Inglourious Basterds

Achtung, der folgende Beitrag enthält einige Spoiler, wichtige Teile der Handlung werden verraten!

Im Gegensatz zu vielen anderen halte ich Quentin Tarantino nicht für ein Genie. Aber er versteht sein Handwerk. Die zuletzt viel kritisierten Filme “Grindhouse” und “Planet Terror” (wie ein Leser richtig anmerkte, ist “Planet Terror nicht von Tarentino) habe ich nicht gesehen, aber die als Popcorn-Kino inszenierte Gewaltorgie “Kill Bill” war einfach gut gemacht, ebenso sein gekonntes Spiel mit dem Spannungsbogen bei “Reservoir Dogs” und natürlich die unnachahmlich coole filmische Umsetzung der Schundliteratur in “Pulp Fiction”. Dass Tarentino ein Meister des Filmzitats und ein ausgewiesener Kenner der Populärkultur seiner Zeit ist, der es versteht, die popkulturellen Leitbilder seiner Jugend meisterhaft zu komponieren, benötigt wohl keiner weiteren Ausführungen.

Doch mit seinem neuesten Werk betritt Tarantino Neuland: Die psychologische Kriegsführung gegen den Zuschauer.

Meine Erwartung an “Inglourious Basterds” (absichtliche Falschschreibung von “Inglorious Bastards”) waren gering. Eine jüdische Rachephantasie, herrlich inszeniertes Gewalt-Popcorn-Kino im Stile von “Kill Bill”, blutig, unterhaltend mit einer guten Portion derben Humors. Durchaus etwas, wofür es sich lohnt, ein Kino zu besuchen – aber sicher kein Meisterwerk.

Doch meine Erwartungen wurden enttäuscht – in positiver Hinsicht. Tarentino erweist sich erneut als ein Meister der Komposition – doch diesmal erschafft er damit mehr als handwerklich perfekt inszenierte Unterhaltung. Diesmal ist es – ich will dieses hochtrabende Wort an dieser Stelle mal benutzen – Kunst.

Wenn in der ersten Szene (Tarantino-typisch als Kapital bezeichnet) der wortgewandte und hochintelligente SS-Obersturmbannführer seinem Sadismus an einer wehrlosen jüdischen Familie freien Lauf lässt, freut sich der Zuschauer schon innerlich auf eine nach Tarantino-Manier durchexerzierte Gewaltorgie der Rache, ausgeführt von den “Inglourious Basterds”, jüdisch-stämmigen Amerikanern, die sich das Metzeln in Nazi-Deutschland auf die Fahne geschrieben haben. Doch der aus “Kill Bill” gewohnte Flow der Gewaltinszenierung wird schon unterbrochen, bevor er sich überhaupt eingestellt hat.

Nicht durch die schonungslose Gewalt, die die Basterds anwenden – denn die wird vom Zuschauer ja erwartet – sondern durch die Darstellung der Opfer. Denn die ersten Opfer der Basterds sind keine Nazi-Größen, sondern einfache deutsche Soldaten, die im Kontrast zu den cartoonartig überzeichneten Basterds sehr menschlich wirken. Der erste Soldat, der als Projektionsfläche des brutalen Nazi-Regimes dienen könnte, auf welche der Film eine herbeigesehnte jüdische ebenso brutale Antwort inszeniert, verweigert sich als dieses Symbol zu dienen. Auf die Frage der Basterds, ob er seinen Orden fürs “Juden töten” bekommen habe, antwortet er: “Nein, Tapferkeit”. Auf im wörtlichen Sinne brutale Weise beraubt Tarentino die Zuschauer der Befriedigung ihrer so herbeigesehnten sadistischen Rachgelüste, lässt dir verstört und unbefriedigt zurück.

Der nach Popcorn-Gewalt lüsterne Kinobesucher ertappt sich plötzlich dabei, wie er mit dem ersten Opfer der Gewalt mitfühlt: Einem menschlich gezeichnetem deutschen Soldaten, der es ablehnt, seine Kameraden zu verraten und dafür brutal den Schädel eingeschlagen bekommt. Komponiert wird diesmal also nicht nur in Filmzitaten, sondern auch Genres: Cartoon-Gewalt trifft auf menschliches Anlitz.

Auf diesen beiden verstörenden Szenen – der Gewalt an der jüdischen Familie und der Gewalt an den deutschen Soldaten – baut Tarentino den restlichen Film auf. Natürlich folgt dann alles, was man von ihm gewohnt ist: Beißende Satire, grotesk überzeichnete überaus witzige Szenen, selbstreferentielle Anspielungen, Close-Up-Fetischismus und natürlich auch die Lust an der Gewaltinszenierung – aber deutlich zurückgenommener als von mir erwartet und am klarsten ausgerechnet in der Szene, in der der weibliche jüdische Racheengel von einem deutschen Soldaten getötet wird, der kurz zuvor zum ersten Mal Reue über seine vermeintlichen Heldentaten zeigte.

