Lieber Peter Sloterdijk,

Offener Brief Polemik an einen Pop-Philosophen

um Sie ist es etwas still geworden. Seit Ihren Aufsehen erregenden “Regeln für den Menschenpark” mag sich niemand so recht für Sie interessieren, dessen intellektuelle Autorität sich vor allem aus drei Quellen speist: Ihre wilde Frisur, ihre behäbige Art zu reden und Ihre pseudoelitäre, durch und durch verkomplizierende Sprache, hinter der Sie für gewöhnlich die mangelnde Substanz Ihrer Gedanken zu verstecken versuchen.

Für Ihr mediales Comeback versuchen Sie sich natürlich erneut mit einem Thema ins Gespräch zu bringen, das gerade im Trend liegt. Ganz klar, ein Buch über die Krise muss her. Ihr Werk “Du mußt dein Leben ändern” habe ich nicht gelesen. Wohl aber das, womit sie dieses Buch nun offenbar bewerben wollen, Ihren jüngsten Beitrag in der FAZ: “Die Revolution der gebenden Hand“.

Als ich die Ankündigung auf FAZ.Net las, schwante mir schon Böses: Eine “Abrechnung mit der Kapitalismuskritik” wurde dort versprochen und Ihr Artikel in einem Atemzug mit Arnulf Barings Pamphlet “Bürger auf die Barrikaden” genannt. Haben Sie das wirklich verdient? Nach der Lektüre des Textes muss ich aber leider feststellen: haben Sie!

Zunächst einmal: Warum suchen Sie sich für ein Comeback ausgerechnet das Thema Wirtschaft und Ökonomie aus, von der Sie offenbar noch weniger wissen als von Gentechnologie? Ich ahne es schon: Als trendiger Pop-Philosoph hat man natürlich das Problem, dass man sich die derzeit brennenden Themen, zu denen man etwas sagen muss, nicht aussuchen kann.

Kommen wir also zum Inhaltlichen. Mit den ersten Hälfte des Artikels muss man sich eigentlich nicht großartig auseinandersetzen. Schließlich beschreiben Sie dort zunächst nur in aller Ausführlichkeit das, was Sie eigentlich kritisierten wollen: Den linken Eigentumsbegriff und seine Historie. Für geschichtlich wenig gebildete Leser sicher nicht uninteressant.

Auf der ersten Seite der FAZ wurde Ihr Artikel so angepriesen: “Peter Sloterdijk zeigt, wo die Linken irren, und fordert eine Neuordnung des Steuerstaats“. Die Neuordnung des Steuerstaats, soviel schon einmal vorneweg, sollten Sie lieber Leuten überlassen, die zumindest über rudimentäre Kenntnisse in den Bereichen Ökonomie und Verfassungsrecht verfügen. Aber eine Kritik linker Ökonomievorstellungen – was gäbe dieses Thema nicht alles her! Von der Verkürzung des Gerechtigkeitsbegriffs auf Verteilungsfragen, über die Frage inwiefern sich gesellschaftliche Freiheit von der wirtschaftlichen abkoppen kann, bishin zum völligen Ausblenden des Wertschöpfungsaspekts in einer Wirtschaftsordnung, dem viele Linke fröhnen.

Sie hingegen wollen sich offenbar auf den linken Eigentumsbegriff konzentrieren, schließlich haben Sie gut die Hälfte ihrer großzügig bemessenen Zeilen auf die Beschreibung desselbigen verwendet, um dann Folgendes zu schreiben: “Es würde sich an dieser Stelle nicht lohnen, die Irrtümer und Missverständnisse aufzuzählen, die der abenteuerlichen Fehlkonstruktion des Prinzips Eigentum auf der von Rousseau über Marx bis zu Lenin führenden Linie innewohnen“. Aha. Es lohnt sich also über die Hälfte des Artikels dafür zu verwenden, den linken Eigentumsbegriff in all seinen Details samt historischer Herleitung zu beschreiben – aber die Kritik daran lohnt sich dann irgendwie doch nicht.

Also halten Sie sich gar nicht großartig mit der Dekonstruktion dessen auf, was sie eigentlich kritisierten wollen, sondern liefern gleich Ihre eigene Vision des Kapitalismus, die so eigen dann ja doch wieder nicht ist, wie Sie mit den zahlreichen Verweisen auf die liberale Geistesgeschichte ja selbst einräumen. Wahrscheinlich, um dafür Glaubwürdigkeit zu gewinnen, wollen Sie offenbar zeigen, dass Sie irgendwas von Wirtschaft verstanden haben. Vielleicht haben Sie sogar ein ganz gutes Buch zum  Thema gelesen. Auf jeden Fall scheint bei Ihnen irgendwie hängen geblieben zu sein, dass unser kapitalistisches System auch etwas mit Zins, Verschuldung und Eigentum zu tun hat. Nur was es genau damit auf sich hat, das scheinen Sie nicht verstanden zu haben.

Der marxistisch konstruierte Gegensatz von Kapital und Arbeit, den sie in ihrer gewohnt schwurbeligen Art als “basale Antagonie zwischen Kapital und Arbeit” bezeichnen, ist sicher – selbst aus marxistischer Perspektive – nicht mehr zeitgemäß. In Zeiten von Finanzinvestoren und Leverage-Buy-Outs ist er vielmehr einem komplizierten Beziehungsgepflecht zwischen verschiedenartigen Eigentümern, Gläubigern, Managern und Arbeitnehmern gewichen.

Die über 160-jährige Debatte über die Beziehungsstruktur zwischen Kapital und Arbeit aber mit der flapsigen Bemerkung “Der Movens der modernen Wirtschaftsweise ist nämlich keineswegs im Gegenspiel von Kapital und Arbeit zu suchen. Vielmehr verbirgt sich es sich in der antagonistischen Liaison von Gläubigern und Schuldnern” beiseite zu wischen, das muss wohl der Anti-Intellektualismus sein, vor dem ZEIT-Autor Adam Soboczynski so eindringlich warnt. Nur findet er nicht nur im Internet seinen Platz, sondern auch im Feuilleton der FAZ. Es wäre schlicht ein Stilbruch in Ihrem Artikel, wenn Sie Ihre gewagte These durch irgendwelche Fakten oder auch nur Theorien untermauern würden. Wahrscheinlich verzichten Sie deshalb konsequenterweise darauf.

Das nun Folgende noch zu kommentieren, dazu fehlt mir fast die Kraft. Die gesammelten Wahlkampfreden Guido Westerwelles in ihrer verschwurbelten Sprache zu lesen, das hat entgegen meiner Erwartung grauenhafterweise nichtmal mehr Unterhaltungswert.

Der Staat ist ein Ungeheuer, der die Produktiven auf Kosten der Unproduktiven beraubt und sich dabei der progressiven Einkommensteuer bedient. Gähn. Wenn ich politischen Libertarismus pseudophilosophisch gerechtfertigt lesen will, dann greife ich zu den Werken Ayn Rands, die hat das vor über sechzig Jahren schon besser hinbekommen. Sie unternehmen ja nicht mal mehr den Versuch einer philosophischen oder ökonomischen Rechtfertigung Ihres Anti-Steuer-Pamphlets.

Der staatliche Umverteilungsmechanismus ist übrigens durchaus so gewollt, selbst von arbeitgerbernahen Wirtschaftsinstituten. Das Fehlen von Umverteilung würde uns nämlich nicht nur in ein soziales und moralisches, sondern auch in ein ökonomisches Dilemma bringen.

Ihr Lösungsvorschlag: Zwangssteuern abschaffen und die Reichen tragen aus Eigeninteresse ihren Teil zur Finanzierung des Allgemeinwesens bei, sozusagen als Almosen im Sinne des sozialen Friedens. Na das ist ja mal originell. Wie gut für Sie, dass philosophische Gedanken meist nicht danach bewertet werden, ob sie auch funktionieren. So muss sich auch niemand mit den Irrtümern des Herrn Sloterdijk befassen – zum Glück.

Freundlich grüßt,

der Döner

PS: Ich habe mir eben nochmals Arnulf Barings “Bürger auf die Barrikaden” durchgelesen. Der Vergleich war (auch von der FAZ) unfair. Ganz so tief sind Sie noch nicht gesunken.

Mehr zum Thema: Sloterdijk – die Energiescheibe für Intellektuelle

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15 thoughts on “Lieber Peter Sloterdijk,

  1. Sehr treffend, vielen Dank. Daran, dass Herr Sloterdijk nicht immer ernst genommen werden will, hat man sich ja gewöhnt, aber dieser vulgärliberale Blödsinn in der gestrigen FAZ war wirklich erschütternd.

  2. Sloterdijks pseudo-intellektuelles Gebrabbel, diese Esoterik für die Gebildeten unter ihren Verächtern, war schon  in “Kritik  der zynischen Vernunft”  unerträglich. Es ist bedenklich, wieso diese Art von seichter Nonsens-Philosophie ein lesefreudiges Publikom findet. Dass  Sloterdijk  den  Konservativen  und sogenannten Neoliberalen (Der Neo”liberalismus” war politisch stets Anti-Liberalismus, wie Pinochets Chile eindrücklich gezeigt hat!) ein willkommener Fernseh-Guru ist, darf wohl nicht verwundern, aber dass er von Gebildeten gelesen wird, ist – wie gesagt – ein Krisenphänomen, daher solche Kritik nur zu begrüßen!
     

  3. Danke.Dass PS Herrn Heinsohn im allgemeinen und auch dessen Artikel in der FAZ gelesen hat, davon kann man – denke ich – ausgehen. Beim zentralen “Totschlagsargument” steht Heinsohn ganz offensichlich als heimlicher Pate im Hintergrund. Allerdings nur für kurze Zeit, den nachdem “Kapital und Arbeit (jetzt endlich) im gleichen Boot” sitzen, kann auch PS jetzt in dem seinen engültig ganz neuen Ufern entgegensegeln.Im letzten Absatz nämlich, man staunt, folgt der erledigten marxschen der Entwurf einer sloterdijkschen Utopie. Vorsichtshalber konjunktivisch formuliert, vielleicht auch, um dem möglichen Verdacht vorzubeugen, er sei recht eigentlich auf einem Narrenschiff in sein persönliches Nirwana unterwegs, entwirft PS in gerade mal vier Sätzen die Utopie einer durch eine “thymotische Umwälzung” vom kleptokratischen Steuerstaat befreiten Gesellschaft. Aber (wie E. Cioran so schön schrieb) Utopie, denken wir daran, heisst wörtlich nirgendwo.
    Allein: wenn vielleicht jeder deutsche Bundesbürger das neue Buch von PS lesen würde, dann, ja dann, vielleicht…
     
     

  4. Ich fand den Artikel besser als erwartet, kennt man doch von P. S. meist schlimmstes Geschwurbel. Dass er sich für die liberale Sache einsetzt ist schon interessant. Was mich neben dem verschleiernden Stil, den ich bei vielen deutschen “Philosophen” nicht abkann, vor allem stört, sind zwei Dinge.
    Erstens: Er beschreibt den linken Eigentumsbegriff, aber er demontiert ihn nicht argumentativ, lohnt ja nicht. Dabei ist es das, und nur das, was mich als Leser in diesem Zusammenhang interessiert.
    Zweitens: Es stellt einen liberalen Gesellschaftsentwurf vor, der die soziale Umverteilung mittels antiker Tugenden bewerkstelligen will. Ich finde das durchaus nicht unspannend und angesichts der derzeitigen gravierenden Umwälzungen sind solche Entwürfe immer interessant zu lesen. Nur, lieber Herr Sloterdijk, sag doch was Du willst, und sag es präzise, und sag es in klarer Sprache.
    Alles in allem: Wer sich durch den Artikel quält, hat vielleicht ein bisschen was über den linken Eigentumsbegriff gelernt und dass unsere Wirtschaft auf Krediten beruht. Daneben steht, unverbunden, eine in drei Sätzen abgehandelte liberale Utopie. Nicht nichts, aber auch nicht viel.

  5. Dass PS Herrn Heinsohn im allgemeinen und auch dessen Artikel in der FAZ gelesen hat, davon kann man – denke ich – ausgehen. Beim zentralen “Totschlagsargument” steht Heinsohn ganz offensichlich als heimlicher Pate im Hintergrund.

    So ist es. Um so unfairer, dass PS ihne nicht mal nennt.

    Alles in allem: Wer sich durch den Artikel quält, hat vielleicht ein bisschen was über den linken Eigentumsbegriff gelernt und dass unsere Wirtschaft auf Krediten beruht. Daneben steht, unverbunden, eine in drei Sätzen abgehandelte liberale Utopie. Nicht nichts, aber auch nicht viel.

    Besser kann man den Artikel eigentlich nicht zusammenfassen.

  6. Beifall für alle Geschockten!
    Geht Schlotterdijk dann demnächst mit dem Hut rum, um sein fürstliches Professorengehalt (bisher aus Steuern gespeist) einzusammeln, dann natürlich als  Geschenke der Produktiven, Stolzen, der wertvollen Leistungsträger, des hieratischen Geldadels.
    Toller Artikel auch von Axel Honneth in der Zeit Nr 40

  7. Sloterdijk kommt vom lebensphilosophischen Existenzialismus her und berücksichtigt die Historie, was z.B. Ökonmonen weniger tun
    Genau das ist der Grund dafür, weshalb viele Sloterdijk nicht verstehen. Die Ökonomen sind denkfaul und oft nicht interessiert an Geschichte – sollten sie aber, denn dann würden sie ihr Fach auch besser verstehen. Die Historiker sind da anders, denn sie berücksichtige sehr wohl an die Ökonomie. Wer Sloterdijk kritisiert, muß erst einmal begreifen, von wo er herkommt und nicht, wie er ideologisch aufgestellt ist. Sloterdijk ist kein Ideologe, er ist auch nicht von Neoliberalen oder “Kapitalisten” beeinflußt, sondern eher von Denkern wie Nietzsche, Spengler und Heidegger. Nur so kann man ihn richtig verstehen !
    HB

  8. Wenn “der Döner” schreibt; die “Neuordnung des Steuerstaats” solle Sloterdijk “lieber Leuten überlassen, die zumindest über rudimentäre Kenntnisse in den Bereichen Ökonomie und Verfassungsrecht verfügen”, dann kann ich nur (rhetorisch) fragen: Wenn wir alles immer nur sogenannten “Experten”, die obendrein fast immer als “Nicht-Experten” geoutet werden können, überlassen sollen oder sogar wollen, haben wir dann überhaupt noch das Recht, bei uns von “Demokratie” und “Freiheit” zu sprechen ?  Wohl kaum !  Wenn wir uns nicht mehr weiterhin von Parteien (direkt) und Lobbyisten (indirekt) vorschreiben lassen wollen, was wir wann worüber denken und, wenn wir Glück haben, auch sagen bzw. schreiben dürfen, dann ist es doch genau richtig, wenn Leute wie Sloterdijk “ihre eigene Vision des Kapitalismus” liefern, auch wenn das Leuten wie “dem Döner” nicht gefällt. Sloterdijk hat Heinsohn und Steiger gelesen. Na und ?  Heinsohn und Steiger haben das Wirtschaften auch nicht verstanden. Das versteht keiner so richtig – allein dafür, daß sie das festgestellt haben, lohnt es sich schon, deren Buch zu lesen. Das Gewicht auf das Eigentum zu legen, wenn man die Wirtschaft insgesamt verstehen will, ist unnötig und wahrscheinlich auch falsch, aber nützlich und wahrscheinlich auch richtig, wenn man die Wirtschaft der abendländischen “Moderne” verstehen will. Man kommt nicht weiter, wenn man nicht auch diachronisch, sondern nur synchronisch die Ökonomie untersucht. “Der Döner” liegt zwar richtig mit seiner Behauptung, Sloterdijk biete in erster Linie Thesen und zu wenig Fakten (siehe: ebd.), doch das ist ja auch nicht in erster Linie die Aufgabe eines Philosophen, sondern eher die eines Wissenschaftlers besonders die eines Naturwissenschaftlers, der der Ökonom aber nicht ist. Heinsohn und Steiger geben vor, Wissenschaftler zu sein, doch auch sie bieten fast ausnahmslos Thesen und nur scheinbare Fakten – sie sind fast alle spätestens dann nicht mehr haltbar, wenn man die Quellen genauer untersucht hat. Wer ist also mehr ein Scharlatan: der Philosoph, der es sein darf, oder der Wissenschaftler, der es nicht sein darf ?  Heinsohn und Steiger sind die Scharlatane, weil sie vorgeben, Wissenschaftler zu sein, obwohl sie Methoden anwenden, die alles andere als wissenschaftlich sind. Also: Nicht Sloterdijk, sondern Heinsohn und Steiger sind die Aufschneider und Schwätzer. Sloterdijk ist unschuldig !
    HB 

  9. Mehr über die Skepsis bzw. Kritik an Heinsohn und Steiger sowie Heinsohn, Knieper und Steiger:
    http://www.Hubert-Brune.de/heinsohn_und_steiger_kritik.htmlhttp://www.Hubert-Brune.de/heinsohn_knieper_steiger_kritik.html
    Mit freundlichen Grüßen
    HB

  10. Keien Wahl mehr !
    Daß der Liberalismus allein uns nicht glücklicher machen wird, dürfte mittlerweile vielen Menschen einleuchten, daß aber auch der Links-Sozialismus uns nicht glücklicher machen wird, müßte mittlerweile ebenfalls vielen Menschen einleuchten, denn das 20. Jahrhundert hat – seit 1917 und bis 1990 – deutlich gezeigt, welche katastrophalen Zustände er mit seinen größten Völkermorden aller Zeiten geführt hat. Das 21. Jahrhundert wird zeigen, daß nur noch ein Weg übrig bleibt, nämlich der Rechts-Sozialismus (man kann ihn auch anders nennen, aber das ist völlig egal), der eine Synthese aus Liberalismus und Links-Sozialismus sein wird, ob wir es wollen oder nicht. ([**][**][**]). Die demographische Entwicklung zeigt in diese Richtung, die kulturhistorische sowieso und die politische sträubt sich nur noch scheinbar dagegen. „Postdemokratie“ ist nur ein anderes, meiner Meinung nach jedoch falsches Wort dafür, weil die Demokratie bei uns de facto seit 1933 keine Rolle mehr spielt. ([**][**][**]). Die Migranten werden – mittel- bis langfristig – kein westliches Politsystem übernehmen, sondern lediglich – kurz- bis mittelfristig – so tun, als ob. Es kommt darauf an, ob wir es hinbekommen, auf das, was auf uns zukommt, gut vorbereitet zu sein, um wenigstens noch Gestalter bleiben oder Mitgestalter sein zu können, denn anderenfalls werden wir von kulturfremden Mächten beherrscht werden. Einen Weg zurück gibt es nicht. Wir haben die Moderne selbst gewollt, „ins Leben gerufen“ und können sie jetzt nicht mehr rückgängig machen – frei nach dem Motto: Die Geister, die wir riefen, werden wir jetzt nicht mehr los.
    Ihr könnt alle meinetwegen etwas anderes machen, denn das meiste davon wird ohne Belang bleiben. Bitte schön. Ihr habt sowieso nur noch scheinbar, aber nicht wirklich die Wahl. Und wenn Ihr scheinbar wählt, dann helft Ihr in Wirklichkeit lediglich denjenigen, die Ihr bekämpfen wollt.Laßt es lieber sein, von angeblichen „Experten“ Antworten zu erwarten, die gerade sie nicht geben können – wenn überhaupt, dann schon eher von Philosophen wie Sloterdijk oder noch eher von echten freien Geistern, von denen es immer wemiger gibt und geben wird.

  11. Brüderlichkeit durch Stolz
    Da es mit der absoluten Freiheit des extremen (modernen) Liberalismus ebenso wenig klappen wird wie mit der abslouten Gleichheit des extremen (modernen) Links-Sozialismus, bleibt uns nur noch die absolute Brüderlichheit des extremen (modernen) Rechts-Sozialismus. Keiner der heutigen westlichen Politiker und Medioten wird zugeben, daß es darauf hinausläuft, doch damit beweisen sie erst recht, daß es so ist. Sie versuchen immer noch, Liberalismus (Thesis) und Links-Sozialismus (Antithesis), die die größten Feinde unter den großen Drei sind, so in ein Gleichgewicht zu bekommen, daß weder der eine noch der andere zu viele Einbußen hinnehmen muß. Doch das wird auf dauer nicht klappen. Es bleibt uns nur noch die Brüderlichkeit (Synthesis), und die ist in etwa das, was Sloterdijk (**|**) mit seinem „Stolz“ bzw. „Thymos“ meint. Er argumentiert zwar etwas anders und bedient sich anderer Vokabeln als ich, aber im Grunde bzw. dann, wenn man die sprachlichen Mittel miteinander vergleicht, wird man bei unseren Texten eine ähnliche Sichtweise finden. Sie sind – beide – nicht einfach nur Sprachspiele, sondern berücksichtigen neben den Aspekten aus der Philosophie auch solche aus der Wissenschaft.
    Die Freiheit der Schriftsteller, der Wisenschaftler, der Philosophen wie überhaupt der Menschen darf nicht eingeschränkt werden. Die Gleichheit als die Gleichmacherei ist diejenige Instanz, die zuerst und am meisten die Freiheit diktatorisch einschränkt. Wenn wir schon an den derzeitigen Entwicklungen wenig ändern können, so sollten wir wenigstens die Möglichkeiten, die in diesen Notwendigkeiten liegen, nutzen. Wir müssen Freiheit und Gleichheit so synthetisieren, daß sie sich nicht mehr gegenseitig bestialisch und hysterisch bekämpfen, sondern selbstverständliche Brennpunkte in einer brüderlichen Ellipse werden. Das müssen wir tun wollen – und es dann auch tun. Sloterdijk (**|**) will im Grunde auch nichts anderes – ob er es auch tun wird, weiß ich nicht.
    HB

  12. Mehr Realismus wagen. Sloterdijk wird von Heinsohn und Bolz unterstützt und bestätigt
    Wenn Sloterdijk mit nicht unerheblichem Recht vor der Gefahr einer „Entsolidarisierung“ der Reichen mit den Nichtreichen spricht, so deshalb, weil diese Gefahr wirklich besteht und nicht mit noch mehr „Semi-Sozialismus“ zu reparieren ist, sondern dadurch sogar noch verschärft wird und folglich noch viel früher eintritt als ohne dessen „links-sozialistischen Maßnahmen“. Wer also voreilig Sloterdijk verurteilen will, sollte erst einmal durchkonjugieren, was in den nächtsen Jahrzehnten in Europa so alles passieren kann.
    Wenn Heinsohn nicht müde wird zu betonen, warum es nicht mehr hinnehmbar ist, daß Sozialhilfe-Empfänger („Hartz-IV-ler“ von manchen Menschen genannt) immer sehr viel mehr Kinder haben – also: immer mehr Sozialhilfe-Empfänger produzieren – als der Rest der Bevölkerung, so deshalb, weil diese Behauptung immerhin richtiger ist als die Behauptung, die von den Linken mit viel Zynismus kommt (z.B. so: „Sozialhilfe-Empfänger müssen deshalb weiterhin und noch mehr als bisher unterstützt werden, weil sie nicht fähig sind, sich selbst auch nur annähernd zu versorgen“). Heinsohn erwähnt auch deshalb das von Murray aufgestellte „Gesetz, daß Versorgungszahlungen an Sozialhilfemütter ihre Kinder nicht besserstellen, sondern lediglich immer mehr von Sozialhilfe abhängige Mütter und Kinder hervorbringen“. (**). Menschen, die staatliche Transferleistungen bekommen, sind äußerst zäh, wenn es um die Verweigerung geht, daß sie ihre Situation verändern und für sich selbst verantwortlich werden sollen. Die meisten von ihnen (über 90%) wollen gar nichts an ihrer Situation ändern und kassieren einfach weiter ab. Wer sich mal ein bißchen intensiver mit Anthropologie, Ökonomie, meinetwegen auch noch Psychologie und Soziologie beschäftigt hat, weiß, daß dies auch gar nicht anders sein kann. Es sind die Polititiker (und Juristen), die verantwortlich sind für die Ausbeutung der Reichen durch die vom Staat beschützten und versorgten (und dadurch übrigens auch abhängig gemachten) Nichtreichen. Wenn wir aber immer mehr Sozialhilfe-Empfänger bekommen, weil diese ja viel mehr Kinder bekommen als der Rest der Bevölkerung, und außerdem immer mehr Alte zu versorgen sind sowie obendrein immer mehr Qualifizierte auswandern, dann ist klar, daß es nur noch eine Frage der Zeit, wann der Kollaps erreicht ist. Heinsohn unterstützt und bestätigt Sloterdijks Thesen.
    Wenn Bolz nicht müde wird zu verdeutlichen, daß jede politische Produktion von angeblicher „Gleichheit“ (und nebenbei gesagt: „Soziale Gerechtigkeit“ [**] gibt es nicht !) in Wirklichkeit nur noch mehr Ungleichheit produziert, so deshalb, weil es stimmt und man nur Beispiele aus der sogenannten „Gesellschaft“ etwas genauer zu untersuchen braucht, um festzustellen, daß, sobald jemand angeblich „gleichgestellt“ worden ist, die Vergleiche und damit auch die Forderung nach noch mehr angeblicher „Gleichstellung“ durch die Politik zunehmen. „Weder Natur noch Kultur sprechen für Gerechtigkeit. Die Natur nicht, denn nicht alle Frauen sind gleich schön; nicht alle Männer sind gleich kompetent. Aber auch die Kultur nicht, denn sie hat sich immer nur unter Bedingungen ungleicher Besitzverteilung entfaltet. Nietzsche meinte gar: unter Bedingungen der Sklaverei !  All das klingt deprimierend, und die moderne Gesellschaft neigt dazu, weiteres Nachfragen zu verbieten. Gene, Intelligenz und Rasse sind die Tabus unserer Zeit – wie Sex im Viktorianischen England. Mit anderen Worten, archaisches Erbe, genetische Determination, angeborenes Verhalten und Geschlechtsrolle sind die Skandale der egalitären Gesellschaft.“ (**). „Die »Ungerechtigkeiten« der Natur lassen sich offenbar nicht kompensieren.“ (**). Auch Bolz unterstützt und bestätigt Sloterdijks Thesen.
    Zwar ist es richtig, den Liberalismus (ein Phänomen der abendländischen Moderne) zu bekämpfen, aber sein ärgster Feind, der Egalitarismus (ein Phänomen der abendländischen Moderne), ist noch viel menschenverachtender und muß darum auch um so mehr bekämpft werden. Beide sind moderne Systeme des Wahns, auch das dritte, der Fraternitarismus, ist ein solches. Doch weil wir die Geister der Moderne gerufen haben und sie jetzt nicht mehr loswerden, müssen wir weiterhin an diesem Spiel teilnehmen – ob wir wollen oder nicht. Heute bleibt uns nur noch der Fraternitarismus Fraternitarismus (ein Phänomen der abendländischen Moderne), mit dem wir vielleicht auch etwas Positives bewirken können, weil wir mit ihm vielleicht den Liberalismus und den Egalitarismus zähmen, kleinhalten, synthetisieren können.


