Einfach erklärt: Was sind eigentlich CDS?

Ich habe vor kurzem Micheal Moores Film “Capitalism – A Love Story” gesehen. Wie immer bedient sich Moore auch in diesem Film Polemik, Übertreibung, Vereinfachung und vor allem Angst. Die Hetze gegen die Wall Street erinnert teilweise an längst vergessen geglaubte Hexenpogrome: Was sie dort machen, ist böses Teufelszeug, das niemand versteht – nichtmal sie selbst, so lautet die Botschaft.

Der Film vermittelt durch manipulatives Zusammenschneiden eines Interviews den (natürlich falschen) Eindruck, selbst der Havard-Ökonom Kenneth Rogoff könne nicht erklären, was CDS (Credit Default Swap) eigentlich sind. Dabei ist es gar nicht so schwer:

Credit Default Swap (CDS)

CDS sind mit einem Satz: Versicherungen gegen Kreditausfälle. “To default” bedeutet im Englischen, einer Verpflichtung nicht nachzukommen, “Swap” bezeichnet einen Tausch. Wenn also ein Kreditnehmer einen Kredit nicht bedienen kann, geht das Risiko des Ausfalls mit einem CDS auf denjenigen über, der CDS verkauft – so weit, so einfach. Zunächst versichert man sich über den Kauf eines CDS also gegen einen Kreditausfall. Angeboten werden CDS von großen Versicherungskonzernen wie der in der Finanzkrise staatlich geretteten AIG. Banken sind sowohl Käufer als auch Verkäufer von CDS.

Nun muss man als Käufer von CDS aber nicht unbedingt auch Gläubiger sein. Bei einem CDS handelt es sich nämlich um ein Derivat. Ein Derivat ist allgemein ein auf Finanzmärkten gehandeltes Wertpapier, dessen Preis sich von anderen handelbaren Gütern ableitet (das so genannte Underlying). Im Falle von CDS ist das Underlying ein Kredit, was neben normalen Bankkrediten auch Unternehmensanleihen oder Staatsanleihen sein können. Es handelt sich daher um ein Kreditderivat.

Wie wird nun diese eigentlich recht harmlose Kreditausfallversicherung zu einem so gefürchteten Spekulationsinstrument, dass es die Bundesregierung scharfer Kontrolle unterwerfen will? CDS können wie gesagt auch gekauft werden, wenn man selbst nicht Gläubiger ist. Statt einer Ausfallversicherung handelt es sich dann um ein Spekulationsinstrument: Eine Wette auf die Pleite eines Staats oder Unternehmens. Wenn der Gläubiger seine Schulden nicht bedienen kann, kann so der Käufer eines CDS für einen Bruchteil der Kreditsumme die gesamte versicherte Kreditsumme einstreichen.

Das hat Vor- und Nachteile: Weil CDS an den Finanzmärkten transparent und öffentlich gehandelt werden, gilt es als Warnzeichen, wenn sich deren Preis verteuert. Im Zuge der Schuldenkrise Griechenlands haben sich die CDS gegen Ausfälle griechischer Staatsanleihen enorm verteuert. Auf diese Weise können auch Kreditausfallrisiken vom Finanzmarkt aufgedeckt werden, die vielen Marktteilnehmern ansonsten verborgen geblieben wären.

Die Kehrseite: Je höher der Preis von CDS gegen Ausfallsicherheiten auf dem Finanzmarkt gehandelt werden, desto schwieriger wird es für das betroffene Unternehmen oder in diesem Fall Staat, sich zu refinanzieren – also neue Kredite am Kapitalmarkt aufzunehmen. Horden von Spekulanten, die auf eine Pleite wetten, wirken sich nicht gerade positiv auf die Bonität aus.

So kann durch eine massive Wette von Spekulanten auf die Pleite eines Unternehmens oder eines Staates das betroffene Land oder Unternehmen erst in den Bankrott getrieben werden. Deshalb haben sich die Euro-Staaten auch bemüht, den Eindruck zu erwecken, im Notfall Griechenland beistehen zu wollen. Das sollte den Preis für CDS auf griechische Staatsanleihen drücken.