Einziger Wermutstropfen ist die katastrophale schauspielerische Leistung von Diana Kruger, die in diesem ansonsten (von Till Schweiger abgesehen) hochkarätig besetzten Film wie eine völlig deplatzierte Laiendarstellerin wirkt, die geradewegs einer deutschen Nachmittags-Gerichtsshow entlaufen zu sein scheint. Doch selbst an dieser Stelle könnte man Tarantino noch Genie und einen gekonnten Seitenhieb unterstellen: Schließlich verkörpert Kruger eine Schauspielerin.

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Freaconomics

Ich meine, es ist einfach so – ich verstehe nicht viel von Ökonomie. Ich bin kein guter Mathematiker, ich verstehe nicht viel von Ökonometrie, und ich weiß auch nicht, wie man Theorien aufstellt. Wenn Sie mich nach der Entwicklung der Aktienmärkte oder des Wirtschaftswachstum fragen, wenn Sie mich fragen, ob Deflation gut oder schlecht ist, wenn Sie mich nach Steuern fragen – ich meine, es wäre Betrug, wenn ich Ihnen sagte, dass ich irgendetwas über diese Dinge weiß.

Steven D. Levitt, Professor für Ökonomie an der University of Chicago.

Gemeinsam mit dem Journalisten Stephen J. Dubner schrieb der den Bestseller “Freakonomics“, den ich gerade zu Ende gelesen haben. Dort schreiben die beiden zwar nicht über Deflation oder die Entwicklung des Aktienmarktes, sondern eklären, warum Drogendealer oft bei ihren Müttern wohnen, warum die Legalisierung von Abtreibungen einen stärkeren Rückgang auf die Kriminalitätsrate hat als jede Polizeitaktik und warum es nicht unwahrscheinlich, dass der beliebteste Mädchename der USA im Jahre 2015 Annika sein wird.

Eine kurzweilige Lektüre, obwohl man einiges schneller auf den Punkt hätte bringen können. Kompakter in dieser Hinsicht ist das Buch Ökonomie 2.0 der beiden Handelsblatt-Ökonomen Olaf Storbeck und Norbert Häring, das ebenfalls sehr zu empfehlen ist.

Grundlage des Freaconomics-Buchs war das gleichnamige Blog der New York Times, das nach wie vor regelmäßig aktualisiert wird.

Die Medienangst der anderen

Viele aus meiner Generation reagieren mit Verwunderung, wenn die derzeit in Politik und Medien Etablierten über das Internet reden. “Internetausdrucker” werden sie hämisch genannt, weil sie – wie manch Spitzepolitiker schon offen zugab – das Netz nicht selbst erkunden, sondern es sich relevante Inhalte von der Sekretärin ausdrucken lassen.

Dass solchen Leuten Zweck und Wesen des Netzes gänzlich verschlossen bleibt, kann eigentlich nicht verwundern. Dass sie nicht begreifen können, dass das Prinzip und Wesen von Computern und Computer-Netzwerken das Kopieren ist, dass eine Nachricht nicht gesendet, sondern kopiert wird und dass es keinen Kopier-, sondern höchstens einen Kapierschutz gibt (Andy Müller-Maguhn). Dass in einer solchen Welt die künstliche Verknappung und Monopolsierung von Wissen und Informationen in den allermeisten Fällen kein tragfähiges Geschäftsmodell mehr ist – das alles werden diese Leute, die mit Verlagen, Büchern, Schallplatten und Briefen aufgewachsen sind, überwiegend nicht mehr begreifen.

In den Augen dieser Leute werden soziale Beziehungen unwirklich (“virtuell”) und Freundschaften wertlos, nur weil man über das Netz kommunuziert. So also wäre der Brieffreund oder der Anrufer auch nur durch die gewählte Kommunikationsform “virtuell”.

Doch am prägendsten für das Bild und den Umgang mit dem Internet dieser Leute ist nicht das Unverständnis, sondern das, was Unverständnis und Unwissenheit immer unvermeidlich erzeugt: Die Angst.

So wie sich Platon vor der Schrift geängstigt hat, ängstigen sie sich vor dem neuen Medium, weil ihnen durch ihre Inkompetenz die Kontrolle darüber entgleitet. Weil dort etwas gewachsen ist, das chaotisch, demokratisch, unkontrollierbar und frei ist wie kein Medium davor.

Spiegel-Titel: Warum das Netz neue Regeln braucht

Wer sich ein Bild von dem Ausmaß dieser Angst machen will, schaue in den am Montag erscheinende Ausgabe des Spiegels (33/2009). Ich zitiere (S. 70):

Die Grauzonen dieser neuen Weltordnung werden vom organisierten Verbrechen genutzt. Während an der Oberfläche des digitalen Reichs tausend bunte Blumen blühen, Shopping, Chats, Schöngeistiges, wuchert im Wurzelwerk darunter ein Pilzgeflecht aus Intrigen, Täuschungen und Terror.

So sieht das Internet durch die Brille der Angst aus.

PS: Ich habe noch nicht weiter gelesen. Auf Twitter meinen viele, der Artikel würde danach differenzierter werden.

Update vom 10. August:

Wem das als WTF-Effekt nicht reicht: Im Internet sind Dinge möglich die im realen Leben niemals möglich wären. Zum Beispiel? Zum Beispiel Kinderpornografie. Ja, ernsthaft: