Das Ende der Werbung?

Das Internet wirkt in vielerlei Hinsicht wie ein Offenbarungseid: So wie Journalisten nun erstmals genau sehen können, was die Leser eigentlich wirklich interessiert und zumindest ihr Online-Angebot konsequent darauf ausrichten, so wird das Internet auch für eine zweiten Wirtschaftszweig meines Erachtens langfristig zum Schock: Die Werbebranche.

Durch das Internet kann zum allersten Mal exakt gemessen werden, was der Industrie Werbung eigentlich tatsächlich an konkreten Einnahmen bringt: In vielen Fällen nämlich fast gar nichts.

Aus gut informierten Quellen weiß ich, dass die mit Abstand besten Banner-Platzierungen im StudiVZ die Banner direkt unter den privaten Nachrichten sind. Diese – wie gesagt mit Abstand besten Bannerplätze – erreichene eine Click-Through-Rate (CTR) von durschnittlich 1 zu 1.000, das heißt von 1.000 Nutzern klickt einer auf die Werbung – der Rest wird sie mutmaßlich ignorieren. Die wenigsten von denjenigen, die klicken, werden dann letztlich auch kaufen. Darüber kenne ich keine Zahlen – aber auch diese Anzahl kann exakt gemessen werden.

Wie hoch wäre wohl eine solche “Buy-through-Rate“, würde man sie für einen Fernsehwerbesport berechnen? Während bei Online-Werbung der Nutzer nur ein paar Klicks weit weg vom direkten Bestellen eines Produkts ist, muss er sich bei klassischer Print-, Plakat- und TV-Werbung das Produkt aktiv merken, um dann sehr viel später eine Entscheidung zu treffen. Die vermutete Kauf-Realisierung dürfte weitaus niedriger liegen, ich vermute sogar bei den meisten Werbungen nahe Null.

Nun lamantiert die Werbebranche natürlich sehr viel über diese schonungslosen Erkenntnisse. Sie sprechen von anderen Funktionen der Werbung, wie der Marken- und Imagebildung, Reichweitungsausweitung der Markenwahrnehmung usw. Mag alles sein. Doch wie wichtig sind Marken überhaupt und wie wichtig ist Werbung, um eine Marke zu etablieren? Das meistverkaufte Bier Deutschlands stammt von Oettinger. Ein gutes Bier zu einem günstigen Preis. Investitionen in Werbung bisher: 0 Euro. Mundpropaganda war die beste Werbung.

Bei Lebensmitteln erhalten die Handelsmarken der Supermarktketten seit Jahren immer größere Dominanz, seit klar ist, dass sie in Sachen Qualität den klassischer Markenprodukten häufig in nichts nachstehen. Ein sehr populäres Bier wirbt auf den Dosen und Flaschen gerade damit, dass es sich um keine Marke handelt und dass es nicht beworben wird. “No Logo” ist in.

Ein der weltweit bekanntesten und wertvollsten Marken ist Google. Google gibt bis heute so gut wienichts für Werbung aus, höchstens für das eine oder andere Sponsoring. Auch Google ist fast ausschließlich durch Mundpropaganda bekannt geworden.

Noch erreichen Online-Werbeflächen im Umfeld von Premium-Conent wie Spiegel Online Tausender-Kontakt-Preise von 35 Euro und mehr – das heißt 35 Euro pro 1.000 Anzeigen der Werbung. Noch hat sich die Bezahlung per Klick abseits von privaten Websites und allgemein im Umfeld von User Generated Content nicht durchgesetzt.

Doch haben größere Teil unserer Wirtschaft erstmal begriffen, wie genau sich der direkte Erfolg von Werbung im Online-Bereich messen lässt, wird die Werbebranche meiner Einschätzung nach von einer tiefen Krise erfasst und stark schrumpfen.

Andersrum nämlich können gerade Online-Portale den Erfolg klassischer Print- und Fernseh-Werbung relativ gut messen: Der Zweck der Werbung besteht darin, mehr Nutzer auf die Seite zu locken, die sich anmelden. Steigt die Anzahl der Nutzer, die sich anmelden, nach dem Schalten einer entsprechenden Kampagne nicht signifikant, kann von einer Werbe-Fehlinvestition ausgegangen werden – eine Erfahrung, die viele Web-Startups machen. Das massiv im Fernsehen beworbene soziale Netzwerk Lokalisten beispielsweise konnte die Zahl der Nutzer kaum steigern, während die Nutzerzahlen von wer-kennt-wen.de durch die Decke gingen – völlig ohne Werbung.

Werbung 2.0?

Werbung wird es aber natürlich weiterhin geben. Im Bereich der Print-, Plakat- und Ferseh-Werbung gibt es eine Art selbstregulierenden Mechanismus: Je weniger beispielsweise unsere Straßen mit Werbung zugepflastert sind, desto eher fällt das ins Auge, was noch da ist. Im Bereich der Online-Werbung arbeitet in Deutschland zurzeit der Arbeitkreis Social Media an einer Währung jenseits des Klicks.

Ein neuerer Ansatz, den das Internet der Werbung eröffnet, sind Marketing-Maßnahmen mit Rückkanal. So betreibt beispielsweise der Lebensmittelhersteller Frosta ein eigenes Blog, auf dem das Unternehmen direktes Feedback der Kunden auf Produkte und Werbemaßnahmen in Form von Kommentaren bekommt. Die Nutzer werden weiterhin beispielsweise aufgefordert, über Produktnamen abszustimmen.

Im Mittelpunkt steht hier also nicht mehr so stark die werbliche Funktion, sondern eine Kombination aus Werbung und Marktforschung. Sollte das Unternehmen die Anregungen der Kunden ernst nehmen, wird diese Form der Werbung auch für die Konsumenten interessant.

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Wo spenden?

Mikrofinanz

Ein Thema, das mich schon lange beschäftigt, ist Entwicklungshilfe. Warum leben bei einem stetig wachsenden (von seltenen Phasen der Weltrezession wie derzeit einmal abgesehen) Gesamtreichtum und einem derart hohen Lebensstandard der westlichen Welt immer noch so viele Menschen in Armut, sterben an Unterernährung, heilbaren Krankheiten und schmutzigen Wasser?

Die Diskussion um die Dritte Welt und die damit verknüpfte andauernde humane Katastrophe als Konstante des 20. und 21. Jahrhunderts wird meist ideologiebeladen diskutiert. Ich glaube nicht, dass das für eine Lösung dieser humanen Katastrophe hilfreich ist. Deshalb möchte ich zunächst ein Paar Fakten nennen:

  1. Armut und Hunger in der Dritten Welt sind ein ökonomisches Problem, kein logistisches. Theoretisch reicht der fruchtbare Boden dieser Welt, um mehr als doppelt so viele Menschen zu ernähren, wie derzeit auf der Erde leben.
  2. Westliche Entwicklungshilfe leidet häufig unter bürokratischen Kosten und einer Fehlallokation. Wer den Menschen vor Ort helfen will, muss deren Bedürfnisse und kulturellen Eigenarten kennen.
  3. Es gibt Indizien dafür, dass viele klassische Entwicklungshilfeprojekte als “süßes Gift” wirken, da sie Eigenitiative ersticken und abhängig machen.
  4. Ehemalige Dritte-Welt-Staaten, die der Armut entkommen sind und sich heute auf dem Wohlstandsniveau der westlichen Welt befinden, haben dies nicht zuletzt durch marktwirtschaftliche Reformen, ein funktionierendes Rechtssystem und eine Öffnung des Kapitalmarktes erreicht (u.a. Thailand, Südkorea, Singapur aber zunehmend auch China und Indien).
  5. Selbst unter den ärmsten der armen Staaten der Sub-Sahara-Region stehen Staaten wie Mauritius, die ihre Güter- und Rohstoffmäkrte gegenüber dem Westen geöffnet haben, besser da als diejenigen, die sich vom Weltmarkt abschotten.
  6. Viele der ärmsten Staaten der Erde, sind gleichzeitig diejenigen, mit den korruptesten politischen Systemen. Es ist wahrscheinlich, dass hier nicht nur eine Korrelation, sondern auch eine Kausalität besteht. Entwicklungshilfe kann auch den Effekt haben, die korrupten Regime dieser Länder zu stützen.

