Kapital rentiert sich – immer?

Vor einiger Zeit habe ich folgenden Aufsatz des Tübinger Soziologen Christoph Deutschmann gelesen: “Ende und Wiederkehr des Keynsianismus – Rätsel der aktuellen Wirtschaftspolitik“. Der Artikel stammt zwar aus dem Jahre 2003, doch der Titel lässt es schon ahnen: Inhaltlich ist der Aufsatz aktuell wie nie, insbesondere, da er eine langfristige Perspektive auf die Wirtschaftssysteme der westlichen Welt einnimmt.

Tatsächlich eröffnete er mir noch einmal eine neue Sicht auf die Krise, was allerdings vor allem daran liegt, dass ich mich bisher offenbar zu wenig mit Keynes auseinandergesetzt habe. Bisher bin ich in all meinen Betrachtungen implizit davon ausgegangen, dass Kapital im Großen und ganzen schon Möglichkeiten findet, um zu rentieren, z.B. als ich das aus meiner Sicht Grunddillemma jeder Wirtschaftspolitik beschrieben habe.

Dass das nicht unbedingt so ist, darauf geht ja auch schon der Post-Keynsianer Minsky ausführlich ein. Aber bereits bei Keynes spielt das eine besondere Rolle. Rendite basiert auf Wachstumserwartungen – und der Konsumwachstum ist in gesättigten Volkswirtschaft irgendwann erschöpft. In fortgeschrittenen Gesellschaften ist Kapital, wie es Keynes ausdrückt, außerdem kein knappes Gut mehr:

Die Profitrate (“marginal efficiency of capital” in Keynes’ Terminologie) sinkt und tendiert schließlich gegen Null. In einer Gesellschaft, die im Überfluss lebt und spielend alles Lebensnotwendige erzeugen kann, verliert Kapital seinen Knappheitswert. Eine Netto-Akkumulation von Kapital findet nicht mehr statt und ist auch nicht mehr erforderlich. Produktionsmittel werden zwar weiterhin gebraucht, aber es kann im Regelfall nicht mehr damit gerechnet werden, dass sie mehr erwirtschaften als ihre
Wiederbeschaffungskosten. Damit aber entfällt auch, wie Keynes betonte, die ökonomische Rechtfertigung für eine stark ungleiche Verteilung der Einkommen.

Quelle: Ende und Wiederkehr des Keynsianismus

Es gibt natürlich, wie der Autor anmerkt, auch in wirtschaftlich fortgeschrittenen Geselschaften noch das, was Schumpeter den Prozess der kreativen Zerstörung nennt – also teils traumhafte Renditemöglichkeiten in neuen innovativen Technologiebereichen, die ältere Wirtschaftsbereiche ersetzen. Aber wie auch die 2000er-Blase zeigt offenbar in sehr viel begrenzterem Umfang als Kapital vorhanden ist, das investiert werden möchte.

Deutschmann sieht in der Renditeerwartung der Finanzinvestoren unter dieser Perspektive ein Problem: Der Kapitalismus in jetztiger Form ist auf Wachstum angewiesen, das heißt auch auf steigende Investitionen. Laut dem Autor sah Keynes für gesättigte Volkswirtschaften eine schleichende Enteignung des Kapitals vor: Der Staat ersetzt die aufgrund sinkender Renditeerwartungen ausbleibenden privaten Investitionen durch staatliche schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme und finanziert das über die Notenpresse. Das bedeutet langfristig Inflation, also Enteignung der Kapitalbesitzer, die ihr Geld horten. Nicht beachtet wurde bei dieser Handlungsempfehlung an die Politik natürlich, das sich Kapital im Ausland der inflationierenden Hand des Staates entziehen kann.

Meine These dazu:

Nun ist die Notenbank hierzulande ja der Geldwertstabilität verpflichtet, deficit spending verpönt und eine geordnete Entschuldung über Inflation ziemlich unmöglich (wir betrachten jetzt zunächst Europa, im Falle der USA wird das alles noch weitaus komplizierter; hier stecken wir voll im globalen Dollar-Dilemma). Keynsianische Nachfrageprogramme sind also nur in engen Grenzen – und keinesfalls als Dauereinrichtung – möglich.

