Der kollektive Wahn der Anleger-Gesellschaft

… oder der Wunschtraum ewiger risikoloser Rendite

Wer Geld anlegt, erwartet eine Rendite. Der Satz klingt für unsere Ohren heute so selbstverständlich wie die Tatsache, dass jemand, der arbeiten geht, dafür einen Lohn erwartet. Doch ist diese Annahme so völlig selbstverständlich? Im Standardwerk des vielleicht bedeutendsten Ökonomen aller Zeiten – John Maynard Keynes – geht dieser ausführlich auf die Kapitalrendite ein. In seiner General Theory of Employment Interest and Money (PDF) nennt er die zu erwartende Rendite einer Kapitalanlage Marginal Efficiency of Capital, der er das gesamte Kapitel 11 seines Werks widmet.

Keynes glaubt nicht an die immerwährende Rendite

Keynes Theorie zufolge sinkt die Profitrate des Kapitals in wirtschaftlich entwickelten Gesellschaften im Laufe der Zeit immer weiter, bis sie sich schließlich Null annähert. Der Grund: Zu Beginn ist Kapital ein knappes Gut und wird dort eingesetzt, wo es am meisten Profit erwirtschaftet. Im Laufe der Zeit sind aber immer mehr lohnende Investitionen getätigt, Kapital ist zunehmend kein knappes Gut mehr und der Anleger kann in immer weniger lukrative Geschäfte investieren.

Es gibt natürlich auch in wirtschaftlich fortgeschrittenen Geselschaften noch das, was Schumpeter den Prozess der kreativen Zerstörung nennt: Teils traumhafte Renditemöglichkeiten in neuen innovativen Technologiebereichen, die ältere Wirtschaftsbereiche ersetzen. Aber wie auch die 2000er-Blase zeigt offenbar in sehr viel begrenzterem Umfang als Kapital vorhanden ist, das investiert werden möchte.

Empirische Daten belegen Keynes Annahme

Heute sind wir ja – was Marx falsch prognostizierte – fast alle kleine Kapitalisten. Wir legen unser Erspartes in Anleihen, Aktien und Fonds an. Die weltweite Sparquote – eigentlich eine ziemlich zähe wirtschaftliche Kennziffer – stieg binnen kürzester Zeit rasant an. Von 2001 bis 2007 erhöhte sie sich laut Bank für Internationalen Zahlungsausgleich von 21,5 auf 24,5 Prozent. Schon in den 90er Jahren ist sie enorm gestiegen. Die Daten können in den Jahresberichten der Bank nachgesehen werden. Mit anderen Worten: Das Angebot von Kapital auf dem Weltmarkt explodierte förmlich, vor allem durch Staaten wie Südkorea, China und Thailand. Keynes Theorie zufolge müsste die Kapitalrendite sinken.

Und genau das ist auch passiert:

Leider wuchsen die weltweiten Geldanlagemöglichkeiten längst nicht im gleichen Tempo wie die Ersparnisse. Lukrative Investments wurden knapp. Es entstand ein Überangebot an Kapital, das auf den Finanzmärkten massiv die Zinsen für langfristige Geldanlagen drückte. Konnte man in den 80er-Jahren mit zehnjährigen US-Staatsanleihen im Schnitt noch eine Rendite von real fünf Prozent pro Jahr verdienen, waren es zwischen 2000 und 2006 nur mickrige 1,9 Prozent. Ähnlich sah es bei traditionellen Unternehmensanleihen aus: In den 80er-Jahren verdienten Anleger, die Anleihen von Firmen mit bester Bonität kauften, pro Jahr real eine durchschnittliche Rendite in Höhe von 5,8 Prozent – nach der Jahrtausendwende waren es ganze 3,4 Prozent. […]

Ganz ähnlich argumentiert die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in ihrem Jahresbericht 2009: Die ungewöhnlich niedrigen Nominalzinsen hätten es Banken und Vermögensverwaltern schwieriger gemacht, die Renditen, die sie ihren Kunden versprochen hatten, zu erwirtschaften. Daher seien “die Finanzinstitute entsprechend höhere Risiken eingegangen, um ihre Rendite- und Gewinnvorgaben trotzdem erreichen zu können”.

Quelle: Olaf Storbeck – Die Jahrhundert-Krise

Die derzeit aktuelle Umlaufrendite, das heißt die Rendite für Staats- und Unternehmensanleihen erstklassiger Bonität, liegt bei mageren drei Prozent.

Dennoch herrscht bei Anlegern nach wie vor so etwas wie die Vorstellung eines “Naturrechts auf Gewinne” vor, wie der Soziologe Christoph Deutschmann in seinem Aufsatz “Der kollektive Buddenbrooks-Effekt” ausführt, den Weissgarnix-Blogger Thomas Stroble zum Download bereitstellt. Die wichtigsten Sätze daraus:

Der heutige Finanzmarkt-Kapitalismus hat Eigentum und unternehmerische Tätigkeit in einem historisch beispiellosen Maß entkoppelt. Millionen von Aktien- und Fondsanteilbesitzer erwarten „Erträge“ auf ihr Geld, ohne sich die geringsten Gedanken darüber zu machen, wo die Schuldner herkommen sollen und ohne selbst ein unternehmerisches Risiko zu übernehmen. Das hohe Lied der unternehmerischen Tugenden predigt man lieber den anderen. Daß es dort, wo es keine schöpferische Zerstörung mehr gibt, auch keinen Kapitalgewinn mehr geben kann, will man nicht wahrhaben. […]

Für eine langfristige Strategie wäre es sinnvoller, sich auf die Analyse von Keynes zurückzubesinnen und nach Wegen zu suchen, wie der Aufbau übermäßiger Vermögen und nachfolgender Finanzmarktblasen in fortgeschrittenen Industrieländern ex ante, d.h. mit politischen Mitteln verhindert werden kann.”

Quelle: Christoph Deutschmann – Der kollektive Buddenbrooks-Effekt

Die positive Seite der Medaille: Wer eine halbwegs gute unternehmerische Idee hat – oder Unsinn entsprechend gut verkaufen kann, kommt immer leichter an Risikokapital, das so dringend Anlagemöglichkeiten sucht. Die nächste Blase kommt bestimmt.

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