 


Prof. Hans Rosling räumt mit einigen Mythen über Armut auf

 

Was ist nun die Konsequenz aus all diesen Erkenntnissen? Nichts mehr spenden? Nein. Meiner Meinung nach gibt es eine Form der Entwicklungshilfe, die die alle die genannten Probleme umgeht.

Die ärmsten Staaten der Erde haben alle sehr ähnliche Probleme: Es gibt keine Rechtssicherheit, keine Zivilgesellschaft und kein funktionierendes Wirtschaftssystem. Stattdessen Cliquenwirtschaft, Monopole und eine sehr dünne Schicht von Reichen, die eng mit der politischen Elite verpflochten ist. Klassische Entwicklungshilfe, sofern sie nicht an Bedingungen geknüpft ist, stabilisiert dieses Gesellschaftssystem, indem weder eine funktionierende Marktwirtschaft noch eine demokratische Zivilgesellschaft entstehen kann.

Effektive Entwicklungshilfe muss daher am Staat vorbei, nachhaltig einen großen Teil der ärmsten der Armen wirtschaftlich stärken. Sie muss die wirtschaftliche Tätigkeit dieser Menschen anregen, statt sie abhängig zu machen und Initiative zu ersticken.

Im Deutschland des 19. Jahrhunderts haben sich Bauern zu Genossenschaften zusammengeschlossen, um Volks- und Raiffeisenbanken zu gründen. Es war ein Bankensystem für die Armen – für all diejenigen, die für normale Privatbanken als Kunden uninteressant waren. Eine sehr ähnliche Idee hatt Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus 1976, als er in Bangladesch die Grameen Bank gründete – ein Bankinstitut für die ärmsten der Armen. Dafür wurde er 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Das Konzept der Mikrofinanz ging auf, die Rückzahlungsquote enorm, Denn der Anreiz, die Kleinstkredite zurückzuzuhalen, ist groß: Nur im Falle einer Rückzahlung winkte ein größerer Kredit für die Expansion der Existenzgründer. So entstand in vielen Regionen Bangladeschs, in denen zuvor blanke Armut und Hunger herrschte, ein funktionierendes Wirtschaftssystems.

Viele Probleme der klassischen Entwicklungshilfe werden vermieden: Die Menschen vor Ort wissen selbst am besten, wie sie das Geld investieren, um den Kredit zurückzahlen zu können. Ihre Kleinstunternehmen bieten das an, was die Leute vor Ort nachfragen. Fehlallokationen wie Straßen, die keiner nutzt oder Brunnen, die veröden, werden vermieden. Das Geld bleibt vor Ort und im Wirtschaftskreislauf der Region. Die Einnahmen werden von anderen Mitgliedern der Familie genutzt, ihrerseits wirtschaftlich tätig zu werden.

Das Geld kommt direkt und ohne Umwege dort an, wo es benötigt wird. Es gibt kaum zwischengeschaltete Bürokratie, die Projekte plant und keine staatliche Institution, die Geld abschöpft.  Weil der Kredit zurückbezahlt werden muss, will der Kreditnehmer weitere Kredite erhalten, macht diese Form der Entwicklungshilfe nicht abhängig, sondern regt im Gegenteil die Eigeninitiative an.

Wer also zu Weihnachtenn (oder auch sonst) für eine gute Sache spenden will, dem empfehle ich eines der zahlreichen Mikorfinanz-Projekte wie FINCA zu unterstützen. Eine deutsche Organisation, die ich Bereich der Mikrofinanzierung aktiv ist, ist beispielsweise die Gesellschaft für technische Zusammenarbeit.

Linktausch

Linktausch ist eine Seuche. Seit Google den Markt beherrscht, wollen alle nur noch eins: Möglichst weit oben stehen. So gut wie alle Unternehmen machen inzwischen das, was laut Googles Richtlinien für Webmaster eigentlich verboten ist: Links auf das eigene Angebot kaufen und tauschen. Das nimmt erheblich Zeit in Anspruch und verfälscht Suchergebnisse.

Firmen gehen dabei auf private Website-Besitzer zu und bieten ihnen an, einen Link zu kaufen oder zu tauschen. Die sind oft ahnungslos und machen mit – schließlich haben sie ja auch was davon. Dass sie dabei gegen die durchaus sinnvollen Regeln von Google verstoßen und eine Verbannung aus dem Index riskieren, wissen sie nicht.

