Podcast: Generation C64

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Liebe Blog-Leser,

dank der Deutschen Telekom veröffentliche ich hiermit meinen ersten Podcast. Gestern Nacht ist nämlich zum wiederholten Male unsere DSL-Verbindung ausgefallen.

Das nahm ich zum Anlass spontan ein paar Dinge über die sogenannte “Generation C64” aufzunehmen, von der in den Medien dieser Tage so viel die Rede ist. Der Begriff geht zurück auf einen Artikel von Christian Stöcker, der bei Spiegel Online Anfang des Monats veröffentlicht wurde.

Der Wirbel um die Bundestags-Petition gegen Internet-Sperren und die Erfolge der Piratenpartei sowie deren Medienpräsenz haben ein Schlaglicht auf diese netzpolitisch interessierten Jugendlichen geworfen, deren  Ziele ich bereits hier kurz porträtiert habe.

In diesem Podcast habe ich versucht einige der Missverständnisse zu erläutern zwischen denen, die mit Computern und dem Netz aufgewachsen sind (“Digital natives“) und jetzt politisch aktiv werden – und allen anderen, die angesichts von Forderungen wie freiem Zugang zu Kinderpornographie nur den Kopf schütteln können.

Es war schwerer als ich dachte, an einem Stück ohne Unterbrechung zu reden. Ich hatte mir auch kein Skript oder Stichpunkte aufgeschrieben, sondern spontan losgelegt. Verzeiht bitte die vielen Pausen und Ähs, es war für mich ungewohnt völlig ohne Gesprächspartner ohne Pause durchzureden. Gerade was das Grundrecht auf Informationsfreiheit angeht, habe ich mich glaube ich auch etwas sehr oft wiederholt – aber das ist ja auch ein wichtiger Punkt. 😉 Auch die Soundqualität ist leider alles andere als gut, da ich leider nur mein billiges internes Notebook-Mikro zur Verfügung hatte.

Übrigens: Allen, die das Thema Generation C64 aus politikwissenschaftlicher Sicht interessiert, kann ich diesen Blog-Artikel empfehlen, der das Thema im Lichte der Konfliktlinientheorie betrachtet. Ich habe das auch kommentiert. Un nur am Rande: In der SPD hat sich bereits die Gruppe Piraten in der SPD gebildet, die gegen den Beschluss der Partei Sturm laufen, die Netzsperren mitzutragen.

Kristian Köhntopp findet etwas harschere Worte als ich zum Generationenkonflikt:

Rupert Scholz und mit ihm die Partei, die er repräsentiert, stehen für diese Welt der Zurückgebliebenen. Wir nennen sie Alte Männer mit Kugelschreibern oder Internetausdrucker. Wir wissen nicht, wie wir mit ihnen reden sollen und wie wir ihnen unsere Welt erklären sollen, und wir hoffen, daß es eine biologische Lösung für dieses Problem gibt.

Aber im dann Folgenden bringt er exakt das auf den Punkt, was so viele, denen Computer und das Netz fremd sind, einfach nicht begreifen können oder wollen:

Unsere Computer sind Kopiermaschinen. Um ein Programm auszuführen muß es von einem Medium in den Speicher, vom Speicher in den Prozessor kopiert werden, ebenso alle Daten. Ergebnisse werden zurück kopiert. Der Befehlssatz eines jeden Rechners hat circa zehn Mal mehr Kopier- als Rechenbefehle.

Unsere Netze sind Kopiermaschinen. Wir sagen wir ‘senden eine Nachricht’, aber das Wort ist falsch. ‘Senden’ impliziert, daß die Nachricht sich bewegt und für den “Ab”-Sender nicht mehr da ist. Das ist in der realen Welt so, aber nicht im Netz: Wir kopieren eine Nachricht an die Empfänger.

Das Wesen aller IT ist die Kopie.

Das Wesen aller Kommunikation und der darauf aufbauenden Kultur ist es auch. Wer jemals eine Retweet-Welle durch Twitter hat laufen sehen, oder einem Exchange-Server beim Verdauen des neusten Powerpoint-Spams mit lustigen Katzenbildern zusehen konnte, der weiß dies aus eigener Anschauung.

Nein, im Ernst – dieses Blog hier ist voll von orignalem Content. Das Zeugs ist nicht ganz schlecht, glaube ich, weil mir Leute schreiben, die das verwenden oder gar bezahlen wollen. Dieses Blog ist auch voll von Links und von Zitaten. Ohne diese Links und Zitate wäre dieses Blog sinnlos. Und dieses Sharing von Inhalten, das Weitergeben von URLs und Texten ist wichtig, denn es macht das Wesen von Nachrichten und Diskussionen aus.

Computer sind Kopiermaschinen. Das Netz macht aus allen Computern auf der Welt eine einzige Kopiermaschine. Und die Generation Rupert Scholz glaubt, daß sie noch politischen Gestaltungsspielraum hat.

Hier ist die Wahl. Sie ist die einzige Wahl. Sie ist digital, wie das Medium, das die Wahl erzwingt:

1. Kopieren hinnehmen.
2. jede Kommunikation von Jedermann mit jedem anderen immer auf ihre Legalität hin untersuchen und filtern.

Wenn Fall 2 nicht stattfindet, bildet sich sofort ein Overlay-Netzwerk und Fall 1 tritt ein.

Jede der beiden Entscheidungen verändert unsere Lebensart.

Ja, ich habe auch keine Lösung. Ich kann nur garantieren, daß dies die Wahl ist, und daß sie unausweichlich ist. Und meine Präferenz ist auch klar. Sie hängt damit zusammen wie ich lebe.

Quelle: blog.koehntopp.de

Oder, wie es Andy Müller-Maguhn schon vor fast zehn Jahren auf den Punkt gebracht hat: “Es gibt keinen Kopierschutz, bestenfalls Kapierschutz“.

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Toby Thalhammer, MdL in Bayern (FDP)

Wegen Leuten wie dem bayerischen FDP-Landtagsabgeordneten Tobias Thalhammer (Selbstbeschreibung: “29 Jahre, weltoffen, leistungbereit, tolerant“, Selbstdarstellung: betont pseudolocker) ist diese Partei und damit leider auch zu einem gewissen Teil der politische Liberalismus in Deutschland für immer verbrannt. Man mag den Deutschen Auschwitz verziehen haben, aber der politische Liberalismus in Deutschland wird sich niemals davon erholen können, dass solche Leute ihm ein Gesicht gegeben haben.

Ich würde ja nicht so weit gehen, das zu behaupten, wenn Tobias Thalhamme ein Ausreißer wäre. Aber er fügt sich einfach zu gut ein, in die Reihe Guido Westerwelle, Guidomobil, 18% und den fortgesetzten politischen Amoklauf der “Steuersenkungspartei”.

Disclaimer: Nachdem es in meinem Blog in letzter Zeit ein wenig “rantig”  zugegangen ist, habe ich nun die neue Kategorie “Polemik” erschaffen. Beiträge wie dieser, die hier gepostet werden, sollten nicht ernster genommen werden, als sie gemeint sind.

Sloterdijk – die Energiescheibe für Intellektuelle


Quelle: Strizz auf FAZ.Net

Ein kleiner Nachtrag zu Sloterdijk

Was ist eigentlich produktiv? In seinem jüngsten von mir bereits mit einer Polemik bedachten Aufsatz des Pop-Philosophen Peter Sloterdijk unterlässt dieser eine Begriffsklärung natürlich genauso, wie er eine saubere Argumentation vermissen lässt.

Ich nehme aber an, Sloterdijk hängt einer ähnlichen Defintion des Begriffs an, wie ein VWL-Prof von mir, mit dem ich im Dauer-Clinch lag. “Ökonomisch gesehen”, betonte er immer – womit er natürlich seine vulgär-liberale Perspektive meinte – “gibt es keine perversen Präferenzen”.

So gesehen gehört Sloterdijk natürlich zu den Hochproduktiven. Denn Veranstaltern ist es regelmäßig 5-stellige Beträge wert, dass Sloterdijk seine anti-intellektuellen verbalen Ausdünstungen unters Volk bringen kann. 

Da zählt aus (neo)klassischer Sicht auch nicht, dass jeder Durschnittsbegabte mit einem Restanspruch an Anstand und Moral erkennt, dass das Ergebnis ein mit Unsinn zugedröhntes Publikum ist, das um seine Früchte Arbeit gebracht wurde. So wie aus (neo)klassischer Sicht auch eine völlig sinnlose Energiescheibe 1000 Euro wert ist, so lange jemand das bezahlt. Für mich ist Sloterdijk die Energiescheibe für Intellektuelle – oder die, die sich dafür halten.

Aus dieser Sicht entsteht ja auch bei der Inanspruchnahme einer legalen Prostituierten (produktiv!) volkswirtschaftlicher Nutzen, während eine sich nicht dem Korsett des Warenfetischs unterwerfende freiwillige Liebesbeziehung (unproduktiv!) volkswirtschaftlich keinen Wert hat. Sen, Stiglitz – bitte übernehmen Sie!

Scheinheilige Quoten

Zu Sexy und körperbetont: Die FDP wirft der RTL-Castingshow “Deutschland sucht den Superstar” Diskriminierung und Ausgrenzung von Behinderten vor.
Quelle: DerWesten.de
Brauchen wir also eine Behinderten-Quote für Castingshows? Das geht mir alles noch nicht weit genug.
Wir brauchen dringend noch eine Hässlichen-Quote bei Models. Und was ist eigentlich mit Dummen? Studien belegen, dass Dumme bei der Ausschreibung für Professoren-Stellen systematisch benachteiligt werden. Also Dummen-Quote für Professuren, starten wir endlich die Paralympics der Forschung!

Betreibt Sixt Link-Spam?

Was fällt euch zum Autovermieter Sixt ein? Meine bisherigen Assoziationen waren: Dümmliche, aggressive und peinliche Werbungen. Wie beispielsweise diese hier mit “Supermodel”-Kandidatin Gina Lisa Lohnfink und Jopie “Hitler war ein guter Kerl” Heesters:

Nunja, wie auch immer. Sixt schafft es so jedenalls Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen – doch das reicht der Marketing-Abteilung offensichtlich noch nicht, mal will auch bei Google ganz oben sein. Künfitig wird der Namen Sixt nämlich noch eine weitere Assoziation bei mir hevorrufen: SEO-Linkspammer. Denn wer sonst hätte ein Interesse daran, dieses Blog anzulegen?

Lieber Peter Sloterdijk,

Offener Brief Polemik an einen Pop-Philosophen

um Sie ist es etwas still geworden. Seit Ihren Aufsehen erregenden “Regeln für den Menschenpark” mag sich niemand so recht für Sie interessieren, dessen intellektuelle Autorität sich vor allem aus drei Quellen speist: Ihre wilde Frisur, ihre behäbige Art zu reden und Ihre pseudoelitäre, durch und durch verkomplizierende Sprache, hinter der Sie für gewöhnlich die mangelnde Substanz Ihrer Gedanken zu verstecken versuchen.

Für Ihr mediales Comeback versuchen Sie sich natürlich erneut mit einem Thema ins Gespräch zu bringen, das gerade im Trend liegt. Ganz klar, ein Buch über die Krise muss her. Ihr Werk “Du mußt dein Leben ändern” habe ich nicht gelesen. Wohl aber das, womit sie dieses Buch nun offenbar bewerben wollen, Ihren jüngsten Beitrag in der FAZ: “Die Revolution der gebenden Hand“.

Als ich die Ankündigung auf FAZ.Net las, schwante mir schon Böses: Eine “Abrechnung mit der Kapitalismuskritik” wurde dort versprochen und Ihr Artikel in einem Atemzug mit Arnulf Barings Pamphlet “Bürger auf die Barrikaden” genannt. Haben Sie das wirklich verdient? Nach der Lektüre des Textes muss ich aber leider feststellen: haben Sie!

Zunächst einmal: Warum suchen Sie sich für ein Comeback ausgerechnet das Thema Wirtschaft und Ökonomie aus, von der Sie offenbar noch weniger wissen als von Gentechnologie? Ich ahne es schon: Als trendiger Pop-Philosoph hat man natürlich das Problem, dass man sich die derzeit brennenden Themen, zu denen man etwas sagen muss, nicht aussuchen kann.

Kommen wir also zum Inhaltlichen. Mit den ersten Hälfte des Artikels muss man sich eigentlich nicht großartig auseinandersetzen. Schließlich beschreiben Sie dort zunächst nur in aller Ausführlichkeit das, was Sie eigentlich kritisierten wollen: Den linken Eigentumsbegriff und seine Historie. Für geschichtlich wenig gebildete Leser sicher nicht uninteressant.

Auf der ersten Seite der FAZ wurde Ihr Artikel so angepriesen: “Peter Sloterdijk zeigt, wo die Linken irren, und fordert eine Neuordnung des Steuerstaats“. Die Neuordnung des Steuerstaats, soviel schon einmal vorneweg, sollten Sie lieber Leuten überlassen, die zumindest über rudimentäre Kenntnisse in den Bereichen Ökonomie und Verfassungsrecht verfügen. Aber eine Kritik linker Ökonomievorstellungen – was gäbe dieses Thema nicht alles her! Von der Verkürzung des Gerechtigkeitsbegriffs auf Verteilungsfragen, über die Frage inwiefern sich gesellschaftliche Freiheit von der wirtschaftlichen abkoppen kann, bishin zum völligen Ausblenden des Wertschöpfungsaspekts in einer Wirtschaftsordnung, dem viele Linke fröhnen.

Sie hingegen wollen sich offenbar auf den linken Eigentumsbegriff konzentrieren, schließlich haben Sie gut die Hälfte ihrer großzügig bemessenen Zeilen auf die Beschreibung desselbigen verwendet, um dann Folgendes zu schreiben: “Es würde sich an dieser Stelle nicht lohnen, die Irrtümer und Missverständnisse aufzuzählen, die der abenteuerlichen Fehlkonstruktion des Prinzips Eigentum auf der von Rousseau über Marx bis zu Lenin führenden Linie innewohnen“. Aha. Es lohnt sich also über die Hälfte des Artikels dafür zu verwenden, den linken Eigentumsbegriff in all seinen Details samt historischer Herleitung zu beschreiben – aber die Kritik daran lohnt sich dann irgendwie doch nicht.

Also halten Sie sich gar nicht großartig mit der Dekonstruktion dessen auf, was sie eigentlich kritisierten wollen, sondern liefern gleich Ihre eigene Vision des Kapitalismus, die so eigen dann ja doch wieder nicht ist, wie Sie mit den zahlreichen Verweisen auf die liberale Geistesgeschichte ja selbst einräumen. Wahrscheinlich, um dafür Glaubwürdigkeit zu gewinnen, wollen Sie offenbar zeigen, dass Sie irgendwas von Wirtschaft verstanden haben. Vielleicht haben Sie sogar ein ganz gutes Buch zum  Thema gelesen. Auf jeden Fall scheint bei Ihnen irgendwie hängen geblieben zu sein, dass unser kapitalistisches System auch etwas mit Zins, Verschuldung und Eigentum zu tun hat. Nur was es genau damit auf sich hat, das scheinen Sie nicht verstanden zu haben.

Der marxistisch konstruierte Gegensatz von Kapital und Arbeit, den sie in ihrer gewohnt schwurbeligen Art als “basale Antagonie zwischen Kapital und Arbeit” bezeichnen, ist sicher – selbst aus marxistischer Perspektive – nicht mehr zeitgemäß. In Zeiten von Finanzinvestoren und Leverage-Buy-Outs ist er vielmehr einem komplizierten Beziehungsgepflecht zwischen verschiedenartigen Eigentümern, Gläubigern, Managern und Arbeitnehmern gewichen.

Die über 160-jährige Debatte über die Beziehungsstruktur zwischen Kapital und Arbeit aber mit der flapsigen Bemerkung “Der Movens der modernen Wirtschaftsweise ist nämlich keineswegs im Gegenspiel von Kapital und Arbeit zu suchen. Vielmehr verbirgt sich es sich in der antagonistischen Liaison von Gläubigern und Schuldnern” beiseite zu wischen, das muss wohl der Anti-Intellektualismus sein, vor dem ZEIT-Autor Adam Soboczynski so eindringlich warnt. Nur findet er nicht nur im Internet seinen Platz, sondern auch im Feuilleton der FAZ. Es wäre schlicht ein Stilbruch in Ihrem Artikel, wenn Sie Ihre gewagte These durch irgendwelche Fakten oder auch nur Theorien untermauern würden. Wahrscheinlich verzichten Sie deshalb konsequenterweise darauf.

Das nun Folgende noch zu kommentieren, dazu fehlt mir fast die Kraft. Die gesammelten Wahlkampfreden Guido Westerwelles in ihrer verschwurbelten Sprache zu lesen, das hat entgegen meiner Erwartung grauenhafterweise nichtmal mehr Unterhaltungswert.

Der Staat ist ein Ungeheuer, der die Produktiven auf Kosten der Unproduktiven beraubt und sich dabei der progressiven Einkommensteuer bedient. Gähn. Wenn ich politischen Libertarismus pseudophilosophisch gerechtfertigt lesen will, dann greife ich zu den Werken Ayn Rands, die hat das vor über sechzig Jahren schon besser hinbekommen. Sie unternehmen ja nicht mal mehr den Versuch einer philosophischen oder ökonomischen Rechtfertigung Ihres Anti-Steuer-Pamphlets.

Der staatliche Umverteilungsmechanismus ist übrigens durchaus so gewollt, selbst von arbeitgerbernahen Wirtschaftsinstituten. Das Fehlen von Umverteilung würde uns nämlich nicht nur in ein soziales und moralisches, sondern auch in ein ökonomisches Dilemma bringen.

Ihr Lösungsvorschlag: Zwangssteuern abschaffen und die Reichen tragen aus Eigeninteresse ihren Teil zur Finanzierung des Allgemeinwesens bei, sozusagen als Almosen im Sinne des sozialen Friedens. Na das ist ja mal originell. Wie gut für Sie, dass philosophische Gedanken meist nicht danach bewertet werden, ob sie auch funktionieren. So muss sich auch niemand mit den Irrtümern des Herrn Sloterdijk befassen – zum Glück.

Freundlich grüßt,

der Döner

PS: Ich habe mir eben nochmals Arnulf Barings “Bürger auf die Barrikaden” durchgelesen. Der Vergleich war (auch von der FAZ) unfair. Ganz so tief sind Sie noch nicht gesunken.

Mehr zum Thema: Sloterdijk – die Energiescheibe für Intellektuelle

Kapital rentiert sich – immer?

Vor einiger Zeit habe ich folgenden Aufsatz des Tübinger Soziologen Christoph Deutschmann gelesen: “Ende und Wiederkehr des Keynsianismus – Rätsel der aktuellen Wirtschaftspolitik“. Der Artikel stammt zwar aus dem Jahre 2003, doch der Titel lässt es schon ahnen: Inhaltlich ist der Aufsatz aktuell wie nie, insbesondere, da er eine langfristige Perspektive auf die Wirtschaftssysteme der westlichen Welt einnimmt.

Tatsächlich eröffnete er mir noch einmal eine neue Sicht auf die Krise, was allerdings vor allem daran liegt, dass ich mich bisher offenbar zu wenig mit Keynes auseinandergesetzt habe. Bisher bin ich in all meinen Betrachtungen implizit davon ausgegangen, dass Kapital im Großen und ganzen schon Möglichkeiten findet, um zu rentieren, z.B. als ich das aus meiner Sicht Grunddillemma jeder Wirtschaftspolitik beschrieben habe.

Dass das nicht unbedingt so ist, darauf geht ja auch schon der Post-Keynsianer Minsky ausführlich ein. Aber bereits bei Keynes spielt das eine besondere Rolle. Rendite basiert auf Wachstumserwartungen – und der Konsumwachstum ist in gesättigten Volkswirtschaft irgendwann erschöpft. In fortgeschrittenen Gesellschaften ist Kapital, wie es Keynes ausdrückt, außerdem kein knappes Gut mehr:

Die Profitrate (“marginal efficiency of capital” in Keynes’ Terminologie) sinkt und tendiert schließlich gegen Null. In einer Gesellschaft, die im Überfluss lebt und spielend alles Lebensnotwendige erzeugen kann, verliert Kapital seinen Knappheitswert. Eine Netto-Akkumulation von Kapital findet nicht mehr statt und ist auch nicht mehr erforderlich. Produktionsmittel werden zwar weiterhin gebraucht, aber es kann im Regelfall nicht mehr damit gerechnet werden, dass sie mehr erwirtschaften als ihre
Wiederbeschaffungskosten. Damit aber entfällt auch, wie Keynes betonte, die ökonomische Rechtfertigung für eine stark ungleiche Verteilung der Einkommen.

Quelle: Ende und Wiederkehr des Keynsianismus

Es gibt natürlich, wie der Autor anmerkt, auch in wirtschaftlich fortgeschrittenen Geselschaften noch das, was Schumpeter den Prozess der kreativen Zerstörung nennt – also teils traumhafte Renditemöglichkeiten in neuen innovativen Technologiebereichen, die ältere Wirtschaftsbereiche ersetzen. Aber wie auch die 2000er-Blase zeigt offenbar in sehr viel begrenzterem Umfang als Kapital vorhanden ist, das investiert werden möchte.

Deutschmann sieht in der Renditeerwartung der Finanzinvestoren unter dieser Perspektive ein Problem: Der Kapitalismus in jetztiger Form ist auf Wachstum angewiesen, das heißt auch auf steigende Investitionen. Laut dem Autor sah Keynes für gesättigte Volkswirtschaften eine schleichende Enteignung des Kapitals vor: Der Staat ersetzt die aufgrund sinkender Renditeerwartungen ausbleibenden privaten Investitionen durch staatliche schuldenfinanzierte Ausgabenprogramme und finanziert das über die Notenpresse. Das bedeutet langfristig Inflation, also Enteignung der Kapitalbesitzer, die ihr Geld horten. Nicht beachtet wurde bei dieser Handlungsempfehlung an die Politik natürlich, das sich Kapital im Ausland der inflationierenden Hand des Staates entziehen kann.

Meine These dazu:

Nun ist die Notenbank hierzulande ja der Geldwertstabilität verpflichtet, deficit spending verpönt und eine geordnete Entschuldung über Inflation ziemlich unmöglich (wir betrachten jetzt zunächst Europa, im Falle der USA wird das alles noch weitaus komplizierter; hier stecken wir voll im globalen Dollar-Dilemma). Keynsianische Nachfrageprogramme sind also nur in engen Grenzen – und keinesfalls als Dauereinrichtung – möglich.

Die Strategie, die meiner These nach hierzulande stattdessen verfolgte wurde, war alles zu versuchen, die Renditeerwartung der privaten Investoren aufrecht zu erhalten, um die Investionsbereitschaft nicht einbrechen zu lassen: In den USA vor allem über niedrige Zinsen, in Europa vor allem über Lohndrückerei, immer radikale Kürzungen der Kapitalbesteuerung und eine insgesamt extrem angebotsseitig orienterte Wirtschaftspolitik. Auch das eine Ursache der Kapitalmarktblase – wobei die weniger dramatisch ist als die damit verbundene Leverage-bedingte Verschuldungsblase. Die Niedrigzinspolitik der Fed sehe ich nach wie vor als die Hauptursache der Krise.

Hier setzen die Überlegungen des Soziologen und Ökonomen Gunner Heinsohn an, der kürzlich einen sehr lesenwerten Beitrag in der FAZ geschrieben hat.  Seine Theorie in Kurzform: Der Kapitalismus lebt von der Verschuldung und die Verschuldung lebt vom Eigentum, das verpfändet werden kann. Krisen entstehen immer dann, wenn das verpfändbare Eigentum knapp wird und der Kreditkreislauf dadurch ins Stocken gerät – da helfen auch keine niedrigen Zinsen.

Die niedrigen Zinsen führen seiner Meinung nicht nach dazu, dass mehr Geld in der Realwirtschaft ankommt, denn hier mangelt es ja an verpfänbaren Eigentum, sondern dass sich sämtliche Anlageformen wie Aktien, Immobilien und Anleihen, die eine Rendite über null erwirtschaften, schuldenfinanziert aufblähen. Bei einer Nullzinspolitik der Notenbank ist es für die Banken schließlich nur sinnvoll, sich zu verschulden, um schuldenfinanziert in Wertpapiere zu investieren, die eine Rendite abwerfen – und sei die auch noch so klein.

Der Crash setzt dieser Lesart der Krise ein, sobald die aufgeblähten Anlageformen nicht mehr über null rentieren – oder wie FAZ-Blogger Thomas Strobl es ausdrücken würde: Sobald der letzte Kettenbriefkäufer des Schneeballsystems kein neues Opfer mehr findet:

Wenn beim Rennen um die Renditen das höchste Preisniveau erreicht ist, auf dem kein Ertrag oberhalb des Nullzinses mehr erzielbar ist, platzt die Blase. Ein Öl-Future, für den man sich 1,5 Millionen so ungemein günstig geliehen hatte, fällt schlagartig auf 0,5 Millionen: Um die ausstehende Million aufzubringen, wird panisch quer durch alle Anlagen verkauft, wobei im Preis auch das stürzen muss, was eigentlich unverändert solide geführt wird und als „Realwirtschaft“ gedanklich abgeschirmt verstanden wird, obwohl es selbstverständlich auch nur über Schulden gedeihen kann. Die Zinsnullung, die ebendiesen guten Unternehmen der Realwirtschaft Geld zuführen sollte, hat sie wegen der im Crash erlittenen Wertverluste bei den Kreditsicherheiten noch wesentlich stärker in ihrer Fähigkeit beeinträchtigt, Geld zu leihen. Die liebenswert-naiven Firmenhelfer in den Zentralbanken werden zu wahren Monstern der Unternehmenszerstörung.

Hätte man nach dem Fiasko früherer Nullzinspolitik wenigstens das System zu durchschauen versucht, wäre das Übel womöglich geringer. Stattdessen wird aber am ökonomischen Leib gerade eine Notoperation durchgeführt, bevor wir zutreffende Kenntnis von dessen Anatomie besitzen. Unser Verständnis derselbigen wie auch eine darauf aufbauende geld- und fiskalpolitische Agenda müssen beim Mangel an unternehmerischen Kreditsicherheiten ansetzen.

Quelle: FAZ.Net