Journalismus an der Schmerzgrenze

Vorneweg: Ich schätze Spiegel Online. Wenn es um aktuelle newstickerartige Informationen geht, kenne ich keine bessere deutschsprachige Seite. Heute aber hat sich der Online-Auftritt des Spiegels etwas geleistet, was mich ratlos und entgeistert zurücklässt.

Versetzen wir uns für einen Moment in die Rolle eine Spiegel-Online-Journalisten. Da läuft den Tag über so einiges an Themen ein über die Agenturen. Vieles davon beschäftigt sich natürlich nach wie vor mit dem Amoklauf von Winnenden. Nur wurde dazu schon so ziemlich alles, was man an journalistisch relevanten Informationen schreiben konnte, längst geschrieben – und leider noch viel mehr. Trotzdem, das Thema wird geklickt. Also soll ein neuer “Dreh” her.

Ich habe mich von Anfang an gefragt, warum so viele Medien überhaupt die Tatsache erwähnten, dass auf dem Rechner des Täters auch 200 Pornobilder gefunden wurden. Was soll mir das sagen? Dass ein derart unterdurschnittlicher Porno-Konsum gefährlich ist?

Der Redakteur jedenfalls scheint das selbst heute noch interessant zu finden, wo ich das doch schon gestern und vorgestern und vorvorgestern überall lesen musste. Nur einen ganzen Artikel lässt sich mit dieser Tatsache textlich natürlich nicht füllen. Also versucht man die Verbindung zu einem anderen aktuellen Thema. Und das liest sich dann so:

Nach Erkenntnissen der Ermittler habe er am Vorabend des Massakers um 19.30 Uhr das Spiel gestartet und um 21.40 Uhr seinen Computer abgeschaltet. In dem Spiel geht es darum, in einem fiktiven Land einen Waffenhändler auszuschalten. Auch die Killerspiele “Counter-Strike” und “Tactical Ops” – auch dies [sic!] Spiel hat keine Jugendfreigabe – wurden nach Informationen des SPIEGEL auf dem Rechner gefunden, ebenso Pornobilder, Fotos gefesselter, nackter Frauen.

Zypries sieht Von-der-Leyen-Vorstoß skeptisch

Um den Zugang zu kinderpornografischen Internet-Seiten zu erschweren, plant Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) Sperrvereinbarungen zwischen Internet-Providern und dem Bundeskriminalamt.

Quelle: Spiegel.de

Mal abgesehen von der unkritischen Verwendung des Kampfbegriffs “Killerspiel”, dem grauenhaften Bandwurmsatz und dem Rechtschreibfehler: Nein, ich habe den Artikel an dieser Stelle nicht gekürzt. Das steht da so. Von harmlosen Bondage-Bildern gehts gleich straight Richtung Kinderpornographie. Laut Fefes Blog stand dort ursprünlich sogar:

Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) plant deshalb [Hervorhebung von mir], den Zugang zu kinderpornografischen Internet-Seiten durch Sperrvereinbarungen zwischen Internet-Providern und dem Bundeskriminalamt zu erschweren.

Man hätte an der Stelle auch schreiben können:

Bundeswirtschaftsminister Theodor zu Guttenberg (CSU) plant deshalb, die Abwrackprämie zu verlängern und erhofft sich dadurch weitere konjunkturelle Impulse.

Das hätte in etwa ähnlich viel mit dem Einstieg des Artikels zu tun gehabt.

Advertisements

3 thoughts on “Journalismus an der Schmerzgrenze

  1. und das wundert dich? 🙂

  2. Der Spiegel war mal sehr gut. Klasse Berichterstattung und fähige Journalisten, doch vieles von dem was den damaligen Journalismus ausmachte ist vergangen.
    Irgendwie fühle ich mich bei Spiegel Online, immer mehr an die Bild Berichterstattung erinnert..

  3. The 32 twelvemonth old actress has been a semi permanent term fan of replica handbags , but this is not the honors time her judgment has develop into head regarding her fashion choices. replica handbags sale was late seen inbound at a Los Angeles airport with two replica bags , one of them being the contingent designer replica handbagsand the new a Montsouris GM haversack. 

Comments are closed.