Was ich an Keynes nie verstanden habe

Vielleicht kann mir einer meiner Leser bei dieser Frage weiterhelfen: Handelsblatt.com hat die konjunkturpolitischen Maßnahmen der Bundesregierung einem Keynes-Check unterworfen. Dabei werden die beschlossenen Maßnahmen danach bewertet, ob das zusätzliche Geld bei Bürgern und Unternehmen eher investiert, konsumiert oder gespart wird. Konjunkturpolitisch wirksam sind nach Keynes’ Logik nur solche Maßnahmen, bei denen das zusätzliche Geld investiert oder konsumiert wird.

Nun frage ich mich: Was heißt Geld sparen überhaupt? Kleinere Summen landen meist auf einem Giro/Tagesgeldkonto oder einem Sparbuch, größere Summen werden normalerweise investiert – in Aktien, Immobilien, Fonds etc. Wird das Ersparte investiert, gibt es im Grunde keinen Unterschied zwischen Spar- und Investitionsneigung, die bei Keynes eine so große Rolle spielt – außer, dass Erspartes natürlich auch in ausländische Werte investiert werden kann, was global-gesamtwirtschaftlich betrachtet aber auch keinen Unterschied macht.

Doch selbst wenn das Geld einfach nur ganz normal zur Bank gebracht wird – auf ein Giro- oder Sparkonto: Die Bank zahlt die Zinsen nicht, weil das Geld dort verrottet. Sie verleiht das Geld – und zwar an Bürger oder Unternehmer, die es entweder konsumieren oder investieren. Natürlich wird nicht jeder einzelne gesparte Cent verliehen. Jedoch sollte der Theorie nach ein Überangebot an auf Bankkonten gespartem Geld die Kreditzinsen drücken und so beispielsweise kreditfinanzierte Investitionen günstiger machen und gleichzeitig die Sparneigung der Bürger verringern, weil Investitionen eine Rendite bringen, die über dem Tagesgeldzins liegen. Letztlich ist einer der Kernpunkte von Keynes Theorie – die Unterscheidung zwischen Spar-, Investitions- und Konsumneigung – damit ziemlich unwichtig. Eigentlich spielt sie nur dann eine Rolle, wenn das Geld tatsächlich unters Kopfkissen gesteckt wird – was aber heutzutage kaum vorkommen wird.

Ich muss dazu sagen, dass ich Keynes nie im Orginal gelesen habe. Vielleicht kann mir ein Keynes-Kenner hier weiterhelfen. Es mag auch sein, dass mein Bild von Keynes’ Theorie hier vom einflussreichen Keynes-Interpreten John Hicks geprägt ist.

Update: Weissgarnix.de-Blogger Thomas Strobl hat mir geantwortet:

@Stephan Döner

Keynes ging es tatsächlich primär um die Investitionen, und zwar ganz konkret die Nachfrage bzw Produktion von NEUEN Investitionsgütern. Das ist in der Tat einer der bisweilen völlig missverstandenen Aspekte von Keynes, insbesondere das sich daraus ergebende “duale Preissystem”. Im Prinzip war Keynes’ These die, zumindest meiner Lesart nach (und die stammt von Minsky), dass es einen maximalen Nachfragepreis für Investitionsgüter gibt, der durch den Barwert der mit diesem Gut erzielbaren, zukünftigen Erträge bestimmt wird. Zu jedem solchen Investitionsgut gibt es auch einen Angebotspreis der Produzenten, der den Produktionskosten der letzten produzierten Einheit dieses Gutes entspricht. Und zusätzlich fungieren gewisse Investitionsgüter – in aggregierter bzw abstrakter Form, zb als Firmenbeteiligung – auch als Vermögenswert.

Die These ist nun, dass – um Investionen bzw die Nachfrage nach neu produzierten Investitionsgütern auszulösen – der Nachfragepreis dieser Güter a) immer höher liegen muß, als der Angebotspreis und b) der Angebotspreis der neu produzierten Investitonsgüter tiefer liegen muß, als der Angebotspreis bereits bestehender solcher Güter, in der Form von Vermögenswerten. Warum? Weil sonst der Kauf von Vermögenswerten bei gegebenen Nachfragepreisen die lukrativere Alternative wäre. Beschäftigung im keynesschen Sinne schafft aber nur die Neuproduktion von Investitionsgütern.

