Woher kommt die Moral?

Ich werde heute wieder über etwas schreiben, von dem ich eigentlich überhaupt keine Ahnung habe: Evolutionsbiologie. Es ist eigentlich ein sehr einfacher Gedanke, eine These.

Wenn man sich die Lebewesen dieser Welt ansieht, weisen diese übereinstimmend alle folgende drei Eigenschaften auf: Überlebenswille, Überlebensfähighkeit und Fortplanzungstrieb. Jedes Lebenwesen, das eine dieser drei Eigenschaften nicht besitzt, ist zwangsläufig ausgestorben. Menschen und viele andere hochentwickellte Säugetiere besitzen aber noch eine weitere grundlegende Eigenschaft, die ihr Verhalten wesentlich bestimmt: Sozialverhalten und Moral.

Woher kommt das schlechte Gewissen und der intrinsische Zwang, moralisch zu handeln, wie lässt es sich evolutionsbiologisch herleiten? Einzelrational betrachtet hat moralischen Verhalten nur dann einen Sinn, wenn es reziprok erwidert wird. Das Prinzip “Wie du mir, so ich dir” macht moralisches Verhalten egoistisch-rational sinnvoll im Sinne eines Überlebensvorteils.

Warum aber handeln Menschen selbst dann moralisch, wenn sie keine reziproke Erwiderung ihres Verhaltens erwarten können – beispielsweise in anonymen Verteilungsexperimenten?

Hier kommt meiner Meinung nach die Gruppenrationalität ins Spiel: Verbände von moralisch orientierten Tieren und Menschen, hatten gegenüber amoralisch handelnden Gruppen einen Überlebensvorteil. Sie kooperierten, statt sich gegenseitig auszustechen und waren dadurch im Verband stärker, als Verbände, die zu amoralischen Verhalten neigten. Dadurch haben Verbände von moralisch orientierten Individuen eher überlebt.

Dass Moral bei Menschen immer noch intuitiv verankert ist und nicht rational begründet wird, zeigen übrigens philosophische Experimente:

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie stehen neben einem Bahngleis an einer Weiche. Außer Kontrolle geraten, rast ein Waggon heran. Auf der links abzweigenden Spur macht sich eine Gruppe von fünf Eisenbahnarbeitern zu schaffen, rechts ein einziger.

Unternehmen sie nichts, schwenkt der Waggon links ab und tötet die fünf Männer. Indem sie den Weichenhebel umlegen, können sie die Fünf retten und nur einen opfern. Die meisten Menschen antworten, sie würden den Waggon umleiten.

In einem anderen Szenario können sie einen schweren Mann von einer Brücke auf die Gleise stoßen, um den Waggon aufzuhalten. Diesmal geben fast alle an, das sei unvertretbar, obwohl das Ergebnis doch in beiden Fällen das gleiche wäre.

Prof. Marc Hauser im Interview mit der SZ

Die überwiegende Neigung, beide Situationen moralisch unterschiedlich zu bewerten, folgt weder der Philosophie des Utilitarismus, die nur die Konsequenzen und den damit verbundenen Nutzen und Schaden bewertet, noch der Moralphilosophie der Deontologie, die nur die Handlung und ihre Absicht bewertet.

In beiden Fällen kommt durch die eigene Handlung ein Mensch zu Tode, der sonst überleben würde, weshalb dies aus deontologischer Sicht abzulehnen wäre. In beiden fällen wird aber auch ein Leben geopfert, um fünf andere zu retten, weshalb ein Utilitarist in beiden Fällen ein aktives Eingreifen befürworten würde. Mit anderen Worten: Moralisches Verhalten ist nicht rational, sondern intuitiv – und ist evolutionär genetisch verankert.

Ein weiteres Beispiel:

Einen blutenden Menschen am Straßenrand liegen zu lassen statt ins Krankenhaus zu bringen, halten die meisten Menschen für verwerflich. Egal, ob der Verletzte die Ledersitze des Autos ruinieren könnte. Dagegen finden viele es in Ordnung, wenn man eine gewisse Geldsumme (sagen wir, im Wert eines Ledersitzes) nicht für eine medizinische Wohlfahrtsorganisation in Afrika spendet, sondern sich stattdessen etwas Luxuriöses davon kauft (zum Beispiel Ledersitze). Warum ist das so?

