Winnenden

Eigentlich wollte ich mich zum Amoklauf in Winnenden nicht äußern, doch mein Widerstand bricht schon nach einem Tagen zusammen. Ich will die an dieser Stelle obligatorischen Ausführungen, wie schrecklich und grausam diese Tat war, sparen. (Ich finde es übrigens mindestens genauso schrecklick und grausam, dass jeden Tag Tausende an Hunger und behandelbaren Krankheiten sterben – aber das ist ein anderes, sehr viel weniger mediengerechtes Thema).

Wozu ich etwas schreiben will, ist die Berichterstattung zum Thema: Das Hinterherhecheln nach jedem neuen Informationsfetzen, jedem Detail des Täters, das Senden der belanglosesten Schüler-Statements, die teilweise sogar offensichtlichen Unsinn in die Kamere reden (gestern im Heute-Journal sprach einer davon, der Täter sei wohl deutscher Meister im Tischtennis gewesen). Eine junge Frau, die in Winnenden wohnt und über das Ereignis twitterte wird von Journalisten aus der ganzen Welt belagert, obwohl sie schon früh schreibt: “Liebe Presse: ich weiss doch auch nichts von dem Verrückten… “.

Bild.de macht eine Klickstrecke mit Opfern (“Die attraktive Schülerin wurde erschossen” – ich frage mich, wer in einem solchen Umfeld noch Anzeigen schalten will), RTL und Bild.de zeigen “die letzten Sekunden des Amok-Killers” als Video und nennen dabei auch den vollen Namen des Amokschützen, was die ohnehin schwer unter Druck stehende Familie des Täters noch zusätzlich belasten dürfte. Noch weiter geht stern.de und veröffentlicht gleich Fotos des Wohnhauses des Täters – samt vollständiger Adresse.

RP Online geifert auf Twitter der der Pressekonferenz entgegen: “Mal sehen, was es neues über den Täter gibt“. In diesen Minuten läuft die PK und die Berliner Morgenpost setzt zu jedem Informationsfitzel eine Eilmeldung auf Twitter ab. Focus Online twitterte vorübergehend sogar unter dem Account “Amoklauf”.

Und jetzt? Die Medien wird das  Thema natürlich noch die nächsten Tage und Wochen beschäftigen. Eine Debatte um schärfere Waffengesetze wurde von der Politik schnell abgebügelt. Was eignet sich sonst noch als “Weiterdreh”, wie es unter Journalisten heißt? Natürlich: Ein mögliches Killerspieleverbot. Denn der Täter hat, wie so gut wie alle Jungs dieses Alters, offenbar Gewaltspiele gespielt. “Experten” dazu hat man ja schnell bei der Hand.

“Dass der 17-Jährige auf der Flucht noch weiter um sich geschossen hat, ist ein Verhalten, das Jugendliche auch in Spielen wie Counter-Strike oder Crysis lernen können”, sagte der Präsident der Deutschen Stiftung für Verbrechensbekämpfung, Hans-Dieter Schwind, der “Neuen Osnabrücker Zeitung” und sprach sich für ein totales Verbot von Computer-Gewaltspielen sowie eine weitere Verschärfung des Waffenrechts aus.

Quelle: spiegel.de

Man hätte der Fairness halber wenigstens eine Gegenstellungnahme des Präsidenten der Deutschen Stiftung für Schwachsinnsbekämpfung einholen sollen.

Der Täter ist offenbar gemobbt worden – wie fast alle Amokläufer. Eine Klassenkameradin sagte, sogar seine Lehrerin habe ihn gemobbt. Davon ist in den Medien bisher wenig die Rede gewesen. Keinen Artikel habe ich zum Thema Mobbing gelesen, zum Beispiel mit Psychologen, die darüber auflären, wie Mobbing erkannt und bekämpft werden kann. Dafür sehr viel über Waffen, Killerspiele und wieviele Schüsse der Täter nun wann abgegeben hat.

Prof. Klaus Hurrelmann, Psychologe und Jugendforscher an der Hertie School of Governance in Berlin, fordert bei Phoenix größere Zurückhaltung der Medien bei der Berichterstattung über Gewalttaten. Sein Appell wird wohl weitgehend ungehört verhallen.

Gestern sind übrigens 30 Menschen bei einem Bombenanschlag in Bagdad ums Leben gekommen, jeden Tag sterben rund 20 Menschen auf deutschen Autobahnen rund 12 Menschen im Straßenverkehr in Deutschland (Danke an den Hinweis, marko) – das soll die Tat keinesfalls verharmlosen aber in Relation setzen.

Update: Die Zweifel an der angeblichen Internet-Ankündigung des Täters in dem Chatroom krautchan.net, über die ich via Twitter berichtet habe, haben sich übrigens bestätigt: Die Polizei hat entsprechende Aussagen von Baden-Würrtembergs Heribert Rech (CDU) Innenminister dementiert.

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9 thoughts on “Winnenden

  1. Hallo, Doener,
    http://www.nz-online.de/artikel.asp?art=983053&kat=4&man=3
    Der beigefügte Link führt zu einem Kommentar in den Nürnberger Nachrichten. Der Verfasser macht sich Gedanken, was in Deutschland anders werden muß, damit Schüler nicht mehr so weit kommen, dass sie Amok laufen.
    Sein Text ist enthält nicht den Aktionismus, den Du in vielen Artikeln gefunden hast.
    Liebe Grüße
    Eva

  2. Durch die Informationsgesellschaft wird es einfacher, den Wissensdurst und den Hunger nach Neuigkeiten zu stillen.
    Die Medien habens erkannt und nutzen dieses Prinzip mehr als geschickt aus, denn schliesslich will jeder alles ganz genau wissen, da der Mensch ja von Natur aus neugierig ist.
    Wären die mit ihren Kameras in das Gebäude gekommen, gingen jetzt die Bilder der Toten durch die ganze Welt.
    Zwar nehme ich mich in punkto Neugierde hier nicht aus, aber auch ich will nicht unbedingt alles sehen.
    Für die nächste Zeit haben nun alle was zum Erzählen, Diskutieren und Schimpfen, aber die täglichen Opfer werden weiterhin “unter den Tisch fallen”, weil das ist Alltag und der ist ja meist eh langweilig.
    Naja, warten wir mal ab, was in den nächsten Tagen alles geändert und verboten werden soll….und zu guter Letzt im Sand verläuft. 

  3. Ah ha, “jeden Tag sterben rund 20 Menschen auf deutschen Autobahnen”? Quelle? Laut Statistischem Bundesamt “haben im Jahr 2008 immer noch durchschnittlich 12 Menschen täglich ihr Leben im Straßenverkehr verloren”. Im Straßenverkehr insgesamt, nicht nur auf Autobahnen. Das sind immernoch zuviele und wenn man unbedingt will, kann man damit die Tat “in Relation setzen” (bloß in welche). Aber bitte dann immerhin etwas mehr an der Wahrheit bleiben und nicht so ganz grobe Zahlen aus dem Kopf schreiben und damit in Relation setzen wollen.

  4. Hi marko!!
    Du hast recht. Ich hatte die Zahl im Kopf, meine sie mal vor Jahren gelesen zu haben und habe das nicht nachrecherchiert. Auch bei der damaligen Statistik ging es natürlich um Tote im Straßenverkehr, nicht auf Autobahnen – auch wenn die meisten Verkehrstoten natürlich dort sterben.
    Aber die Größenordnung stimmte ja grob und darum ging es mir auch im wesentlichen. Trotzdem sollte man natürlich, auch beim bloggen, korrekt bleiben – habe das korrigiert.

  5. Heute, also einige Tage danach, habe ich auf Phoenix von einem Psychologen eine recht einleuchtende Interpretation gehört:  Wenn ein Kind in der Familie früh zu wenig Zuwendung bekommt, kann es sich anderen nicht zuwenden, wird deshalb von den anderen abgelehnt, zieht sich weiter zurück, kompensiert seine Isolation mit Allmachtfantasien – und wenn dieser Mensch Zugang zu den Gewalt-Computerspielen (die “gesunden” Persönlichkeiten nicht schaden) hat, kann er darin seine Kompensation finden, seine Agressivität steigern, und wenn er dann noch Zugang zu einer Waffe hat, dann passiert es. Will sagen: Die Spiele und die Waffen allein sind es nicht, aber wenn die entsprechende Persönlichkeit dazukommt, ist die Katastrophe da.
    Eine andere Bemerkung hörte ich heute abend: “Es wäre wohl kein Verlust für die Kultur, wenn diese Gewaltspiele nicht da wären, d.h. verboten wären”. Dem muss ich zustimmen….

  6. Ich hatte auch vor das Thema nicht Sofort aufzugreifen und hab meine Recherchen länger laufen lassen und abgewartet was sich tut.
    Leider hat sich wieder gezeigt, dass es mit der deutschen Medienlandschaft weiter bergab geht und sogar versucht wird, wirtschaftlich Profit aus der ganze Sache zu schlagen.
    schade eigentlich.

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