Die ganze Suchmaschinen-Optimierung ist für mich eine einzige – volkswirtschaftlich schädliche – Seuche. Ich weiß, dass es alle machen – aber es muss meiner Meinung nach aufhören. Weil es für alle Zeit und Geld frisst und weil es jeden vernüftigen Suchmaschinenalgorithmus derzeit unmöglich macht.

Deshalb werde ich ab jetzt konsequent jede Firma an den Pranger stellen, die mir einen Linktausch anbietet oder das Kaufen von Links. Heute erreichte mit folgende E-Mail von dem Online-Kreditportal Smava mit dem Betreff “Linktausch”:

Lieber Herr Stephan Dörner,

mein Name ist Adrienne Lavales, ich bin Online Marketing Managerin bei www.smava.de und für die Kooperation mit unseren Webpartnern zuständig.
Bei meiner Internet-Recherche bin ich auf Ihre Seite www.doener.blogage.de gestoßen, die ich inhaltlich und konzeptionell sehr ansprechend finde. Da Ihre Website thematisch ganz gut zu unserem Angebot passt und wir noch Linkpartner suchen, könnten wir uns einen Linktausch mit Ihnen sehr gut vorstellen.
Wie Sie sicher wissen, spielen Linkpartnerschaften eine wesentliche Rolle für eine gute Suchmaschinenplatzierung. Wir würden also beide in gleicher Weise hiervon profitieren können.
Ihr Teil der Linkpartnerschaft würde darin bestehen, einen Link auf eine passende smava Unterseite zu setzen, der im Textbereich Ihrer Seite platziert würde. Da ein direkter Gegenlink aus SEO-Gesichtspunkten nicht optimal ist, können wir Ihnen im Gegenzug eine Verlinkung von einer unserer anderen Websites z.B. www.verbraucher-tipp.com anbieten.

Ich würde mich freuen, wenn ich Sie als Linkpartner gewinnen kann und freue mich schon sehr auf Ihre Antwort.

Herzliche Grüße,
Adrienne Lavales

Adrienne Lavales
Online Marketing Managerin
smava GmbH, Postfach 04 07 62, 10064 Berlin
Hausanschrift: Chausseestr. 5, 10115 Berlin
Tel.: +49 (30) 6174800-24
Fax: +49 (30) 6174800-11
E-Mail: adrienne.lavales@smava.net
Xing: https://www.xing.com/profile/AdrienneMercedes_Lavales
Internet: http://www.smava.de/
Blog: http://www.smava-blog.de/

Wie funktioniert smava?
Kurzvideo:
http://www.youtube.com/watch?v=c48HILTz9S8
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Geschäftsführer: Dipl.-Kfm. Alexander Artopé, Dipl.-Kfm. Eckart Vierkant
Sitz der Gesellschaft: Berlin
Handelsregister: Amtsgericht Berlin, HRB 97913

Asus Eee PC 1000H für 329 Euro bei Amazon

Als vorgezogenes Weihnachts- und Geburtstagsgeschenk habe ich mir vor kurzem den Asus Eee PC 1000H schenken lassen, der mir insbesondere durch die für ein Netbook sehr überzeugenden Leistungsdaten (u.a. 160 GB Festplatte, Intel-Atom-Prozessor, 1 GB RAM, sehr gutes und helles Display) sowie die wirklich überzeugende Tastatur und die sehr lange Akkulaufzeit (versprochen werden 7 Stunden, das konnte ich aber nicht ausprobieren) aufgefallen ist. Sogar eine 1,3-Megapixel-Webcam ist eingebaut und neben WLAN verfügt der Eee PC 1000H auch über eine Bluetooth-Schnittstelle.

Es ist zwar nicht ganz so leicht wie viele andere Netbooks – aber dafür ist die Tastatur auch entsprechend größer und es lässt sich sehr gut mit ihr arbeiten, was mir am wichtigsten war. Ich kann das Gerät nur empfehlen.

Der günstigste Online-Händler, den ich fand, bot den Eee PC 1000H für 360 Euro plus Versandkosten an. Nun bin ich via eee-pc.de auf ein echtes Schnäppchen gestoßen: Amazon.de bietet die weiße Version des Geräts derzeit für den wirklich unschlagbaren Preis von 329 Euro inklusive Versandkosten an. Die schwarze Version mit denselben Leistungsdaten kostet dort nach wie vor 379 Euro.

Für alle Eee PCs gibt es übrigens auch eine speziell angepasste Ubuntu-Version, die ich allerdings noch nicht ausprobiert habe. Noch werkelt das mitgeliferte Windows XP Home auf dem Subnotebook, auf dem u.a. StarOffice vorinstalliert war.

Update: Ist Amazon da ein Fehler unterlaufen? Jetzt kostet die weiße Eee-PC-Version auf einmal 349 Euro.

Update 2: Es wird immer besser. Jetzt kosten beide Versionen auf einmal 399 Euro.

Israel: Interview mit Dr. Gil Yaron

Anlässlich meiner Bachelorarbeit zum Thema religiöse Rechte in Israel habe ich heute den freien Journalisten und Israelexperten Dr. Gil Yaron in Israel angerufen und das Gespräch aufgezeichnet.

Es geht darin unter anderem um die innerisraelischen Spannungen zwischen säkular und religiös orientierten Juden, zwischen Aschkenasim und Sephardim und das politische Parteienspektrum sowie die anstehenden Parlamentswahlen am 20. Februar.

Das 17-minütige Interview kann als Mp3 (15,6 MB) oder Ogg-Vorbis-Datei (10,5 MB) heruntergeladen werden.

In eigener Sache: Ich twitter

Nur mal so als Info an alle meine Blog-Leser: Vieles von dem, wofür ich früher einen kurzen Blog-Artikel geschrieben hätte, frühstücke ich inzwischen über Twitter ab. Meist geht es dabei nur um interessantes Fundstücke im Netz wie diese Website, welche Zeitungsartikel sammelt, die aus Platzgründen nie erschienen sind (via Taz).

Viele dieser Blog-Artikel bestanden ohnehin nicht aus viel mehr als dem Link – daher hau ich den Link inzwischen einfach direkt bei Twitter rein. Wer also die volle Dröhnung Doener will, sollte nicht nur mein Blog lesen, sondern auch meinen Twitter-Feed.

blogage.de hat übrigens auch einen Feed, in dem alle Artikel auf blogage.de getwittert werden, die mindestens drei Empfehlungen haben.

Redaktionskonferenz 2.0: Knüwer vs. Iwersen

Sorgte das letzte Mal ein gelöschter Kommentar in einem Handelsblatt-Blog für Aufsehen, ist es diesmal ein öffentlich ausgetragener Streit zwischen den Handelsblatt-Kollegen Thomas Knüwer und Sönke Iwersen. Schauplatz: Knüwers Blog “Indiskretion Ehrensache“. Dem Namen wird das Blog in diesem Falle mal voll gerecht.

Hintergrund ist im Grunde ein hausinterner Generationenkonflikt. Während der eine fröhlich in Redaktionskonferenzen über Kekse twittert, macht der andere harte journalistische Arbeit – so sieht es offenbar Iwersen. Oder: Während der eine sich global vernetzt, neue Kommunikationskanäle nutzt und die Zukunft des Journalismus vorantreibt, verweigert sich der andere dem Fortschritt – so sieht es anscheinend Knüwer.

Und so wurde ein – wie gewohnt launisch geschriebener Blog-Artikel Knüwers über seine sich angeblich der Zukunft verweigernden Kollegen – für Iwersen Anlass für einen bissigen Kommentar:

Lieber Thomas,

Bei aller kollegialer Zurückhaltung: mir ist kein Journalist bekannt, bei dem Selbstdarstellung und Realität derart auseinanderklaffen wie bei Dir. Vielleicht könntest Du die permanente Selbstbeweihräucherung mal kurz unterbrechen und erklären, warum Deine fantastische Verdrahtung über Xing, Facebook, Twitter und Co. so wenig journalistischen Mehrwert bringt. Wenn es tatsächlich so wäre, dass diese Kommunikationswege neue Infos erschließen – warum kommen die Scoops im Handelsblatt dann nicht von Dir, sondern immer von anderen Kollegen?

Man kann Dir oft dabei zusehen, wie Du selbst in Konferenzen ständig mit Deinem Telefon herumdaddelst. Vielleicht twitterst Du nur grad, dass Du grad gern einen Keks essen würdest – wer weiß das schon. Jedenfalls führt das Ganze nicht dazu, dass Du das Blatt laufend mit Krachergeschichten füllst. Bieterkampf bei Yahoo? Neues vom Telekomskandal? Untergang von Lycos? Das alles wären doch Themen, zu denen Dir, dem hyper-vernetzten Journalisten, die Insidernachrichten zufliegen könnten. Tun sie aber nicht. Stattdessen stellst Du gern mal eine Nachricht als exklusiv vor, die morgens schon über Agentur lief oder in der New York Times stand.

Ich verstehe einfach nicht, warum Du ständig diejenigen Kollegen runtermachst, von deren Geschichten Du selbst lebst. Eine große Zahl Deiner Blogeinträge basiert doch auf Artikeln Deiner Print-Kollegen, zu denen Du dann einfach Deinen Senf dazugibst. Ohne die von anderen recherchierten Grundlagen hättest Du da nichts zu schreiben.

Du behauptest, die Journalisten müssten sich ändern und meinst damit wohl, sie müssten so werden wie Du. Es ist aber so, dass die meisten Kollegen gar kein Interesse daran haben, Nachrichten einfach nur wiederzukäuen, so wie Du.

Es ist Dir ja unbenommen, in Deinem Blog eine Art Resteverwertung zu betreiben. Aber bitte verkauf das nicht als Zukunft des Journalismus.

Es gab einiges Hin und Her, eine Redaktions-Linie, die das öffentliche Austragen des Streits untersagte und viele öffentlich geäußerte böse Worte zwischen beiden.

Stefan Niggemeier, sonst immer sehr auf der Web-2.0-Linie seines Kollegen Knüwers, nimmt den Kommentar zum Anlass für einige selbstkritische Gedanken:

Ich finde es eine berechtigte Frage, der sich Leute wie Knüwer (und ich) ernsthaft stellen müssen: Wer denn die Artikel recherchiert, während wir Kommentare moderieren und Twitter-Beiträge lesen und lustige Experimente mit Kamera-Übertragungen machen. Das ist keine Entweder-Oder-Debatte, denn natürlich wird der Journalismus der Zukunft beides brauchen: traditionelle und neue Formen der Recherche und des Publizierens.

Ich finde die Debatte ebenfalls interessant und berechtigt. Und ich begrüße es, dass sie öffentlich geführt wird – und damit unter Beteiligung der deutschen Blogger, Öffentlichkeit und Medienszene. Denn so sehr ich selbst ein typischer Web-2.0-Journalist bin, so sehr schätze ich auch die Arbeit der klassischen Journalisten, wie ich bereits in meinem Artikel “Was Blogs nicht leisten können” ausführte.

Was bleibt ist für mich die Erkenntnis, dass Arbeitsteilung auch im Journalismus durchaus sinnvoll ist. Ja, Leser-Feedback und Kommentare bereichern die journalistische Arbeit. Ja, Twitter ist ein Kommunikationskanal, der zur Recherche dienen kann. Aber: Die Techniken des Web 2.0 sind kein Selbstweck und die meisten Geschichten werden immer noch klassisch rechechiert: Über persönliche Kontakte und direkte Anrufe bei mit den Vorgängen vertrauten Personen und nicht, indem man als Journalist seine Zeit dafür aufwendet, Kommentare zu moderieren oder den Redaktionsalltag zu twittern.

Was mich enttäuscht ist die erste Reaktion Knüwers auf den Kommentar seines Kollegen. Der Vorkämpfer für Transparenz und Offenheit im Journalismus löscht den Kommentar von Iwersen. Eines sollte der netzaffine Knüwer doch inzwischen über den Charakter des Internets gerlernt haben: Was einmal öffentlich war, bleibt öffentlich. Inhalte im Nachhinnein wieder aus der Sphäre der Öffentlichkeit zu verbannen gleicht dem Versuch, einmal ausgedrückte Zahnpaste zurück in die Tube zu befördern.

Und das ist doch auch das eigentlich Schöne am Netz: Dass es so viel Öffentlichkeit und Transparenz herstellt, wo sich früher Kollegen nur hinter verschlossenen Redaktions-Türen angeschrien haben. So haben wir wenigstens alle was davon. 😉