Die US-Notenbank Fed untersucht in diesem Zusammenhang die CDS-Geschäfte der US-Großbank Goldman Sachs – ausgerechnet der Bank also, die Griechenland einst beim Verschleiern der Schulden half, um der Euro-Zone beitreten zu können. Einem Bericht der “New York Times” zufolge sollen auch europäische Banken wie u.a. die Deutsche Bank auf eine Staatspleite Griechenlands wetten – was Lucas Zeise in der FTD lakonisch kommentierte:

Obwohl es also die Staaten sind, die die Versicherer retten, lassen sich die Versicherer Policen gegen die Pleite genau dieser Staaten gut bezahlen. Warum kaufen die Banken solche CDS? Sind sie Idioten?

Quelle: ftd.de 

Der Einfluss der CDS-Spekulanten darf aber auch nicht überbewertet werden:

Dabei schiebt man den Schwarzen Peter womöglich vorschnell den Finanzmärkten zu: „Die Theorie, die Spekulanten seien schuld, halte ich nur für sehr bedingt richtig“, sagt etwa Stefan Winter, Leiter des Investmentbankings der UBS in Deutschland. Zwar ist es unstrittig, dass so manche Investoren aus der Griechenland-Krise Profit schlagen wollen – doch vieles deutet daraufhin, dass ihr Einfluss keineswegs so groß ist, wie es populäre Verschwörungstheorien nahe legen.

Quelle: Welt.de

Die weiteren krisenverschärfenden Auswirkungen von CDS in der Finanzkrise habe ich an anderer Stelle bereits erklärt. US-Investmentlegende Warren Buffett nannte CDS durch den Domino-Effekt, den die Papiere über die enge Verzahnung von Kreditversicherungen unter Banken auslösen können, sogar finanzielle Massenvernichtungswaffen: Die Banken sichern sich gegenseitig ihre Kredite ab und gehen so immer höhere Risiken ein. Doch wenn eine Bank pleite geht, sind auch ihre Kreditversicherungen nichts mehr wert. Bei einer schweren Rezession mit entsprechendem hohen Ausfällen bei den Krediten wird so ein Institut nach dem anderen in den Abgrund gerissen.

Als Erfinderin der CDS gilt übrigens die Investmentbankerin Blythe Masters, die inzwischen als mächtigste Frau an der Wall Street gilt. Über sie schrieb die FTD kürzlich:

Das Team feiert aber auch ausgiebig. Bei einem Wochenend-Workshop in Boca Raton in Florida, wohnen sie in Villen im spanischen Stil, trinken auf Kosten der Bank, Tennisplätze und feine Sandstrände sind direkt vor der Haustür. Am Ende ist die Stimmung so gut, dass sie sich gegenseitig in Kleidern in den Pool schmeißen. 
In diesem Team entsteht das Konzept zu den CDS.
Quelle: ftd.de

Managermoral und die "License to operate"

Geld veruntreut, Ehefrau betrogen und nun auch noch Gerüchte über ein massives Alokoholproblem – wäre die Marktwirtschaft ein Politiker in einem Wahlkampf, müsste so das derzeitige Image unserer Wirtschaftsordnung und ihrer Protagonisten beschrieben werden.

Das schreibt Volkswirtschaftsstudent Christopher Krämer für das Handelsblatt (leider nicht online) in einem Essay über die Moral von Unternehmern. Anlass ist der 80. Geburtstags des unter ungeklärten Umständen ermordeten Ex-Deutsche-Bank-Vorstands Alfred Herrhausen.

Das Problem ist längst erkannt – auch von Managern. Ethikseminare für Führungskräfte, Begriffe wie “Corporate Responsibility” und sogar ISO-Normen für soziales unternehmerischen Handeln sprießen aus dem Boden.

Das allein auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Denken der angelsächsischen Betriebswirtschaftlehre hat die Welt nahe an den Abgrund gebracht – können Ethikseminare künftige Katastrophen verhindern? Viel zu oft scheint es, als seien die nun so häufig betonten Schlagwörter eine reine Reaktion auf den öffentlichen Druck, keine Einsicht und intrinsische Moral-Motivation, die aus Reflexion gewonnen wurden.

