Wirtschaft mal naiv betrachtet

Manchmal hilft es, Dinge kindlich zu betrachten, wenn man – wie es so schön heißt – den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. Denn zu viel Wissen kann einem auch den Blick auf das Wesentliche verstellen: Uns geht es, wirtschaftlich betrachtet, so gut wie nie – zumindest insgesamt. Eilige können gleich ab “Wirtschaftspolitik naiv betrachtet” mit dem Lesen beginnen. Der sperrige Einstieg könnte allerdings helfen, sich in den Geisteszustand zu versetzen, der für den dann folgenden Part den Geist öffnet. Nein, es folgt keine Hypnose oder Gehirnwäsche, read on my dear …

Fast mein ganzes Leben lang betrachte ich viele Dinge im wesentlichen auf zwei Ebenen: Einerseits oberflächlich, indem ich schnelle eine Einordnung in mein vorhandenes Wissen vornehme, mit der sich praktikabel umgehen lässt: Eine grüne Ampel ist eine grüne Ampel, die mir signalisiert, dass ich über die Straße gehen kann. Ich hinterfrage in diesem Moment nicht, warum sie grün leuchtet, mir ist nicht bewusst, dass das Licht eine Wellenlänge irgendwo im Bereich von 520 bis 560 Nanometern haben muss etc. Nur weil wir Menschen abstrahieren, unnütze Informationen und Hinterfragungen beseite schieben können, sind wir überhaupt alltagstauglich.

Die andere Ebene ist sozusagen die philosophische. Was zeichnet eine philosophische Betrachtweise aus? Im Grunde ist sie naiv im besten Sinne – und zwar in dem Sinne, dass sie kein Wissen als gegegen ansieht, sondern vorhandenes Wissen als Glauben erstmal ignoriert. Das erschwert eine schnelle Einordnung und erfordert das Hinterfragen und konsequent logisches Denken.

Im Laufe eines Lebens verschiebt sich meiner Beobachtung nach die Wahrnehmung häufig zunehmend von der philosophischen Betrachtungsweise auf die oberflächliche, denn sie erweist sie im Alltag als sehr viel praktikabler. Für die meisten Fragen des Lebens haben wir irgendwann eine halbwegs befriedigende Antwort gefunden, z.B. ob es sinnvoll ist bei rot oder grün über sie Straße zu gehen. Auch für komplexere Fragestellungen akzeptieren wir meist irgendeine Antwort. Im Hinterkopf wissen wir zwar, dass unsere Meinung dazu wahrscheinlich nicht der Weisheit letzt Schluss ist – aber eine ständige erneute Evaluation wäre einfach nicht alltagstauglich und viel zu anstrengend. Wir ersetzen also Zweifeln und Grübeln durch vermeintliches Wissen, das sich als mehr oder weniger nützlich erweist.

Manchmal allerdings lohnt sich die philosophische Perspektive wieder – und zwar dann, wenn sich die Bedingungen, durch die das alte Wissen zustande gekommen sind, dramatisch verändert haben. Ein solcher Punkt ist jetzt in der Wirtschaftspolitik erreicht, denn die Bedingungen, unter denen das heutige Wissen dazu zustandegekommen ist, haben sich seit der Industrialisierung dramatisch verändert (dazu später mehr).

Nun “weiß” ich auch sehr viel über Ökonomie. Ich könnte von Milton Friedmans Monetarismus bis zu den verschiedenen nachfrageorientierten keynsianischen Ansätzen hier einiges runterbeten. Auch sogenannte unorthodoxe Keynes-Interpretationen wie die von Hyman Minsky sind mir bekannt. Nur hilft das uns nicht. Was uns jetzt meiner Meinung nach hilft, ist eine naive und kindliche Betrachtung der Wirtschaft, der Gesellschaft, des ganzen Systems, das sich Menschheit nennt und wie es funktioniert.

Ich betone mein Wissen an dieser Stelle, weil “Philosophen” von den “Wissenden”, die man eigentlich Gläubige nennen müsste, in Diskussionen meiner Beobachtung nach meist relativ schnell mit dem Runterbeten von Fachbegriffen abgebügelt werden, die sich die “Philosophen” nicht angeignet haben. Deshalb will ich in diesem Beitrag mein Wissen so weit wie möglich abschalten, ich versuche die Welt, den Menschen, die Wirtschaft so unvoreingenommen wir möglich zu betrachten – und auf Fachbegriffe zu verzichten (was mir dann übrigens doch nicht ganz gelingt).

Kurzer Exkurs zum Thema Fachbegriffe: Fachtermini sind unter Wissenschaftlern einer bestimmten Diziplin, die sich über gewisse Dinge einig geworden sind, hilfreich, weil sie die Kommunikation erleichtern. Wenn beispielsweise zwei Ökonomen der Meinung sind, dass es so etwas wie ein Gleichgewichtspreis gibt, dann können sie den Begriff natürlich verwenden. Im folgenden verwende ich Fachbegriffe wie “Kapital” über deren Definition unter Ökonomen keine Uneigigkeit herrschen dürfte. Wer nicht weiß, was sie bedeuten: Wikipedia hilft.

Wirtschaft naiv betrachtet

Also, vergessen wir für einen Moment alles, was wir über Wirtschaft zu wissen glauben. Dinge, die uns beispielsweise Politiker in Talkshows vorbeten, Phrasen wie “Wir brauchen mehr Beschäftigung”, “Wir müssen den Gürtel enger schnallen”. Weg damit!

Betrachten wir das, was wir als Wirtschaft bezeichnen noch einmal sehr kindlich-naiv, ohne vermeintliches Wissen. Am Anfang der Wirtschaft war der Mensch und seine Bedürfnisse (ja, auch das ist eine These und damit vermeintliches “Wissen” – aber ganz ohne Axiome, also grundlegende erste Annahmen, kommt auch die philosophische Betrachtungsweise nicht aus).

Um seine Bedürfnisse zu befriedigen, hat der Mensch gearbeitet: Zunächst jagde und sammelte er (ich bin kein Anthropologe und möchte die Diskussion, ob die ersten Menschen nun wirklich in größerem Umfang jagden oder nicht vielmehr Aas-Fresser waren hier nicht aufwärmen).

Die Bedürfnisse wuchsen. Neben Nahrung wollten die Menschen auch Sicherheit und erbaute Behausungen gegen die Witterung. Eine Arbeitsteilung begann. Die Spezialisierung der Menschen mehrte ihren Wohlstand, sie waren in der Lage, immer mehr Bedürfnisse immer besser zu erfüllen. Die Menschen organisierten sich, bildeten Armeen, die sie schüzten, bauten Kanalisationen, um nicht im Dreck zu leben. Die Menschen waren kreativ und erfanden immer neue Möglicheiten, ihre Bedürfnisse immer besser zu erfüllen. Je mehr Bedürfnisse befriedigt wurden, desto mehr neue entstanden: Die Menschen sehnten sich nach Kultur und Unterhaltung und auch dieses Bedürfnis wurde befriedigt – bis zum Exzess: Nicht nur eine Unterhaltungsindustrie, ganze Disneylands entstanden, nur um Menschen zu unterhalten.

Ein Mensch aus der Steinzeit, der noch im Schweiße seines Angesichts seine Nahrung beschaffte, müssten unsere Probleme heute geradezu skurril vorkommen. Alle reden von einer Krise – warum? In der westlichen Welt schaffen wir es mit einem Bruchteil der Bevölkerung sämtliche Grundbedürfnisse der Menschen sicherzustellen, selbst wenn ich die Grundbedürfnisse mal sehr breit als Nahrung, Behausungen, Gesundheit, Sicherheits – und Sanitärbedürfnis definiere. Alles andere ist purer Luxus.

Was haben die Menschen für wirtschaftliche Ängste? “Es fehlt an … Arbeit?”, fragt sich der von mir imaginierte Steinzeitmensch erstaunt. Und tatsächlich: Die Sehnsucht nach einem sicheren Arbeitsplatz ist das wohl größte Bedürfnis der Menschen in der heutigen westlichen Welt. Selbst Kinder haben schon Angst vor Arbeitslosigkeit. Ist das nicht skurril? Das, was usprünglich dazu diente, die Bedürfnisse zu befriedigen ist selbst zum allergrößten Bedürfnis der Menschen geworden: die Arbeit.

