Vom BIP zum Glücks-Index

Die Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte hat sich an einer entscheidenden Messgröße orientiert: Dem Bruttoinlandsprodukt. Doch so wie sich unter Ökonomen langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass Geld nicht alles ist, scheint dieser Paradigmenwechsel langsam auch die Politik zu erreichen – mit weit reichenden Folgen.

Die akademische Debatte in der Ökonomie wird seit einigen Jahren von einem Thema mehr und mehr dominiert: Die Frage, was überhaupt Nutzen bedeutet, steht im Zentrum der Glücksökonomie, die dazu vor allem aus Erkenntnisse der experimentellen Psychologie zurückgreift. Denn Ökonomen sind geradezu nutzenfixiert – und haben am liebsten einen, den man auch quantitativ messen kann.

Viele Ökonomen haben Nutzen daher lange Zeit modelltheoretisch vereinfacht mit Geld gleichgesetzt, was an der Lebenswirklichkeit natürlich völlig vorbeigeht – und das nicht erst, seit postmaterielle Werte wie Umweltschutz an Bedeutung gewonnen haben.

In der volkswirtschaftlichen Kennzahl unserer Zeit, spiegelt sich diese vereinfachte Geld-Nutzen-Gleichsetzung allerdings wieder: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) misst, wieviel eine Volkswirtschaft an Waren und Dienstleistungen produziert und verkonsumiert – je mehr, desto besser.

Man sollte niemals die menschliche Eigenschaft unterschätzen, sich bei Entscheidungen an der Messgröße zu orientieren, nach der die diese später bewertet werden. “Wichtig ist, was hinten rauskommt”, sagte schon Helmut Kohl – und das war für viele Politiker eben immer das Wirtschaftswachstum, gemessen am BIP. Der ultimative, grenzüberschreitende globale Länder-Schwanzvergleich.

Dass beispielsweise die USA seit dem Jahr 2000 mit hervorragenden Wachstumsraten glänzen konnte, obwohl es einem Großteil der Bevölkerung in jeder Hinsicht immer schlechter ging, ist so richtig erst in jüngster Zeit in die Köpfe vieler Ökonomen und Politiker vorgedrungen. Zumal sich ein Großteil des vermeintlichen Wirtschaftswachstums als Fata Morgana entpuppte, das sich in der Subprime-Krise auflöste.

Dieses Bernd-das-Brot-Video hat keinen Bezug zum Artikel und dient der Auflockerung

Das BIP leidet unter einer Reihe von Problemen, die kürzlich in einem sehr interessanten Artikel der Financial Times ausführlich dargelegt wurden. Das als logarithmischer Mittelwert berechnete BIP misst nur die durchschnittliche Einkommensgröße, nicht die Verteilung des Reichtums. Es misst nur materielle Werte, keine imateriellen, wie Gesundheit, Bildung, sozialer Zusammenhalt usw.

Das BIP macht weiterhin keinen Unterschied, ob ein Staat Geld für Bildung oder für Rüstung aufwendet – und, ob ein totkranker Mensch teure Krebsmedikamente kauft oder jemand sich ein neues Autos leistet – beides “kurbelt die Wirtschaft an”. Nach BIP gemessen ist also der auf teure Medikamente angewiesene totkranke Patient ein “Held des Wirtschaftswachstums”. “Als nächstes” zitiert FT.com einen ironischen Kommentar des Autors Jonathan Rowe, “werden wir von diesem krankheitsgeführten Aufschwung hören. Um die Wirtschaft zu stimulieren, müssen wir die Menschen zum krank sein ermutigen, sodass die Wirtschaft gesund ist.

So sehr die positiven Wirkungen eines am BIP gemessenen Wirtschaftswachstum überschätzt werden, so wenig katastrophal ist andererseits ein Schrumpfen dieser Messgröße. Edward Hades gibt angesichts der vielen apokalyptschen Beschwörungen des “größten Wirtschaftseinbruchs seit dem zweiten Weltkrieg” zu bedenken:

Sicher, das Bruttoinlandsprodukt könnte dieses Jahr in den meisten reichen Ländern ohne weiteres um zwei Prozent oder mehr zurückgehen. Wenn es wirklich schlecht läuft, könnte die gesamte Wirtschaftsleistung am Tiefpunkt der Rezession zehn Prozent niedriger sein. Doch sogar dann läge das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in den meisten reichen Ländern etwa auf dem Niveau des Jahres 2000, was keineswegs eine Zeit bitterer Armut war.

Angela Merkel und unser Bundeswirtschaftsminister Michael Glos scheinen von all dem bisher eher nichts mitbekommen zu haben, wenn sie weiter vom “Exportweltmeister Deutschland” schwadronieren – genausowenig wie die deutsche Bevölkerung. Kaum ein Land orientiert sich nach wie vor so stark an seiner in BIP ausgedrückten “Wirtschaftsleistung” wie Deutschland. Noch wird die öffentliche Debatte nicht von der extremen Schere zwischen Arm und Reich, sondern von Begriffen wie “Exportweltmeister” und dem globalen “Kampf um Wohlstand” geprägt.

In Frankreich ist man da – wie so oft – weiter. Präsident Nicolas Sarkozy hat bereits vor etwa einem Jahr eine hochkarätige Kommission gebildet, der unter anderem die beiden Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz und Amarty Sen (“Ökonomie für den Menschen“) angehören. Sie soll im Auftrag der EU bessere Wirtschafts-Indikatoren entwickeln, berichtet FT.com. Den perfekten Indikator für eine erfolgreiche Ökonomie gibt es dabei natürlich nicht. Die Erkenntnis, dass Faktoren wie Umweltschutz, Gesundheit und soziale Gerechtigkeit dabei aber eine Rolle spielen sollten, setzt sich mehr und mehr durch.

Wer jetzt meint, dass sei ja wohl ein wenig übertrieben, die simple Art der Darstellung von Erfolgsparametern würde noch nicht den Charakter unseres Wirtschaftens verändern, dem sage ich mit der unerschütterlichen Überzeugung eines langjährigen Profi-Buchhalters: doch, tut es! In der Betriebswirtschaftslehre leben ganze Branchen von nichts anderem als dieser simplen Wahrheit, und das keineswegs schlecht.

Quelle: WEISSGARNIX

Einen ähnlichen Index, der sich nicht ausschließlich an der Wirtschaftsleistung orientiert, hat Sen übrigens schon im Auftrag der Uno entwickelt: Den Human Development Index.

Übrigens, um abschließend nochmal auf die eingangs erwähnte unzulässige Gleichsetzung von Einkommen und Glück bzw. Nutzen einzugehen: Untersuchungen zeigen, dass nicht die absolute Höhe des Einkommens für die Zufriedenheit entscheidend ist, sondern der damit verbundene gesellschaftliche Status. Es geht also dem Einzelnen mehr um ein hohes Einkommen in Relation zum Rest der Gesellschaft als um die Möglichkeit, mehr zu konsumieren – zumindest, sobald eine gewisse Einkommensgrenze überschritten ist.

Der Glücksökonom Richard Layard stellt dazu fest, dass aus glücksökonomischer Sicht ein wachstumshemmender Spitzensteuersatz von 100 Prozent ab einer bestimmten Einkommensgrenze zu begrüßen wäre. Fast alle Spitzenverdiener, so haben Studien festgestellt, würden nämlich gerne mehr Zeit für Familie und Freizeit haben, arbeiten aber immer mehr, um mit Kollegen und Freunden um den sozialen Status zu konkurrieren. Für dieses Verhalten, bei dem jeder mit jedem konkurriert und letztlich alle verlieren, haben die Amerikaner und Briten einen schönen Ausdruck: Rat Race.

Dokumentation: Hitlers "Machtergreifung"

Ich habe mir heute das Magazin “Zeitzeugen” gekauft. 3,90 Euro für drei Zeitungen vom Tag der sogenannten Machtergreifung Hitlers, dazu ein sozialdemokratisches Wahlkampfplakat aus der Zeit und ein paar historische Kommentare drumherum.

Die historischen Ausgaben von insgesamt drei Zeitungen vom 31. Januar 1933 wurden nachgedruckt: Die KPD-Zeitung Der Kämpfer, die nationalsozialistische Abendzeitung Der Angriff und die national-konservative Deutsche Allgemeine Zeitung. Interessant fand ich vor allem, wie die Machtübernahme Hitlers aus rechtskonservativer Sicht beurteilt wurde. Im folgenden der Anfang des Artikels aus der Deutschen Allgemeinen Zeitung:

Die erste Sitzung des Kabinetts Hitler. Die Regierung der Harzburger Front – Hugenberg und Geldte, v. Neurath und Graf Schwerin in der neuen Reichsregierung. Hitler spätetstens am 7. Februar vor dem Reichstag.

Innerhalb von 48 Stunden ist das neue Kabinett gebildet worden, und – Herr Adolf Hitler deutscher Reichskanzler. Die Versöhnung zwischen Hindenburg und Hitler, zwischen Stahlhelm und Nationalsozialisten, zwischen allen Teilen der deutschen Rechtsbewegung liegt vor. Nach unsäglichen Mühen, nach tragischen Verirrungen, nach Zwischenfällen, die alles zu vernichten schienen, ist sie endlich zustandegekommen. Seit Monaten war es klar, daß die Eingliederung der Nationalsozialisten nicht erreicht werden konnte, wenn man den Führungsanspruch Hitlers nicht erfüllte. Hindenburg hat sich schließlich zu dieser Erkenntnis durchgerungen, spät genug, weil seine schweren Bedenken fast nicht zu besiegen waren, aber hoffentlich nicht zu spät.

Das neue Kabinett, das in streng verfassungsmäßiger Weise gebildet wurde, kann bei uns auf eine absolut sachliche und wohlwollende Beurteilung rechnen, und die ganze öffentliche Meinung wird Herrn Hitler die Chance nicht verweigern, auf die er als Führer der großen deutschen Partei Anspruch besitzt. Eine gewagte und kühne Entscheidung ist es in jedem Fall, und kein verantwortungsbewußter Politiker wird zum Jubeln geneigt sein. Immerhin steht hinter diesem Kabinett eine gewaltige Kraft, und es erspart uns den unmittelbaren Ausbruch offener Konflikte. Die Ernennung hervorragender Fachleute für die entscheidend wichtigen wirtschaftlichen Ressorts und für das Auswärtige Amt gibt die Gewähr, daß keine Abenteuer auf diesen Gebeieten bevorstehen. Die Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten wird sich voraussichtlich schwierig und aufreibend gestalten, und das vielleicht recht lange dauerende Regierungsexperiment wird manche Erschütterung mit sich bringen. Einmal aber mußte dieser Sprung ins Dunkle gewagt werden, weil das deutsche Volk in den Wahlen die Hitlerbewegung zum bei weitem stärksten Faktor des politischen Lebens gemacht hatte. Einmal mußte diie Folgerung aus dem Sehnen der Nation gezogen werden, daß mit grundsätzlich neuen Methoden und mit dem gemeinsamen Einsatz der Kräfte der Rechten regiert werden solle. So gewinnt der Kabinettswechsel einen tieferen geschichtlichen Sinn. Obwohl in der “DAZ” seit Jahren dieser Versuch mit allen Bedanken, die er hat, empfohlen wurde, können wir uns unmöglich in einen Rausch der Begeisterung versetzen. Aber wir halten die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler unter den gegebenenen Umständen für richtig. Der nationalsozialistische Führer wird nun zu zeigen haben, ob er das Zeug zum Staatsmann besitzt.

Unsere Neigung zu rein rückschauender Betrachtung ist gering; die Zukunft, nicht die Vergangenheit ist wichtig. Wer manchen Kanzler und manchen Minister gestürzt hat, ist sicher nicht berechtigt, seinen eigenen Sturz als besonders tragischen Ereignis zu empfinden. […]

Liebe Deutsche Post,

es nervt!

Egal, ob ich ein Paket versenden oder einfach nur Briefmarken kaufen will: Jedes Mal werde ich belabert, ich solle doch ein Postbank-Konto eröffnen.

Ich bin bei der Sparkasse Düsseldorf: Lausiger Service, furchtbare Online-Banking-Software, lächerlich niedrige Zinsen – und keinerlei Flexibilität. Außerdem gehören die Sparkassen nicht zur Cash Group und entsprechend hoch sind die Gebühren an fast allen Geldautomaten. Nicht mal Prämien gibt es, wenn ich andere werbe. Dennoch: Alleine aus Bequemlichkeit werde ich wohl mein Leben lang bei der Sparkasse bleiben.

Also liebe Post: Lasst es! Dieses Cross-Marketing finde ich furchtbar. Allein weil ihr mich jedes Mal nervt, sobald ich eine Post-Filiale besuche, würde ich niemals ein Postbank-Konto eröffnen. Wenn überhaupt würde ich privat zur Deutschen Bank gehen. Zumindest mit dem Service bei unserem Geschäftskonto bin ich da nämlich wirklich zufrieden.

Mikrofinanz zum Mitmachen

Zum Thema Mikrokredite habe ich ja kürzlich schon etwas geschrieben. In den Kommentaren wurde daraufhin natürlich prompt nachgefragt, wie man sich selbst konkret an diesem Modell der Entwicklungshilfe beteiligen kann. Die einzige Form der Beteiligung, die mir einfiel, war ein Geldmarktfonds, der jedoch beispielsweise eine Mindesteinlage voraussetzt.

Nun bin ich auf eine andere Form der direkten Beteiligung an Mikrokredit-Modellen gestoßen – eine Art Smava für die ärmsten der Armen. Es handelt sich um eine sogenannte Peer-to-Peer-Kreditplattform, das heißt, es werden Kredite von Mensch zu Mensch vermittelt.

Der Name des Portals: Kiva. Benutzer des Portals können Menschen aus der Dritten Welt mit einer Geschäftsidee und Kapitalbedarf direkt helfen, indem sie ihnen Geld leihen.

Fake!

Eines der am häufigsten im Internet geschriebenen Worte dürfte “Fake” sein, meist mit Ausrufezeichen dahinter. Egal ob als Kommentar unter Youtube-Videos oder unter Bildern im Netz: Der Ausruf “Fake!” ist unter netzaffinen Jugendlichen zum Ausdruck der allgemeinen Skepsis gegenüber allem, was im Internet gezeigt und behauptet wird, geworden.

Das Internet hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Kultur im Umgang mit Informationen eine andere geworden ist. Die Geschichte bekannter Internet-Hoaxes ist lang.

Nun muss ein weiteres Stück Netzkultur als Fake gelten: Die berühmten Where the hell is Matt-Videos. In einem Video gibt Matt zu, alles sei von einer viralen Markteing-Agentur inszeniert worden. Der Fall erinnert an Loneygirl15.

Wer das Video bis zum Ende gesehen hat, merkt natürlich: Die Aufdeckung des Hoaxes ist selbst ein Hoax. Die virale Marketing-Agentur ist erfunden, die Grafik Unsinn – die Videos sind echt.

Dennoch wurde die angebliche Aufdeckung nicht nur von Blogs, sondern auch von der Presse teilweise übernommen. Selbst Spiegel Online und der MDR sind schon auf Pressemeldung einer völlig frei erfundendener Juristenvereinigung reingefallen. Wenn uns das Internet also eins gelehrt hat, dann das: Skepsis ist überall angebracht.

Ich habe das Gefühl, dass dies im Journalismus eine Trendwende verursacht hat: Erzählten uns die Medien gestern mit dem Habitus eines Pfarrers von der Kanzel, was wahr und was falsch ist, meine ich inzwischen immer häufiger eine neue Kultur der Bescheidenheit festzustellen.

Eines der mutigsten Dinge, die Journalisten und Politiker tun können, ist zuzugebenen, etwas nicht zu wissen. Wenn es widersprüchliche Angaben von unterschiedlichen Quellen gibt, ist die wertvollste Dienstleistung für den meiner Meinung nach nicht, die wahrscheinlichste Darstellung herauszusuchen und als einzig gültige darzustellen, sondern die Widersprüche aufzuzeigen und eventuell zu bewerten.

CNN, einer der bekanntesten und renommiersten Nachrichtensender der Welt, geht mit guten Beispiel voran. Westliche Medien sind im aktuellen Konflikt zwischen der Hamas und Israel allgemein der israelischen Darstellung gefolgt, nach der die Hamas mit Raketensbeschuss aus dem Gaza-Streifen das Waffenstillstandsabkommen gebrochen habe. Die Gegenposition der Hamas, nachdem Israel bereits im November die Waffenruhe beendet habe, fand kaum Gehör – auch nicht bei CNN.

Mit nur geringem Recherechaufwand aber hätte jedes Medium herausfinden können, dass die Darstellung der israelischen Seite falsch ist: