Betreff: Danke für Ihre Feng-Shui-Optimierung

Ist das Satire? Das hatten wir gestern in unserem E-Mail-Postfach. Angehängt eine Fengshui-Bild-Datei, zwei japanische Schriftzeichen, die fengshui_blogage.jpg genannt wurden.

Sehr geehrte Damen und Herren der blogage GbR,

herzlichen Glückwunsch! Mit dieser E-Mail ist ihre Webangebot endlich optimal auf das Glück Ihrer Kunden abgestimmt und mit dem im Anhang befindlichen Feng-Shui-Button, optimieren Sie den Karma-Fluss auf Ihrer Website.

Feng-Shui (ausgesprochen fang-schuei), das Muster von Wind und Wasser, ist die Kunst und Wissenschaft vom Leben in Harmonie mit der Umgebung. Seit Jahrhunderten bauen die Chinesen auf Feng-Shui, wenn es darum geht, Städte zu entwerfen, Häuser zu bauen und ihre Toten zu begraben. Heute gehört Feng-Shui in Hongkong, Taiwan, Singapur und den vielen Städten, die eine hohe chinesische Bevölkerungszahl aufweisen, zum Alltagsleben. In der Geschäftswelt werden Feng-Shui-Meister bei der Standortbestimmung von Büros und Geschäften konsultiert.

Bitte überweisen Sie die fälligen Feng-Shui-Gebühren von 89,- Euro inkl. MwSt. für 12 Monate Feng-Shui-Optimierung bis zum 15.08.2009 auf unser Konto:

Postbank Dortmund
BLZ 44010046
Kto.Nr. 0876222767

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Feng-Shui-Team
Feng Shui Connect

i.A. Bradi Anemadar

Haha, es wird noch besser:

Sehr geehrte Damen und Herren der blogage GbR,

Leider mussten wir feststellen, dass Sie unsere Feng-Shui-Optimierung zum Gegenstand öffentlicher Verunglimpfung in einem Blog gemacht haben. Wir bestehen auf die unverzügliche Löschung vertraulichen Schriftverkehrs und übler Nachrede sowie Unkenntlichmachung unserer Bankverbindungsdaten unter der URL

http://doener.blogage.de/entries/2009/7/29/Betreff-Danke-fuer-Ihre-Feng-Shui-Optimierung
[Abruf: 29.07.2009 11:31 Uhr]

welche wir zur Dokumentation der Beweislage auf unseren Servern gespeichert haben. Andernfalls sehen wir uns genötigt, künftig über die Rechtsanwaltskanzlei Dr. Rosenbenz&Partner mit Ihnen zu korrespondieren.

Aus den gegebenen Umständen ergibt sich ein kostenpflichtiger Mehraufwand von nun insg. 159,- Euro inkl. MwSt. für 12 Monate Feng-Shui-Optimierung zzgl. Bearbeitungsgebühren, den Sie bitte bis zum 15.08.2009 auf unser Konto überweisen.

Desweiteren möchten wir Sie darauf hinweisen, dass Sie mit der Implementierung eines von unseren Kartenlegern gesegneten Shakra-Symbols für 109,- Euro für 12 Monate Shakren-Reinigung Ihr Karma uns gegenüber ins Reine bringen können.

Wir verbleiben mit Grüßen

Ihr Feng-Shui-Team
Feng Shui Connect

i.A. Bradi Anemadar

Update 2: Okay, Entwarnung. Gerade hat sich ein Bekannter von uns dazu bekannt, uns verarscht zu haben. 😉 Es gibt keine Feng-Shui-Connection.

Entern die Piraten die Parteienlandschaft?

Bei der Betrachtung der Piratenpartei stellt sich unweigerlich eine Frage: Handelt es sich um eine politische Eintagsfliege oder sollte es den Piraten tatsächlich gelingen, sich als sechste Partei im bundesrepublikanischen Parteienspektrum zu etablieren? Immerhin ist das über Jahrzehnte relativ stabiles Drei-Parteien-System der BRD durch Grüne und später PDS/Linkspartei schon deutlich ausgefranzt – und das trotz Fünf-Prozent-Hürde.

Das Blog untergeek.de hat sich mit dieser Frage schon vor einiger Zeit in einer sehr lesenswerten politischen Analyse auseinandergesetzt. Grundlage der Analyse ist die Konfliktlinienthoerie, auch Cleavage-Theorie genannt. Die von den Politikwissenschaftlern Seymour Martin Lipset und Stein Rokkan entwickelte Theorie besagt, dass sich Parteien und politische Bewegungen entlang gesellschaftlicher Konfliktlinien bilden.

Schaubild Konfliktlinientheorie

Grafik: Nikolas Becker, Lizenz: CC-BY

Die klassischen Konfliktlinien verdeutlicht das obige Schaubild. Geradezu idealtypisch haben sich die traditionellen Volksparteien in Deutschland entlang dieser Konfliktlinien ausgebildet: Die SPD auf Seiten von Arbeit, Staat, Stadt und Zentrum und die Unionsparteien auf Seiten von Kapital, Kirche, Land und Peripherie.

Mit dem Aufkommen der Grünen Partei konstantierte der Politikwissenschaftler Ronald Inglehart eine neue Konfliktlinie: Materialismus vs. Postmateralismus. Ingleharts These: Für die in den Wohlstandsgesellschaften der westlichen Welt aufgewachsenen Generationen, haben klassische materielle Werte wie Wohlstand an Bedeutung verloren. Stattdessen stehen idealistische postmaterielle Werte wie Demokratie, Freiheit und Umweltschutz auf der politischen Agenda weit vorne.

Untergeek.de kommt nun zu dem Schluss, dass sich die Piratenpartei an keiner der bekannten Konfliktlinien orientiert und mit dem Aufkommen der Partei auch keine neue Konfliktlinie in Sicht ist. Handelt es sich also um eine politische Eintagsfliege? Oder vielleicht um einen in einer Partei ausgetragenen Generationenkonflikt? Auch ich glaube auch in erster Linie an einen stark generationenspezifisch geprägten Konflikt zwischen Digital Natives und Digital Immigrants, der sich früher oder später auflöst.

Allerdings halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass sich hier vielleicht auch die erste inner-post-materialistische Konfliktlinie zeigt. Früher oder später, so glaube ich, werden wir alle Postmaterialisten sein. Denn mit fortschreitender Produktivität und Rationalisierung sind materielle Werte bald kein knappes gut mehr (eine andere Frage ist die Verteilung davon aber ist noch mal ein ganz anderes Thema).

Selbst Arbeitslose können sich heute Xboxen, Flachbildfernseher und Digitalkameras leisten. Vielleicht verlagern sich Zielkonflikte daher tatsächllich immer mehr auf den Bereich der Werte. Vielleicht schafft es deshalb auch die SPD nicht mehr, ihre Wähler zu mobilsieren, weil sie in erster Linie durch eine ökonomische Konfliktlinie entstanden ist und weniger über gemeinsame (post-materielle) Werte, während die CDU/CSU von vorne herein mit dem Christentum und dem Konservatismus sich zuvorderst über Werte definierte.

Der Werte-Ziel-Konflikt, der hinter der Piratenpartei stecken könnte, ist die Frage, ob wir uns für mehr gesellschaftliche Freiheit oder mehr gesellschaftliche Sicherheit entscheiden. Durch die fortschreitende Technisierung unserer Gesellschaft ist ein bislang ungahntes Maß der Überwachung und damit auch der Sicherheit vor Kriminalität theoretisch möglich. Gleichzeitig beschert uns das Internet aber auch Freiheiten in bislang ungeahntem Ausmaß, beispielsweise die Tatsache, dass heute jeder ohne große finanzielle Hürden zum Publizisten werden kann.

Egal ob Netzsperren, informationelle Selbstbestimmung, Patente oder der Kampf gegen “Raubkopierer” – für die Piraten ist gesellschaftliche Freiheit der höchste Wert. Der Gegenpart ist dabei je nach Anwendungsfall post-materialistisch (Sicherheit) aber teilweise auch materialistisch (Urheberrechte). Von daher sind die Piraten vielleicht doch mehr als eine politische Eintagsfliege.

Sascha Liebermann über das Grundeinkommen

Der Soziologe Dr. Sascha Liebermann ist Assistent an der Universität Dortmund und Sprecher der Initiative Freiheit statt Vollbeschäftigung.

Kaum jemand hat meines Erachtes je die Vorzüge eines bedingungslosen Grundeinkommens aus liberaler Sicht so präzise auf den Punkt gebracht, wie Liebermann in diesem Interview.

Nun fehlt nur noch die liberale Partei, in der diese Position mehrheitfshähig ist. Auf die FDP setze ich da wenig.

"#Vodafail" oder Gedanken über PR

Im Grunde ist jede PR widersinnig. Denn, worum geht es bei der PR? Um Auftragskommunikation im Sinne des Unternehmens – und letztlich darum, ein Produkt zu verkaufen. Und wie soll PR erscheinen, damit sie funktioniert? Cool, frech, alternativ, Lebensgefühle, Werte und generell alles Gute und Schöne vermittelnd.

PR funktioniert einfach nicht. Funktioniert nicht, hat nie funktioniert, wird nie funktionieren. PR ist der komische Typ, den keiner kennt und der uneingeladen auf eine Party kommt. Es ist der peinliche Onkel des Gastgebers, der unverhofft in eine bis dato lebhafte Studentenparty hereinplatzt und mit Bier in der Hand “Party!” ruft, worauf diese schlagartig zu Ende ist.

Das ist der Mechanismus von Kultur und Gegenkultur: Die Rollen sind verteilt. Das Etablierte ist uncool, die noch nicht Etablieren bauen sich eine Alternativkultur auf, bis diese zum Mainstream wird und damit die nächste Generation etwas Uncooles hat, wogegen sie wieder etwas aufbauen kann.

Es ist der ewige Lauf der Dinge – aber irgendwie wollen das PR-Strategen einfach nicht begreifen und versuchen seit Generationen jede Gegenkultur zu vereinnahmen. So auch Vodafone mit diesem Spot, bei dem unter anderem die bekannten Blogger Sascha Lobo und Schnutinger mitwirken:

wie mich das ankotzt, das echt gute musik von david bowie von irgendwelchen werbehanseln vor ihren kommerziellen kackkarren gespannt wird. wie bei queen und obi. und die deppen, die das original nicht kennen, finden es auch noch gut. armes deutschland.

Benutzer buutzemann auf Youtube

Natürlich kam der Spot in der angesprochenen “Generation Upload” nicht gut an. Darf er auch gar nicht. Schließlich wehrt sich jede Jugendkultur dagegen, uncool zu werden – und man wird halt uncool, sobald mit dem eigenen Lebensgefühl Werbung gemacht wird. Vodafone hat inzwischen auch schon auf die Kritik reagiert, natürlich betont cool.

Sascha Lobo ist damit auf dem besten Weg, in Sachen Selbstvermarktung die Heidi Klum des Online-Business zu werden.

Quelle: turi2.de

Ich gebe an dieser Stelle allen Unternehmen einen Tipp, der pures Gold wert ist: Feuert eure PR-Berater. Feuert sie alle und stellt nie wieder welche ein. Es gibt keine gute PR, Unternehmen können sich kein Image aufbauen, sie werden nicht mit Lebensgefühlen verbunden. Okay, es gibt eine Ausnahme: Apple. Aber das ist eine Sekte und kein Unternehmen und die Kunden sind Gläubige. Aber das kommt von unten, von den Nutzern selbst nicht durch die tolle PR-Arbeit von Apple.

Mit erstaunlicher Indolenz plaudert man bei Vodafone auch nach dem Debakel einfach weiter, schwadronierte vom Dialog mit der „Generation Upload“, während draußen im Netz überdeutlich wurde, dass man von solchen Leuten absolut nicht als Partner gesehen werden möchte. Sogar Begünstigte der Werbekampagne meldeten sich deutlich ablehnend zu Wort. Man kann dem Debakel einen gewissen Unterhaltungswert nicht absprechen; ähnlich einer an Kokain berauschten Partygesellschaft von Millionären, die auf der Suche nach billigen Mädchen durch ein tiefrotes Arbeiterviertel ziehen, wusste Vodafone durchaus Anlass für einen verbalen, blutigen Horrorschocker zu liefern. Ein Spektakel auf allen Kanälen, das zukünftigen Werbern als 200 Millionen teures Beispiel dienen wird, wie man sich im Internet umfassend, oder wie man in der Branche sagt, 360 Grad, den Ruf ruiniert.

Don Alphonso auf FAZ.Net

Steckt das Geld lieber in den Service, in Infrastruktur und versucht einfach nur ein gutes Produkt zu machen. Schreibt Pressemeldungen, in denen ihr neue Produkte ankündigt – und das wars.

Update:

Das bisher witzigste, was ich zum Thema gelesen habe: Tagebuch eines Vodafone-Vorstandes.

Update 2:

Gnade, Gnade! Bitte, bitte hört damit auf! Inzwischen hat der peinliche Onkel nicht mehr nur ein Bier in der Hand, sondern tanzt nackt auf den Tischen.

Update 3:

Nach dem PR-Desaster mit Vodafone hat Schnutinger das Bloggen eingestellt.

Der Kölner Ökonomenstreit

Ausgehend von der Neubesetzung sechs Professorenstellen an der Universität zu Köln, ist unter deutschen Volkswirtschaftlern ein Streit entbrannt, der inzwischen längst über die Grenzen Kölns hinausgeht. Es geht um die Ausrichtung der ökonomischen Ausbildung in Deutschland. Die Debatte wird erbittert geführt. Auf der einen Seite stehen die Anhänger der klassischen deutschen Ordnungspolitik.

Ihnen gegenüber stehen die Befürworter mathematisch-formalisierter quantitativer Makroökonomie-Modelle, die sich an der angelsächsischen Forschungstradition orientieren. Der immer noch anhaltende Streit wird ausführlich unter anderem in der FAZ und im Handelsblatt dokumentiert.

Ich selbst bin kein VWLer, ich habe Sozialwissenschaften in Düsseldorf studiert, das heißt Politikwissenschaft, Medienwissenschaft und Soziologie. Dennoch habe ich einige VWL-Veranstaltungen besucht und jeder, der mich kennt, weiß von meinem großen Interesse an wirtschaftlichen Zusammenhängen. Deshalb will ich, sozusagen aus der Außenperspektive, nun auch mal meine Meinung zu der Debatte kundtun.

Die Ordnungspolitik hat ihr Schuldigkeit getan, sie kann gehen

Ich spreche der Schule der deutschen Ordnungspolitik ab, überhaupt eine Wissenschaft zu sein. Eine Wissenschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie die eigenen Prämissen immer wieder infrage stellt und in nachvollziehbarer Weise überprüft. Das tut die Lehre der Ordnungspolitik durch den völligen Verzicht auf Empirie nicht. Die “Erkenntnisse” der Ordnungspolitik mögen zwar besser funktionieren als die des “wissenschaftlichen Sozialismus” – aber die wissenschaftliche Güte beider Ökonomienschulen bewegt sich aus meiner Sicht auf einem ähnlichen Niveau.

Walter Eucken hat sicher seine unbestreibaren Verdienste am westdeutschen Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit. Ihm ist es gelungen, die traditionell marktskeptische deutsche Politik und Bevölkerung über eine theoretische Fundierung an die Marktgesellschaft zu gewöhnen. Das noch größere Verdienst gebührt wahrscheinlich dem zweiten großen Theoretiker der Ordnungspolik Alfred Müller-Armack. Theoretisch weniger interessant, dafür aber mehr praktisch orientiert als Eucken, verstand er es, über das Label der “Sozialen Marktwirtschaft”, den Ordoliberalismus den Deutschen auch zu verkaufen – ein Begriff, den Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard dann popularisierte.

Dennoch war die deutsche Ordnungspolitik immer mehr eine Ideologie als eine Wissenschaft. Mit Bezügen zur Philosophie und in vielen schönen Worten versuchte sie, eine Marktgesellschaft zu rechtfertigen – und verzichtete dabei auf Empirie. Sowohl die Prämissen dieser Ideologie als auch deren geisteswissenschaftliche hermeneutische Methodik sind meiner Meinung nach überholt.

Ausdruck dafür ist für mich beispielsweise der “ordnungspolitische Einspruch“, den IW-Direkter Michael Hüther regelmäßig für das Handelsblatt schreibt. Die Kommentare gleichen eher einer Sonntagspredigt als wissenschaftlichen Beiträgen. Beinahe börsentäglich werden dort der Gemeinde der Gläubigen die immergleichen Dogmen eingetrichtert. Da kann draußen die Finanzkrise toben und die Weltwirtschaft kollabieren – die Gemeinde klammert sich nur um so fester an die alten Glaubenssätze. Das Wiederholen ordnungspolitischer Mantras mag in so stürmischen Zeiten einen gewissen Halt geben – ein wertvoller Beitrag zur wirtschaftswissenschaftlichen Debatte ist es aber nicht.

Wer in den ordoliberalen Werken der deutschen Schule der Ordnungspolitik nach den heute extrem wichtigen Unterschieden zwischen Finanz- und Gütermärkten oder Märktepsychologie sucht, wird enttäuscht. Eine Wirtschaftstheorie, die Kapitalmärkte und deren Auswirkungen auf die Realwirtschaft praktisch ignoriert, ist nicht mehr zeitgemäß. Punkt.

Makroökonomen klammern sich an falsche Annahmen

Ist die deutsche Ordnungspolitik mit ihrem geisteswissenschaftlich-hermeneutischen Ansatz frei von Formeln, wird man in der quantitativen Makroökonomie geradezu mit Mathematik erschlagen. Kein Problem, das sich nicht in eine Formel packen ließe, kein menschliches Verhalten, das sich nicht in Form einer Nutzenfunktion darstellen ließe, scheint der Credo dieser Schule zu sein.

Doch die Über-Formalisierung täuscht wissenschaftliche Exaktheit vor, wo meist ebenfalls nur Glaubenssätze herrschen. Leider operieren viele quantitative Makrökonomen mit Prämissen, die nicht – wie sie behaupten -eine Annäherung an die Realität darstellen, sondern weit von dieser entfernt sind. Zahlreiche gut dokumentierte psychologische Experimente haben das Menschenbild des homo oeconomicus so grundlegend widerlegt, wie kaum ein andere Prämisse in der Wissenschaft. Das scheint viele Makroökonomen allerdings nicht im geringsten zu stören.

Die Ökonomie leidet an ihrer Ideologisierung

Mich hat es erschreckt, wie unkrititisch und unreflektiert einige Ökonomen mit ihren eigenen Modellen, Prämissen, Methoden und Erkenntnissen umgehen. Vielleicht leidet die Ökonomie immer noch darunter, dass sie in Zeiten der Ost/West-Konftrontation auch in forderster Front im Kampf gegen den Sozialismus stand. Vielleicht ist sie deshalb so voller Dogmen und unantastbarer Glaubenssätze, weil sie eben auch im Kampf gegen eine Ideologie instrumentalisiert wurde.

Eine Wissenschaft aber muss frei von Vorurteilen sein, muss die eigenen Prämissen immer wieder infragestellen. Eine Wissenschaft, die diesen Namen verdient, stellt Thesen auf, die empirisch falsifizierbar sind. In diesem Sinne dürfte ein Großteil dessen, was Ökonomen für Erkenntnisse hielten, durch die Finanzkrise als falsifziert gelten.

Just my 2 Cents

Es wird Zeit, dass sich die Ökonomie endlich konsequent wissenschaftlichen Methodiken unterwirft. Prämissen müssen, soweit das möglich ist, überprüft werden und dürfen keiner ideologischen Überzeugung entspringen. Dafür ist ein interdisziplinärer Ansatz nötig. Ökonomen steht beispielsweise eine Fülle von Erkenntnissen über das Verhalten von Menschen aus psychologischen Experimenten zur Verfügung.

Die Ökonomie muss, will sie für die Gesellschaft nützliche Erkenntnisse liefern, sich an den realen Bedürfnissen von Menschen orientierten. Nutzen und Wohlstand ist für die Menschen nicht mit Geld gleichzusetzen, diese Gleichsetzung ist in den matriell gesättigten Volkswirtschaften der westlichen Welt falscher als je zuvor. Auch hier ist ein interdisziplinärer Ansatz sinnvoll: Von Soziologen und Psychologen aus dem Bereich der Glücksforschung können Wirtschaftswissenschaftler erfahren, was Menschen wichtig ist.

Weiterhin darf sich die Ökonomie nicht in vereinfachende Modelle flüchten. Die Welt, auch die Welt der Wirtschaft, ist komplex. Wer sie annähernd realitätsnah beschreiben will, muss Phänomene wie Transaktionskosten, Informationsassymetrien und den menschlichen Herdentrieb beachten, die in vielen makroökonomischen Modellen immer noch unter den Tisch fallen. Wenn Ökonomen den Anspruch haben, reale Erkenntnisse über reale Probleme zutage zu fördern, müssen sie sich auch an diesen orientieren und nicht an weltfremden Modellen, in denen rationale Nutzenmaximierer in einem völlig transparenten Markt agieren.

Bei der Erforschung der Funktionsweise komplexer Systeme können Ökonomen vielleicht sogar von den Erkenntnissen der Biologen profitieren. Zumindest glaubt das Nicholas Taleb.

In den USA und England haben viele Wirtschaftswissenschaftler die Probleme ihrer Diziplin längst erkannt. Dort haben Ökonomen wie George Akerlof (USA) und Richard Layard (Großbritannien) schon vor der Finanzkrise den alten Dogmen den Kampf angesagt.

History rewritten

Wenn einst mächtige Männer alt werden und angesichts des nahenden Todes nicht mehr nach Macht streben oder Angst vor dem Machtverlust haben, dann werden sie häufig sehr redseelig. So wie Helmut Schmidt beispielsweise in diesem Zeit-Interview von 2007.

Im Mai dieses Jahres hat Egon Bahr, der wohl einflussreichste Berater von Bundeskanzler Willy Brandt, einen nicht minder interessanten Artikel in der Zeit geschrieben, der mir erst jetzt bekannt wurde.

Bahr erläutert in dem Artikel, dass sowohl DDR als auch BRD bis zur Wiedervereinigung durch das Inkrafttreten des Zwei-Plus-Vier-Vertrags unter Besatzungsrecht standen und keine volle Souveränität besaßen.

Die USA, Frankreich und Großbritannien behielten sich ausdrücklich vor, die westdeutsche Regierung jederzeit abberufen zu können und alle außenpolitischen Verträge mussten mit den Siegermächtern abgesprochen werden – selbst der Beitritt von BRD und DDR zur UN änderte nichts daran.

Das ganze wurde wie ein Staatsgeheinmis behandelt. Die jeweiligen Kanzler bekamen die Briefe, in denen sie die Ober-Souveränität der Siegermächte anerkannten, erst nach ihrer Wahl vorgelegt. Nicht einmal Bundespräsident Richard von Weizsäcker wusste davon.

Im Folgenden die interessantesten Auszüge aus dem Artikel:

Brandt war empört, dass man von ihm verlangte, »einen solchen Unterwerfungsbrief« zu unterschreiben. Schließlich sei er zum Bundeskanzler gewählt und seinem Amtseid verpflichtet. Die Botschafter könnten ihn wohl kaum absetzen! Da musste er sich belehren lassen, dass Konrad Adenauer diese Briefe unterschrieben hatte und danach Ludwig Erhard und danach Kurt Georg Kiesinger. Dass aus den Militärgouverneuren inzwischen Hohe Kommissare geworden waren und nach dem sogenannten Deutschlandvertrag nebst Beitritt zur Nato 1955 die deutsche Souveränität verkündet worden war, änderte daran nichts. Er schloss: »Also habe ich auch unterschrieben« – und hat nie wieder davon gesprochen.

Schon Adenauer hatte seine Anerkennung der alliierten Oberhoheit wie ein Staatsgeheimnis behandelt. Sie passte nicht so recht in die Atmosphäre zehn Tage vor der Staatsgründung, und die drei Mächte hatten auch kein Interesse, diese Voraussetzung für den 23.Mai 1949 an die große Glocke zu hängen. Das blieb kein Einzelfall.