In der Betriebswirtschaftlehre gibt es den Begriff der “License to operate”. In angelsächsischen Lehrbüchern findet sich häufig eine enge Definition des Begriffs: Die rein juristische Erlaubnis, einen Betrieb zu führen. Deutschsprachige BWLer wie Prof. Ulrich Gilbert von der Universität Erlangen-Nürnberg vertreten eine breiter definierte Bedeutung: Das Unternehmen erhält seine “License to operate” auch von der Gesellschaft, deren Teil es ist.

Ohne die Gesellschaft, ohne Staat und Bürger, die auch Kunden und Arbeitnehmer sind, kann kein Unternehmen existieren. Die Gesellschaft erlaubt dem Unternehmer tätig, produktiv und innovativ zu sein. Doch diese “License to operate” ist nicht in Stein gemeißelt und kann von der Gesellschaft auch eingeschränkt oder gar ganz zurückgezogen werden, sollte sie das Gefühl haben, der Unternehmer missbraucht seine Freiheit.

Mit anderen Worten: Ethisch zu handeln ist für Unternehmen kein Feigenblatt oder eine Imagekampagne, sondern überlebenswichtig. Insofern irrt der Chef von Goldman Sachs Deutschland, wenn er breitbeinig verkündet, Banken seien nur ihren Aktionären, nicht aber dem Gemeinwohl verpflichtet.

Wie aber sollen Unternehmen in dieser bisher schwersten Legitimationskrise des Kapitalismus seit dem Manchester-Liberalismus reagieren? Manager-Ethikseminare, ISO-Richtlinien – alles schön und gut. Aber eine neue ernst gemeinter Verantwortung für die Gesellschaft muss auch mit Leben, mit Gesichtern erfüllt werden, die das glaubwürdig vertreten.

Das wird nicht gelingen, wenn große Konzerne auch weiterhin ihre Führungsriege allein mit “Fachidioten” besetzen, die bereits ihr Leben durch die Wahl des Studiums in den Dienst der Gewinnmaximierung gestellt haben. Als Teil der Gesellschaft müssen Unternehmen, deren Entscheidungen die gesamte Gesellschaft betreffen, das rein auf Gewinnmaximierung ausgerichtete Denken durchbrechen: Holt Soziologen, Philosophen, Psychologen und Historiker in die Vorstände und Aufsichtsräte und lasst Unternehmen endlich als das begreifen, was sie sind: Ein Teil der Gesellschaft, die der Gesellschaft dienen – und nicht umgekehrt. Nur so können Unternehmen langfristig verhindern, das demokratische Gesellschaften die “License to operate” noch einmal überdenken.

Und wider ein Linkspammer: klickfreundlich GmbH

Wieder jemand, der darum bettelt, aus Google ausgeschlossen zu werden:

Sehr geehrter Herr Dörner,


wir sind eine Onlinemarketing Agentur aus Köln und stets auf der Suche nach Textlinkanzeigen für unsere Kunden. Wir sind über das Keyword “Auto” auf doener.blogage.de gestoßen und interessieren uns für einen Textlink in einem Artikel wie http://doener.blogage.de/entries/2009/3/23/Keynes-Comeback-Tour-2009. Gerne darf die Textlinkanzeige jedoch auch in der Sidebar oder unter einem Bericht positioniert werden.


Warum wir uns für Textlinkanzeigen interessieren: Wir betreuen mehrere Webprojekte rund um das Thema Auto. Um deren Popularität und den Bekanntheitsgrad zu steigern, möchten wir auf themenaffinen Seiten Textlinkwerbung schalten, um die Besucher dazu zu bringen, die Seiten unserer Kunden pkw.de und autotest.de zu besuchen. Da sich der Artikel mit dem Thema Autos beschäftigt, ist dies außerdem ein Mehrwert für Ihre Besucher.

Wir würden uns über eine Antwort auf diese Mail mit einem Angebot von Ihnen freuen.


Für Fragen stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung. Sprechen Sie mich bitte an.


Mit freundlichen Grüßen

Kathrin Rockenfeller



klickfreundlich GmbH – Wesselinger Straße 22-30 – 50999 Köln

Telefon: +49 (02236) 480-10-153

Internet: www.klickfreundlich.de


Vertretungsberechtigte Geschäftsführer:

Thorsten Piening, Christian Dornhoff, Dirk Stader


Registergericht: Amtsgericht Köln

Registernummer: HR 57555

Umsatzsteuer-Identifikationsnummer

gemäß § 27 a Umsatzsteuergesetz: DE 245334954


Der Inhalt dieser E-Mail ist ausschließlich für den bezeichneten Adressaten bestimmt. Wenn Sie nicht der bezeichnete Adressat oder dessen Vertreter sein sollten, so beachten Sie bitte, dass jede Form der Kenntnisnahme, Veröffentlichung, Vervielfältigung oder Weitergabe des Inhalts dieser E-Mail nicht gestattet ist. Bitte setzen Sie sich in diesem Fall mit dem Absender der E-Mail in Verbindung und löschen Sie die erhaltene E-Mail bitte unverzüglich.

Der Autismus der Manager-Elite

In einem sehr interessanten Interview mit der Wirtschaftswoche erläutert Telekom-Personalvorstand Thomas Sattelberger, wie auf Shareholder-Value-Prinzipien verkürzte MBA-Studiengänge aus seiner Sicht zur Finanzkrise beigetragen haben. Auf die Frage, warum Manager versagen, antwortet er: 

Das hat mit Egozentrik zu tun, mit Abschottung, intellektuellem und seelischem Autismus. Mit fehlender Verantwortung für ein größeres Ganzes, das über die eigenen, aber auch die Interessen des Unternehmens hinausgeht. Es hat zu tun mit mangelnder Reflexionsfähigkeit und Selbstkritik. Sich selbst im Spiegel anzuschauen und zu sagen: Was machst du hier eigentlich und warum?

Quelle: wiwo.de

Ich glaube, dass Sattelbeger hier einen wunden Punkt trifft. Als vorgestern die FTD 10 Jahre alt wurde habe ich mir die Jubiläumsausgabe gekauft, die ein interessantes Experiment wagte: Sie bestand aus insgesamt vier Ausgaben, eine von Schülern, eine von Spitzenpolitikern, eine von Künstlern und eine von Top-Managern. Viermal dieselbe Weltlage, vier verschiedene Gewichtungen und Interpretationen.

In keiner der Ausgaben herrschte ein derartiger Tunnelblick und ein auf die Gewinnmaximierung reduziertes Schmalspurdenken wie in der Ausgabe der Top-Manager. Zum Ausdruck kommt das insbesondere in einem Kommentar von RWE-Chef Jürgen Großmann unter der Überschrift “Das Museum Europa braucht Leben” (leider nicht online). Dort schwärmt er von Stahl, schweren Maschinen und Energie, fordert unumwunden 100 Mrd. Euro Subventionen für “zukunftsweisende Forschung” und mokiert sich über das “Museum Europa”, das Besucher aus aufstrebenden Wachstumsmärkten wie China, vor allem wegen seiner Geschichte und Kultur besuchten.

Während dort also die Dampflokomotive aus Kohle und Stahl zügig Richtung Zukunft braust, ist Europa eine Ansammlung von Bedenkenträgern und Bremsern:

Dieses Dilemma gilt für nahezu jede Industrie im Land: Irgendwo finden sich immer drei Bürger zusammen, hinzu gesellen sich Anwalt, Lokalpolitiker und eine Regionalzeitung. Gemeinsam üben sie öffentlichen Druck aus, um den Standort ein kleines Stück unattraktiver zu machen. Kein Wort über Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Wohlstandssicherung. Inzwischen wird schon gegen Windräder demonstriert, demnächst wahrscheinlich auch gegen Feldhamster. Milliarden von Investitionen liegen auf Halde. Im schlimmsten Fall werden diese gewaltigen Summen in anderen Ländern Wohlstand schaffen.

Erstens entsetzt mich die Tatsache, dass es für den RWE-Chef offenbar nichts Schlimmeres gibt, als dass in anderen Ländern – insbesondere Schwellenländern mit immer noch großer Armut – Wohlstand geschaffen wird. Zweitens verwundert mich die von Herrn Großmann eng definierte Bedeutung von Wohlstand: Wohlstand, das sind in Großmanns Welt Maschinen, Kraftwerke, Großprojekte. Dass Menschen in einer derart an materiellem Gütern überreichen Gesellschaft wie Deutschland, anderen Definitionen von Wohlstand anhängen, kommt Großmann nicht in den Sinn: Eine intakte Umwelt, eine nicht verschandelte naturbelassene Landschaft und auch der von Großmann belächelte kulturelle Reichtum Europas.

Ein Mann mit einem derart eingeschränktem Denken trägt für 66.000 Mitarbeiter als Vorstandsvorsitzender Verantwortung und ist unter anderem in den Aufsichtsräten von Deutscher Bahn, Volkswagen und British American Tabacco vertreten.

Teil 2: Managermoral und die “License to operate”

10 Jahre FTD

10 Jahre alt wurde die Financial Times Deutschland (FTD) gestern. Ex-Handelsblatt-Reporter Thomas Knüwer erinnert sich in seinem Blog an den Start der Wirtschaftstageszeitung der etwas anderen Art – und auch an deren Aufmacher vor 10 Jahren: Die angebliche Aufspaltung von Siemens, die sich als Quasi-Ente entpuppte. Das kratzte am Image des neuen Wirtschaftsblatts, das bis heute der Ruf eines frisch-frechen aber leider häufig zum Übergeigen neigenden Mediums anhängt – zu Unrecht. Die meisten sich später als falsch entpuppenden Exklusiv-Meldungen kommen gefühlt längst von Focus und Wirtschaftswoche.

Ich weiß noch genau als ich meine erste FTD-Ausgabe in den Händen hielt: Ich war gerade auf der Expo 2000 in Hannover und im Bertelsmann-Pavillon wurde die magazinig daherkommende Tageszeitung kostenlos verteilt. Damals war ich 17 – und wie man mit 17 so ist – politisch ziemlich weit links und wenig an einer Wirtschaftstageszeitung interessiert.

Dennoch fand ich den unkonventionellen Blick, den die FTD nicht nur auf die Wirtschaft, sondern auch auf wirtschaftliche Zusammenhänge nahm, damals sehr erfrischend. Es erinnerte mich etwas an das noch progressivere Wirtschafts-Format brandeins, das ich damals bereits mit großem Genuss las (und das für mich damals immer ein guter Grund war, zum HNO-Arzt zu gehen).

Die FTD startete ausgerechnet zu einer Zeit, als die Medienwelt erstmals die Umwälzung des Internets für die eigene Branche diskutierte – und die FTD reagierte darauf genau so, wie es meiner Meinung nach richtig ist: Weniger reine tagesaktuelle Nachrichten, mehr Hintergründe, Analysen, Meinungen. Die Agenda-Seite der FTD gehört für mich bis heute zu den interessantesten Beiträgen in deutschen Tageszeitungen. Und während das Handelsblatt mit Michael Hüther immer noch einen akademischen Dinosaurier die ökonomische Weltlage erklären darf, haben bei der FTD mit Chefökonom Thomas Fricke und Autoren wie Lucas Zeise längst aufgeklärte Neokeynsianer das Sagen – ganz im Zeichen der Zeit – und zwar schon bevor die Finanzkrise das alte ordo- und neoliberale Denken diskreditierte.

Bei der harten Auflage hinkt die FTD dem Handelsblatt nach wie vor hinterher – und Gewinn hat sie auch noch keinen gemacht. Dabei muss aber beachtet werden, dass die Leserschaft des Handelsblatts einen andere ist. Wie es Thomas Knüwer ausdrückt ist sie vor allem an “Stahl, Schrott, Schrauben und Autos” interessiert – und damit tendenziell eher Print treu. In der FTD sind “moderne Branchen” dagegen deutlich stärker repräsentiert, die Zielgruppe jünger und internetaffiner. In den Zeiten der Zeitungskrise wurde außerdem die Redaktion mit der von Capital zusammengelegt – doch zum Glück um die Redaktion der FTD herum und nicht umgekehrt. Für Gruner+Jahr ist die FTD qualitativ längst zu dem im Jahr 2000 ersehnten Aushängeschild geworden. 

