Kapitalismus 2.0

Unser Wirtschaftssystem ist auf grenzenloses Wachstum ausgelegt. Das führt entweder in die ökologische Katastrophe oder das System kollabiert in Massenarbeitsarbeitslosigkeit und Verelendung. Plädoyer für einen Kapitalismus 2.0.

Konsumverzicht ist Blödsinn und schade allen, meint Viktoria Unterreiner und freut sich, dass sich der Kauf-Nix-Tag in Deutschland so geringer Zustimmung erfreut. Denn, so die Meinung der Autorin, unsere Wirtschaft braucht den Konsum.

Und sie hat recht: Der ständige Warenaustausch ist es, der unsere Wirtschaft am Leben erhält. Ohne reales Wachstum und einer ständigen Steigerung der Konsumausgaben, funktioniert unsere Wirtschaft nicht mehr.

Warum ist das so? Unser Wirtschaftssystem belohnt Effizienz und Rationalisierung. Diejenigen Unternehmer, die Waren besonders effizient, das heißt besonders kostengünstig in besonders guter Qualität herstellen, überleben langfristig im Konkurrenzkampf gegen weniger effizient wirtschaftende Unternehmen. Besonders kostengünstig bedeutet aber auch: Mit immer weniger Personal.

Unsere Wirtschaft wird also, bedingt durch den technischen Fortschritt und Rationalisierungsprozesse, immer produktiver. Das bedeutet nichts anderes, als dass unsere Unternehmen immer mehr und bessere Güter mit immer weniger Einsatz der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden produzieren.

Die Angebotsseite unserer Wirtschaft verbessert sich also konstant, weil der Kapitalismus Produktivität belohnt. Ein Problem aber entsteht auf der Nachfrageseite: Die hergestellten Güter müssen auch konsumiert werden, damit das Zusammenspiel zwischen Produzenten und Konsumenten funktioniert. Denn ohne Konsumenten auf der Nachfragseite, fehlen der Wirtschaft die Kunden.

Und hier entsteht mit zunehmender Effizienz des Wirtschaftssystems ein Problem: Die Verteilung der Einkommen, die Konsum ermöglicht, findet derzeit – von Sozialtransfers abgesehen – ausschließlich über Erwerbs- und Vermögenseinkommen statt. Vermögen besitzen nur wenige, zumindest in einem Umfang, dass dieses auch in relevantem Maße Rendite erwirtschaften würde.

Während die Kapitaleinkommen in den vergangenen zwei Jahrzehnten sprunghaft ansteigen, stagnieren die Erwebseinkommen seit den 1990er Jahren real. Der Grund: Eine immer effizientere Wirtschaft benötigt immer weniger Personal, um die Waren und Dienstleistungen in gleicher oder besserer Qualität bereitzustellen. Unserer Wirtschaft wird immer kapitalintensiver, das heißt Maschinen ersetzen die Arbeit von Menschen.

Deshalb brauche wir ständiges Wirtschafts- und Konsumwachstum, um unsere Beschäftigungsquote einigermaßen konstant zu halten. Sobald unsere Wirtschaft nicht mehr wächst (das bedeutet noch nicht unbedingt schrumpft!) droht Massenarbeitslosigkeit.

Die Grenzen des Wachstums” war der Titel einer Studie, welche die Wissenschaftler des Club of Rome 1972 veröffentlichten. Schon damals erkannten die Autoren, dass wir uns unser auf ständiges Wachstum ausgelegtes Wirtschaftssystem auf Dauer allein aus ökologischen Gründen nicht leisten können.

Der Kapitalismus muss daher früher oder später grundlegend reformiert werden, sodass er nicht mehr auf ständiges Wachstum ausgelegt ist. Ein erster Schritt wäre es, alle Menschen vom gesamtgesellschaftlichen Produktivitäsfortschritt profitieren zu lassen, nicht nur die Kapitaleigner. Die Lösungsansätze dazu sind sind unterschiedlich, je nachdem, wie marktorientiert die Protagonisten denken. Friedrich Merz beispielsweise schlägt kapitavermögenbildene Maßnahmen für Arbeitnehmer vor. Dieser Vorschlag krankt meiner Meinung nach aber daran, dass es lanfristig immer weniger Arbeitnehmer geben wird.

Der beste Lösungsvorschlag aus meiner Sicht ist das bedingungslose Grundeinkommen, das jedem Bürger ein menschenwürdiges Leben ermöglicht, um aus der reinen Verteilung des Wohlstands über Vermögens- und Erwerbseinkommen auszubrechen. In dem Modell von Prof. Götz Werner wird diese staatliche Umverteilung des Vermögens über eine reine Konsumsteuer gelöst. Das würde die Anreize zum Konsum begrenzen und sich somit auch ressourcenschonend auswirken.

Das bedingslose Grundeinkommen löst das Problem der der Wachstumsabhängigkeit unserer Wirtschaft, nicht aber das Problem des ökologisch problematischen Dauerwachstums an sich. Gerade ein bedingungsloses Grundeinkommen perfektioniert unser marktwirtschaftliches System in vielfacher Weise, wie ich bereits 2005 ausführte und würde somit zu noch mehr Effizienz und realem Wachstum führen.

Daher ist es im zweiten Schritt notwendig, die externen ökologischen Kosten von Produktion und Konsum zu internalisieren. Mit anderen Worten: Eine echte Ökosteuer, die Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung bestraft und somit dem Verursacher monetär belastet statt der Allgemeinheit zu schaden. Nur so wird ein Anreizsystem erschaffen, das ein umweltgerechtes Produktions- und Konsumentenverhalten belohnt.

Statt auf global konsquent auf Internalisierung externer Kosten zu drängen, setzt die deustche Politik mit ihrem positiven Anreizsystem für regenerative Energien auf einen klimaschutzpolitischen Holzweg. Je mehr in Deutschland an fossilen Energieträgern eingespart wird, desto billiger wird Kohle, Gas und Öl für andere Staaten der Erde – entsprechend steigt dort der Verbrauch.

Dass die Weltgemeinschaft im angesicht katastrophaler Krisen zu entschlossenem gemeinsamen Handeln im stande ist, zeigt das G20-Gipfel zur Weltfinanzkrise. Langfristig gibt es keine größere globale Bedrohung als die ökologische Katastrophe. Eine marktwirtschaftliche Internalisierung externer Umweltkosten kann nur durch einen global durchgesetzt Handel mit Emissionszertifikaten durchgesetzt werden.

Advertisements

9 thoughts on “Kapitalismus 2.0

  1. Ich habe leider schon Probleme, die Grundannahmen, wie der Kapitalismus 1.0 theoretisch funktionieren sollte, an der Praxis abzulesen.
    Meines Erachtens machen einem Wirtschaft und Handel den Konsumverzicht sehr einfach. Optimiert wird nicht die Produktivität, sondern die Marktsättigung. Die Güter werden nur in einem Sinne besser, dass diese auch wieder schnell kaputtgehen, um den Konsumenten blos nicht vom erneuten Kauf abzuhalten. Wir produzieren und kaufen den Müllberg von morgen. Darin liegt imho der ökologische Kardinalfehler unseres Systems.
    Was das bedingungslose (was sonst, alles andere schafft nur mehr an unproduktiver Bürokratie und beschämendem Sozialstriptease) Grundeinkommen angeht, frage ich mich nur, wer das bezahlen soll. Leider schaffe ich es nicht anzunehmen, dass das Geld schon irgendwo her kommen wird, wenn es nicht mehr als Anreiz für Leistung dient.  Warum sollte irgendjemand ein Vermögen schaffen, wenn er nichts davon hat? In der ersten Runde mag das Umverteilen ja funktionieren, nur ist nach einer Weile nichts mehr zum Umverteilen da.

  2. Hi Sven!
    Zur Funktionsweise des Kapitalismus 1.0: Natürlich gibt es auch bei Produzenten von normalen Güterprodukten Anreize, nicht die Qualität des Produkts zu verbessern, um die Produzentenrente zu steigern, sondern beispielsweise einfach die Lebensdauer des Produkts zu verkürzen. Mindestens in einem Fall – nämlich bei Glühlampen – ist das sogar eine Kartellstrategie.
    Dennoch, es gibt auch gute Gründe, die dagegen sprechen: Das Image der Marke ist wichtig. Prudukteigenschaften sprechen sich herum – und nicht zuletzt gibt es unabhängige Institiute wie die Stiftung Warentest, die die Qualität von Podukten überprüft. Unzufrieden bin ich nur mit der Art, wie die Stiftung Warentest organisiert ist. Sie stellt meiner Meinung nach ein wichtiges Kollektivgut bereit und sollte daher steuerfinanziert sein und die Ergebnisse öffentlich bereitstellen.
    Zur Finanzierung des Grundeinkommens:
    1. Der Gesamtwohlstand wächst kontinuierlich und wird u.a. dank des technischen Fortschritts auch weiter wachsen. Wir können heute mit sehr viel weniger Einstaz von Produktionsfaktoren (insbesondere von Arbeit), sehr viel mehr Waren und Dienstleistungen produzieren. Das Problem liegt daher eindeutig nicht auf der Seite des Wohlstands, sondern auf der Seite der Verteilung des Wohlstands, weil die immer noch von Erwerbsarbeit abhängt, die aber langfristig nicht in ausreichendem Maße vorhanden sein wird.
    2. Das Grundeinkommen soll nicht mehr als eine Basis bilden, mit der der Lebensunterhalt für ein menschenwürdiges Leben gedeckt ist. Würdest du Sven, da aufhören zu arbeiten? Ich nicht. Die wenigsten sehen in ihrer Arbeit reinen “Broterwerb”. Arbeit war immer und wird immer auch Selbstentfaltung bleiben. Und Geld bleibt natürlich ein Anreizfaktor für Arbeit – eben merh Geld. Die moderne Ökonomie hat ohnehin längst herausgefunden, dass es den meisten Menschen bei Einkommensteigerung ohnehin eher um die Status-Aufwertung geht (die Höhe des Gehaltschecks als Selbstbestätigung und Spiegel der sozialen Stellung) als um die Möglichkeit, das Geld zu konsumieren (es wurde beispielsweise mal eine Umfrage unter Studenten in den USA durchgeführt: “Würden Sie lieber 50.000 Dollar im Jahr in einem Land verdienen, in dem der Durchschnittslohn bei 25.000 Dollar im Jahr liegt oder lieber 100.000 Dollar im Jahr, in dem der Durschnittslohn bei 500.000 Dollar im Jahr liegt? Fast alle wählten die erste Option).
    Und die Jobs, auf die niemand Lust hat? Die müssen dann eben entsprechend bezahlt werden – das wäre meiner Ansicht nach nur fair.

  3. danke für den Link zum Glühlampenkartell.
    Ich selber arbeite nicht in dem Sinne sondern sitze nur Zeit ab und versuche von ab und zu hilfreich zu sein. Daher erübricht sich die Frage, was ich machen würde mit einem bedingungslosen Grundeinkommen und ob ich mein Ego vom Einkommen tätscheln lasse 🙂
    Die Umfrage unter den Studenten belegt nur wieder  meine Vorurteile
    Du gehst also davon aus, dass der Wohlstand einfach per se vorhanden ist. Bei dem Thema werden wir vermutlich nicht zusammen finden – ist aber nicht schlimm, kontroverse Ansichten sind ja keine Erfindung von gerade eben.

  4. Nein, ich gehe natürlich nicht davon aus, dass der Wohlstand vorhanden ist. Der Wohlstand entsteht durch Wetschöpfung. Aber ein immer größerer Teil der Wertschöpfung wird durch Maschinen geleistet – und das wird noch zum Problem.

  5. Das ist ein schöner Artikel. Ich selbst bin eher für eine Modifizierung des Kapitalismus als für die Revolution, sofern die Chancen genutzt werden.
    Was das gegenläufige Verhältnis von der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt und der Produktivität angeht stehen wir meiner Meinung nach vor einer großen strukturellen Krise, die nur durch eine Umstrukturierung der Wertegesellschaft gemeistert werden kann. Entweder wir fallen zurück in den Feudalismus – wenige sehr Reiche halten sich viele Diener mit Jobs wie Hauspersonal ec. – oder wir gewähren den Erwerbslosen einen Grundlohn, der sie einigermaßen Leben läßt, heißt auch die Teilnahme an gesellschftl. Veranstaltungen ermöglicht.
    Das größte Problem, vor dem wir jedoch stehen ist die Überbevölkerung im Zeitalter der Bevölkerungsexplosion. In http://de.wikipedia.org/wiki/Bev%C3%B6lkerungsentwicklung sind die globale Bevölkerung und die Wachstumsrate abgebildet. Auffallend ist, daß in den letzten Jahren der Trend der wachsenden Bevölkerung trotz stark abfallender Rate nicht gebrochen werden konnte. Wir brauchen also eine starke Bevölkerungsverminderungspolitik und das innerhalb eines Wirtschaftssystems, das auf Wachstum gegründet ist und dessen Altersversorgung zumindest hier in der BRD auf einem Solidarpakt der Jungen ( arbeiten ) für die Alten beruht.
    Übrigens verlief die Wachstumskurve in Wikipedia konstant bei ca 200 – 300 mio Menschen hieße eine Verringerung der Bevölkerungszahl auf ca 4% um die Bevölkerung wieder auf einen konstanten Wert zu bringen, also ohne zwangsläufigem Wachstum zu leben.. Das ist nahezu unvorstellbar – bedingt fast eine große Katastrophe wie eine Pandemie, Krieg ec..

  6. louis vuitton

     

    Comment posted on July 23rd, 2010 at 09:57 AM
    As we know, life should be tasted slowly and carefully, so does lv . As a fashion symbol, it is not difficult to see it because it is so famous and beloved. Why is Louis vuitton bags so famous? Have you ever had any louis vuitton bag ? It doesn

  7. We are specialists in Swarovski beads, that are very fashionable.Precisely minimize Swarovski crystal beads will make sure that the handmade jewellery appears fantastic. Swarovski crystals are crafted in Austria greatest specifications of superior and so are regarded as the finest items of the type from the world. Welcome to our website,you will obtain a surprise

  8. Louis Vuitton Outlet Online is not only make one fashion but also stand for them identity.Louis Vuitton is designed simple and novel.Louis Vuitton is a good choice for you. All the Louis Vuitton for sale on our Louis Vuitton Online Stores.Buy cheap Louis Vuitton from Louis Vuitton Online now!

Comments are closed.