Was der US-Dollar mit der Finanzkrise zu tun hat

Es gibt viele Möglichkeiten in diesen Artikel einzusteigen. Eine Möglichkeit wäre, John Connally zu zitieren, den ehemaligen US-Finanzminister unter Richard Nixon. Er sagte: “Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem” – und damit könnte man den Artikel auch schon fast wieder schließen. Denn er bringt das Kernproblem auf den Punkt: Einerseits ist der  US-Dollar unbestreitbar die Leitwährung der Welt. Andererseits verfolgt die US-Notenbank Fed seit Jahrzehnten eine allein auf nationale Interessen ausgerichtete Geldpolitik.

Man könnte auch mit einem Alan-Greenspan-Zitat in den Text einsteigen. Der Ex-Notenbank-Chef schrieb als junger und wilder Libertärer 1967:

In the absence of the gold standard, there is no way to protect savings from confiscation through inflation. There is no safe store of value.

Oder man könnte Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz eingangs zitieren. Er sagte gegenüber ermergingmarkets.org:

The question is not whether we’re moving on from the dollar reserve system […] The question is are we going to move in a rather chaotic way or will we do it in a more organized way.

Doch der Reihe nach. Das Dilemma begann mit dem Konzept eines anderen berühmten Ökonomen: John Maynard Keynes. Oder besser gesagt: Gerade nicht seinem Konzept. Denn im Vertrag von Bretton Woods wurde zwar vieles umgesetzt, was der britische Ökonom vorgeschlagen hat, an einer entscheidenden Stelle aber folgte man nicht dem Rat Keynes. Die damals verhängnisvolle Entscheidung zog einen Rattenschwanz von Problemen nach sich, die sich bis heute rund um die Dollar-Abhängigkeit der Weltwirtschaft auftürmen.

Zwar einigte sich ein Großteil der Staatengemeinschaft auf Keynes’ Vorschlag hin erstmals auf feste Wechselkurse zur Reduktion von Unwägbarkeiten auf Grund von Währungsrisiken. Dem Drängen Keynes auf eine neue Welt-Reservewährung wurde dabei aber nicht nachgegeben. Bis heute setzt sich unter anderem Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz vehement für Keynes Idee ein. Erst 1969 wagte der Internationale Währungsfonds (IWF) einen halbherzigen Versuch mit der Schaffung der Sonderziehungsrechte, die jedoch niemals praktische Bedeutung erlangten. Stattdessen löste der US-Dollar das britische Pfund als Leitwährung ab. Das gilt heute genau so wie damals und zeigte sich deutlich wieder in der Finanzkrise, in der der Dollar trotz Schuldenexplosion der öffentlichen Hand in den USA als “sicherer Hafen” galt und kräftig stieg – und zwar paradoxerweise um so stärker, je schlimmer sich die US-Konjunktur entwickelte. Die USA sind einfach “too big to fail” für die Weltwirtschaft – und Investoren wissen das.

Um den Anspruch des Dollars als Leit- und Reservewährung zu unterstreichen gab die US-Regierung das Versprechen ab, Dollar mit einem festen Wechselkurs gegen Gold zu tauschen. Ich will jetzt nicht die gesamte Geschichte des Scheiterns des Bretton-Wood-Systems nachzeichnen, das ist ein Kapital für sich. Hier nur die Kurzform: Die US-Regierung hinderte die Goldbindung nicht daran, die Geldmenge immer weiter auszuweiten, unter anderem die Kredite an Westeuropa nach dem zweiten Weltkrieg, der Korea- und der Vietnamkrieg trugen dazu bei.

Gerüchte, nach denen die US-Regierung das eingegangene Versprechen, Dollar jederzeit in Gold zu tauschen, nicht nachkommen kann, sollten sich bald bestätigen: Frankreich kam 1969 auf die verwegene Idee das Versprechen der USA ernst zu nehmen und seine Dollar-Reserveren gegen Gold austauschen zu wollen. Die USA kamen dem Wunsch nicht nach, zwei Jahre später war die Goldbindung auch offiziell Geschichte. Trotz alledem hatte sich der Dollar längst als weltweite Leitwährung etabliert, in der beispielsweise fast sämtliches Rohöl bis heute gehandelt wird, was unter anderem eine teils verhängnisvolle Kopplung von Ölpreis und Dollarkurs mit sich bringt.

Die Goldeckung des Dollar ist ebenso wie die jeder anderen Währung also längst Geschichte. Manch einer glaubt daher mittelfristig sogar an den Zusammenbruch des gesamten Papiergeldsystems, das durch nichts mehr gedeckt ist außer unserem Vertrauen. Hinter vorgehaltener Hand soll Ex-Fed-Chef Alan Greenspan selbst dazu gehören. Insbesondere die US-Notenbank Fed geht mit diesem Vertrauen nicht immer sorgsam um. Anders als beispielsweise die europäische Zentralbank (EZB) ist sie politisch nicht unabhängig und nicht nur der Geldwertstabilität, sondern vor allem auch der Konjunkturstimulation verpflichtet.