Mit dem vergangenen Relaunch geht auch das Handelsblatt vorsichtig in den von der FTD bereits 2000 eingeschlagenen Weg zu mehr Meinung, Hintergrund und Analyse. Und mit Olaf Storbeck und Norbert Häring kämpfen die zwei Ökonomieautoren gegen das ordnungspolitische 50er-Jahre-Dogma an, das der Ex-Kommunist und bald Ex-Chefredakteur Bernd Ziesemer entgegen aller jüngeren Forschungsergebnisse der Ökonomie bis zuletzt ungebrochen vertrat. So haben sich beide Blätter angenähert – die FTD ist seriöser, das Handelsblatt in Teilen unkonventioneller geworden – und dennoch haben beide ihren Platz in der Branche gefunden. Ich hoffe, dass das so bleibt.

Geldpolitik: Exit mit Hindernissen?

Auf den Rekordwert von 2 Billionen Dollar hat die US-Notenbank Fed ihre Bilanzsumme in der Krise aufgebläht – durch die großzügige Ausgabe von Krediten an Banken zum Nullzins, den Kauf hypothekenbesicherter Wertpapiere und US-Staatsanleihen. Zum Vergleich: Im Dezember 2007 lag die Bilanzsumme bei 870 Millionen Dollar.

Der Komapatient Wirtschaft wurde so mit einer Menge neuem Blut am Leben gehalten – doch das muss nun rechtzeitig wieder abgepumpt werden, um einer neuen Blase keinen Vorschub zu leisten.

Wann

dieser Zeitpunkt gekommen ist, um mit der vielbeschworenen Exit-Strategie zu beginnen, darüber wird unter Notenbankern heftig gestritten. Bundesbankchef Axel Weber, der im inoffiziellen Rennen um die Nachfolge von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet ist, drängt zu einem eher frühen Zeitpunkt, Fed-Chef Ben Bernanke bremst. Schneller als erwartet hat er in der vergangenen Woche allerdings schon den Notenbank-Zinssatz für sehr kurzfristige Kredite an die Banken, den sogenannten Diskontsatz, angehoben – Euro, US-Staatsanleihen und Aktienkurse reagierten mit Abschlägen.

Gleich darauf relativierten Marktbeobachter wie die Fed selbst aber das zunächst überinterpretierte Signal. Seit dem 16. Dezember 2008 leiht die Fed den Banken längerfristig Geld quasi zum Nulltarif – und daran wird sich so schnell auch nichts ändern, schließlich steht die Konjunktur und Märkterholung noch auf wackligen Füßen.

Doch wird es der Fed und den anderen Notenbanken überhaupt gelingen, das so großzügig ausgegebene Geld wieder einzufangen? Die FTD hat ihre Zweifel. Denn die Wirtschaftserholung könnte der US-Notenbank einen Strich durch die Rechnung machen. Das von Bernanke dazu angedachte geldpolitisch Instrument ist bislang wenig erprobt:

Die Fed beispielsweise will die gesamte Liquidität mithilfe des Einlagenzinses und Reverse-Repo-Geschäften aufsaugen. Der Grundgedanke: Statt das Geld zu verleihen, parken es die Kreditinstitute lieber hübsch verzinst bei der Notenbank. […]

Es gibt keine Garantien, dass die Banken nicht die überschüssige Liquidität doch in Form von Krediten an Haushalte und Unternehmen weiterreichen. Angesichts der wirtschaftlichen Erholung und einer vielleicht steiler werdenden Zinskurve könnte es für die Geldhäuser durchaus verlockend sein, Darlehen in den Wirtschaftskreislauf zu geben. Die Volkswirte von Morgan Stanley schreiben: “Die Gefahr ist, dass die Fed die makroökonomischen Gefahren von Überschussreserven ausblendet.”

Quelle: ftd.de

Wie und wann immer es laufen wird, die Phase des Exits wird noch einmal sehr spannend – und ein gewaltiges volkswirtschaftliches Experiment am lebendigen Patienten. Hinterher sind wir jedenfalls schlauer – und sollte es schief gehen – ärmer.

