Ich kaufe mir wieder Zeitungen

Ja, ich tu es. Ich kaufe mir in letzter Zeit hin und wieder eine Zeitung – und zwar eine Tageszeitung. Aus Papier und so, das wofür Bäume sterben müssen. Dabei habe ich Tageszeitungen lange verschmäht. Warum sollte ich mir für aktuelle Nachrichten gedrucktes Papier kaufen, auf dem ich lesen kann, was gestern passiert ist?

Als ich 2008 beim Vorstellungsgespräch der DJS in München gefragt wurde, ob Blogs eine Konkurrenz zur Zeitung sind, antwortete ich: Blogs sicher nicht – aber die Internet-Nachrichtenportale schon. Warum sollte jemand, der nicht mit der gedruckten Zeitung aufgewachsen ist, für etwas bezahlen, was er im Internet auch umsonst bekommt – und zwar deutlich aktueller? Ich war sicher: Die Generation derjenigen, die mit dem Zeitungslesen ein bestimmtes Ritual verknüpfen, sterben langsam aus und nur wenige kommen nach. Der Trend zur Zeitung geht in jüngeren Alterskorhorten deutlich zurück, zeigen zahlreiche Studien.

Warum greife ich nun doch wieder zum Gedruckten? Auch, weil ich ich gerne Zeitungspapier anfasse oder ich es einfach gemütlicher finde, eine echte Zeitung zu lesen. Auch, weil ich mich mit einer Zeitung ins Cafe setzen kann. Aber vor allem, weil Online-Journalismus noch immer nicht das bietet, was Print-Journalisten leisten.

Online wird kaum mehr unterschieden zwischen wichtig und unwichtig. Es wird nicht mehr zusammengeschrieben und struktruriert aufbereitet, dafür gibt es immer wieder neue Informationshäppchen, die die Agenturen frei Haus liefern. Ein Text wird in der Regel besser, nicht schlechter, wenn man ein Platzprobleme hat. Weil man sich auf das Wesentliche konzentriert, weil man den Text besser strukturiert. All das wird Online vernachlässigt. Eine knackige Zeile und die Klicks kommen schon rein. Der eigentliche Text tritt in den Hintergrund. Beim Lesen macht diese Kurzfristorientierung aber keinen Spaß.

Die möglichen Vorteile, die Online-Journalismus bietet, werden dagegen noch wenig genutzt: Interaktive Grafiken, die Zusammenhänge anschaulich erklären, zum Beispiel. Die Verlinkung eines Kommentars zum Thema. Querverlinkungen auf andere im Text angesprochene Nachrichten oder die Verlinkung von Originalquellen, wenn sich Texte beispielsweise auf Studien beziehen (vorbildlich hier: die Ökonomie-Sektion auf Handelsblatt.com). Auch die Verlinkung eventuell erklärungsbedürftiger Begriffe auf kurze zeitlose Erläuterungstexte ist denkbar.

Natürlich ist es nicht schwer, einen Artikel kurzfristig in die Klick-Himmel zu katapultieren. Wichtig ist dafür nur die Zeile. Doch bindet man so langfristig Leser? Die langfristige Perspektive gerät beim Starren auf aktuelle Klickzahlen völlig in den Hintergrund. Jedes Online-Medium kann sich als Durchlauferhitzer für Agentur-Informationshäppchen betätigen und mit jeder Aktualisierung von Artikeln wieder mächtig Klicks bei Google News abstauben. Aber dem Leser ist damit nicht gedient.

Denn mit den durchlaufenden Informationshappen können viele Leser erstmal gar nicht so viel anfangen, weil sie sich anders als Journalisten, nicht den halben Tag mit Nachrichten beschäftigen. Auch Online muss meiner Meinung nach daher wieder viel mehr wert darauf gelegt werden, Nachrichten auch einzuordnen, zu erklären, in den Zusammenhang zu setzen – und vor allem: Wichtiges von Unwichtigem trennen. Mercedes Bunz, Online-Chefredakteurin von Tagesspiegel.de, sagte auf dem Global Media Forum der Deutschen Welle kürzlich zum Thema Bezahlinhalte: “Die Leute wären eher bereit dafür zu bezahlen, weniger Informationen zu bekommen“. Was als scherzhafte Absage an Paid Content gemeint war, könnte meines Erachtens durchaus funktionieren.

Auch ich war vor kurzem noch sicher: Wer die Leute zahlen lässt, verliert, weil sie auf Gratis-Angebote ausweichen. Doch nun ertappe ich mich selbst dabei, wie ich für etwas bezahle, was ich auch umsonst bekäme, weil ich online die Qualität vermissem, weil mich nicht jedes Detail interessiert, sondern eine Einordnung und Aufbereitung der wichtigsten Informationen.

