte außerdem interne Mitgliedlisten der britischen neonazistischen BNP.

Kritisch muss man sich auch Fragen, ob eine Veröffentlichung interner Kommunikation aus anderen Organisationen – man nehme als Beispiel mal eine etablierte Partei wie Grüne oder SPD – mit ähnlichem Wohlwollen aufgenommen würde. Gilt das Briefgeheimnis nicht auch für vertrauliche E-Mails? Sollten Bürgerrechte wie das Recht auf informationelle Selbstbestimmung nicht unteilbar sein?

Wikileaks muss die Ethikdebatte führen

Was mich am meisten stört ist die Tatsache, dass die von Philip Banse angesprochenen Ethik-Fragen offenbar nicht einmal projektintern ein Thema sind. Es greift das um sich, was man leider häufig unter jenen findet, die sich für eine gute Sache einsetzen: Als ehrenamtlicher Streiter gegen die dunklen Mächte dieser Welt ist man schon mal grundsätzlich im Recht.

Leider scheint das auch die Sicht einiger Medien zu sein, die beispielsweise die wenig belegte Behauptung verbreiteten, Wikileaks-Mitarbeiter würden vom CIA verfolgt – bishin zu seriösen Medien wie n-tv.de und sueddeutsche.de. Ausgerechnet die Taz ist hier vorsichtiger und titelte korrekter: “Wikileaks fühlt sich verfolgt“. Es sei an das alte Hajo-Friedrichs-Motto erinnert: “Mache Dich nie gemein mit einer Sache. Auch nicht mit einer guten”. 

Das Wikileaks-Projekt ist gut und wichtig – gerade in einer Zeit, in der die etablierten Medien ihrer gesellschaftlichen Aufgabe immer weniger nachkommen wollen oder können. Aber auch Wikileaks muss sich den kritischen Fragen nach einer Güterabwägung zwischen Privatsphäre und öffentlichem Interesse, zwischen Aufklärung und Denunziantentum und zwischen korrekter Berichterstattung und Gerüchte stellen.

Die Beantwortung dieser Fragen ist dabei allesamt sehr diffizil. Was sind öffentliche Daten, was private? Kann auch an privaten Daten ein öffentliches Interesse bestehen, das schwerer wiegt als der Schutz der Privatsphäre? Wie kann die Authentizität eines Dokuments geprüft werden, bevor es veröffentlicht wird? Ich habe keine Antworten auf diese Fragen aber sie stellen sich – und müssen im Dialog mit der Gesellschaft beantwortet werden.

Update: Nach dem Hinweis von supagruen in den Kommentaren habe ich mir auch die erste Küchenradio-Folge angehört, in der Daniel Schmitt zu Wikileaks interviewt wird – und ich bin ehrlich schockiert. Daniel sagt dort, das einzige Kriterium, nach dem Wikileaks entscheidet, ob sie ein Dokument veröffentlichen, sei – neben der technischen Fragen, ob es noch nicht veröffentlicht wurde – die Relevanz.

Dann widerspricht er sich jedoch und sagt, das Wikileaks-Team könne sich nicht anmaßen zu entscheiden, was für irgendwen relevant sei oder nicht – das müsse derjenige tun, der das Dokument hochlädt. Wikileaks würde daher natürlich auch sehr private Daten wie beispielsweise Namen und Adressen von Teilnehmern eines schwulen Chat-Rooms veröffentlichen, sollte jemand ein solches Dokument hochladen.

Offensichtlich haben wir es bei Wikileaks mit Ideologen zu tun, bei denen außer die Informationsfreiheit keine anderen Werte mehr zählen. Ich hatte mir schon überlegt, ob ich für das Projekt spenden soll. Aber unter diesen Umständen auf gar keinen Fall.

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7 thoughts on “Kritische Gedanken zu Wikileaks

  1. Bei der CIA-Verfolgung erinnerte ich mich daran erinnert, wie Wikileaks behauptete, der BND habe wikileaks.de abschalten lassen. In Wahrheit war das Gegenteil der Fall – ein Wikileaks-Freiwilliger hatte versucht sich bnd.de anzueignen und hatte deshalb von seinem Provider die Kündigung erhalten.