Ganz interessant dazu ist auch die Position um ein Forscherteam von IWF-Chefökonom Olivier Blanchard: Er spricht sich dafür aus, künftig mehr Inflation zu wagen, um den geldpolitischen Spielraum der Notenbanken zu erweitern.

Update vom 24. Februar 2010: Die FTD erklärt, welche Optionen Bernanke bei seinem Exit hat – und warum er es nicht allen recht machen kann: Wie sich Bernanke den Exit vorstellt.

Flucht aus dem iGefängnis: HTML5

Kaum etwas hat große Teil der aktiven Internetnutzerschaft so aufgewühlt wie die Vorstellung von Apples iPad. Scheint es doch auf dem ersten Blick das fortzusetzen, was sich bereits mit Facebook & Co zunehmend als Trend im Netz abzeichnet: Die zunehmende Dominanz geschlossener und kontrollierter Plattformen – fast so wie zu Zeiten von AOL & Co.

Mit dem iPad weitet Apple das iPhone-Konzept erstmals auch auf große Geräte aus: Der US-Konzern hat den Finger drauf, welche Apps auf dem Gerät laufen. Legal können Programme für das Gerät nur über den App Store erworben werden. Bei jeder App verdient Apple kräftig mit und Konkurrenzprodukte werden einfach nicht zugelassen.

Man stelle sich den Aufschrei vor, Microsoft hätte auf PCs, auf denen Windows läuft, Konkurrenzprogramme zu Office & Co einfach nicht zugelassen. Kommt also die Apple-Diktatur? Schon leuchten die Augen der Verlage, weil sie hoffen, mit dem Heilsbringer Steve Jobs sei endgültig die Freiheitsideologie des Internet am Ende und man könne jetzt endlich zum Hauptzweck des Internets, dem Geldverdienen, kommen.

Man kann das nun als paradigmatisches Ende des Internets beklagen oder als magische Revolution bejubeln. Letztlich ist das iPad nur die konsequente Fortsetzung einer technischen und wirtschaftlichen Entwicklung, die Steve Jobs selbst begonnen hat. Schließlich war schon das Betriebssystem für den ersten Macintosh ein Sakrileg, weil es mit seiner geschlossenen Struktur der “Open Access”-Ethik der Computerwelt widersprach.

Quelle: sueddeutsche.de

Die Rückkehr der Freiheit: HTML 5

Doch die feuchten Verlagsträume von einer Jobs-Diktatur, bei der sie sich wenigsten an den herunterfallenden Krümeln des großen Apple-Kuchens laben können, könnten jäh zu Ende sein: Auf dem iPad läuft ein Browser, der den neuen HMTL-Standard HTML5 unterstützen wird. Mit HTML5 ist fast alles möglich, wofür man bisher proprietäre Technologien Flash & Co brauchte – und das in einer komplett plattformunabhängigen Technologie.

Steve Jobs weiß, dass er mit Apple auf absehbare keine vergleichbare Marktdominanz wie Microsoft erreichen kann und ist in diesem Fall daher sogar ausnahmsweise ein Förderer des freie Formats. Ihm wird nachgesagt, Adobes Flash auf iPhone und iPad absichtlich zu boykottieren, um die proprietäre Technologie zu verdrängen und HTML5 zum Durchbruch zu verhelfen. Der Grund: Die Windows-Version von Flash ist der für Apple weit überlegen, weil die Entwickler wenig Ressourcen auf die alternativen Plattformen Mac und Linux verwenden. “Wann immer ein Mac abstürzt, ist es wegen Flash”, soll Jobs gesagt haben.

Google verfolgt mit Chrome OS von vorne herein den HTML5-Ansatz und fordert Entwickler auf, direkt für das Web zu entwickeln. Die Daten sind überall verfügbar und der Nutzer ist – anders als bei Apps – an kein Gerät und keine Plattform gebunden.

Man sagt, Menschheitsentwicklungen vollzögen sich normalerweise in dem Tempo zwei Schritt nach vorne, einer zurück. So gesehen ist der iPad vielleicht ein Rückschritt aber nur, um den die nächsten beiden Schritte nach vorne einzuleiten.