Die Gier nach Arbeit hat meines Erachtens zwei Motive und meiner Einschätzung nach kann keine von beiden langfristig aufrecht erhalten werden: Die erste ist die Notwendigkeit, Einkommen zu erwirtschaften. Für alle, die kein Kapital besitzen, ist dies die einzige Möglichkeit, ein Einkommen beziehen zu können, das über Sozialhilfeniveau liegt. Das andere Motiv ist meines Erachtens aber noch wichtiger: Arbeit bedeutet soziale Anerkennung und Status. Umgekehrt wird auf den Nichtarbeitenden herabgeblickt. Noch immer herrscht in vielen Köpfen das biblische Dogma “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen” vor. Warum?

Arbeit ist die Quelle unseres Wohlstand. Das haben viele verinnerlicht. Was weniger im Bewusstsein der Menschen ist: Arbeitsvermeidung ist eine noch wichtigere Quelle des Wohlstands. Der Kapitalismus funktioniert deshalb so gut, weil er jedem Unternehmer Anreize gibt, so effizient wie möglich zu wirtschaften. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft mit Privateigentum: Was der eine mehr erwirtschaftet, darf er behalten – und sogar reinvestieren. Damit besteht für jeden Unternehmen ein Anreiz, seine Produkte und Dienstleistung so ressourcenschonend wie möglich herzustellen – das heißt auch mit möglichst wenig Arbeit, denn die ist teuer.

Dass diese marktwirtschaftliche Ordnung effizienter ist und selbst den Ärmsten der Armen zu mehr Wohlstands verhilft, als die dem Fetisch Arbeit fröhnenden planwirtschaftlichen Systeme des ehemaligen Ostblicks, wurde in dem wohl größten wirtschaftspolitischen Freilichtexperiment der Menschheitsgeschichte bewiesen. Spätestens mit dem Mauerfall 1989 stand das Ergebnis fest.

Dennoch hält sich in den Köpfen der Menschen die Vorstellung, dass möglichst viele Menschen arbeiten müssten. Eine kollektive Zwangsneurose, mit dessen Zerschlagung die Politik lieber heute als morgen beginnen sollte. Stattdessen aber wird das vermeintliche Wissen wiederholt – egal ob keynsianisch-nachfrageorientiert oder neoliberal-angebotsorieniert: Politiker aller Colour halten am Mythos Vollbeschäftigung fest. Schlimmer noch: Damit nach beiden Konzepten noch annähernd so etwas wie Vollbeschäftigung erreicht werden kann, brauchen wir eins: Immerwährendes Wachstum, was uns alleine schon ökologisch in die Katastrophe führen würde.

Um den Bogen zu den anfänglichen philosophischen Ausführungen zu schlagen: Viele haben als vermeintliches Wissen akzeptiert, dass Wohlstand auf Arbeit basiert – und das ist natürlich auch richtig. Nur basiert dieser Wohlstand inzwischen – dank technischem Fortschritt und Rationalisierung, auf der Arbeit von immer weniger Menschen. Haben diese nun auch alleine den Wohlstand verdient?

Meine Meinung nach nicht: Denn erstens können wir heute mehr Produkte und Dienstleistungen herstellen, als diese je konsumieren könnten und zweitens basiert der Wohlstand eben auch immer weniger auf dem Faktor Arbeit und immer mehr auf dem Faktor Kapital. Dass das so ist, verdanken wir Generationen von Erfindern, Unternehmern und Arbeitern. Deren Früchte nun allein dem arbeitenden Teil der Bevölkerung zuzuschlagen wäre ziemlich ungerecht.

Deshalb brauchen wir ein bedingungloses Grundeinkommen. Denn, während das Wirtschaftssystem die Aufgabe, uns mit Waren und Dienstleistungen zu versorgen, immer besser und effizienter erledigt, versagt unser System an anderer Stelle: Die Menschen mit genügend Einkommen zu versorgen, um sich all die schönen Erzeugnisse auch leisten zu können. Mit einem Bürgergeld wäre die Basis gelegt, um uns auch weiterhin einen so wunderbar wild wuchernenden Kapitalismus zu erhalten, wie wir ihn in den vergangenen 60 Jahren erlebt haben – mit Disneylands und allem drum und dran.

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5 thoughts on “Wirtschaft mal naiv betrachtet

  1. Anonymer Feigling

    Es ist natürlich wahr, dass die Menschheit heute zum Überleben bzw. Halten eines festen Lebensstandards insgesamt immer weniger Arbeit verrichten muss. Wenn nun, wie Du sagst, “dieser Wohlstand […] auf der Arbeit von immer weniger Menschen [basiert]”, muss man sich da nicht eingentlich erst mal fragen, ob das gerecht ist, bevor man sich Gedanken über die Verteilung des Wohlstandes macht? Ist es gerecht, wenn einige wenige arbeiten, während die Faulen nur deren Früchte ernten? Wäre es da nicht sehr viel gerechter, den geringeren Arbeitsaufwand zur Erhaltung des Lebenstandards auf alle zu gleichen Teilen zu verteilen?
    Vor der industriellen Revolution haben die Menschen deutlich härter und körperlicher gearbeitet als heute, und zwar durch die größten Bevölkerungsschichten (welcher Beruf ist nicht durch Technologie leichter geworden?) — in dieser Hinsicht ist damit diese Gleichaufteilung bereits geschehen.
    Zudem, was passiert mit dem Arbeitstrieb des Menschen, wenn ihm einfach so die gebratenen Tauben ins Maul fliegen? Glaubst Du, wir können als Staat unsere Wirtschaftsmacht halten, wenn plötzlich nur noch ein Bruchteil der Bevölkerung technische und wirtschaftliche Innovation zu produzieren versucht?

  2. Du gehst von vielen Prämissen aus, ohne sie explizit zu nennen:
    1. Deine erste Prämisse: Arbeit ist eine Art Strafe. Warum sollte es sonst ungerecht sein, dass manche arbeiten andere nicht. Ich für meinen Teil arbeite gerne und viele andere sehen das auch so. Jobs, die aufgrund schlechter Arbeitsbedingungen wirklich eine Strafe sind, würden einfach entsprechend gut bezahlt werden. Das hat eine erfreuliche Nebenwirkung: Unternehmer würden alles dafür tun, solche Jobs zu automatisieren.
    2. Die immer wenigere noch vorhande Arbeit auf immer mehr Menschen zu verteilen, wäre ökonomisch ineffizient und auch irgendwann nicht mehr möglich. Die Arbeit, die sich nicht automatisieren lässt, erfordert meist gerade eine Expertenausbildung und spezialisiertes Fachwissen.
    3. Dass es einen natürlichen Arbeitstrieb des Menschen gibt, bezweifel ich. Ich glaube, es gibt einen Fortpflanzungs- und Überlebenstrieb, alles andere ist davon abgeleitet. Was Menschen, die arbeiten wollen, eigentlich wollen, ist das, was damit verknüpft ist: Soziale Anerkennung und Einkommen. Dass Einkommen und Erwerbsarbeit verknüpft sind, ist eine politische Entscheidung, die Verknüpfung von Arbeit und sozialer Anerkennung ein kulturelles Phänomen.
    Dass das nicht zwingend so sein muss, zeigt ein Blick in die Geschichte: Bei den alten Griechen galt Arbeit als unschick, das war etwas für Sklaven. Stattdessen wandte man sich lieber den schöngeistigen Dingen des Leben zu: Der Philosophie, der Kunst. Es gibt prinzipiell vieles, worin Menschen abseits von Erwerbsarbeit ihre Erfüllung finden können: Künstlerische Betätigung, Kultur, Wissen, unentgeltliche Arbeit jeder Art (z.B. soziale Arbeit), Besäufnisse – jeder wie er mag. Allerdings gebe ich zu, dass es eine Jahrhundertaufgabe wäre, die kulturell vorherrschende Verknüpfung von Arbeit und sozialer Anerkennung aufzulösen. Die kulturelle Dimension des Problems ist viel größer als die politische. Um so wichtiger ist es, die Leuten früh genug auf das Ende der Vollbeschäftigung vorzubereiten.
    Aber dein eigentlicher Einwand war ja auch: Wie beschäftigen wir den Mob, wenn er zu viel Zeit hat um auf dumme Ideen zu kommen.  Das ist glaube ich einer der Knackpunkte: Wir bräuchten noch viele viele RTL2s. Oder anders gesagt: Youtube 😉 …

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