Finanzkrise: Systemfehler oder Unfall?

Die welweit schlimmsten Rezession seit 1929 wirft eine bedeutende Frage auf: Ist die Finanzkrise ein Unfall oder ein immanenter Systemfehler? In der Öffentlichkeit wird diese Debatte bislang allerdings vorwiegend indirekt geführt wird – und zwar sowohl zwischen den Parteien als auch als Kulturkampf unter den Banken.

SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Streinmeier hätte diese Debatte anstoßen können. Doch seine Worte – meiner Ansicht nach die grundsätzlichste Positionsbestimmung der SPD seit dem Godesberger Programm – verhallten weitgehend ohne größeres Echo. Zum Wahlkampfauftakt auf dem SPD-Konvent in Berlin sagte er: Der grundsätzliche Unterschied, den SPD auf der einen und Union und FDP auf der anderen Seite trennte, seien die Konsequenzen, welche die jeweiligen Parteien aus der Finanzkrise zögen. Während Union und FDP die Krise als Unfall des Systems sähen, sei es für die SPD mehr als ein Unfall, eine systemimmenante Krise.

Leider ließ Steinmeier offen, was ganau aus dieser Erkenntniss für das Wahlkampfprogramm der SPD folgen soll. Weiterhin ist es fraglich, ob die Grenzte tatsächlich so trennscharf zwischen bügerlichen und linkem Lager verläuft, wie Steinmeier dies bei seiner Wahlkampfrede behauptete. Für die FDP hat er sicher recht: Aus einer ehemals liberalen Bürgerrechtspartei ist längst die Partei der Marktwirtschaftsproleten geworden, die sich selbst einer gebotenen Enteignung der Hypo Real Estate noch in den Weg stellen, um ihrem krawillig-neoliberalen Image gerecht zu werden. Doch die Union hat sich in dieser Frage noch nicht gefunden. Dem radikal-marktliberalem Konzept des Wirtschaftsfügels erteilte die Parteispitze jedenfalls eine Absage.

Die Rückkehr des 25-Prozent-Manns

Und auch die Wirtschaft scheint gespalten: Als Symbol der Uneinsichtigkeit könnte einmal mehr Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann aus der Krise hervorgehen – oder aber als Prophet, der recht behält. Ackermanns Vertrag wurde soeben erst bis 2013 verlängert und schon hört man ihn wieder tönen wie aus guten alten Vor-Krisen-Zeiten gewohnt: Die Deutsche Bank schrieb im ersten Quartal 2009 wieder überraschend hohe Gewinne,  schon bald soll die an alte Eigenkapitalrendite-Ziele von 25 Prozent anknüpfen.

Doch wie bei den amerikanischen Banken Wells Fargo, JP Morgan, Goldman Sachs und Bank of America: Die überraschend hohen Milliardengewinne basieren vor allem auf Handelsgewinnen. Im Bereich Investmentsbanking profitierte man von richtigen Spekulationen und einer allgemeinen Erholung der Märkte. Dieser Bereich ist jedoch – abhängig von der weiteren Entwicklung der Märkte – sehr schwankungsanfällig. Bilanz und Aussichten für das solidere Privat- und Geschäftskundengeschäft sind dagegen eher schlecht. Die Folge: Die Aktie der Deutschen Bank brach ein. Am Tag der Bilanzpressekonferenz war der Wert der größte Verlierer im Dax.

Hinzu kommt, dass viele Risiken für die Banken bislang kaum abschätzbar sind: Die Rezession erreicht die Realwirtschaft gerade erst mit voller Wucht. Aus Wirtschaftsabschwung, steigender Arbeitslosigkeit und Firmeninsolvenzen werden noch Kreditausfälle in erheblichen Ausmaß folgen. Schon die Bilanzgewinne der US-Banken kommentierte Dorothea Schäfer, Finanzmarktexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), mir gegenüber für meinen Artikel bei RP Online mit den Worten: “Man könnte sagen, es wurde in die richtige Richtung spekuliert. Davor wurde auch jahrelang in die richtige Richtung spekuliert”.

Wie auch die amerikanischen Banken hat die Deutsche Bank außerdem von den in der Finanzkrise gewährten Bilanzierungsspielräumen Gebrauch gemacht. Allerdings weist sie darauf in ihrem Geschäftsbericht eindeutig und auf transparente Weise hin.

Anderen Banken agieren hier weitaus problematischer: Milliardenschwere Verluste der Dresdner Bank hat weder der ehemalige Inhaber Allianz noch der neue Inhaber Commerzbank bilanziert. Die Allianz konsolidierte die Dresdner als Tochtergesellschaft bis zum August, die Commerzbank seit Januar. Die von schweren Marktverwerfungen geprägten Monate September, November und Dezember sind schlicht unter den Tisch gefallen. Insgesamt 3,9 Milliarden Euro des 6,3-Milliarden-Verlustes der Dresdner sind so laut FAZ verschwunden. Die Bilanz manches US-Instituts profiiert sogar durch die Abwertung der Kreditwürdigkeit

Wenn eine Pleite der Bank im Markt für wahrscheinlicher gehalten wird, sinken die Kurse ihrer Anleihen und steigen die Ausfallprämien für Kreditversicherungen wie CDS auf die Schulden der Bank. Damit sind die Schulden theoretisch weniger wert, auch wenn die Bank sie – sofern sie nicht tatsächlich pleitegeht – nach wie vor in voller Höhe zurückzahlen muss. Das Ergebnis ist ein positiver Gewinnbeitrag, wenn die Kreditwürdigkeit der Bank abnimmt.

Quelle: manager-magazin.de

Während die Banken also regen Gebrauch davon machen, die toxischen Wertpapiere auf der Aktiva-Seite der Bilanz nicht mehr nach dem Marktwert (Fair Value) zu berechnen, finden sie zunehmend Gefallen daran, ihre Verbindlichkeiten auf der Passiva-Seite “fair”, also nach dem Marktwert zu bewerten. Je eher die Bank von der Pleite bedroht ist, desto weniger sind die Schulden wert. Das hatte u.a. den paradoxen Effekt, dass die US-Pleitebank Lehman Brothers noch wenige Tage vor dem Kollaps einen Gewinn von 1,4 Milliarden Dollar verbuchte – zumindest auf dem Papier.

Würde konsequent durchgängig nach Fair-Value bilanziert werden, hätte das jedoch noch größere Verluste bei den Vermögenswerten auf der Aktiva-Seite der Bilanz zur Folge, welche die Gewinne von der Passiva-Seite überdeckten. Bei Gewinnen, die allein durch die Neuberwertung der Passiva-Seite entstehen, sollten Anleger also grundsätlich skeptisch sein.

Kulturkampf der Banken

Wenn es einen Kulturkampf der Banken gibt, dann wird er in Deutschland zwischen Deutscher Bank und Commerzbank ausgefochten. Commerzbank-Chef Martin Blessing kündigte bereits früh an, aus der Finanzkrise weit reichende Konsequenzen zu ziehen: Das Investmentbanking soll radikal gestutzt werden, das Privat- und Geschäftskundengeschäft wieder in den Fokus rücken.

Commerzbank-Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller betonte mehrfach, dass er sinkende Renditen in der Bankenbranche für nötig hält. Das Risikomanagement müsse ausgebaut werden, so Müller – und das bedeute im Zweifelsfall weniger Gewinn. Auch der jüngste an die Aktionäre verschickte Geschäftsbericht der Bank unterstreicht diesen Eindruck: Er ist mit “Konzentration auf das Wesentliche” überschrieben und zeigt eine dreiköpfige Familie. Die Botschaft scheint klar: Weg von vom risikoreichen Investmentbanking, zurück zur Stärkung des Kerngeschäfgts mit Familien und Unternehmen.

Beide Bankkonzepte werden geradezu klischeehaft von ihren jeweiligen Vorstandsvorsitzenden in persona repräsentiert: Auf der eine Seite der stets forsch auftrende Josef Ackermann, der Politik und Öffentlichkeit mit Victory-Zeichen und abfälligen Äußerungen über Staatshilfen erzürnt – auf der anderen der fast demütig auftrende Martin Blessing, der immer noch ein bisschen wie ein streberhafter Pennäler wirkt und die Aktionäre mit seiner kindlichen Schreibschrift im Geschäftsbericht grüßt.

Wer hat recht – Blessing oder Ackermann?

Welches Konzept sich am Ende durchsetzen wird, wird die Zukunft zeigen. Ich persönlich glaube nicht an eine dauerhafte Eigenkapitalrendite im Finanzsektor von 25 Prozent. Auch Finanzalchemisten haben den Stein der Weisen bisher nicht entdeckt. Die Rendite der Branche muss letztlich in der Realwirtschaft durch Wachstum erwirtschaftet werden – und das ist endlich und wird auch in der Zukunft ganz sicher nicht bei 25 Prozent liegen. Alles andere sind Spekulationsgewinne, Hypotheken auf eine rosige Zukunft des grenzenlosen Wachstums, die es so nie geben wird. Oder, um es im Börsianerdeutsch auszudrücken: Die Spekulation auf künftige abgezinseste Erträge, die so nie anfallen werden. Der Vergleich zu verbotenen Kettenbriefspielen liegt nahe.

In diesem Zusammenhang übrigens interessant ist die Entwicklung des CDAX über die vergangenen 13 Jahre, dargestellt als Performanceindex. Beim CDAX handelt es sich um den breitesten Aktienindex Deutschlands. Demnach haben die in Deutschland gehandelten Aktiengesellschaften seit 13 Jahren inflationsbereinigt unter dem Strich sogar eher an Wert verloren – selbst wenn die gezahlten Dividenden miteingerechnet werden (Performanceindex). Im Prime-Standard sieht das allerdings anders aus.

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3 thoughts on “Finanzkrise: Systemfehler oder Unfall?

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