  2. Absolut richtig! Ich habe schon bei der ersten Ausgabe vom Küchenradio zu Wikileaks erhebliche Zweifel bekommen. Leider wurde in dem Podcast versäumt, kritisch nachzuhaken, so dass ein sehr fader Beigeschmack blieb. Es gab darin mehr als nur eine bedenkliche Aussage von ‘Daniel Schmitt’.
    Wenn ich mich richtig erinnere, sagt er sogar, dass man selbst eine Liste der anonymen Informanten von Wikileaks veröffentlichen würde!
    Eine Veröffentlichung der NPD-Mails ist wahrscheinlich sogar eher schädlich als nützlich. Denn Kollateralschäden werden von Wikileaks dabei offenbar billigend in Kauf genommen.
    Wo wäre eine Grenze? Die Frage ist berechtigt und wichtig. Videos, die Kriegsverbrechen dokumentieren sind eine Sache, das mögliche Ruinieren von (privaten) Existenzen eine andere.
    Und “Wir prüfen alles” klingt für mich mehr nach “security through obscurity”.

  3. ohai, ich guck mal wieder in deinem blog vorbei. 
    mit erstem argument stimme ich völlig überein, es ist mir bereist beim ersten mal übel aufgestoßen wie sehr das “Collateral Murder” video ‘inszeniert’ wurde. die soundschnipsel als untermalung für die texteinblendungen machen den eindruck eines stark bearbeiteten videos, ein eindruck letztendlich den militärspacken in die hände spielt.
    auch das argument für die strenge geheimhaltung vor der veröffentlichung scheint mir ziemlich schwach. was soll die ‘propagandamaschine’ schon groß machen außer entweder alles als fake zu bezeichnen oder das märchen der gerechtfertigtkeit des krieges aufzuwärmen..
    auch die frage wie eine authentizitätsprüfung ohne größeren öffentlchen aufwand halbwegs verlässlich sein ist mir ein ziemliches rätsel.
    deinen zweiten kritikpunkt halte ich dagegen für ziemlich schwach. “informationelle selbstbestimmung” ist nunmal ein völlig realitätsfernes luftschloss, womit man gegen so ziemlich jede veröffentlichung mit großem getöse demonstrieren könnte.
    es ist nirgendwo halbwegs brauchbar definiert was denn wohl ‘meine’ daten sind. wieviel einfluss muss ich darauf gehabt haben damit es meine daten sind?
    ohne information über andere sind menschen nunmal darauf angewiesen das ihnen das essen blind in den mund fliegt und hoffentlich nichts schlimmes passiert. zwischen diesem zustand und dem (letztendlich auch physikalisch unmöglischen) zustand völliger transparenz lässt “informationelle selbstbestimmung” eine grenze an so ziemlich jedem beliebigen punkt zu. eine dagegen halbwegs brauchbare grenze scheint mir die der relevanz zu sein, die an sich schon schwammig genug ist. wichtiger finde ich allerdings die grenze der freiwilligkeit, also das jeder das recht hat zu sagen und nicht zu sagen was er will. eine forderung die, obwohl sie imo weitaus realistischer und rationaler ist, in deutschen gesetzen kein (wirksames) equivalent hat.
    auf basis dieser freiwilligkeit würde die ganze privacy-debatte einiges mehr an crisp und handlungsmöglichkeit bekommen. so bleibt sie ein thema für spielverderber mit nahezu dystopischen zukunftsbild.
    von informationellen allmachtsfantasien profitieren wie ich denke vor allem die mit viel einfluss und kreativen anwälten.

  4. Guter Beitrag!
    Schade, dass es so wenig kritische Stimmen gibt. Es scheint als wuerde nur noch in Gut und Boese unterteilt. 
    Das Interview gibt es auch hier: http://www.dctp.tv/#/meinungsmacher/wikileaks-schmitt/
    Transparenz ja – aber nicht auf Kosten der Rechte Anderer!

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