Quelle: Tagespiegel.de

In diesem Beispiel zeigt sich: Sobald die Entscheidung abstrakt-rationales Denken erfordert und nicht mehr intuitiv erfassbar ist – etwas, das in Gruppen kleiner Sozialverbände nicht vorkam – handeln die meisten Menschen nicht mehr moralisch.

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17 thoughts on “Woher kommt die Moral?

  1. Moralisches Verhalten ist nicht rational, sondern intuitiv – und ist evolutionär genetisch verankert.
    Das halte ich doch für äußerst fragwürdig. Guck dir alleine mal die massiven Unterschiede hinsichtlich den Moralvorstellungen von religiösen Fundamentalisten, die einen Dualismus predigen, und meintewegen Buddhisten.
    Moral ist etwas, was in hohem Maße von der Umwelt mitgeprägt wird!
    Darüber hinaus gibt es ja auch sehr viele andere Situationen in denen Menschen durchaus nicht moralisch handeln, auch wenn kein abstrakt-rationales Denken erforderlich ist. Vielleicht das bestes (bzw. bekannteste) Beispiel ist der Fall von Kitty Genovese und dem sich daran anschließenden Experiment von Darley und Latané:

    Experience Latane et Darley (1970)
    Dieser Fall wiederlegt eigentlich auch recht deutlich deine Argumentation der Gruppenrationalität.

  2. Das halte ich doch für äußerst fragwürdig. Guck dir alleine mal die massiven Unterschiede hinsichtlich den Moralvorstellungen von religiösen Fundamentalisten, die einen Dualismus predigen, und meintewegen Buddhisten.

    Natürlich ist die Frage, was als moralisches Verhalten gilt, kulturell stark geprägt. Es geht mir hier um die Frage, warum sich so etwas wie moralisches Empfinden überhaupt entwickelt hat.
    Außerdem bedeutet, dass Menschen grundsätzlich zu moralischem Handeln in der Lage sind, natürlich nicht, dass sie immer moralisch handeln.

    Dieser Fall wiederlegt eigentlich auch recht deutlich deine Argumentation der Gruppenrationalität.

    Nein. Das ist ein Beispiel fรผr Verantwortungsdiffusion.

  3. Es geht mir hier um die Frage, warum sich so etwas wie moralisches Empfinden überhaupt entwickelt hat.

    Dennoch bedeutet eine andauernde Existenz dieser Kognition noch keine genetische Verankerung. Die Tatsache, dass sie sich stark zwischen unterschiedlichen Kulturen unterscheidet deutet hingegen auf eine erlernte “Fähigkeit” hin.

    Nein. Das ist ein Beispiel für Verantwortungsdiffusion.

    Natürlich liegt hier Verantwortungsdiffusion vor, allerdings ist dieser Effekt doch konträr zu der von dir angeführten Gruppenrationalität.

  4. Dennoch bedeutet eine andauernde Existenz dieser Kognition noch keine genetische Verankerung. Die Tatsache, dass sie sich stark zwischen unterschiedlichen Kulturen unterscheidet deutet hingegen auf eine erlernte “Fähigkeit” hin.

    Die Tatsache, dass es in allen auch noch so unterschiedlichen Kulturen überhaupt ein moralisches System entwickelt hat – und dieses auch noch in allen Kulturen sehr ähnlich Züge aufweist (z.B. grundloses Töten von Sippenmitgliedern ist verboten, Diebstahl ist verboten etc.) – deutet darauf hin. Die Ausgestaltung des moralischen Systems, die Feinheiten, das ist dann eine kulturell erlente Fähigkeit. Aber irgendeine Art von Gerechtigkeitsempfinden entwickelt so gut wie jeder Mensch.

    Natürlich liegt hier Verantwortungsdiffusion vor, allerdings ist dieser Effekt doch konträr zu der von dir angeführten Gruppenrationalität.

    Dieser Effekt hat mit der These, dass sich Moral aus einer Gruppenrationalität (im Sinne von: für die Gruppe einen Überlebensvorteil bringend) entwickelt hat, einfach überhaupt nichts damit zu tun.

  5. Dieser Effekt hat mit der These, dass sich Moral aus einer Gruppenrationalität (im Sinne von: für die Gruppe einen Überlebensvorteil bringend) entwickelt hat, einfach überhaupt nichts damit zu tun.

    Wieso das? Ist es deinem Moralverständnis nach nicht unmoralisch und auch nachteilig für die Gruppe, wenn niemand einem Sippenmitglied hilft, dass grundlos getötet wird? ๐Ÿ˜‰

  6. Verantwortungsdiffusion ist ein Problem, dass Menschen, die in kleinen Sozialverbände gelebt haben, als sich die Moral evolutionsbioligisch gebildet hat, einfach nicht vorkam. Wenn du fünf Menschen hast, die einen Menschen verbluten sehen, werden sie helfen. Erst wenn du 100 oder mehr hast, gibt es ein Problem.

  7. Guck dir mal das Video oben an, oder guck dir andere Experimente von Darley und Latané (das mit dem Rauch z.B.) an und du wirst sehen dass auch schon bei Gruppen im einstelligen Bereich solche Effekte auftreten.
    Außerdem: Was ist grundlos in der Natur?!

  8. Guck dir mal das Video oben an, oder guck dir andere Experimente von Darley und Latané (das mit dem Rauch z.B.) an und du wirst sehen dass auch schon bei Gruppen im einstelligen Bereich solche Effekte auftreten.

    Ja aber nur weil Moral nicht perfekt im Sinne einer Gruppenrationalität funktioniert, heißt das ja nicht, dass sie sich überhaupt nicht positiv auf das Überleben von Gruppen auswirkt. Andere Dinge, die die Evolution hervorgebracht hat, funktionieren ja auch nicht in jeder Situation perfekt und bieten unterm Strich dennoch einen Überlebensvorteil.
    Wenn dir jemand sagt: Beine haben sich durchgesetzt, weil es evolutionär vorteilhaft war, weglaufen zu können, sagst du ja auch nicht: “Kann nicht sein! Es stolpern doch immer wieder Leute und fallen hin.” ๐Ÿ˜‰

    Außerdem: Was ist grundlos in der Natur?!

    Alles und nichts – kommt auf die Defintion von “Grund” an. ๐Ÿ˜‰

  9. halb ot aber sehr schräg:parasiten die das nervensystem verändern
    ich seh schon die schlagzeilen: “konservatismus-erreger wollte seine eigene entdeckung verhindern” ๐Ÿ˜‰
    einige interessante gedanken zu dem gene vs meme, lassen sich auch in stefan blackertz’ manifest (hier und hier) lesen, ich hoffe der ziemlich radikale ton schreckt nicht allzu sehr vom lesen ab.

  10. Alles und nichts – kommt auf die Defintion von “Grund” an. ๐Ÿ˜‰

    Genauso, sieht es mit Moral aus. Diskussion ohne Basis eben.

  11. Naja geht. Dass sich moralische Systeme in allen geselschaftlichen Epochen und Kulturen immer ausgebildet haben, kann man ja durchaus feststellen. Ebenso, dass diese immer gewisse Gemeinsamkeiten aufwiesen, beispielsweise das Verbot des grundlosen Tötens eigener Sippenmitglieder.

  12. Erneut: Was ist grundlos?
    Weiterhin kann man feststellen, dass dies nicht akzeptiert wird (sinnvoller Weise), aber die Frage ob das Gefühl der Moral und Gerechtigkeit hier Ursache oder Produkt ist, ist IMHO einfach in keinerlei Weise festzustellen.
    Braucht es zur Ablehnung des tötens von Sippenmitgliedern ein Moralverständnis, oder reicht da der Überlebenswille? Ist dann die Moral vielleicht einfach ein soziales Kostrukt bzw. Produkt, dass daraus folgt?

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    Wenn einfältige Menschen hören, dass Bankmanager “Millionen-Boni” kassieren, beurteilen sie das rein gefühlsmäßig. Wenn sie überhaupt nachdenken, überlegen sie sich, wie lange sie selbst arbeiten müssten, um “so viel Geld” zu verdienen. Überschreitet die grob geschätzte Zeitspanne einige Jahre, springt der Knochen im Gehirn auf “unmoralisch”, und sie fordern eine “Kontrolle”, um weitere “Unmoral” zu verhindern.
     
    Auf der anderen Seite gelingt es dem einfältigen Verstand, Zinserträge in Milliardenhöhe als eine “Belohnung für Konsumverzicht” anzusehen, und den Multimilliardär, der zur Beruhigung des eigenen Gewissens einen Bruchteil davon spendet, als einen “Wohltäter”. Das ist dann die “Gerechtigkeit der Moral”.
     
    In Wahrheit gibt es keine Moral, die Intelligenz ersetzen kann:
     
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