Wo die Marktwirtschaft versagt

Gier ist geil, schrieb Welt-Chefkommentator Alan Posener vor ein paar Tagen und fing sich damit schon 194 überwiegend wütende Kommentare ein. Gier, so Posener, habe uns den Wohlstand beschert, den wir heute genießen können.

Ganz unrecht hat er nicht. Die Gier des Einzelnen, Reichtum anzuhäufen, führt dazu, dass er produktiv tätig wird und volkswirtschaftlichen Nutzen erbringt. Die Gier der Kapitaleigner, möglichst viel Rendite zu erwirtshaften, führt dazu, dass sie aktiv Ausschau halten nach besonders gewinnbringenden Investionsmöglichkeiten. So werden auch risikoreiche und innovative Geschäftsideen finanziert, die dann entsprechend volkswirtschaftlichen Nutzen bringen, statt dass das erarbeitete Einkommen gleich wieder verkonsumiert oder gehortet wird.

Ein immer größerer Teil des volkswirtschaftlichen Reichtums fließt aber in völlig unproduktive Wirtschaftsbereiche. Beispiel: Suchmaschinenoptimierung und -marketing (SEO und SEM). Sogenannte SEOs tun alles dafür, dass die Unternehmens-Website des Auftraggebers bei relevanten Suchbegriffen über dem des Konkurrenten steht – und verdienen damit extrem gut. Oder sie kaufen die enstprechenden “Sponsored Links” bei Google einfach direkt und überbieten sich dabei mit den Preisen gegenseitig.

Ich weiß auch, dass Holtzbrinck eLab und Holtzbrinck Ventures aktiv Links von anderen Websites kaufen, um die Such-Positionen der eigenen Startups zu verbessern.

Das Problem ist: Alle machen das, weil keiner zurückfallen will. Es werden unvorstellbare Summen an Leute bezahlt, damit diese – in welcher Form auch immer – die Suchposition in den Suchmaschinen verbessern. Dabei wird überhaupt nichts erwirtschaftet, es geht nur um Umverteilung der Marktanteile, kollektiv verlieren alle Unternehmen dabei. Statt Ressourcen darauf zu verwenden, Produkte oder Service zu verbessern, werden Ressourcen verschwendet, um Konkurrenten auf andere Weise Marktanteile abzujagen.

Suchmaschinenoptimierung ist nur ein Beispiel, klassische Werbung wäre ein anderes. Oder Anwälte: Viele der intelligentesten und talentiertesten Amerikaner werden Wirtschafts-Anwälte, statt Erfinder oder Unternehmer, weil sie mehr Geld damit verdienen können, bei der Umverteilung des Vermögens mitzuhelfen, als es produktiv mit zu erwirtschaften. Je besser sie sind, desto mehr schlagen sie für ihren Mandaten raus – auf Kosten von anderen. Würden sie auf der anderen Seite in den Prozess ziehen, würden sie ihr ganzes Können, ihr Talent, ihre Intelligenz für das genaue Gegenteil einsetzen. Reine unproduktive Umverteilung.

Ähnliches gilt für sogenannte Finanzprodukte. Die bestbezahlten Menschen der Welt sind nicht etwa Manager, sondern Finanzproduktdesigner. Der Mensch mit dem höchsten Nicht-Kapitaleinkommen verdient damit 5 Milliarden Dollar im Jahr, habe ich letztens gehört. Innovationen bei diesen “Finanzprodukten” unterscheide sich ganz grundsätzlich zu Innovationen bei herkömlichen Produkten, wie der Ökonom Jagdish Bhagwati im Interview mit dem Handelsblatt erläutert:

Innovationen haben in den beiden Welten einen völlig anderen Charakter. Auf dem Gütermarkt können Sie davon ausgehen, dass Innovationen eigentlich immer für die Konsumenten und die Welt gut sind. Problematisch ist nur das, was Schumpeter den Prozess der kreativen Zerstörung nannte: Einzelne Unternehmen verschwinden, weil Konkurrenten bessere Produkte anbieten. In der Finanzbranche ist das anders. Dort sind Innovationen nicht per se gut, sie können auch destruktiv sein – auch deshalb, weil neue Finanzprodukte so kompliziert sind, dass sie kaum noch jemand versteht. Wohin das führt, erleben wir gerade: Finanzinnovationen, in denen faule Kredite versteckt sind, sind der Kern der Krise.

Mit anderen Worten: Gier führt nicht nur zu produktiver, für alle positiver Steigerung des Volkseinkommens, sondern auch zu unproduktiver Umverteilungsdynamik. Die Lösung des Problems liegt aber nicht in der Abschaffung der Gier, denn die ist menschlich, sondern in einem Wirtschaftssystem, dass diese unproduktive Form der Gier begrenzt.

PS: Wer zahlt am meisten für einen “sponsored Link” bei Google? Anwälte natürlich. Die legen da teilweise zweistellige Euro-Summen für einen einzigen Klick hin.

Update: Sehr interessant zu diesem Thema ist dieser Artikel, der versucht die Wertschöpfung der Finanzindustrie zu quantifizieren.

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9 thoughts on “Wo die Marktwirtschaft versagt

  1. Ganz vergessen: Die intelligentesten und talentiertesten Journalisten werden in die PR-Branche abgeworben, weil sie dort im Schnitt das Vierfache verdienen. Nur sind sie dann nicht mehr der Wahrheit, z.B. dem Aufdecken von Skandalen verpflichtet, sondern im wesentlichen dem Vertuschen der Wahrheit – oder zumindest der möglichst geschickten “Auslegung” – um das eigene Unternehmen möglichst gut dastehen zu lassen.

  2. Rein “unproduktive Umverteilung” gibt es doch aber prinzipiell in jedem Dienstleistungsgewerbe, wie z.B. Pflege, Reinigung, etc. Produziert wird hier im engeren Sinne doch auch nichts.
    Natürlich sind die hier umgesetzten Gelder pro Person bedeutend kleiner, aber grundsätzlich ist ja nicht jede Form der “unproduktiven Umverteilung” schlecht. Ich meine, “klassische Werbung” gibt es ja nun auch nicht erst seit gestern und ohne Marketing und PR ist kaum ein produktives Unternehmen überlebensfähig. Ein gutes Produkt alleine reicht eben nur selten aus. Dennoch sind die Summen die hier inzwischen investiert werden, und da will ich dir auch gerne recht geben, inzwischen doch ziemlich unglaublich.

  3. Innovation muss nicht immer positiv sein – man denke nur an die Diskussionen, die es unter Wissenschaftlern bei der Entwicklung der Atombombe gab.
    Sicherlich ist es eine Frage, wofür die “Talente” einer Gesellschaft eingesetzt werden sollen. Entwickeln sie Ratespiele für 9Live? Oder Finanzinnovationen? Oder entwickeln sie ein Mittel gegen Krebs und bauen ein Flugzeug, was nur die Hälfte verbraucht?
    Das ist jetzt etwas überspitzt, aber letztendlich sind es solche Fragen, für die eine Gesellschaft Antworten finden muss. Bisher waren die Anreize vollkommen falsch gesetzt. Aber das wird sich ja nun definitiv ändern.

  4. Rein “unproduktive Umverteilung” gibt es doch aber prinzipiell in jedem Dienstleistungsgewerbe, wie z.B. Pflege, Reinigung, etc. Produziert wird hier im engeren Sinne doch auch nichts.

    Nur weil kein Produkt hergestellt wird, ist das noch nicht unproduktiv. