Zehn Thesen zur Finanzkrise von Nicholas Taleb

Ein Gedanke bewegt mich seit Ausbruch der Finanzkrise: Die Welt ist einfach zu komplex geworden. Dass selbst Banker ihre eigenen Finanzprodukte nicht mehr verstehen, ist inzwischen zu einem Gemeinplatz geworden. Es ist meines Erachtens aber Zeit, sich ernsthaft darüber Gedanken zu machen, was wir aus dieser immer komplexeren Welt, aus der eine immer größere Anzahl von Unwägbarkeiten folgt, für Konsequenzen ziehen sollten.

Einer, der sich schon vor dem Ausbruch der Finanzkrise darüber Gedanken gemacht hat, was aus dieser Erkenntnis für unser Wirtschaftssystem folgen sollte, ist der ehemalige Finanzmathematiker Nicholas Taleb (“Der Schwarze Schwan“). Seine Grundthese: Wir wissen weniger, als wir glauben und ignorieren das Auftreten von “schwarzen Schwänen” – also Ausreißern bei empirischen Beobachtungen. Dahinter steckt das Gleichnis vom Naturforscher, der sein ganzes Leben nur weiße Schwäne gesehen hat und fälschlicherweise darauf schließt, dass es nur weiße Schwäne gäbe.

In der Financial Times stellte Taleb zehn Prinzipien für eine Welt auf, die vor schwarzen Schwänen gefeit ist. Ich habe versucht sie zu übersetzen. Seine Thesen sind radikal und ich teile sie überwiegend nicht – aber sie sind interessant. Für überlegenswert halte ich vor allem die ersten beiden Thesen sowie These Nr. 4, etwas wirr und drastisch wird er dann bei These Nr. 10.

1. Alles was zerbrechlich ist, sollte möglichst schnell zerbrechen. Man sollte nichts in der Wirtschaft zu groß zum Scheitern werden lassen (“too big to fail“). Die Evolution des Wirtschaftlebens hilft denjenigen, mit den meisten versteckten Risiken – und damit den fragilsten – die größten zu werden.

2. Keine Sozialisation von Verlusten bei Privatisierung der Gewinne. Alles, was eventuell durch staatliche Maßnahmen gerettet werden muss (“Bail-out“), sollte verstaatlicht werden; alles, was nicht gerettet werden muss, sollte privat, klein und risikofreudig sein. Wir haben es geschafft, das jeweils schlechteste von Kapitalismus und Sozialismus zu kombinieren. Im Frankreich der 1980er haben die Sozialisten die Banken übernommen. In den Vereinigten Staaten der 2000er haben die Banken die Regierung übernommen. Das ist surreal.

3. Leute, die blind am Steuer eines Schulbusses saßen (und ihn vor die Wand gefahren haben), sollten nie wieder einen neuen Bus bekommen. Das ökonomische Establishment (Universitäten, Behörden, Zentralbanker, Regierungsmitarbeiter und verschiedenste Organisationen voller Ökonomen) haben ihre Legitimität mit dem Scheitern des Systems verloren. Es ist unverantwortlich und dumm unser Vertrauen in die Fähigkeit genau dieser Experten zu legen, um uns aus dem Schlamassel zu führen. Sucht stattdessen intelligente Leute, die ihre Hände in Unschuld waschen können!

4. Gib niemanden Boni, der für ein Atomkraftwerk oder unsere finanziellen Risiken verantwortlich ist. Die Chancen stehen gut, dass er bei der Sicherheit an jeder Ecke spart, um “Profite” auszuweisen, während er für sich in Anspruch nimmt “konservativ” zu handeln. Boni beziehen nicht die versteckten Kosten des möglichen Crashs mit ein. Es ist die Asymmetrie des Bonus-Systems, die uns in diese Lage gebracht hat. Keine Anreize ohne Abschreckungen: Kapitalismus bedeutet belohnen und bestrafen, nicht nur belohnen.

5. Gleiche Komplexität mit Einfachheit aus. Die Komplexität, die sich aus der Globalisierung und dem hochvernetzten Wirtschaftsleben ergibt, muss durch die Einfachheit von Finanzprodukten ausgeglichen werden. Die komplexe Ökonomie ist bereits eine Form der Hebelwirkung (“leverage“): Der Hebelwirkung der Effizienz. Ein solches System überlebt dank Spiel nach oben und unten (“slack”) und Redundanz; das ganze noch mit Verschuldung zu betreiben führt zu einem sich beschleunigenden unberechenbaren und gefährlichen Karussel, das keinerlei Raum für Fehler lässt. Der Kapitalismus kann Trends und Blasen nicht verhindern: Kapitalmarktblasen (wie im Jahr 2000) haben sich als harmlos herausgestellt; Verschuldungsblasen sind bösartig.

6. Gib Kindern selbst dann kein Dynamit, wenn es mit einer Warnung versehen ist. Komplexe Derivate müssen verboten werden, weil sie niemand versteht und nur wenige rational genug sind, das auch einzusehen. Bürger müssen vor sich selbst geschützt werden, vor Bankern, die ihnen “gehedgede” Produkte verkaufen, und vor leichtgläubigen Regulierungsbehörden, die auf Ökonomen hören.

7. Nur Schneeballsysteme (“Ponzi schemes“) sollten auf Vertrauen beruhen. Regierungen sollten niemals “Vertrauen wiederherstellen”. Gerüchte sind die Folge von komplexen Systemen. Regierungen können sie nicht verhindern. Wir müssen uns ganz einfach in eine Lage versetzen, in der uns Gerüchte nichts mehr anhaben können. Das ist die sicherste Methode, um ihnen zu begegnen.

8. Gibt einem Süchtigen nicht noch mehr Drogen, wenn er Entzugserscheinungen hat. Kredite zu Verfügung zu stellen, um das Probleme von zu viel Verschuldung zu lösen, ist keine Homöopathie, sondern Leugnung der Krankheit. Die Verschuldungskrise ist kein vorübergehendes Problem, sondern ein strukturelles. Wir müssen in die Reha.

9. Bürger sollten nicht auf Finanzanlagen oder den Rat fehlbarer “Experten” für ihre Altersvorsorge angewiesen sein. Das Wirtschaftsleben sollte von der Finanzindustrie befreit werden. Wir sollten lernen, die Märkte nicht als Lagerhaus für Werte zu nutzen: Sie bieten nicht die Sicherheit, die normale Bürger benötigen. Bürger sollten um ihre eigene Geschäftstätigkeit besorgt sein (die sie selbst kontrollieren), nicht um ihre Investments (die sie nicht kontrollieren).

10. Mach ein Omelett aus den zerbrochenen Eiern. Letztlich kann diese Krise nicht mir behelfsmäßigen Reperaturen überwunden werden, genauso wie ein Boot mit morschem Schiffskörper nicht mit behelfsmäßigen Flicken repariert werden kann. Wir müssen den Schiffskröper neu konstruieren, mit neuen (stärkeren) Materialien; wir müssen das System stürzen bevor es das von selbst tut. Lasst uns freiwilllig zum Kapitalismus 2.0 übergehen, indem wir das, was dazu kaputtgehen muss, kaputtgehen lassen, Schulden in Kapital wandeln, die etablierte ökonomische Theorie und das Establishment der Wirtschaftsschulen beseite drängen, die alten Ideen der Ökonomie fallen lassen, kreditfinanzierte Firmenübernahmen verbieten, Banker dorthin setzen, wo sie hingehören, die Boni von denen zurückkrallen, die uns in diese Situation gebracht haben und den Leuten lehren, wie man sich in einer Welt mit mehr Unssicherheiten bewegt.

Dann hätten wir ein Wirtschaftsleben, das sich näher an unserer biologischen Umwelt orientiert: Kleinere Unternehmen, eine reichhalltigeres Ökosystem, keine Hebelwirkungen (“leverage“). Eine Welt, in der die Unternehmer die Risiken tragen, nicht die Banker und jeden Tag neue Unternehmen entstehen, ohne die Nachrichten zu beherrschen.

Mit anderen Worten: Ein Ort, der für schwarze Schwäne weniger anfällig ist.

Der Autor ist ein erfahrener Börsenhändler, bedeutender Professor am Polytechnic Institute der Universität von New York und Verfasser des Buchs Der Schwarze Schwarn: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse.

 

Der Artikel erschien in der Financial Times vom 7. April 2009 unter dem Titel “Ten principles for a Black Swan-proof world“.

Zu den wirtschaftlichen Unwägbarkeiten noch ganz interessant:

Soviel Selbstkritik ist selten: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), wegen zu optimistischer Konjunkturvorhersagen selbst in die Kritik geraten, geht in die Offensive und zieht gegen das Prognosewesen der Ökonomen zu Felde. Dazu ließ das Institut eigens eine Studie erstellen mit dem vernichtenden Ergebnis: die Prognostiker haben versagt – nicht einmal, sondern eigentlich schon immer.

Quelle: Handelsblatt.com

Zum Weiterlesen: FAZ.Net – Die Vermessung der Krise

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6 thoughts on “Zehn Thesen zur Finanzkrise von Nicholas Taleb

  1. Danke zunächst für die Übersetzung.
    Warum widersprichst du beispielsweise der 1. These? Weil man Unternehmen durchaus so groß werden lassen sollte, oder weil du nicht glaubst, daß versteckte Risiken beim Großwerden helfen?

  2. Ich sollte mich präziser ausdrücken: Ich teile nicht alle seine Thesen. Gerade die erste, zweite und vierte aber schon.

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