Denn natürlich ist Qualität auch eine Kostenfrage. Online-Redaktionen sind dünn besetzt. Für mehr als eine reine Redakteurstätigkeit ist da meist keine Zeit. Das viel gelobte Internet-Angebot des Guardian beispielsweise,  ist hochdefizitär. Und so lange die Währung Klicks heißt, wird guter Journalismus online nicht derart honoriert wie im Print.

Auch hier hätte Online-Journalismus einen Vorteil: Er wäre deutlich günstiger. Denn ein Großteil der Kosten wie Druck und Verteilung der Zeitung fällt weg. Außerdem müsste ich nicht wie im Falle der Tageszeitung jeden Artikel bezahlen, sondern nur die, die mich interessieren. Nur der Preis müsste stimmen. Wenige Cent wären wohl die meisten Leute bereit, für einen qualitativ hochwertigen Artikel zu bezahlen. Fragt sich nur, wie sich das bequem realisieren lässt. Ich hoffe, dass sich möglichst ein Online-Micropayment-System in Deutschland etabliert. Denn mal ehrlich: Ein Text für den Preis eines Gummibärchens – so viel sollte guter Journalismus uns doch wert sein?

Zum Weiterlesen: Ein Text für den Preis einer Kippe

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7 thoughts on “Ich kaufe mir wieder Zeitungen

  1. Einen ganz großen Nachteil haben Tageszeitungen für mich: Ich kann keinen Querverweisen folgen. Das mache ich Online sehr häufig. Beim Lesen eines Artikels taucht eine Frage auf, die im Artikel nicht behandelt wird, ob zu Recht oder zu Unrecht, sei mal dahingestellt. Also mache ich einen Tab auf und recherchiere mal schnell, in der Regel bei Google bzw. der Wikipedia. Sehr angenehm. Wenn ich das nicht machen könnte, würden mir so “Kleinigkeiten” entgehen wie letztens diese von dir auf Yigg eingestellte Nachricht:
    http://www.yigg.de/politik/sozialstaat-arbeitet-besser-als-gedacht
    Hätte ich das im Handelsblatt in Papierform gelesen, hätte ich zwar den Verdacht gehabt, dass der Herr von der INSM ist, aber hätte es auf die Schnelle nicht prüfen können. Ich finde aber, dass das eine wichtige Information zur Bewertung des Textes ist!

  2. Ja, Online-Journalismus hat ja, wie ich bereits schrieb, theoretisch viele Vorteile, die bisher aber praktisch kaum genutzt werden.
    Aber Querverweise kann man sich über Google natürlich auch selber schaffen, das ist in der Tat online ein großer Vorteil.

  3.  In meiner Tageszeitung, den “Nürnberger Nachrichten” finde ich allerlei Informationen, die Euch in Düsseldorf weniger interessieren würden. Nämlich, was in meiner Stadt und speziell in der Südstadt los ist. Keine Ahnung, ob das auch irgendwo im Internet steht.
    Ich würde die Zeitung auch gar nicht im Internet lesen, denn ich lese sie auf dem Weg zur Arbeit in der Straßenbahn und der U- Bahn, was soll ich da mit einem Computer?
    Meinen organischen Abfall darf ich in Zeitungsblätter einwickeln und dann in die Biomülltonne werfen, auch da hilft mir ein Laptop nicht weiter.
    Und nicht zuletzt sind Tageszeitungen auch von sich aus im Internet aktiv. So baut die “Nürnberger Zeitung” zur Zeit ein Franken Wiki auf.
    Ich glaube, die Tageszeitungen müssen einiges tun, um attraktiv zu bleiben, aber sie werden nicht völlig untergehen. 
    Liebe Grüße
    Eva

  4. Zeitungen sind wichtig. Wunderbar lassen sich damit vom Rodeln durchnässte Stiefel ausstopfen, Fenster putzen, alte Fische einwickeln und so vieles, schönes mehr.
    Ich bevorzuge gern einmal und ohne Zwang die Frankfurter Rundschau, wenn es gar nicht anders geht die Leipziger Volkszeitung oder den Sachsen Sonntag. Pflicht ist der Kicker und die guten alten “Elf Freunde” – wobei Letzteres dann eher zu den Magazinen zu zählen ist.
    Wisst Ihr was ich an Zeitungen schätze? Die Kultur, den Stil sie zu lesen! Heißer Kaffee, warme Brötchen und die Turmuhr schlägt “Neun” … Beine überkreuz und den Blick vertieft in Artikel zum Mitlesen oder Aufsaugen. Nicht ganz gesund und trotzdem Kult eines jeden behaarten Hinterns: die Lektüre danach mit auf´s Klo nehmen und auch den letzten sinnlosen Artikel, unter der Gefühlsdetonation wunderbarer Erleichterungen, lesen.
    Spätestens hier wäre ein Neustart nötig. 

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