Die Strategie, die meiner These nach hierzulande stattdessen verfolgte wurde, war alles zu versuchen, die Renditeerwartung der privaten Investoren aufrecht zu erhalten, um die Investionsbereitschaft nicht einbrechen zu lassen: In den USA vor allem über niedrige Zinsen, in Europa vor allem über Lohndrückerei, immer radikale Kürzungen der Kapitalbesteuerung und eine insgesamt extrem angebotsseitig orienterte Wirtschaftspolitik. Auch das eine Ursache der Kapitalmarktblase – wobei die weniger dramatisch ist als die damit verbundene Leverage-bedingte Verschuldungsblase. Die Niedrigzinspolitik der Fed sehe ich nach wie vor als die Hauptursache der Krise.

Hier setzen die Überlegungen des Soziologen und Ökonomen Gunner Heinsohn an, der kürzlich einen sehr lesenwerten Beitrag in der FAZ geschrieben hat.  Seine Theorie in Kurzform: Der Kapitalismus lebt von der Verschuldung und die Verschuldung lebt vom Eigentum, das verpfändet werden kann. Krisen entstehen immer dann, wenn das verpfändbare Eigentum knapp wird und der Kreditkreislauf dadurch ins Stocken gerät – da helfen auch keine niedrigen Zinsen.

Die niedrigen Zinsen führen seiner Meinung nicht nach dazu, dass mehr Geld in der Realwirtschaft ankommt, denn hier mangelt es ja an verpfänbaren Eigentum, sondern dass sich sämtliche Anlageformen wie Aktien, Immobilien und Anleihen, die eine Rendite über null erwirtschaften, schuldenfinanziert aufblähen. Bei einer Nullzinspolitik der Notenbank ist es für die Banken schließlich nur sinnvoll, sich zu verschulden, um schuldenfinanziert in Wertpapiere zu investieren, die eine Rendite abwerfen – und sei die auch noch so klein.

Der Crash setzt dieser Lesart der Krise ein, sobald die aufgeblähten Anlageformen nicht mehr über null rentieren – oder wie FAZ-Blogger Thomas Strobl es ausdrücken würde: Sobald der letzte Kettenbriefkäufer des Schneeballsystems kein neues Opfer mehr findet:

Wenn beim Rennen um die Renditen das höchste Preisniveau erreicht ist, auf dem kein Ertrag oberhalb des Nullzinses mehr erzielbar ist, platzt die Blase. Ein Öl-Future, für den man sich 1,5 Millionen so ungemein günstig geliehen hatte, fällt schlagartig auf 0,5 Millionen: Um die ausstehende Million aufzubringen, wird panisch quer durch alle Anlagen verkauft, wobei im Preis auch das stürzen muss, was eigentlich unverändert solide geführt wird und als „Realwirtschaft“ gedanklich abgeschirmt verstanden wird, obwohl es selbstverständlich auch nur über Schulden gedeihen kann. Die Zinsnullung, die ebendiesen guten Unternehmen der Realwirtschaft Geld zuführen sollte, hat sie wegen der im Crash erlittenen Wertverluste bei den Kreditsicherheiten noch wesentlich stärker in ihrer Fähigkeit beeinträchtigt, Geld zu leihen. Die liebenswert-naiven Firmenhelfer in den Zentralbanken werden zu wahren Monstern der Unternehmenszerstörung.

Hätte man nach dem Fiasko früherer Nullzinspolitik wenigstens das System zu durchschauen versucht, wäre das Übel womöglich geringer. Stattdessen wird aber am ökonomischen Leib gerade eine Notoperation durchgeführt, bevor wir zutreffende Kenntnis von dessen Anatomie besitzen. Unser Verständnis derselbigen wie auch eine darauf aufbauende geld- und fiskalpolitische Agenda müssen beim Mangel an unternehmerischen Kreditsicherheiten ansetzen.

Quelle: FAZ.Net

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3 thoughts on “Kapital rentiert sich – immer?

  1. Den Aufsatz finde ich äußerst interessant, insbesondere deswegen, da ich Gedanken in diese Richtung schon seit längerer Zeit hege (siehe Kommentar in http://doener.blogage.de/entries/2009/5/15/Kurz-angemerkt-Kapitalismuskritik#comments )

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