Das Internet-Manifest

Mit dem 8. Februar 1996 verbinden die meisten Menschen überhaupt nichts. Für eine Bewegung, die derzeit Oberwasser hat, war das jedoch ein besonderer Tag. Die Unabhängigkeitserklärung des Internets, vorgetragen von dem Netz-Aktivisten (und Mitglied der legendären Band Grateful Dead) John Perry Barlow auf der Tagung des Davoser Weltwirtschaftsforum.

Manch einer meint, heute war wieder so ein Tag, der im Nachhinein zumindest von einigen symbolträchtig aufgeladen werden könnte: Der 7. September als Datum, an dem das deutsche Internet-Manifest veröffentlicht wurde. Darin enthalten sind 17 Behauptungen zum Journalismus im Digitalzeitalter – und zwar von den bekannten netzaffinen Vordenkern – teilweise selbst der journalistischen Zunft entspringend.

Also die üblichen Verdächtigen: Thomas Knüwer, Sascha Lobo, Stefan Niggemeier, Markus Beckedahl usw. Der WDR orakelt jedenfalls auf seiner Internetseite von der möglichen historischen Bedeutung. Selbst der viel beachtete US-Medienprofessor Jeff Jarvis, der mit dem Buch “What would Google do?” derzeit voll im Trend liegt, erwähnte sämtliche Thesen des Manifests auf Twitter und verweist unter anderem auf finnische und italienische Übersetzungen.

So gut es auch tut neben dem ganzen Unsinn, den Journalistenvertreter und Verlage den lieben langen Tag über das Internet erzählen (“Hamburger Erklärung” etc.), mal ein paar sinnvolle Sätze zum Thema zu lesen – revolutionär ist dieses Manifest trotz des Namens ganz sicher nicht. In meinen Augen sind ein Großteil der Thesen sogar völlige Selbstverständlichkeiten.

Das Internet ist toll, es bietet mehr Informationen als je zuvor, es ermöglicht den Dialog, es dient als Archiv der Zeitgeschichte – vielen Begrenztheiten des alten Mediums Papier kann sich der Journalismus so entledigen. Er hat Platz, er kann Inhalte verändern und transparent korrigieren – und jeder Leser hat Zugang zur Zeitgeschichte per Mausklick. Das alles ist toll, einverstanden.

Doch der Online-Journalismus hat auch ein Problem: Er ist derzeit ganz überwiegend einfach nicht rentabel. Die Lösung, die uns die Autoren des Manifests anbieten, ist wieder einmal Qualität. Denn, so schreiben sie, “Es bleibt nur die journalistische Qualität, die Journalismus von bloßer Veröffentlichung unterscheidet”. So gerne ich auch an diesem Punkt zustimmen würde – aber da bin ich einfach Pessimist. 

Politiker verwenden gerne die Phrase “Ich halte die Wähler für klug genug …”. Das mag Wunschdenken entspringen, wenn man freundlich ist – oder der Versuch sich einzuschleimen, wenn man realistisch ist. Fakt jedenfalls ist: Bild.de ist gerade im Begriff Spiegel Online bei den Visits zu überholen. Mit der zunehmenden Verbreitung des Internets sinkt auch der Bildungsgrad der Nutzer.

So lange Online-Journalismus allein von Werbung abhängig ist, wird sich die billig produzierte Massenware a la Bild.de gegenüber aufwendigen Recherchen und qualitativ hochwertigen Reportagen in einem marktwirtschaftlich funktionierendem System durchsetzen. Für eine derartig große Anzahl an qualitativ höherwertigen Angeboten, wie wir sie während des Print-Zeitalters erlebten, bleibt da meines Erachtens nach derzeitigem Stand kein Platz. Außer natürlich für Nischenangebote, die entweder exklusive für die Nutzer wertvolle Informationen bieten, für die die sie zu zahlen bereit sind (“Wall Street Journal”) – oder die durch die spezielle Ansprache der Zielgruppe deutliche höhere Werbepreise bei Werbekunden erzielen.

Es ist richtig, dass das Internet die Informations-Oligople auflöst und damit auch die Werbe-Oligpole der Verlage. Wer vor 20 Jahren eine breite Zielgruppe erreichen wollte, musst in der Zeitung oder im Fernsehen werben. Wer mit einer Kleinanzeige lokale Aufmerksamkeit erreichen wollte, musste sich an die lokale Zeitung wenden.

Heute haben sich diese großen Kanäle in viele viele kleine zersplittert. Nicht nur die klassischen Medien leider darunter – auch die die werbenden Unternehmen reagieren teilweise putzig bis hilflos auf die Konsequenzen der Zersplitterung der Aufmerksamkeit.

Das alles ändert nichts daran, dass die Versuche der Verlage, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, Google oder die “Gratis-Kultur” im Internet zu verteufeln, genau nirgendwo hinführen. Insofern stimme ich den Verfassern des Manifests vollkommen zu. Nur den Stein der Weisen sehe ich in dem Manifest nicht. Es ist keine Idee darin enthalten, wie sich Qualitätsjournalismus innerhalb einer Gratis-Internetkultur finanzieren lässt. Qualitätskriterien, das Ausnutzen der Möglichkeiten des Mediums und die Kommunikation mit den Nutzern mögen den Online-Journalismus weiter verbessern – ihn zu finanzieren, dazu reichen diese Vorschläge meines Erachtens nicht aus.

Sehr schön übrigens auch die Antwort von tagseoblog.de: Das Internet-Moneyfest.

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5 thoughts on “Das Internet-Manifest

  1. meiner meinung nach liegt die zukunft der qualitätsmedien im micropayment. ich würde gern sagen wir 10 ct für einen guten artikel zahlen (naja, wenn ich dann mal dieses blöde bafög bekomme). für freie medien würd ich auch gern mehr bezahlen..
    blos sehe ich für solche zahlungen keine plattform im moment..

    13. Im Internet wird das Urheberrecht zur Bürgerpflicht.

    ew..

  2. Schreib doch mal was über das Für und Wider, dass Google in den USA unverlegte Bücher ins Netz stellt, die auf Grund der Urheberrechte in Europa -verschieden von Land zu Land- hier nicht im Netz eingesehen werden können. 
    Da kann man von der Gefahr einer Monopolbildung über den Europa-USA-Politik Vergleich bis hin zu durch den Standort gegebene Bildungsnachteile einiges diskutieren.

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