Stützels Comeback und Westerwelles Abstieg

Volkswirtschaftliche Saldenmechanik. Das Wort klingt alt. Nach Gewinden, quietschenden Kurbeln – und einer mechanistischen Auffassung von Wirtschaft. So manch ein Ökonom dürfte dieser Tage trotzdem den guten alten Sützel aus dem Regel holen, dessen Hauptwerk eben genau diesen Titel trägt.

Grund dafür ist der jüngste Vorstoß von Frankreichs Finanzministerin Christine Legarde – jene, die von der “Financial Times” zur Finanzministerin des Jahres 2009 gewählt wurde. Sie forderte Deutschland auf, das gerne mit den Finger auf andere zeigt und sich selbst als großes strahlendes und exportstarlkes Vorbild sieht, wenigstens “a little something” gegen die globalen Ungleichgewichte zu tun, die seit der Finanzkrise in den Fokus der internationalen Politik gerückt sind.

Die Reaktion aus Deutschland kamen schnell und einhellig: Was erlauben sich diese europäischen Schlendriane unsere starke deutsche Exportwirtschaft so zu kritisieren? Sah sich Deutschland mit seiner Lohnzurückhaltung bei gleichzeitig hoher Produktivität doch immer als strahlendes Beispiel für ganz Europa, wenn nicht sogar die Welt.

Die Deutschen können allerdings froh sein, dass die Welt dem deutschen Beispiel nicht gefolgt ist – sonst würden sie ihre Mercedes nämlich nicht mehr los. Christine Lagarde ist auch nicht die einzige, die Deutschlands Expotfixierung als egoistisch brandmarkt. Zuvor hatte Luxemburgs Ministerpräsident Jean-Claude Juncker die deutsche Politik aufgefordert für höhere Löhne zu sorgen – und zwar durch einen möglichst saftiges Tarifplus im öffentlichen Dienst, der eine Signalwirkung für die anderen Branchen hat.

Selbst in Deutschland soll es Politiker geben, die schon mal ein ökonomisches Lehrburch in die Hand genommen haben – und mehr davon als man vielleicht vermuten würde, sind in der Linkspartei. So wie beispielsweise Berlins Wirtschaftsenator Harald Wolf. Der schrieb für die FTD bereits im Februar: Griechenlands Problem heißt Deutschland. Das halte ich zwar für völlig überspitzt – aber es ist ohne Zweifel ein Teil der Wahrheit. 

China steht am Pranger, Deutschland wird verschont

Während alle Welt seit Jahren auf China zeigt, die ihre Währung künstlich unterbewerten und so nach Berechnungen von Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman die Weltwirtschaft 1,5 Prozent Wachstum jährlich kosten, ist Deutschland bisher ziemlich glimpflich davon gekommen.

Zu früheren Zeiten konnten sich Deutschlands Nachbarstaaten dieser Art “Beggar my neigbour“-Politik durch die Abwertung ihrer Währung entledigen, um so wettbewerbsfähiger zu werden. Heute drückt Deutschland seine Handelspartner in der Euro-Zone gnadenlos an die Wand. Die Gemeinschaftswährung verhindert, dass die Handelspartner über eine Abwertung ihrer Währung “Dampf ablassen” können.

Der Grundgedanke von Stützels Saldenmechanik ist eigentlich denkbar einfach: Die Tatsache, dass Deutschland seit Jahrzehnten Waren und Dienstleistungen von größerem Wert exportiert als einführt, bedeutet nichts weiter, als dass Deutschland seinen Handelspartnern sozusagen einen Kredit gewährt. Dieser Kredit muss aber auch irgendwann in Form eines höheren Binnenkonsums und höherer Importe genutzt werden. Stattdessen ist Deutschland aber, ähnlich wie China, zum großen Kapitalexporteur geworden – und blähte auch damit die amerikanische Immobilienblase mit auf.

Wir haben in Deutschland einen Vizekanzler, dem diese grundsätzlichen Regeln der internationalen Handelsbeziehungen nicht klar sind. Stattdessen beklagt er, dass China – ein wirtschaftlich aufstrebendes Land mit über 1,3 Milliarden Einwohnern – Deutschland als Exportweltmeister abgelöst hat. Dabei sind die wirtschaftspolitischen Ziele des magischen Vierecks – zu dem auch das außenwirtschaftliche Gleichgewicht gehört – sogar im Stabilitätsgesetz von 1967 für die BRD festgeschrieben. Der Begriff “gesamtwirtschaftliches Gleichgewicht”, der nach herrschender Lehrmeinung durch das magische Viereck definiert ist, besitzt sogar Verfassungsrang.

Fast in Vergessenheit geraten: Das magische Viereck der Volkswirtschaftslehre. Bildquelle: Wikipedia

Ich weiß, ich springe jetzt etwas im Thema – aber das muss ich einfach mal loswerden: Für mich könnte niemand besser den geistigen Niedergang der FDP repräsentieren als Guido Westerwelle. Eine Partei, die sich einst mit dem Namen eines Ralf Dahrendorfs schmücken durfte, ist zu einer koksenden BWLer-Party verkommen, deren Vorsitzender nichtmal die einfachsten wirtschaftlichen Zusammenhänge kennt.

Was Stützel bereits 1978 feststellte, gilt heute leider mehr denn je:

So besteht zwischen der Wirtschaftstätigkeit des Herrn Schulze und der Tätigkeit aller übrigen Mitglieder der Weltwirtschaft außer zahllosen anderen Beziehungen auch noch der primitive Zusammenhang, dass stets, sooft Herr Schulze mehr verkauft und einnimmt als er selbst kauft und ausgibt, die „übrige Weltwirtschaft“ im gleichen Zeitraum einen gleichgroßen Überschuss Ihrer Käufe über Ihre gleichzeitigen Verkäufe haben wird, da offensichtlich jeder Verkaufsakt für den Partner einen Kaufakt darstellt. Man braucht, um derartige Zusammenhänge darzustellen, keine höhere Mathematik, es genügt, im Bewusstsein zu halten, dass eben auf dieser Erde stets 2 + 2 = 4 bleibt.

Man könnte vermuten, dass solche arithmetischen Zusammenhänge wie der unseres kleinen Beispiels stets so primitiv und so selbstverständlich sind, daß es gar nicht nötig ist, sie eigens zu erwähnen, geschweige denn zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung zu machen.

Prüft man aber Aussagen über volkswirtschaftliche Zusammenhänge etwas näher unter diesem speziellen Aspekt, dann muß man leider feststellen, daß gerade diese “primitiven” Zusammenhänge vielfach nicht beachtet werden.

Quelle: Wolgfang Stützel – Volkswirtschaftliche Saldenmechanik

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2 thoughts on “Stützels Comeback und Westerwelles Abstieg

  1. Und wie wird es nun langfristig und realistisch aussehen?

  2. Damit du auch einen Nicht-Spam Kommentar bekommst:
    “Für mich könnte niemand besser den geistigen Niedergang der FDP repräsentieren als Guido Westerwelle. Eine Partei, die sich einst mit dem Namen eines Ralf Dahrendorfs schmücken durfte, ist zu einer koksenden BWLer-Party verkommen, deren Vorsitzender nichtmal die einfachsten wirtschaftlichen Zusammenhänge kennt.”
    Gefällt mir ausgesprochen gut!

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