  13. Man muß ja nicht gleich auf totale Weise „Freiheit statt Gleichheit“ einfordern, wohl aber „mehr Freiheit statt nur noch Gleichheit“, denn die Freiheit ist – gerade im heutigen Europa und hier insbesondere im heutigen Deutschland, dem Motor Europas – von der Gleichheit so stark verdrängt worden, daß sie nicht einmal mit der besten Lupe zu finden ist. Anders als bei uns wäre der Slogan „Freiheit statt Gleichheit“ zwar in den USA, in Kanada, in Australien und auch in England nicht so sehr angebracht, weil dort traditionellerweise die Freiheit vor Gleichheit geht (und darum dort eher der umgekehrte Slogan wünschenswert wäre), aber es muß doch berücksichtigt werden, daß(a) die „angelsächsisch sprechende, denkende und handelnde Welt“ (USA, Kanada, Australien, England u.a.) unser größter Konkurrent ist, ja: gegen uns Krieg führt – gemeint ist der (hauptsächlich wirtschaftlich geführte) 3. Weltkrieg, vergleichbar mit dem 3. Punischen Krieg Roms gegen Karthago (146 v. Chr.) -,(b) die „Schwellenländerwelt“ (v.a. China) zukünftig unser größter Konkurrent sein wird und, weil das schon seit ein bis zwei Jahrzehnten abzusehen ist, das eben (unter a) Gesagte noch dringender bzw. gefährlicher macht,(c) das eben (unter a + b) Gesagte sich um so stärker gegen uns auswirkt (der 3. Weltkrieg um so bedingungsloser verloren wird … usw.), je mehr wir uns weiterhin dem Diktat des Egalitarismus unterordnen.
    Mögen die Dummen und Naiven unter den Europäern ihren Politikern glauben, es wird ihnen letztlich doch nichts nützen, weil die auf uns zukommenden Entwicklungen in groben Zügen mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorhersagbar sind. Naivität bzw. Optimismus war schon im Kommunismus (z.B. im Bolschewismus, dem Links-Sozialismus mit den meisten rechts-sozialistischen Zügen) und auch im Faschismus (z.B. im Nationalsozialismus, dem Rechts-Sozialismus mit den meisten links-sozialistischen Zügen) ein Muß. In Wirklichkeit läßt sich so etwas nicht verordnen. Auch nicht im Liberalismus. Doch der Liberalismus ist im Gegensatz zu den anderen beiden modernen Extremismen (besonders zum Links-Sozialismus, aber eben auch, obwohl etwas weniger, zum Rechts-Sozialismus) keine Bewegung, die von der Quantität (Stichwort: Masse) profitiert. Und auch deshalb ist es richtig. „mehr Freiheit statt nur noch Gleichheit“ zu fordern. Da es aber die absolute Freiheit, die absolute Gleichheit und die absolute Brüderlichkeit nicht gibt und gegenwärtig die Gleichheit alles per Diktatur beherrscht, bleibt uns nichts anderes mehr übrig als die Beseitigung der Diktatur des Egalitarismus, und zwar dadurch, daß wir, da wir die Moderne nicht selbständig beenden können, den Liberalismus ein bißchen aufwerten und dabei verhindern, daß er seine frühere Allmacht (siehe 19. Jh.) zurückbekommt, indem wir auf die Brüderlichkeit setzen, die beide – Liberalismus und Egalitarismus – immerhin besänftigen kann.
    Man mag hier einwenden, daß mit der Brüderlichkeit bzw. mit Rechts-Sozialismus ein (Neo-)Nationalsozialismus gemeint sein könne, doch das ist abwegig, weil der Nationalsozialismus seine Feinde nicht synthetisiert, integriert und besänftigt, sondern im günstigsten Fall geduldet und ansonsten schlichtweg beseitigt, vernichtet hat. Doch dieser Einwand wird ja nicht deshalb vorgebracht, weil die ihn Vorbringenden auf Erkenntnis, Diskussion oder gar Gemeinwohl aus sind, sondern weil sie denunzieren wollen in einem Land bzw. Kontinent, in dem die Denunziation Gesetz, ja Staatsreligion ist und z.B. dank § 130 StGB stets vom Erfolg gekrönt ist. Wer bei uns denunziert, verdächtigt X, ein Nazi bzw. „Antisemit“ (Antijudaist) zu sein. Genau das ist auch Sloterdijk während der sogenannten „Sloterdijk-Debatte“ passiert. Weil Sloterdijk nicht der Staatsreligion entsprechend gedacht, gesprochen und geschrieben hatte, rückten ihn die Oberpriester und Mitläufer der Staatsreligion des Parteienstaates sofort in die Nähe des Nationalsozialismus bzw. des „Antisemitismus“ (gemeint ist: Antijudaismus), um ihn sehr schnell und effektiv vernichten zu können. Diese Stasi-Methoden des bundesrepublikanischen Links-Sozialismus sind ebenso energisch zu bekämpfen wie der sein gesamter Gleichheitswahn, hinter dem nur seine Diktatur steckt – und also: Ungleichheit.
    In Wirklichkeit können wir froh sein, daß wir einen solchen Philosophen wie Peter Sloterdijk haben – ob er „Pop-Philosoph“ genannt wird oder nicht, ist dabei nur eine rhetorische Frage.
    HB

  14. Lieber Herr Oliver Adam,
    wer – bitte schön – soll denn bei uns (bei uns !) die von Ihnen angesprochenen „Konservativen“ und „Neoliberalen“  sein ?  Wir werden von Egalitaristen (Gleichheitswahnsinnigen) regiert und in einem solchen System gibt es kaum „Konservative“ und „Neoliberale“, jedenfalls darf es sie offiziell nicht geben, und die wenigen, die es in den Verstecken gibt, heißen bekanntlich in einem solchen System nicht „Konservative“ und „Neoliberale“, sondern „Konterrevolutionäre“ und „Kapitalisten“, die von diesem System verfolgt und vernichtet werden.
    In unserem System gibt es keine Freiheit, keine Demokratie, sondern nur die Diktatur der Gleichheitswahnsinnigen. Und diese Diktatur wird genauso scheitern wie alle vor ihr, weil es eine Gleichheit nicht geben kann.
    Sollen die Vertreter dieses Systems wenigstens einmal versuchen, Gleichheit vor dem Gesetz anzustreben. Nicht einmal das wird bei uns wirklich ernsthaft versucht. Genau das Gegenteil ist der Fall.
    Die wenigen „Konservativen“ und „Neoliberalen“, die es bei uns noch gibt, sind jedenfalls mutiger als alle Mitläufer der egalitaristischen Diktatur zusammen. Auch das ist ja nicht neu: die DDR läßt grüßen. Überhaupt scheint 1990 nicht die DDR der BRD, sondern die BRD der DDR beigetreten zu sein – jedenfalls gesellschaftlich, politisch, ideologisch, eben systemisch.
    Wie dumm muß man eigentlich sein, um nicht zu bemerken, daß das Fehlen der „Konservativen“ und „Neoliberalen“ nicht zum Vorteil, sondern zum Nachteil eines gut funktionierenden Systems ist.
    Ohne Opposition, ohne Andersheit, kurz: ohne Ungleichheit kann kein System existieren. Der Versuch, das Gegenteil Wirklichkeit werden zu lassen, kann immer nur ein Versuch bleiben, weil nie wirklich alle unter den Oppositionellen, Anderen,  Ungleichen getötet werden. So perfekt war noch kein Massenmörder.
    Konservative und Neoliberale sind bei uns eine kleine Minderheit und werden auch so behandelt – ganz genau dem Vorurteil entsprechend. Sie werden verfolgt und vernichtet – nicht eingesperrt, sondern ausgesperrt. Eine andere Art Dikatur ist auch eine Diktatur.
    Ich möchte mich nicht völlig der Tautologie bzw. dem Pleonasmus hingeben, um verstanden zu werden, und rufe lieber dazu auf, Konservative und Neoliberale als Opposition anzuerkennen, die bei uns herrschende Diktatur energisch zu bekämpfen.
    HB

  15. Wird mein Text zur Brüderlichkeit auch wirklich verstanden ?
    Bevor ich Gefahr laufe, völlig falsch verstanden zu werden, möchte ich darauf hinweisen, daß nicht ich, sondern so etwas wie der (z.T. schon gegenwärtige, aber doch mehr noch  zukünftige) Zeitgeist es ist, der für die Brüderlichkeit plädiert. Das Prinzip der Brüderlichkeit, des Fraternitarismus, drückt also nicht meinen Wunsch, sondern einfach nur das aus, was  (a) teilweise schon an der Gegenwart erkennbar, diagnostizierbar ist (Übergangsphänomen) und (b) für die nächste Zukunft bereits mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorhersehbar, prognostizierbar ist.
    Ich gebe also nicht meine Meinung kund, sondern stelle Tatsachen fest. Ich diagnostiziere und prognostiziere.
    HB

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