Das “Sparen” erfolgt hingegen aus einer völlig anderen, von der Investion losgelösten Motivation. Die Gleichung “I = S” (Investitionen = Sparen) hatte nach Keynes Ansicht keinen Aussagewert, weil so definiert.

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7 thoughts on “Was ich an Keynes nie verstanden habe

  1. Dein gelinkter Hicks ist Religionsphilosoph und frönt der Offenbarungsreligion, hat also vermutlich nichts mit Keynes am Hut.
    Dein Hicks ist wohl der John Richard Hicks.

  2. @daoh: Danke, ist korrigiert. Das kommt davon, wenn man Google blind vertraut. 😉

  3.  Hallo Herr Dörner,
    Keynes würde ihnen an dem Punkt wiedersprechen, dass “ein Überangebot an auf Bankkonten gespartem Geld die Kreditzinsen drücken und … die Sparneigung der Bürger verringern (würde), weil Investitionen eine Rendite bringen, die über dem Tagesgeldzins liegen. ”
    Exkat so haben die Klassiker argumentiert. Keynes dagegen sagt: Nur die Investitionsnachfrage hängt vom Zins ab – nicht aber die Ersparnisse. Dafür ist seiner Meinung nach entscheidend, wie hoch das aktuelle Einkommen ist. Im zweiten Beitrag unserer Keynes-Serie (“Der Kern von Keynes”, 31.3.09, http://www.handelsblatt.com/politik/nachrichten/der-kern-von-keynes;2218752;0) habe ich das ausführlich beschrieben:
    “Als eigentliches Problem diagnostiziert Keynes: Die Nachfrage nach Gütern auf gesamtwirtschaftlicher Ebene kann dauerhaft geringer sein als das Angebot – ohne dass es wie auf einzelnen Produktmärkten über sinkende Preise zu einem Ausgleich von Angebot und Nachfrage kommt.
    Vor ihm waren Ökonomen überzeugt, dass es zwischen Einzelmärkten und der Gesamtwirtschaft keinen fundamentalen Unterschied gibt. Jedes Angebot, so das Postulat, schaffe sich seine eigene Nachfrage, im Zweifel über niedrigere Preise.
    Keynes greift diese Sicht an. Ob Angebot und Nachfrage auf gesamtwirtschaftlicher Ebene gleich groß sind, stehe und falle damit, was die Ersparnisse und was die Investitionen in einer Volkswirtschaft treiben. Nur, wenn beides gleich groß sei, seien Angebot und Nachfrage identisch. Denn wenn Menschen einen Teil ihres Einkommens sparen, dann fragen sie weniger Güter nach. Es entsteht eine Lücke, die nur durch Investitionen geschlossen werden kann. Die Klassiker waren überzeugt: Der Zins bringt Ersparnis und Investitionen ins Gleichgewicht.
    Keynes hält das für falsch. Der Zins sei zwar ein Faktor, der die Investitionen beeinflusse. Die Ersparnis aber hänge vom Einkommen ab – genauso wie die Konsumausgaben. Er spricht von einem “grundlegenden psychologischen Gesetz”: Wenn das Einkommen steigt, steige auch der Konsum, aber nicht im gleichen Ausmaß. Wie viel ein Mensch von einem zusätzlichen Euro ausgibt und wie viel er spart, sei kurzfristig konstant.
    Wenn es keinen Marktmechanismus gibt, der Ersparnisse und Investitionen automatisch in Einklang bringt, sind verschiedene Gleichgewichte möglich. Ob dabei Vollbeschäftigung herrscht, ist längst nicht selbstverständlich. Historisch betrachtet sei der Hang zum Sparen größer als die Neigung zum Investieren. Nachfragemangel sei daher wahrscheinlich.”
    Beste Grüße
    Olaf Storbeck, Handelsblatt
     
     
     

  4. Hallo Herr Storbeck,
    vielen Dank für die Erläuterung. Die – meines Erachtens sehr wichtigen – psychologischen Komponenten von Keynes’ Theorie sind ja allgemein in der Hicks-Interpretation wenig beachtet.
    Doch die zwingende Frage, die sich für mich jetzt ergibt: Wurde der Zusammenhang zwischen Sparneigung und Zinssatz mal empirisch untersucht?
    Schöne Grüße
    Stephan Dörner

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