Die Pornosammlung von Georg R.

Eben war ich bei McDonald’s und habe dort den “Focus” durchgeblättert. Ich hatte die Wahl zwischen “Bunte”, “In Touch” und dem “Focus” – insofern. Nach wie vor handelt es sich beim “Focus” um eine Art “Bild”-Zeitung im “Spiegel”-Format mit etwas anderer Schwerpunktsetzung: Ein erweitertes Anlegermagazin mit viel Trash und Boulevard, für alle, denen “Euro am Sonntag” zu hoch ist.

Natürlich schlachtet auch der “Focus” den Amoklauf von Ansbach weidlich aus und präsentiert auf einer Doppelseite ausführlich das Innenleben von Georg R., der mit Messern, einer Axt und Molotowcocktails bewaffnet einen Amoklauf an seiner Schule verübte, dabei aber sowohl mit seiner Fremd- wie Selbsttötungsabsicht scheiterte.

Ich weiß nun ziemlich viel über Georg R. Ich kenne seine Tötungsphantasien, seine sexuellen Phantasien, seinen Hass, einen Teil seiner Probleme usw. Ausführlich wurde aus dem privaten Tagebuch des mutmaßlichen Täters zitiert, das dieser vor der Tat von seinem PC löschen ließ. Die Ermittler rekonstruierten es und werden in dem Artikel mit den Worten zitiert, dass die Aufzeichnungen so ausführlich über das Seelenleben des 18-Jährigen Auskunft geben, dass die Behörden sogar erwägen, den behandelnden Psychiater gar nicht zu befragen.

Zwischen Burger und Pommes stellten sich mir ein paar Fragen: Leben wir in Deutschland nicht eigentlich in einem Rechtsstaat, der sich auch dadurch auszeichnet, das er Grundrechte allen Bürgern garantiert – auch (mutmaßlichen) Verbrechern? Zum Beispiel das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung. Natürlich ist so ein Grundrecht nicht unantastbar: Wenn das öffentliche Interesse höher zu bewerten ist als ein Grundrecht, kann es eingeschränkt werden, beispielsweise bei einer öffentlichen Foto-Fahndung, die bei besonders schweren Verbrechen angebracht sein kann.

Aber der Tatverdächtige ist gefasst, die Beweislage völlig klar. Warum gibt die Staatsanwaltschaft derartige Ermittlungsergebnisse an die Öffentlichkeit preis? Liegt ein öffentliches Interesse vor? Ich kann keines erkennen, außer vielleicht, die Sensationsgier der Massen und das Interesse der Medien.

Niemand fragt in diesem kritisch Fall nach, warum wirklich halb Deutschland erfahren muss, welche Pornos Georg R. vor der Tat gesehen hat und was seine intimsten Gedanken waren. Alle profitieren davon: Die Ermittler, die sich auf großen Pressekonferenz endlich mal richtig wichtig fühlen können, die Medien, die mit dem Thema die Auflage/Klicks steigern und die Öffentlichkeit, die ihre Sensationsgier befriedigen kann.

Wohl kein Beamter oder Politiker würde es wagen, diese Maschinerie des Ausschlachtens eines Verbrechens zu kritisieren. Schließlich würde er sich damit in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit vor einen Amokläufer stellen.

Dieses Zusammenspiel zwischen Medien und Ermittlern ist aber nicht nur kritikwürdig, weil es die Grundrechte verletzt. Es ist genau diese Konzentration auf den Täter und sein Seelenleben in der Berichterstattung, die noch weitaus fatalere Folgen haben kann. Die Psychologin Karoline Roshdi, die ein Forschungsprojekt mit dem Schwerpunkt Amokläufe betreut, erläutert das so:

Bei der Zunahme der Amoktaten gibt die Expertin auch einigen Medien eine Mitschuld. Viele Jugendliche nutzten die Berichterstattung, um sich detailliert mit den Motiven der Täter auseinander zusetzen. Sie fänden Parallelen zu ihrer eigenen Lebenssituation, was in Einzelfällen zu einer Heroisierung und Identifizierung beitragen könne.

Nach dem Amoklauf von Winnenden habe “bild.de” beispielsweise den Nutzern mittels einer Applikation erlaubt, den Weg des Amokläufers virtuell nachzuvollziehen. “Das darf einfach nicht passieren”, zeigt sie sich fassunglos. Stattdessen fordert sie, den Opfern der Tat in der Berichterstattung mehr Platz einzuräumen.

Quelle: rp-online.de