Man wird ja wohl noch träumen dürfen

Gestern war ein nachrichtenarmer Tag – und so kommt das neue Meedia-Tool, mit dem man sich die Seite 1 vieler Tageszeitungen ansehen kann wie gerufen für einen Schlagzeilen-Check. Als besonders kurios fallen die Die Welt un die Berliner Zeitung auf.

Meedia.de hat einen wirklich großartigen neuen Service: Die Zeitungen von heute. Zu sehen ist jeweils die erste Seite vieler wichtiger Tageszeitungen in Deutschland (meines Erachtens fehlen auf jeden Fall die Taz und die Frankfurter Rundschau) sowie einiger englischsprachiger Titel.

Für einen Journalisten ist es hochspannend, mit welchen Themen die Blätter jeweils aufgemacht haben, zumindest an manchen Tagen – und zwar an denen, wenn gerade nichts passiert, das so spannend ist, dass es sich für die Seite 1 wirklich gut eignet. So ein Tag war gestern. Die WHO erhöhte die Pandemie-Warnstufe erst um 22 Uhr von vier auf die zweithöchste Stufe fünf – keine Zeit, um daraus noch einen Aufmacher zu basteln. Und so gab es heute einen bunten Seite-1-Blätterwald.

Für die SZ waren die Arbeitslosenzahlen die wichtigste Nachricht des Tages, der FAZ waren die Rentner wichtig*, der Tagesspiegel thematisierte den Taliban-Angriff auf die Bundeswehr und für Bild, Berliner Morgenpost, Hamburger Abendblatt und Rhenische Post war die Schweinegrippe das bestimmende Thema, auch wenn es bis 22 Uhr nichts wirklich Neues dazu zu berichten gab.

Zwei Zeitungen aber tanzen völlig aus der Reihe und entschieden sich für in meinen Augen geradezu kuriosen Aufmacher-Themen: Springers konservatives Qualitätsaushängeschild “Die Welt” vermeldete als größte Nachricht auf Seite 1, dass die Linke laut einer Forsa-Umfrage wieder in den einstelligen Bereich gerutscht ist. Am politischen Gegner arbeitet man sich dort offenbar immer noch am liebsten ab. Noch getoppt wird das allerdings von der Berliner Zeitung. Deren Seite-1-Schlagzeile: “Lafontaine will die SPD schlucken”.

Für weitere nachrichtenarme Tage hätte ich noch so einige Seite-1-Schlagzeilen der Berliner Zeitung anzubieten. Ich schlage vor: “Ban Ki Moon will Weltfrieden”,”Holger Göpfert will Claudia Schiffer heiraten” und “Die meisten Deutschen wären gerne Millionär”.

*heute übrigens unbedingt die FAZ kaufen: Thomas Strobl hat darin einen Gastbeitrag zur Zukunft des Kapitalismus verfasst. Es ist der Auftakt zu einer gleichnamigen FAZ-Serie.

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Finanzkrise: Systemfehler oder Unfall?

Die welweit schlimmsten Rezession seit 1929 wirft eine bedeutende Frage auf: Ist die Finanzkrise ein Unfall oder ein immanenter Systemfehler? In der Öffentlichkeit wird diese Debatte bislang allerdings vorwiegend indirekt geführt wird – und zwar sowohl zwischen den Parteien als auch als Kulturkampf unter den Banken.

SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Streinmeier hätte diese Debatte anstoßen können. Doch seine Worte – meiner Ansicht nach die grundsätzlichste Positionsbestimmung der SPD seit dem Godesberger Programm – verhallten weitgehend ohne größeres Echo. Zum Wahlkampfauftakt auf dem SPD-Konvent in Berlin sagte er: Der grundsätzliche Unterschied, den SPD auf der einen und Union und FDP auf der anderen Seite trennte, seien die Konsequenzen, welche die jeweiligen Parteien aus der Finanzkrise zögen. Während Union und FDP die Krise als Unfall des Systems sähen, sei es für die SPD mehr als ein Unfall, eine systemimmenante Krise.

Leider ließ Steinmeier offen, was ganau aus dieser Erkenntniss für das Wahlkampfprogramm der SPD folgen soll. Weiterhin ist es fraglich, ob die Grenzte tatsächlich so trennscharf zwischen bügerlichen und linkem Lager verläuft, wie Steinmeier dies bei seiner Wahlkampfrede behauptete. Für die FDP hat er sicher recht: Aus einer ehemals liberalen Bürgerrechtspartei ist längst die Partei der Marktwirtschaftsproleten geworden, die sich selbst einer gebotenen Enteignung der Hypo Real Estate noch in den Weg stellen, um ihrem krawillig-neoliberalen Image gerecht zu werden. Doch die Union hat sich in dieser Frage noch nicht gefunden. Dem radikal-marktliberalem Konzept des Wirtschaftsfügels erteilte die Parteispitze jedenfalls eine Absage.

Die Rückkehr des 25-Prozent-Manns

Und auch die Wirtschaft scheint gespalten: Als Symbol der Uneinsichtigkeit könnte einmal mehr Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann aus der Krise hervorgehen – oder aber als Prophet, der recht behält. Ackermanns Vertrag wurde soeben erst bis 2013 verlängert und schon hört man ihn wieder tönen wie aus guten alten Vor-Krisen-Zeiten gewohnt: Die Deutsche Bank schrieb im ersten Quartal 2009 wieder überraschend hohe Gewinne,  schon bald soll die an alte Eigenkapitalrendite-Ziele von 25 Prozent anknüpfen.

Doch wie bei den amerikanischen Banken Wells Fargo, JP Morgan, Goldman Sachs und Bank of America: Die überraschend hohen Milliardengewinne basieren vor allem auf Handelsgewinnen. Im Bereich Investmentsbanking profitierte man von richtigen Spekulationen und einer allgemeinen Erholung der Märkte. Dieser Bereich ist jedoch – abhängig von der weiteren Entwicklung der Märkte – sehr schwankungsanfällig. Bilanz und Aussichten für das solidere Privat- und Geschäftskundengeschäft sind dagegen eher schlecht. Die Folge: Die Aktie der Deutschen Bank brach ein. Am Tag der Bilanzpressekonferenz war der Wert der größte Verlierer im Dax.

Hinzu kommt, dass viele Risiken für die Banken bislang kaum abschätzbar sind: Die Rezession erreicht die Realwirtschaft gerade erst mit voller Wucht. Aus Wirtschaftsabschwung, steigender Arbeitslosigkeit und Firmeninsolvenzen werden noch Kreditausfälle in erheblichen Ausmaß folgen. Schon die Bilanzgewinne der US-Banken kommentierte Dorothea Schäfer, Finanzmarktexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), mir gegenüber für meinen Artikel bei RP Online mit den Worten: “Man könnte sagen, es wurde in die richtige Richtung spekuliert. Davor wurde auch jahrelang in die richtige Richtung spekuliert”.

Wie auch die amerikanischen Banken hat die Deutsche Bank außerdem von den in der Finanzkrise gewährten Bilanzierungsspielräumen Gebrauch gemacht. Allerdings weist sie darauf in ihrem Geschäftsbericht eindeutig und auf transparente Weise hin.

Anderen Banken agieren hier weitaus problematischer: Milliardenschwere Verluste der Dresdner Bank hat weder der ehemalige Inhaber Allianz noch der neue Inhaber Commerzbank bilanziert. Die Allianz konsolidierte die Dresdner als Tochtergesellschaft bis zum August, die Commerzbank seit Januar. Die von schweren Marktverwerfungen geprägten Monate September, November und Dezember sind schlicht unter den Tisch gefallen. Insgesamt 3,9 Milliarden Euro des 6,3-Milliarden-Verlustes der Dresdner sind so laut FAZ verschwunden. Die Bilanz manches US-Instituts profiiert sogar durch die Abwertung der Kreditwürdigkeit

Wenn eine Pleite der Bank im Markt für wahrscheinlicher gehalten wird, sinken die Kurse ihrer Anleihen und steigen die Ausfallprämien für Kreditversicherungen wie CDS auf die Schulden der Bank. Damit sind die Schulden theoretisch weniger wert, auch wenn die Bank sie – sofern sie nicht tatsächlich pleitegeht – nach wie vor in voller Höhe zurückzahlen muss. Das Ergebnis ist ein positiver Gewinnbeitrag, wenn die Kreditwürdigkeit der Bank abnimmt.

Quelle: manager-magazin.de

Während die Banken also regen Gebrauch davon machen, die toxischen Wertpapiere auf der Aktiva-Seite der Bilanz nicht mehr nach dem Marktwert (Fair Value) zu berechnen, finden sie zunehmend Gefallen daran, ihre Verbindlichkeiten auf der Passiva-Seite “fair”, also nach dem Marktwert zu bewerten. Je eher die Bank von der Pleite bedroht ist, desto weniger sind die Schulden wert. Das hatte u.a. den paradoxen Effekt, dass die US-Pleitebank Lehman Brothers noch wenige Tage vor dem Kollaps einen Gewinn von 1,4 Milliarden Dollar verbuchte – zumindest auf dem Papier.

Würde konsequent durchgängig nach Fair-Value bilanziert werden, hätte das jedoch noch größere Verluste bei den Vermögenswerten auf der Aktiva-Seite der Bilanz zur Folge, welche die Gewinne von der Passiva-Seite überdeckten. Bei Gewinnen, die allein durch die Neuberwertung der Passiva-Seite entstehen, sollten Anleger also grundsätlich skeptisch sein.

Kulturkampf der Banken

Wenn es einen Kulturkampf der Banken gibt, dann wird er in Deutschland zwischen Deutscher Bank und Commerzbank ausgefochten. Commerzbank-Chef Martin Blessing kündigte bereits früh an, aus der Finanzkrise weit reichende Konsequenzen zu ziehen: Das Investmentbanking soll radikal gestutzt werden, das Privat- und Geschäftskundengeschäft wieder in den Fokus rücken.

Commerzbank-Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller betonte mehrfach, dass er sinkende Renditen in der Bankenbranche für nötig hält. Das Risikomanagement müsse ausgebaut werden, so Müller – und das bedeute im Zweifelsfall weniger Gewinn. Auch der jüngste an die Aktionäre verschickte Geschäftsbericht der Bank unterstreicht diesen Eindruck: Er ist mit “Konzentration auf das Wesentliche” überschrieben und zeigt eine dreiköpfige Familie. Die Botschaft scheint klar: Weg von vom risikoreichen Investmentbanking, zurück zur Stärkung des Kerngeschäfgts mit Familien und Unternehmen.

Beide Bankkonzepte werden geradezu klischeehaft von ihren jeweiligen Vorstandsvorsitzenden in persona repräsentiert: Auf der eine Seite der stets forsch auftrende Josef Ackermann, der Politik und Öffentlichkeit mit Victory-Zeichen und abfälligen Äußerungen über Staatshilfen erzürnt – auf der anderen der fast demütig auftrende Martin Blessing, der immer noch ein bisschen wie ein streberhafter Pennäler wirkt und die Aktionäre mit seiner kindlichen Schreibschrift im Geschäftsbericht grüßt.

Wer hat recht – Blessing oder Ackermann?

Welches Konzept sich am Ende durchsetzen wird, wird die Zukunft zeigen. Ich persönlich glaube nicht an eine dauerhafte Eigenkapitalrendite im Finanzsektor von 25 Prozent. Auch Finanzalchemisten haben den Stein der Weisen bisher nicht entdeckt. Die Rendite der Branche muss letztlich in der Realwirtschaft durch Wachstum erwirtschaftet werden – und das ist endlich und wird auch in der Zukunft ganz sicher nicht bei 25 Prozent liegen. Alles andere sind Spekulationsgewinne, Hypotheken auf eine rosige Zukunft des grenzenlosen Wachstums, die es so nie geben wird. Oder, um es im Börsianerdeutsch auszudrücken: Die Spekulation auf künftige abgezinseste Erträge, die so nie anfallen werden. Der Vergleich zu verbotenen Kettenbriefspielen liegt nahe.

In diesem Zusammenhang übrigens interessant ist die Entwicklung des CDAX über die vergangenen 13 Jahre, dargestellt als Performanceindex. Beim CDAX handelt es sich um den breitesten Aktienindex Deutschlands. Demnach haben die in Deutschland gehandelten Aktiengesellschaften seit 13 Jahren inflationsbereinigt unter dem Strich sogar eher an Wert verloren – selbst wenn die gezahlten Dividenden miteingerechnet werden (Performanceindex). Im Prime-Standard sieht das allerdings anders aus.

Was ich an Keynes nie verstanden habe

Vielleicht kann mir einer meiner Leser bei dieser Frage weiterhelfen: Handelsblatt.com hat die konjunkturpolitischen Maßnahmen der Bundesregierung einem Keynes-Check unterworfen. Dabei werden die beschlossenen Maßnahmen danach bewertet, ob das zusätzliche Geld bei Bürgern und Unternehmen eher investiert, konsumiert oder gespart wird. Konjunkturpolitisch wirksam sind nach Keynes’ Logik nur solche Maßnahmen, bei denen das zusätzliche Geld investiert oder konsumiert wird.

Nun frage ich mich: Was heißt Geld sparen überhaupt? Kleinere Summen landen meist auf einem Giro/Tagesgeldkonto oder einem Sparbuch, größere Summen werden normalerweise investiert – in Aktien, Immobilien, Fonds etc. Wird das Ersparte investiert, gibt es im Grunde keinen Unterschied zwischen Spar- und Investitionsneigung, die bei Keynes eine so große Rolle spielt – außer, dass Erspartes natürlich auch in ausländische Werte investiert werden kann, was global-gesamtwirtschaftlich betrachtet aber auch keinen Unterschied macht.

Doch selbst wenn das Geld einfach nur ganz normal zur Bank gebracht wird – auf ein Giro- oder Sparkonto: Die Bank zahlt die Zinsen nicht, weil das Geld dort verrottet. Sie verleiht das Geld – und zwar an Bürger oder Unternehmer, die es entweder konsumieren oder investieren. Natürlich wird nicht jeder einzelne gesparte Cent verliehen. Jedoch sollte der Theorie nach ein Überangebot an auf Bankkonten gespartem Geld die Kreditzinsen drücken und so beispielsweise kreditfinanzierte Investitionen günstiger machen und gleichzeitig die Sparneigung der Bürger verringern, weil Investitionen eine Rendite bringen, die über dem Tagesgeldzins liegen. Letztlich ist einer der Kernpunkte von Keynes Theorie – die Unterscheidung zwischen Spar-, Investitions- und Konsumneigung – damit ziemlich unwichtig. Eigentlich spielt sie nur dann eine Rolle, wenn das Geld tatsächlich unters Kopfkissen gesteckt wird – was aber heutzutage kaum vorkommen wird.

Ich muss dazu sagen, dass ich Keynes nie im Orginal gelesen habe. Vielleicht kann mir ein Keynes-Kenner hier weiterhelfen. Es mag auch sein, dass mein Bild von Keynes’ Theorie hier vom einflussreichen Keynes-Interpreten John Hicks geprägt ist.

Update: Weissgarnix.de-Blogger Thomas Strobl hat mir geantwortet:

@Stephan Döner

Keynes ging es tatsächlich primär um die Investitionen, und zwar ganz konkret die Nachfrage bzw Produktion von NEUEN Investitionsgütern. Das ist in der Tat einer der bisweilen völlig missverstandenen Aspekte von Keynes, insbesondere das sich daraus ergebende “duale Preissystem”. Im Prinzip war Keynes’ These die, zumindest meiner Lesart nach (und die stammt von Minsky), dass es einen maximalen Nachfragepreis für Investitionsgüter gibt, der durch den Barwert der mit diesem Gut erzielbaren, zukünftigen Erträge bestimmt wird. Zu jedem solchen Investitionsgut gibt es auch einen Angebotspreis der Produzenten, der den Produktionskosten der letzten produzierten Einheit dieses Gutes entspricht. Und zusätzlich fungieren gewisse Investitionsgüter – in aggregierter bzw abstrakter Form, zb als Firmenbeteiligung – auch als Vermögenswert.

Die These ist nun, dass – um Investionen bzw die Nachfrage nach neu produzierten Investitionsgütern auszulösen – der Nachfragepreis dieser Güter a) immer höher liegen muß, als der Angebotspreis und b) der Angebotspreis der neu produzierten Investitonsgüter tiefer liegen muß, als der Angebotspreis bereits bestehender solcher Güter, in der Form von Vermögenswerten. Warum? Weil sonst der Kauf von Vermögenswerten bei gegebenen Nachfragepreisen die lukrativere Alternative wäre. Beschäftigung im keynesschen Sinne schafft aber nur die Neuproduktion von Investitionsgütern.

Das “Sparen” erfolgt hingegen aus einer völlig anderen, von der Investion losgelösten Motivation. Die Gleichung “I = S” (Investitionen = Sparen) hatte nach Keynes Ansicht keinen Aussagewert, weil so definiert.