Der Ursprung reicht bis 1987 zurück. Damals kam Alan Greenspan an die Spitze der US-Notenbank. Der passionierte Jazzmusiker sendete gleich nach seinem Amtsantritt ein unmissverständliches Signal. Im Oktober 1987, kurz nachdem der US-Aktienindex Dow Jones an einem Tag um knapp 23 Prozent eingebrochen war, senkte Greenspan drastisch die Zinsen. Nur 15 Monate später waren die Kurse wieder auf dem Vorcrash-Niveau. Ein Rezept, das Greenspan in den fast 19 Jahren seiner Amtszeit immer wieder anwandte. Und das ihn unter Anlegern und sogar unter renommierten Ökonomen zu einem Superstar werden ließ.

Quelle: Welt.de

Greenspan-Nachfolger Ben Bernanke hat diese Politik, die zur Krise beitrug, beibehalten – und wird dafür ebenfalls gefeiert. Allerdings wäre der Höhepunkt der Finanzkrise zugegebenermaßen nicht der richtige Zeitpunkt gewesen, um mit dieser Tradition zu brechen.

Ungleichgewichte und Kapitalblasen

Wie hat die Dollar-Abhängigkeit nun zur Finanzkrise beigetragen? Erstens trug die US-Niedrigzinspolitik nach 9/11 zur Blase bei den Immobilienpreisen bei. Zweitens etablierten die asiatischen Notenbanken – allen voran die Chinesen – eine lange fortdauernde Tradition von Stützkäufen, um die eigene Währung gegenüber dem Greenback nicht aufwerten zu müssen. Die Maßnahmen zur Stützung des Dollars sollten die auf Export fixierte Wirtschaft in Gang halten – und konterkarierten damit teilweise sogar die Zinspolitik der Fed die US-Konjunktur zu dämpfen. Denn die Dollarreserven mussten irgendwo im Land angelegt werden und flossen neben US-Staatsanleihen, welche den USA die Verschuldungspolitik erleichterten, unter anderem auch in den ohnehin schon überhitzten Immobilienmarkt.

Bereits seit längerem drängen die USA China zu einer Aufwertung des an den Dollar gekoppelten Yuan. Es gibt allerdings Experten, die dieser Kritik nicht besonders viel Ernsthaftigkeit beimessen – schließlich sind die USA bei ihrem jahrzehntelang verfolgten Konzept “Wachstum durch Pump” auf die Anleihenkäufe angewiesen.

Die nächste Blase blubbert schon

Seit Ausbruch der Finanzkrise belässt die Fed den Leitzins auf dem Rekordtief von 0 bis 0,25 Prozent. Die Banken bekommen Kredite also praktisch umsonst. Das ruft Carry-Trade-Geschäftemacher in einem bisher kaum gekannten Ausmaß auf den Plan, die sich im Niedrigzinsland USA Geld leihen, um es in Ländern mit höherem Zinssatz wie Australien oder asiatischen Ländern anzulegen. Schon droht damit dort die nächste Kapitalblase.

Es bleibt zu hoffen, dass sich alle Währungsakteure nach den Folgen der schlimmsten weltweiten Rezession seit den 30er Jahren auf eine international ausgerichtete Währungs- und Wirtschaftspolitik besinnen. Einerseits darf keine Währung Leitwährung sein, die unter der Kontrolle einer Notenbank steht, die eine national ausgerichtete Wirtschaftspolitik betreibt – und dabei politisch abhängig ist. Andererseits darf diese Währung auch nicht zum Spielball von Exportinteressen werden, die eine auf auf Stabilität gerichtete Währungspolitik von vorne herein verhindert.

Zum Thema:

Kenneth Rogoff: Neues Austarieren der Wirtschaftsbeziehung zwischen den USA und China

Handelsblatt: Der Dollar steht vor einem Comeback (der Artikel von Juni 2009 hat bisher recht behalten)

Handelsblatt: Die sieben Leben des Dollars (8. April 2009, leider nicht online)

Spiegel Online: Wie die USA der Dollar-Falle entkommen

FTD: Wie der Dollar ins Gerede kam

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5 thoughts on “Was der US-Dollar mit der Finanzkrise zu tun hat

  1.  Hallo…, mit diesen Thesen stellt der Urheber einen der wohl zentralen Problemkreise zur notwendigen Auseinandersetzung mit der Krisenproblematik ins Bewußtsein. Ohne detaillierte Verinnerlichung der leider nur oberflächlich erwähnten Denkanstösse wird wohl kaum ein tiefer Zugang zu den einzelnen möglichen Gründen der beobachteten Entwicklungen an den Kapitalmärkten möglich sein. Keep on adding useful content! THX…

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