[…]

Die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit wurde 1970 in Moskau deutlich: Auf der einen Seite rangen wir mit den Sowjets darum, dass sie den Brief zur deutschen Einheit annehmen sollten; auf der anderen Seite sprachen wir mit den Westmächten darüber, in welcher Form wir anerkennen sollten, dass durch den Vertrag ihre Rechte für Deutschland als Ganzes nicht berührt würden. Während der Moskauer Verhandlungen erinnerte ich Walter Scheel in einem abhörsicheren Raum daran, dass es einen Brief zur deutschen Einheit bei Abschluss der Römischen Verträge nicht gegeben habe. Alle unsere Partner müssten wissen und anerkennen, dass kein Vertrag unseren Wunsch nach Selbstbestimmung untergehen lassen könne. Der wirklichkeitsnahe Außenminister reagierte: Das sei nicht in Moskau zu lösen.

[…]

Ich gestehe, dass DDR-Staatssekretär Michael Kohl und ich im Kanzleramt mit einem Glas Unstrut-Wein darauf anstießen, dass die vier Mächte warten mussten, das Ganze in Kraft zu setzen, bis wir mit unseren Verhandlungen fertig waren.

Ende 1972 wurde der Grundlagenvertrag unterschrieben, der beiden Staaten die Mitgliedschaft bei den Vereinten Nationen ermöglichte. Nun ließen die vier uns wissen, dass sie einen Brief von uns erwarteten, wonach selbst durch den Beitritt zu den UN ihre Rechte über Deutschland nicht berührt würden. Kohl und ich lächelten uns an, als wir an dem gemeinsamen Text für unsere jeweiligen Freunde feilten, Ausdruck des gesamtdeutschen Souveränitätsmangels bei allen Unterschieden. Die vier antworteten wie international üblich, indem sie unseren Text wiederholten – mit Ausnahme der Amerikaner. Die belehrten uns, dass ihre Rechte durch den Beitritt nicht berührt werden »können«. Das war korrekt, aber nach den Gesetzen der Logik hätten wir dann gar nicht schreiben müssen.

[…]

Ein Relikt der Lebenslüge ist übrigens geblieben: Noch heute wird von der nuklearen deutschen Teilhabe gesprochen. Es gibt ein Geschwader der Bundesluftwaffe, das amerikanische Atombomben ans Ziel tragen soll. Das Wort »Teilhabe« suggeriert, dass wir dabei eine Mitbestimmung haben. Die hatten wir nie. Helmut Schmidt hatte als Bundeskanzler vergeblich ein deutsches Veto gegen den Einsatz erörtert.

Quelle: Zeit.de

In diesem Zusammehang übrigens ebenfalls nicht uninteressant: Auch in der BRD gab es Briefzensur und eine Propagandaabteilung der Bundeswehr.

Demnach dürfte es vorher keinerlei Einschränkungen und Verletzungen des Post- und Telefongeheimnisses gegeben haben. Das Gegenteil war der Fall. Fast 20 Jahre lang wurden in der jungen Bundesrepublik seitens des Staates Briefe und Postsendungen aufgebrochen, beschlagnahmt und vernichtet, Telegramme abgeschrieben, Telefone überwacht und abgehört – in einem Ausmaß, das erst jetzt durch neue Forschungen bekannt wird. Bei ihrer Gründung stand die Bundesrepublik unter zweierlei Recht: unter dem Grundgesetz, das jeden Eingriff in das Brief-, Post und Fernmeldegeheimnis untersagte, und unter dem Besatzungsstatut, das den Besatzungsmächten faktisch freie Hand ließ, den gesamten Post- und Telefonverkehr im Westen Deutschlands zu überwachen. Als Grundlage diente das Gesetz Nr. 5 der Alliierten Hohen Kommission (AHK), das die Sicherheit der alliierten Besatzungstruppen garantieren sollte. […]

In Deutschland wurde also seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs und verstärkt seit Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 nicht nur in der DDR, sondern auch in der Bundesrepublik zensiert, abgehört und Post vernichtet. Und dies in einem Ausmaß, das die hier nachgewiesenen Zahlen um etliche Millionen noch überschreiten dürfte. Selbst der Erhalt von Postsendungen oder das Verteilen von Broschüren der KPD/SED konnten im Gefängnis enden.

Mehr: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft

Auch die freiheitlich-demokratische Gesinnnung des deutschen Geheimdienst BND darf angesichts seiner Mitgliederstruktur bezweifelt werden:

Die Organisation Gehlen (umgangssprachlich Org) war ein im Juni 1946 von amerikanischen Besatzungsbehörden in der amerikanischen Zone aus deutschem Personal, bestehend aus Resten der 12. Abteilung des Generalstabs des Heeres (Abteilung Fremde Heere Ost), gebildeter Nachrichtendienst. Sie war die Vorläuferorganisation des Bundesnachrichtendienstes (BND). […] Eingestellt wurden zu einem großen Teil Ehemalige der SS, des SD, der Gestapo, der Abwehr und vor allem Wehrmachtsoffiziere. Schätzungsweise hatten Ende der 1940er Jahre rund 400 meist hochrangige Mitarbeiter einen solchen Hintergrund. Noch 1970 waren zwischen 25–30 Prozent der Beschäftigten des BND ehemalige Angehörige dieser Organisationen. […]

Neben der militärischen Aufklärung und Spionage gegen die Sowjetische Besatzungszone und andere Ostblock-Staaten sollte die Organisation Gehlen auch eine mögliche „kommunistische Gefahr“ im Inneren Westdeutschlands abwehren.

Quelle: Wikipedia

Gehlen selbst strebte 1956 als designierter BND-Chef sogar eine Geheimdienstorganisation an, die illegal gegen neutralistische Kräfte wie Teile der SPD kämpfte. Eine ähnliche geheim operierende Terrororganisation hatten NATO, CIA und MI6 bereits mit Gladio 1950 gegründet. Gladio verübte in Südeuropa Terroranschläge, die dann linken Gruppierungen oder der ETA in die Schuhe geschoben wurden, um unter anderem das anti-kommunistische faschistische Regime in Spanien zu stabilisieren.

Natürlich herrschte im Westen Deutschlands allerdings ein größeres Maß an Pressefreiheit. Nur auch hier finanzierte die CIA nicht nur konservative, sondern auch liberale und linke Presseerzeugnisse – so lange sie nur konsequent anti-kommunistisch waren.

Was ich auch noch nicht wusste: Die BRD musste sogar die Kosten für ihre eigene Besatzung tragen:

Die Nähe zu den USA – die Amerikaner hatten Erhard 1946 in sein erstes politisches Amt gehievt – half dem Kanzler nicht, als es ums Geld ging. Erhard wollte, um Staatsschulden zu vermeiden, die USA dazu bewegen, Kosten für die Stationierung ihrer Truppen in Westdeutschland später einzufordern. US-Präsident Lyndon B. Johnson, der den Vietnamkrieg zu finanzieren hatte, lehnte das brüsk ab.

Quelle: dpa.de

Piratenpartei: Nerds an die Macht?

Bekloppte gibt es überall

So wirklich positioniert zur Piratenpartei habe ich mich bisher ja noch nicht. Natürlich habe ich die Gründung in Schweden damals mit Interesse beobachtet und ich war nach der Gründung der deutschen Piratenpartei ganz am Anfang sogar kurz in derem Forum aktiv.

Nun aber wird es langsam ernst: Spätestens seit die Piratenpartei bei der Europawahl in Deutschland aus dem Stand 0,9 Prozent der abgegebenen Stimmen erhielt und die schwedischen Piraten wie prognostiziert ins EU-Parlament einzogen, muss man sich als politisch interessierter Mensch die Frage stellen: Wie hält man’s mit den Piraten? Zumal am 27. September Bundestagswahl ist.

Jede erfolgreiche Parteigründung zieht natürlich eine Menge Leute an, die bisher zu recht keine Heimat in den Altparteien gefunden haben. Das ist meiner Einschätzung nach bei den Piraten aber noch in geringerem Umfang der Fall als bei den Gründungen der Grünen und der inzwischen mit der PDS zur Linkspartei fusionierten WASG.

Längst überfällige Debatte

Was das Inhaltliche angeht, sind die Piraten bisher im wesentlichen eine Zwei-Themen-Partei: Es geht um geistiges Eigentum und Bürgerrechte. Beides keine unwichtigen Themen aber natürlich nicht erschöpfend.

Zumal ich in beiden Themenfelder meiner eigenen Einschätzung nach weniger radikale Standpunkte vertrete als das Gros der Piraten. Dass das in einer Demokratie immer wieder neu auszutarierende Pendel zwischen Freiheit und Sicherheit in der Ära Schily und Schäuble zu weit  in Richtung Sicherheit asugeschlagen ist, würde wohl nur an einem CDU-Stammtisch bezweifelt werden.

Andererseits halte ich die Terrorgefahr zwar im Vergleich zu anderen Gefahren für sehr gering (jeden Tag sterben allein 12 Menschen im deutschen Straßenverkehr) – aber dennoch real. Trotzdem ist es wichtig, dass eine Partei das Thema Bürgerrechte wieder ernsthaft offensiv nach vorne stellt, nachdem in dieser Frage sich sowohl Grüne wie auch FDP unglaubwürdig gemacht haben.

Außerdem ist es natürlich absolut unsäglich, wie die gesamte Politik seit dem Aufkommen des Internets eins zu eins die Position der Content-Industrie in Fragen des Urheberrechts vertritt. Andererseits sehe ich das Problem, dass Urheber natürlich von ihren Werken auch leben können sollen.

Aber auch hier vertritt die Piratenpartei aus meiner Sicht die moderate Position, während die Altparteien in dieser Frage radikal sind – oder überhaupt nichts Substantielles zur wichtigen Debatte beitragen.

Nun bin ich natürlich aber auch über diese beiden Themen hinaus politisch interessiert und was in dieser Hinsicht von den Piraten kommt, ist sehr dünn, wie Parteivertreter selbst zugeben. Der Wiki-Beitrag zum Thema Finanzkrise wurde beispielsweise offenbar von Leuten verfasst, die sich wenig mit dem Thema beschäftigt haben. Die mangelnde Kreditvergabe liegt an der geringen Eigenkapitalausstattung der Banken? Dreimal laut gelacht. Man muss gleich fairerweise dazu sagen, dass das keine offizielle Position der Partei ist.

Vorteil Nr. 1: Die Piraten machen Druck

Nun aber will ich die beiden großen Vorteile der Partei herausstellen. Der erste Vorteil wurde häufig beleuchtet und dürfte jedem gleich einleuchten: Die Partei macht Druck auf das etablierte politische Parteiensystem, sich endlich ernsthaft mit den Fragen des Netzes auseinanderzusetzen. Noch immer scheint den Altparteien nicht klar zu sein, dass wir für eine demokratische Gesellschaft außerhalb des Netzes seit Jahrzehnten festgeschriebene Bürgerrechte wie Informationsfreiheit natürlich auch ins Internet retten müssen. Internetzensur – egal welcher Art – ist ein schwerwiegender Bruch mit diesem Grundrecht.

Und noch immer scheint bei den Altparteien nicht angekommen zu sein, dass in einer Welt, die im zunehmenden Maße von Kopiermaschinen beherrscht wird, das starre Urheberrecht so nicht überleben kann, wollen wir nicht 80 Prozent der Bevölkerung zu Verbrechern machen.

Ein Verstoß gegen das Urheberrecht: “FairyTaleDisneyHop

Die Auswirkungen, das Beben, das diese Partei in dieser Hinsicht erzeugt hat, sind schon überall zu beobachten. Nachdem die Piratenpartei im StudiVZ/MeinVZ nach nur einer Woche alle Altparteien überholt hat, wachen selbst die Volksparteien langsam auf. Schon sendet SPD-Wahlkampfmanager Kajo Wasserhövel einen verzweifelten Ruf ins Netz und fordert mehr Piraten in den ehemals großen Volksparteien.

Vorteil Nr. 2: Piraten sind kritische Nerds

Politik ist keine Wissenschaft, wie schon Bismarck richtig bemerkte – doch in der Vergangenheit tat sie viel zu häufig so, als wäre sie das. Es war eine Ära der Expertenherrschaft.

Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften – auch die Wirtschaftswissenschaften – sind aber niemals “harte” Wissenschaft, genau wie Politik. Es sind Meinungen. Es gibt besser und schlechter fundierte Meinungen – aber sie bleiben Meinung. Ein wissenschaftlich denkender Mensch nimmt eine fundierte Meinung an und bleibt bei ihr, bis sie durch Fakten widerlegt wird.

Doch der Glaube an den Markt hatte religiöse Züge angenommen. Das konnte den Mainstream-Ökonomen aber nur gelingen, weil sie willige Helfer in Politk und Medien fanden, die ihre immer gleichen Dogmen von der Liberalisierung und Deregulierung als angebliche Erkenntnisse nachplapperten. Allsonntäglich wurden wir bei Sabine Christiansen in der scheinbaren Gewissheit gewogen, zum Dreiklang aus Deregulierung, Liberalisierung und ewigem Wirtschaftswachstum gäbe es keine Alternative. Heute wissen wir, sorry, glauben wir zu wissen: Es gibt sie, es muss sie geben, wollen wir nicht schnurstracks in die ökonomische und ökologische Katastrophe stürzen.

Der große Vorteil, den ich bei den Piraten in diesem Zusammenhang sehe, ist der, dass sie der Nerd-Kultur entspringen. Nerds wissen, wie Wissenschaften und kritisches Denken funktionieren. Nerds sind wahre Popper-Freaks.

Die Piraten haben mit Jens Seipenbusch nicht ihren größten Schreihals zum Vorsitzenden gewählt, sondern eine intelligente und reflektierte Person, die meines Erachtens einen neuen Typus von Politiker repräsentiert. So jemand passt in unsere moderne Welt: Einer, der zugibt, die Welt in ihrer vollen Komplexität nicht zu verstehen. Denn auch das ist eine Lehre aus der Finanzkrise.

Deutlich wird das bei seiner Antwort auf die Frage, wie die Position der Piraten zur Finanzkrise sei. Im Interview mit der Sendung mit dem Internet antwortet Seipenbusch, er und seine Partei haben sich einfach noch nicht ausreichend mit dem Thema beschäftigt, um eine fundierte Antwort zu dieser komplexen Frage anbieten zu können.

Wie anders hätten Politiker der alten Garde wie Helmut Kohl oder Gerhard Schröder reagiert? Schröder schmiss in jeder Talksshow mit Worten wie “Makroökonomie” ums sich, hatte aber eigentlich keinen blassen Schimmer von den Mechanismen der Wirtschaft. Das Ergebnis war die berühmte “Kommissionitis” der Schröder-Jahre, die dazu führte, dass Lobbyisten aller Colour ihre Politikvorstellungen durchsetzen konnten – mit bis heute bitterem Beigeschmack.

Es bewegt sich was

Gestern war ich auf dem Düsseldorfer CRE-Hörertreffen mit Tim Pritlove. Neben heftigsten abnerden über die Vorteile von CouchDB gegenüber SQL-Datenbanken, der kruden Syntax von Python oder dem innovativen Ansatz der Interprozesskommunikation bei DragonFlyBSD, waren natürlich auch die Piraten ein Thema. Die Partei sorgt in der Nerdszene und auch weit darüber hinaus für heftigen Aufruhr. Noch war niemand der anwesenden 25 Männer (auch eine Frau hatte sich zu dem Treffen verirrt) Mitglied – doch zwei trugen bereits die Shirts der Partei und alle werden sie wohl wählen. Auch eine ganze Reihe meiner Freunde haben sich schon zur Wahl der Piraten bei der kommenden Bundestagswahl bekannt.

Tim Pritlove wird übrigens voraussichtlich nicht parteipolitisch aktiv werden. Als dieGesellschafter.de-Podcaster sei er zu einer gewissen Neutralität verpflichtet, sagte er auf dem Treffen.

Fazit: Die Piraten sind die Opposition, die wir brauchen

Die Piraten sind meiner Meinung nach genau die Opposition, die wir gerade brauchen. Niemand will die Piraten derzeit in der Regierung sehen – wohl nichtmal die eigenen Parteimitglieder. Doch die Partei bringt Themen aufs Tapet, die bisher entweder sehr einseitig behandelt oder völlig ignoriert wurden. Und sie sind eine kritische Opposition, die durch ihren großen Zulauf der “Generation C64” die Altparteien zum Tanzen bringt, selbst wenn sie die Fünf-Prozent-Hürde nicht knacken.

Update:

Einen besonderen Dank gilt an dieser Stelle übrigens der Filmindustrie. Ich glaube ohne ihre “Raubkopierer sind Verbrecher“-Kampagne wäre es nie soweit gekommen, dass sich so weite Teile der kriminalisierten Jugend politisiert hätten.

Generation C64: Hilfe, ich war Teil einer Jugendbewegung!

Mit Jugendbewegungen ist das so eine Sache. Ich war immer überzeugt davon, nie Teil irgendeiner gewesen zu sein. Und jetzt merke ich gerade: Irgendwie war ich es doch. Auch wenn sich diese Jugendbewegung gerade eher durch einen Mangel an Bewegung auszeichnete.

Wie das bei Jugendbewegungen so ist, merk man meist erst hinterher, dass es eine war. Und dann ist es meist auch schon spät, die Ideale verkauft, die phänotypischen Erscheinungsformen der Jugendkultur kommerzialisiert. Die Jugendbewegung, der ich gerade vermute, mal angehört zu haben, befindet sich gerade in der Phase, in der sich die Hippies wohl so um 1967 befunden haben müssen: Man spricht über sie, man nimmt sie wahr – und damit geht sie schnurstracks ihrem Ende entgegen.

Nur, dass diesmal alles irgendwie schneller und unkomplizierter geht. Immerhin hat man ja in der BRD inzwischen eine gewisse Routine im Eingliedern von Jugendbewegungen. Die ex-jugendbewegte 68er-Generation war sogar geradezu enttäuscht über den Mangel an Jugendbewegungen seit den 80ern.

Das, was wir heute 68er und Hippies nennen, waren vor 1967 wohl diejenigen, die das Wohlstandsstreben ihrer Elterngeneration ablehnten, sich die Haare lang wachsen ließen und auf der Suche nach Sinn von promiskem Sex über ostasiatischen Religionen bis Drogen so einiges durchprobiert haben. Spätestens seit dann Anfang der 70er Jahre die Industrie die Kultur der Hippies kommerzialisierte und einige Jahre später mit der Parteigründung der Grünen der Marsch durch die Institutionen begann, kann man die Bewegung wohl als mausetot betrachten.

Allerdings war denjenigen Jugendlichen, die vor 1967 Joints geraucht und lange Haare getragen haben, wahrscheinlich auch nicht wirklich klar, dass sie Teil einer Jugendbewegung sind. Die Jugendbewegung, der ich nun vermute, angehört zu haben, war zu ihren Lebzeiten besonders schwer als solche zu erkennen. Ein Merkmal war nämlich gerade, dass sich ihre Angehörigen ganz besonders wenig bewegt haben – und dafür lieber vor dem PC hockten. Ansonsten haben sie “1984” gelesen, Richard Stallman zugehört und Angst vor dem Überwachungsstaat gehabt, was aber gut auch daran gelegen haben könnte, dass wir so wenig raus kamen.

Auf jeden Fall merke ich gerade, dass ich da offenbar nicht ganz alleine war. Auch andere haben “1984” gelesen, Linux auf ihren Kisten installiert und inzwischen die Piratenpartei gegründet. Die Medien freuen sich natürlich, dass sie mal wieder ein Thema haben, bei dem sie Leute unter 30 zeigen können. Die traten in der Berichterstattung der vergangenen Jahre höchstens mal als Killerspieler oder  Amokläufen in Erscheinung. Nerds mit Piratenhüten sind da schon netter anzusehen.

Wie auch schon bei vergangenen Jugendkulturen hat sich die Werbeindustrie bereits auf die Vorreiter der Bewegung gestürzt: Schon werben Sascha Lobo und “Schnutinger” für Vodafone. Damit kann man die Phase der “Bewegung” dann wohl für beendet erklären – jetzt beginnt die Etablierung im Establishment. Und zwar, ganz zeitgemäß, im Turbo-Modus.

Nicht so schlimm, so toll war’s auch nicht. Sex, Drogen und Straßenkrawalle wären irgendwie spannender gewesen.

Wie Tante Erna Aunt Annie das Häuschen finanzierte

Schuldig gemacht haben sich in der Finanzkrise nicht nur die USA, die auf Kosten des Rests der Welt auf Pump lebten, sondern auch die sparwütigen Deutschen mit ihrer Exportfixierung. Denn die Deutschen (und noch sehr viel stärker die ebenfalls exportfixierten Chinesen) halfen, die US-Immobilienblase kräftig aufzublasen. Wenn man so will, dann hat die fleißige sparsame Tante Erna aus Buxtehude der kreditkartenüberziehenden Aunt Annie aus Detroit das Häuschen finanziert.

Erst durch die Finanzkrise rückt in den Fokus, worauf die Ökonomen, die nicht zu Sabine Christiansen eingeladen wurden, schon lange hinweisen: Die enormen weltweiten Ungleichgewichte in den Handelsbilanzen der Länder.

Selbst Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn, der noch in den 90er Jahren dem unsägliche Credo der Sabine-Christiansen-Ära (“Der Fall Deutschland: Abstieg eines Superstars“) einen wissenschaftliche Anstrich gab, hat seine Position um 180 Grad gedreht. Inzwischen kritisiert er deutlich Deutschlands Exportfixierung und bezeichnete Deutschland in diesem Zusammenhang kürzlich als Stoßdämpfer der Welt. Das steht zwar fundamental im Widerspruch zu früheren Aussagen des Professors – macht sie aber gerade deshalb nicht falsch.

Es ist das holzschnittartige ökonomische Verständnis des “Wir müssen den Gürtel enger schnallen”-Kanzlers Helmut Kohl, das sich bis heute in vielen deutschen Köpfen festgesetzt hat: Sparen, sparen, sparen, fleißig schufften und exportieren – diese vermeintliche wirtschaftliche Erfolgsformel scheint irgendwie der deutschen Mentalität zu entsprechen. Sie ist jedoch nicht weniger mitschuldig an den globalen Ungleichgewichten als die US-amerikanische schuldenfinanzierte Konsumwut.

Es ist natürlich toll, wenn alle Welt Porsche und Mercedes fahren will. Nur in irgendwas muss das so eingenommene Geld auch investiert werden. Die Deutschen investierten kräftig: In Lehman-Zertifikate beispielsweise oder auch in amerikanische Immobilien – beides keine besonders lohnende Investitionen, wie wir heute wissen. Auch die Chinesen wissen angesichts ihres enormen Exportüberschusses gar nicht mehr, wohin mit den ganzen Devisen (vor allem Dollar), die sie dadurch auftürmen. Auch das hat neben der Niedrigzinspolitik der Fed die amerikanische Immobilienblase vergrößert.

In der Krise rächen sich jahrzehntelange Lohnzurückhaltung im Sinne eines immer perverseren Exportüberschusses: Die deutschen Exporte brachen im April im Vergleich zum Vorjahr um rund 29 Prozent ein. Angesichts der geringen Löhne sowie der immer noch stark ausgeprägten Sparneigung, gibt es nichts in Deutschland, das die wegbrechende ausländische Nachfrage ersetzen könnte. Deutschlands Wirtschaftsleistung wird prozentual so stark einbrechen wie in kaum einen anderen Land.

Dass sich in einer weitgehend industrialisierten Welt ein kleines Land mit kaum 80 Millionen Einwohnern immer noch “Exportweltmeister” nennen darf, sollte uns eigentlich zu denken geben. Stattdessen waren Politik und Bevölkerung aber geradezu stolz auf dieses enorme Handelsbilanzungleichgewicht. Die Quittung dafür kommt in der Krise.