Was Aktienmärkte mit Schönheitswettbewerben zu tun haben

Eine der Hauptursachen für die derzeitigen Verwerfungen auf den Finanzmärkten ist die irrige Annahme, dass sich die Regeln für Gütermärkte auch auf Finanzmärkte anwenden ließen. Das ist aber mehreren Gründen nicht der Fall.

Unterschiede zwischen Finanz- und Güterprodukten

Auf einem Gütermarkt herrscht modelltheoretisch eine streng rationale Beziehung zwischen Anbietern und Konsumenten. Verspricht sich der Konsument von einem Produkt einen Nutzen, der den monetären Verlust mehr als ausgleicht, wird es gekauft. Dadurch streicht der Konsument die sogenannte Konsumentenrente ein. Sie stellt die Differenz zwischen Nutzen und Kosten des Produkts dar. Nur wenn sie die Erwartung an diese Differenz größer als Null ist, wird das Produkt erworben. Auf der anderen Seite steht die Produzentenrente, die vom Anbieter des Produkts eingestrichen wird. Sie ist die Differenz zwischen Herstellungskosten und dem Preis, den der Konsument zahlt.

Bei herkömlichen Produkten auf Gütermärkten kann man davon ausgehen, dass Innovationen volkswirtschaftlich gesehen so gut wie immer nützlich sind. Steigert der Anbieter die Konsumentenrente, indem er die Qualität eines Produkts verbessert, kann er dadurch die Produzentenrente steigern, weil der Kunde bereit ist, mehr zu zahlen.

Die Finanzindustrie beschäftigt sehr gut bezahlte Finanzmathematiker, um Finanzprodukte zu designen. Beim Primärziel sind die Interessen von Anbieter und Nachfrager auch auf dem Finanzmarkt decklungsgleich: Beide wollen eine möglichst hohe Rendite bei möglichst geringem Risiko und hoher Liquidität (das sogenannte magische Dreieck der Vermögensanlage). Das ist im volkswirtschaftlichen Sinne nützlich, da somit Kapital möglichst effizient allokiert wird: Es wird dort investiert, wo die Aussichten auf einen Erfolg besonders vielversprechend sind (siehe dazu auch: Der Sinn der Spekulation). Je höher die Rendite sowie Liquidität und je geringer das Risiko, desto größer der Nutzen des Produkts für den Investor – und damit auch der Preis, den der Nachfrager für das Finanzprodukt zu zahlen bereit ist. Der Anbieter von Finanzprodukten kann also – wie auf dem Gütermarkt – die Produzentenrente steigern, indem er die Qualität des Finanzprodukts erhöht (also die Rendite steigert, das Risiko minimiert oder die Lidquidität erhöht).

Leider gibt es aber noch einen anderen Weg für einen Finanzdienstleister, die Produzentenrente zu steigern. Finanzmathematiker gehören nicht umsonst zu den bestbezahlten Angestellten der Welt. Finanzprodukte sind hochgradig intransparent und daher die Qualität für den Anlager kaum zu durchschauen. Daraus ergibt sich für den Anbieter von Finanzprodukten ein Anreiz, der gegen die Interessen des Käufers von Finanzprodukten gerichtet ist: Die Erhöhung der Intransparenz, um Risiken zu verschleiern statt sie tatsächlich zu reduzieren. Oder die Schaffung psuedoliquider Anlageformen wie Offenen Immobilienfonds, um bei einer eigentlich hochgradig illiquide Anlagenform, nämlich Immobilien, Liquidität vorzugaukeln. Wie liquide diese Fonds wirklich waren, zeigte sich in der Finanzkrise: Offene Immobilienfonds wurden reihenweise geschlossen.

Unterschiede im Verhalten der Marktakteure

Als Käufer von herkömlichen Produkten und Dienstleistungen ist es immer rational, den persönlichen tatsächlichen Wert einer Ware oder Dienstleistung einzuschätzen und danach zu handeln. Ist die erwartete Differenz zwischen persönlichem Nutzen eines Produkts und monetärem Verlust größer Null, wird es gekauft. Ob andere den Wert des Produkts ähnlich einschätzen ist höchstens sekundär wichtig (für den eventuellen Weiterverkauf zum Beispiel).

Auf Finanzmärkten aber muss das Verhalten der anderen Akteure mitberücksichtigt werden. Das Denken der Anleger auf den Finanzmärkten beschrieb bereits John Maynard Keynes mit einem sehr treffenden Vergleich:

Professionelle Geldanlage lässt sich mit Zeitungswettbewerben vergleichen, bei denen unter 100 abgebildeten Gesichtern die sechs schönsten auszuwählen sind, wobei der Preis an denjenigen geht, dessen Auswahl der durchschnittlichen Präferenz aller Teilnehmer am nächsten kommt; deshalb darf man nicht jene Gesichter benennen, die man selbst am schönsten findet, sondern diejenigen, von denen man glaubt, dass sie bei den anderen Teilnehmern, die alle das Problem aus demselben Blickwinkel betrachten, am ehesten Gefallen finden. Unter diesen Voraussetzungen werden also nicht diejenigen gewählt, die nach Einschätzung des jeweiligen Teilnehmers wirklich die schönsten sind, und nicht einmal diejenigen, die die Durchschnittsmeinung tatsächlich für die schönsten hält. Wir haben den dritten Grad erreicht, in dem wir unsere Intelligenz anstrengen, zu antizipieren, was nach der Durchschnittsmeinung zu erwarten ist. Und es gibt manche, glaube ich, die den vierten, fünften oder noch einen höheren Grad anwenden.

Mit anderen Worten: Der streng rationale Anleger bewertet nicht den Wert einer Anlagemöglichkeit, sondern antizipiert den Wert, den andere Marktakteure einer Anlage in der Zukunft beimessen werden, weil der Wert einer Anlage nicht vom eigenen Ermessen, sondern von dem der anderen Akteure abhängt.

Anders als auf einem Gütermarkt kann es daher rationale Anreize geben, scheinbar irrational zu handeln. Denn auch wenn ich als Anleger davon ausgehe, dass beispielsweise eine Aktie über- oder unterbewertet ist, kann es dennoch rational sein, in eine an sich irrationale Baisse oder Hausse “mitzureiten”, weil ich mir sich sicher sein kann, dass andere Akteure (insbesondere solche, die weniger gut informiert sind) dies auch tun werden. Gehe ich jetzt weiterhin davon aus, dass andere Anleger ebenso denken, setzen scheinbar irrationale Panikverkäufe mit massiven Kursverlusten oder scheinbar unerklärliche Kurssrpünge ein. Diese Psychologie des Finanzmarktes führt regelmäßig zu den bekannten Blasen, die sich dann in einem Crash auflösen.

Eigenrationalität vs. Kollektivrationalität

Der besondere Charakter von Finanzprodukten ermöglicht auch Geschäfte, die auf einem Gütermarkt nicht vorstellbar wären. Alan Greenspan war ein großer Verfechter der Legalisierung von CDS-Geschäften. Dabei wird es Banken erlaubt, das Risiko von Kreditausfällen zu handeln. Greenspans Annahme: CDS-Geschäfte stabilisieren die Finanzmärkte, weil die Banken das Risiko von Kreditausfällen streuen können.

Greenspans Annahme war im Prinzip richtig: Die einzelne Bank konnte mittels CDS-Geschäften ihr Risiko streuen. Das Gesamtrisiko von Kreditausfällen sinkt dadurch aber nicht. Egal ob Banken ihre Risiken streuen, indem sie anderen Banken Geld für Credit Swaps bieten – die Anzahl der Gesamtschuldner, die ihre Schulden nicht tilgen konnten, sank nicht.

Im Gegenteil kann davon ausgegangen werden, dass gerade die Möglichkeit der Streuung von Risiken, die Banken dazu veranlasste, das Risiko eines Kreditausfalls weniger stark zu prüfen. Eigenrational sind CDS-Geschäfte also sinnvoll, kollektivrational haben sie sich als schädlich herausgestellt.

Falsche Anreize

Greenspan ist immer davon ausgegangen, dass allein das egoistische Eigeninteresse der Banken diese vor einem Bankrott bewahrt. Von einem Eigeninteresse der Banken als Marktakteure auszugehen, ist aber eine sehr vereinfachte Sichtweise. De facto handeln nicht Banken, sondern Bankmanager – und deren Interesse ist nicht komplett deckungsgleich mit dem der Bank.

Bankmanager werden nach Leistung bezahlt und beurteilt. Leistung wird an der Höhe der Rendite gemessen. Es wird also ein Anreiz gesetzt, möglichst risikoreich zu handeln, um die Rendite zu steigern. Natürlich haben Manager auch ein Interesse daran, zwischen Rendite und Risiko eine gesunde Balance zu finden, um die Totalpleite der Bank zu verhindern. Dieser Risikominimierungsanreiz wird aber unter anderem durch üppige Abfindung und Rentenansprüche vermindert.

Doch selbst wenn man davon ausgeht, dass Bankmanager vollständig im Interesse der Bank handeln, kann es dennoch rational sein, hohe Risiken einzugehen, um hohe Renditen zu erwirtschaften. Von nichts ist unsere heutige Wirtschaft so abhängig wie von einem funktionierenden Bankensystem. Jeder Wirtschaftsbereich ist auf die Finanzwirtschaft angewiesen.

Das ist der Politik ebenso klar wie den Banken. Die Pleite einer Großbank kann dank der stark verpflochtenen Finanzwirtschaft eine fatale Kettenreaktion auslösen. Deshalb konnte den Banken bewusst sein: Risikoreiches Handeln lohnt sich. Geht die Rechnung auf, kann die hohe Rendite privat eingestrichen wird – führt das hohe Risiko zum Totalverlust wird dieser im schlimmsten Fall von Steuermitteln aufgefangen. Gewinne sind privatisiert, Verluste sozialisiert.

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Kapitalismus 2.0

Unser Wirtschaftssystem ist auf grenzenloses Wachstum ausgelegt. Das führt entweder in die ökologische Katastrophe oder das System kollabiert in Massenarbeitsarbeitslosigkeit und Verelendung. Plädoyer für einen Kapitalismus 2.0.

Konsumverzicht ist Blödsinn und schade allen, meint Viktoria Unterreiner und freut sich, dass sich der Kauf-Nix-Tag in Deutschland so geringer Zustimmung erfreut. Denn, so die Meinung der Autorin, unsere Wirtschaft braucht den Konsum.

Und sie hat recht: Der ständige Warenaustausch ist es, der unsere Wirtschaft am Leben erhält. Ohne reales Wachstum und einer ständigen Steigerung der Konsumausgaben, funktioniert unsere Wirtschaft nicht mehr.

Warum ist das so? Unser Wirtschaftssystem belohnt Effizienz und Rationalisierung. Diejenigen Unternehmer, die Waren besonders effizient, das heißt besonders kostengünstig in besonders guter Qualität herstellen, überleben langfristig im Konkurrenzkampf gegen weniger effizient wirtschaftende Unternehmen. Besonders kostengünstig bedeutet aber auch: Mit immer weniger Personal.

Unsere Wirtschaft wird also, bedingt durch den technischen Fortschritt und Rationalisierungsprozesse, immer produktiver. Das bedeutet nichts anderes, als dass unsere Unternehmen immer mehr und bessere Güter mit immer weniger Einsatz der Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden produzieren.

Die Angebotsseite unserer Wirtschaft verbessert sich also konstant, weil der Kapitalismus Produktivität belohnt. Ein Problem aber entsteht auf der Nachfrageseite: Die hergestellten Güter müssen auch konsumiert werden, damit das Zusammenspiel zwischen Produzenten und Konsumenten funktioniert. Denn ohne Konsumenten auf der Nachfragseite, fehlen der Wirtschaft die Kunden.

Und hier entsteht mit zunehmender Effizienz des Wirtschaftssystems ein Problem: Die Verteilung der Einkommen, die Konsum ermöglicht, findet derzeit – von Sozialtransfers abgesehen – ausschließlich über Erwerbs- und Vermögenseinkommen statt. Vermögen besitzen nur wenige, zumindest in einem Umfang, dass dieses auch in relevantem Maße Rendite erwirtschaften würde.

Während die Kapitaleinkommen in den vergangenen zwei Jahrzehnten sprunghaft ansteigen, stagnieren die Erwebseinkommen seit den 1990er Jahren real. Der Grund: Eine immer effizientere Wirtschaft benötigt immer weniger Personal, um die Waren und Dienstleistungen in gleicher oder besserer Qualität bereitzustellen. Unserer Wirtschaft wird immer kapitalintensiver, das heißt Maschinen ersetzen die Arbeit von Menschen.

Deshalb brauche wir ständiges Wirtschafts- und Konsumwachstum, um unsere Beschäftigungsquote einigermaßen konstant zu halten. Sobald unsere Wirtschaft nicht mehr wächst (das bedeutet noch nicht unbedingt schrumpft!) droht Massenarbeitslosigkeit.

Die Grenzen des Wachstums” war der Titel einer Studie, welche die Wissenschaftler des Club of Rome 1972 veröffentlichten. Schon damals erkannten die Autoren, dass wir uns unser auf ständiges Wachstum ausgelegtes Wirtschaftssystem auf Dauer allein aus ökologischen Gründen nicht leisten können.

Der Kapitalismus muss daher früher oder später grundlegend reformiert werden, sodass er nicht mehr auf ständiges Wachstum ausgelegt ist. Ein erster Schritt wäre es, alle Menschen vom gesamtgesellschaftlichen Produktivitäsfortschritt profitieren zu lassen, nicht nur die Kapitaleigner. Die Lösungsansätze dazu sind sind unterschiedlich, je nachdem, wie marktorientiert die Protagonisten denken. Friedrich Merz beispielsweise schlägt kapitavermögenbildene Maßnahmen für Arbeitnehmer vor. Dieser Vorschlag krankt meiner Meinung nach aber daran, dass es lanfristig immer weniger Arbeitnehmer geben wird.

Der beste Lösungsvorschlag aus meiner Sicht ist das bedingungslose Grundeinkommen, das jedem Bürger ein menschenwürdiges Leben ermöglicht, um aus der reinen Verteilung des Wohlstands über Vermögens- und Erwerbseinkommen auszubrechen. In dem Modell von Prof. Götz Werner wird diese staatliche Umverteilung des Vermögens über eine reine Konsumsteuer gelöst. Das würde die Anreize zum Konsum begrenzen und sich somit auch ressourcenschonend auswirken.

Das bedingslose Grundeinkommen löst das Problem der der Wachstumsabhängigkeit unserer Wirtschaft, nicht aber das Problem des ökologisch problematischen Dauerwachstums an sich. Gerade ein bedingungsloses Grundeinkommen perfektioniert unser marktwirtschaftliches System in vielfacher Weise, wie ich bereits 2005 ausführte und würde somit zu noch mehr Effizienz und realem Wachstum führen.

Daher ist es im zweiten Schritt notwendig, die externen ökologischen Kosten von Produktion und Konsum zu internalisieren. Mit anderen Worten: Eine echte Ökosteuer, die Ressourcenverbrauch und Umweltverschmutzung bestraft und somit dem Verursacher monetär belastet statt der Allgemeinheit zu schaden. Nur so wird ein Anreizsystem erschaffen, das ein umweltgerechtes Produktions- und Konsumentenverhalten belohnt.

Statt auf global konsquent auf Internalisierung externer Kosten zu drängen, setzt die deustche Politik mit ihrem positiven Anreizsystem für regenerative Energien auf einen klimaschutzpolitischen Holzweg. Je mehr in Deutschland an fossilen Energieträgern eingespart wird, desto billiger wird Kohle, Gas und Öl für andere Staaten der Erde – entsprechend steigt dort der Verbrauch.

Dass die Weltgemeinschaft im angesicht katastrophaler Krisen zu entschlossenem gemeinsamen Handeln im stande ist, zeigt das G20-Gipfel zur Weltfinanzkrise. Langfristig gibt es keine größere globale Bedrohung als die ökologische Katastrophe. Eine marktwirtschaftliche Internalisierung externer Umweltkosten kann nur durch einen global durchgesetzt Handel mit Emissionszertifikaten durchgesetzt werden.

Kurze Krisen-Umschau

Die Wirtschaftskrise hält uns und die Medien weiter in Atem. Ein kurzer Überblick über die aktuellen Entwicklungen, Blog- und Pressestimmen.

The never-ending Bail-out: Während für Rob Cox bereits die Verstaatlichung als wahrscheinlichste Option über der Citigroup schwebte, entschied sich die US-Regierung doch anders: Eine Bürgschaft von historschiem Ausmaß – insgesamt 306 Mrd. Dollar – soll das Vertrauen bei Kunden, Anlegern und anderen Banken wiederherstellen, berichtet das Wall Street Journal unter Berufung auf Kreise. Langsam stell ich mir dabei aber die Frage: Wer bürgt eigentlich noch für diesen Staat?

Bei der beispiellosen Serie von US-Bail-Outs blicken deutsche Unternehmer natürlich neidisch nach Übersee. Der Pharma-Unternehmer Adolf Merckl (Ratiopharm u.a.) beispielsweise hat eine schlappe Milliarde Euro mit Leerverkaufsoptionen auf VW-Aktien verzockt. Warum soll dafür nicht mal der Steuerzahler aufkommen, fragt sich der Unternehmer und willigt erst ein, den Verlust aus seinem Privatvermögen zu tragen, als sich Baden-Württemberg weigert. Weissgarnix.de kommentiert das genüsslich, die FTD bringt die Zockerei mit einer herrlichen Illustration auf den Punkt.

Vielleicht hat Herr Merckl einfach nicht genug politische Landschaftspflege betrieben. Eine Studie über die Motive der Bankenretter in den USA bringt nämlich ans Licht: Ob die Kongress-Abgeordneten dem Bail-Out-Plan von Finanzminister Paulson zugestimmt haben, hing vor allem davon ab, wie hoch die Wahlkampfspenden der Finanzbranche waren.

Let’s, first of all, understand that the biggest problem in this whole process was the deregulation of the financial system.

Barack Obama

Für den designierten US-Präsident Barack Obama ist die Hauptursache der Finanzkrise die Deregulierung der Finanzmärkte. Andererseits ließ er keine Gelegenheit aus, die boomenden Jahre der Clinton-Ära zu loben. Kaum einem ist der Widerspruch aufgefallen: Die meisten Deregulierungsmaßnahmen hat gar nicht George W. Bush unterschrieben, sondern Bill Clinton.

Ein völlig neuen Ansatz als Weg aus der Finanzkrise schlägt ein Dozent aus Stuttgart vor: Würde die Bundesbank Werbeflächen auf Banknoten vermieten, könnte der Bund damit bis zu 700 Milliarden Euro einnehmen. Viel Geld für weitere Bail-outs. Die Idee ist aber gar nicht so neu, wie nfitz.com herausfand.

Auch für den Ex-Chefredakteur von Handelsblatt.com, Julius Endert, kann es so nicht weitergehen: Er empfiehlt die Lektüre von Albert Einsteins  fast sechzig Jahre altem Text “Why Socialism?” (deutsche Übersetzung) und regt an über eine Wirtschaft 2.0 nachzudenken, statt “in Reflexe wie Straßenbau und Steuersenkung zu verfallen“.

Noch innovativer ist da höchstens noch der Ansatz von Uwe Wöllner:

Update: Immer wieder interessant zu diesem Thema ist George Soros zu lesen. Der Investor und Gründer der Open Society Foundation warnte schon seit Jahren vor Marktfundamentalismus und Deregulierung. Meiner Einschätzung nach vor allem, da er anders als viele akademischeÖkonmen vor allem mit der Realität der Finanzmärkte konfrontiert wurde statt mit modelltheoretischen Vorstellungen. Spiegel Online hat ein Interview mit ihm.

Das Grunddilemma jeder Wirtschaftspolitik

Das Grunddilemma jeder Wirtschaftspolitik ist meines Erachtens nicht der oft zitierte angebliche Widerspruch zwischen Freiheit und Gleichheit – denn Deregulierung bedeutet in meinen Augen nicht automatisch Freiheit, es verschiebt nur die Macht vom Staat in Richtung Kapitaleigner, die zudem keiner demokratischen Kontrolle unterworden sind.

Das wirtschaftspolitische Grunddillema besteht meiner Meinung nach im Widerspruch zwischen möglichst effizienter Wertschöpfung und der Verteilungsgerechtigkeit.

Die Grundpfeiler des Kapitalismus sind das garantierte Eigentum und eine Rechtsordnung, die Investitionen erlaubt. Das garantierte Privateigentum regt die produktive Tätigkeit des Einzelnen an und mehrt so den Reichtum des Einzelnen. Die Möglichkeit das erwirtschaftete Eigentum zu investieren, führt in zweitem Schritt dazu, dass es nicht gehortet oder direkt verkonsumiert wird, sondern in Form einer Investition volkswirtschaftlichen Nutzen erbringt.

Die sich daraus ergebende Grundungerichtigkeit des Kapitalismus ist der bereits von Karl Marx beobachtete Gegensatz von Kapital und Boden auf der einen und Arbeit auf der anderen Seite: Allein durch den Besitz von Kapital und Boden wird Rendite erwirtschaftet. Je größer die Rendite, desto mehr Kapital und Boden kann zusätzlich erworben werden, wodurch die Rendite wiederum steigt (Akkumulation des Kapitals).

Zu allem Überflüss wird dieser Besitz auch noch vererbt und so vergrößert sich die Ungerechtigkeit von Generation zu Generation, so lange es keine grundsätzliche Umwälzung wie Krieg, Revolution oder Hyperinflation gibt.

Alle weitere Ungerechtigkeiten des Kapitalismus – wie der von den Gsell-Jüngern so gescholtene Zins – leiten sich zwingen aus dieser Grundungerichtigkeit ab.

Doch wie kann ein ordnungspolitischer Rahmen geschaffen werden, der diese Grundungerechtigkeit bekämpft, ohne die damit verbundenen Vorteile zu zerstören? Die Abschaffung des Privateigentums würde jede produktive Initiative im Keim ersticken. Das Bestrafen von Investitionen, beispielsweise durch eine hohe Kapitaleinkommenssteuer, ist volkswirtschaftlich schädlich, weil es eine künstliche Präferenz in Richtung Konsum erzeugt, die Investionen verhindert.

Meiner Meinung nach wäre eine Erbschaftssteuer von nahezu 100% ab einem bestimmten Vermögen ein Weg aus dem Dilemma, um die Ungerechtigkeit der Kapitalakkumulation nicht wenigsten noch immer weiter zu vererben und dadurch zu verschärfen. Allerdings gibt es praktische Erwägungen, die dagegen sprechen – beispielsweise die zahlreichen Möglichkeiten, die Steuer über verdeckte Schenkungen zu umgehen.

Nearest Book Meme

Wir spielen jetzt ein kleines Spiel.

Instructions / Anleitung:

– Grab the nearest book. / Greif Dir das nächst erreichbare Buch.

– Open it to page 56. / Schlage Seite 56 auf.

– Find the fifth sentence. / Finde den fünften Satz.

– Post the text of the sentence in your journal along with these instructions. / Veröffentliche den Text des Satzes in Deinem Blog zusammen mit dieser Anleitung.

– Don’t dig for your favorite book, the cool book, or the intellectual one: pick the CLOSEST. / Greif nicht Dein Lieblingsbuch oder ein cooles Buch oder ein intellektuelles: Nimm das, das Dir am nächsten ist.

Und hier mein Ergebnis:

Das hat den Rückgang der in der Landwirtschaft Beschäftigten zur Folge (1989 waren lediglich 7,2% und im Jahre 2001 2,8% der arabischen Arbeitskräfte in diesem Wirtschaftszweig tätig), wirkt sich prekär auf die Wohnraumsituation aus und behindert die Entwicklung wirtschaftlicher Infrastrukturen in den arabischen Gemeinden.

Puh, ein langer Satz – und ich verrate nicht, aus welchem Buch er stammt. 😉 Das Buch lag direkt vor mir.

(via Stationsarzt )

Bayanoo

Es gibt Geschäftsideen, bei denen denkt man sich sofort: Genial – und sie funktionieren nicht. Und es gibt Geschäftsideen, bei denen man sich sofort denkt “Was für ein Unsinn” – und sie funktionieren doch.

Ein Startup der letztgenannten Kategorie ist für mich wer-kennt-wen.de. Die Idee erst im Jahre 2006 ein weiteres soziales Netzwerk neben StudiVZ, Facebook, Lokalisten und Xing in Deutschland aufzubauen, das sich in erster Linie durch grausame Optik und furchtbare Usability von seiner Konkurrenz absetzt, konnte ja nur schief gehen – dachte ich. Doch siehe da: Laut IVW-Zahlen kommt die Website in Deutschland auf Platz 3 bei den Visits und hat StudiVZ bei den Page Impressions fast schon überrundet.

Ein Startup mit einer innovativen Ansatz ist Bayanoo. Die Idee: Millionen Deutsche haben Handy-Verträge. Viele davon wollen aus den verschiedensten Gründen raus – zum Beisiel weil sie den Vertrag wechseln wollen oder eine Zeit im Ausland sind. Auf Bayanoo sollen verkaufswillige Handyvertrags-Besitzer und Handyvertrags-Interessenten zusammenkommen, wobei das Unternehmen 5,90 Euro für das Einstellen eines Vertrags nimmt.

Die Idee kam gut an, zahlreiche Medienauftritte folgten auf die Gründung im Jahre 2007 – sogar ein Bericht bei n-tv. Doch das alles half nichts, das Konzept floppte. Gerade einmal 250 der laut Gründer potentiell 5 Millionen Kunden nutzten die Seite, um einen Vertrag einzustellen. Der Versuch, das Unternehmen auf eBay zu verkaufen scheiterte, weil der Mindestpreis (in der Startupszene wird der Betrag von 10.000 Euro kolportiert) nicht erreicht wurde.

Das Portal wurde dennoch zu einem auch mir unbekannten Preis verkauft. Den Käufer habe ich vor ziemlich genau einem Monat auf dem O2 Hosting Event kennengelernt. Er überlegt sich derzeit, wie er das Konzept des Portals verändern kann, um es eventuell doch noch erfolgreich zu etablieren. Dabei möchte ich ihm auf diesem Wege helfen und meine Vorschläge zur Diskussion stellen.

Folgende Probleme sehe ich derzeit:

Der Name: Bayanoo. Meine Güte. Ich kann mir diesen Namen einfach nicht merken! Jedes mal gebe ich bei Google etwas ein, was so ähnlich klingt, bis mich die Suchmaschine auf die richtige Spur bringt. Bayanoo mag schick klingen, so richtig webzwonullig irgendwie – aber er ist grausam schwer zu merken – und das ist immer ein Wettbewerbsnachteil. “Ich würde so gerne meinen Vertrag loswerden” – “Moment, da hab ich doch letzten bei n-tv was gesehen, so ein Internet-Portal, wie hieß es gleich? Bay… irgendwas mit B.” So bieder es klingt – aber wie wäre es beispielweise einfach mit vertrag-tauschen.de? Dafür lässt sich dann auch viel leichter werben.

Innovationsführer habens schwer: Die Idee ist sicher gut. Ich glaube, dass es viele Leute in Deutschland gibt, die ihren Handyvertrag gerne vorzeitig kündigen würden. Allein, es denkt niemand daran, dass das auch wirklich geht. Niemand wird danach googeln, so lange sich die Möglichkeit noch nicht herumgesprochen hat. Die Industrie ist groß darin, Bedürfnisse zu erschaffen, die sie dann selbst befriedigt – aber ab und zu gibt es auch schon längst vorhandene Bedürfnisse, die jemand antritt, endlich mal zu befriedigen. Nur dass muss erstmal kommuniziert werden. Werbung ist teuer. Das Beste wären natürlich zufriedene Nutzer, die Bayanoo weiterempfehlen – aber hier besteht ein Henne-Ei-Problem.

 

Bayanoo will Handy-Vertragskunden mit Vertragssuchenden zusammenbringen. Aber wer will schon einen Vertrag ohne Handy?

Das Ungleichgewicht: Schon das Startbild auf Bayanoo macht das Machtungleichgewicht zwischen Vertragsinhabern und potentiellen Übernehmern von Verträgen deutlich: Verträge loswerden wollen viele, Verträge übernehmen aber wohl so gut wie niemand.

Prepaid-Taraife wie die von Congstar sind längst viel günstiger als jeder Vertrag und zudem transparenter. Wenn irgendwer heute noch einen Handy-Vertrag abschließt, dann nur wegen des Handys. Warum sollte also jemand den Vertrag eines anderen kostenlos übernehmen? Den Handy-Vertrag-Besitzern müsste eine Möglichkeit gegeben werden, den Vertragssuchenden einen Bonus dafür zu zahlen, dass er den Vertrag übernimmt. Das muss nicht unbedingt nur Geld sein. Vielleicht gibt es ja auch etwas anderes außer dem Handy-Vertrag, das der Kunde gerne loswerden würde? Hier sollte Bayanoo flexibler werden.

Der Vorteil gegenüber herkömlichen Verträgen: Nicht jeder will unbedingt immer ein neues Handy zum Vertrag. Manch einer ist mit seinem alten ganz zufrieden. Da kann es sich lohnen, statt eines neuen Handys den Wunschvertrag für Geld zu übernehmen.

Das Monetarisierungsmodell: Das Monetarisierungsmodell ist nicht schlecht. Transaction-Modelle sind die Zukunft, sind sich zumindest viele Investoren derzeit überzeugt. 5,90 Euro als Vermittlungsprovision sind auch sicher nicht zu hoch gegriffen. Nur leider wird der Betrag bereits beim Einstellen des Vertrags fällig. Sinnvoller wäre es, zunächst niemanden abzuschrecken: Bezahlt wird nur bei Erfolg.

Das Blog: Nunja, sicher kein entscheidender Faktor – aber wenn man ein Blog auf der Seite schon so prominent bewirbt, dann sollten dort auch vernünftige Inhalte zu finden sein. Das Blog jedoch fällt gleich in mehrfacher durch Unprofessionalität auf: Die Schrift ist hässlich und schwer zu lesen, die Adresse blog.bayanoo.de sähe sicher professioneller aus als eine Blogspot-Domain und zu guter letzt fehlen einfach die Inhalte. Das ist vielleicht eine Regel, die sich Unternehmen merken sollten: Wer nicht regelmäßig etwas zu verkünden hat, sollte auch kein Blog führen – auch wenn ich mir als Mitinhaber eines Blog-Anbieters damit ins eigene Fleisch schneide. 😉

Die eine oder andere Idee hat auch schon der neue Käufer. Ich hoffe jedenfalls, dass die Idee doch noch ein Erfolg wird, denn ich halte sie grundsätzlich für gut.

Politik

Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.

Das Zitat Winston Churchill  wird oft strapaziert, ist aber nach wie vor aktuell.

Bin ich ein politischer Mensch? Die Frage hat mir noch nie einer gestellt. Die meisten gehen glaube ich davon aus, dass dem so ist. Wenn mir jemand die Frage stellen würde, würde ich mit einer Gegenfrage antworten: Ist ein Atheist ein religiöser Mensch?

Er macht sich zumindest Gedanken über die Religion, wahrscheinlich mehr, als die meisten Religiösen. Ja, ich bin ein politischer Mensch – aber ich bin ebenso abgestoßen von der Politik und ihren Regeln.

Dass Politik ein hartes Geschäft ist, in dem selbst Spitzekräfte im Vergleich zur freien Wirtschaft bei extremen Arbeitszeiten schlecht bezahlt werden, hat seine Vor- und Nachteile. Der Vorteil: Es gehen überwiegend diejenigen in die Politik, die von ihrer Sache wirklich überzeugt sind. Der Nachteil: Es gehen überwiegend diejenigen in die Politik, die von ihrer Sache wirklich überzeugt sind. Wer von einer Sache überzeugt ist, weiß nicht genug über sie – das ist zumindest meine Meinung. Die meisten Probleme sind viel zu komplex, als dass ein wirklich kompetenter Mensche dazu eine klare Meinung haben könnte.


Die Mitgliederbasis einer Partei – hier fahnendschwenkend bei dem Genuss von Weißbier zu sehen – nimmt in Form der internen lebendigen Parteiendemokratie die verantwortungsvolle Aufgabe wahr, diejenigen in Spitzen-Parteiämter zu wählen, die dann letztlich antreten, die Geschicke unseres Landes zu bestimmen.

Unser politisches System produziert Ideologen. Ideologen sind vielleicht besser als Karriersten – aber noch besser wären pragmatische Experten, die es gut meinen. Nur sind die nicht überzeugt. Zweifler, die zu jeder Frage eine differnenzierte Meinung haben, werden aber kaum gewählt. Und selbst wenn: Diese Leute scheitern schon an der Parteienfrage.

Es ist geradezu paradox, dass diejenigen in unserer Gesellschaft, die am meisten Verantwortung tragen, so wenig über das wissen, worüber sie entscheiden. Kürzlich wurde beispielweise die grüne Bundestagsabgeordnete Christine Scheel bei bei N24 zur Finanzmarktkrise interviewt. Die Tatsache, dass sie die Grüne Fraktion zu dieser Frage auf ein Mikro loslässt, lässt mich zu dem Schluss kommen, dass sie ihr in dieser Frage zumindest rudimentäre Kenntnisse zutrauen.

Sie verspricht auf ihrer Website eine “moderne Politik für Frauen und Männer” (die armen Kinder!) und setzt sich für “eine vernünftige und ehrliche Wirtschafts-, Arbeitsmarkt-, Sozial und Finanzpolitik” ein. Die Website überzeugt mich auch auf Anhieb davon: “Stoppt Staudinger“, “Atomausstieg selber machen” und dann noch Spenden für das Rote Kreuz – diese Frau ist offensichtlich von gutmenschlichem Eifer durchdrungen.

Nur reicht das nicht. Offensichtlich fehlte ihr selbst grundlegendes ökonomisches Basiswissen, so hatte ich zumindest den Eindruck. Leider merken das ihre Wähler nicht, weil sie selbst besseres zu tun haben, als sich mit Wirtschaftspolitik zu beschäftigen.

Um hier nicht politisch einseitig zu erscheinen: Im Wirtschaftsausschuss der CDU/CSU-Fraktion sieht es kein Deut besser aus, wie ich aus erster Hand weiß. Letztlich führt diese Inkompetenz auch dazu, dass sich Passagen aus Positionspapiere von Lobbyistengruppen teilweise 1:1 in den Gesetzesinitiativen der Fraktionen wiederfinden.

Ich will nicht behaupten, dass Kompetenz für das politische Fortkommen in Deutschland direkt hinderlich ist – aber es scheint doch zumindest  nicht Voraussetzung zu sein.

Claudia Roth (Grüne) macht Türkeipolitik, weil ihr Sonne, Mond und Sterne dort gefallen. Gute Böreks kann sie auch machen.

In das allgemeinen Politiker-Bashing will ich dennoch nicht einstimmen. Gerade Bundestagsabgeordnete machen einen verdammt harten Job: Manch einer arbeitet 80 Stunden und mehr in der Woche für ein Gehalt, das bei den Sparkassen-Vorständen dieser Republik ein leichtes Schmunzeln auslösen dürfte.

Dieser Blog-Beitag endet unbefriefiegend, denn ich habe keine Lösung für das Problem. Letztlich liegt das Grundilemma in einem fatalen Principal-Agent-Problem: Der Arbeitgeber (das Volk) kann die Qualität der Arbeit seiner Angestellten (die Politiker) nur sehr schwer überprüfen, weil ihm dazu schlicht die Kompetenz und die Informationen fehlen. Die Medien unterliegen einer eigenen Ökonmie der Aufmerksamkeit (politische Krawallmacher sind interessanter als abwägende Experten) und verschärfen das Problem daher tendenziell noch eher.

Abschließend kann ich nur darauf hoffen, dass es die Staatssekretäre in den Bundesministerien gut meinen und sich in ihrem Gebiet auskennen. Letztlich landet der Großteil des praktischen Gesetzgebungsprozesses in Form der Gesetzesformulierung ohnehin bei ihnen. Diese Leute sollten gut bezahlt werden, es lastet eine hohe Verantwortung auf ihnen.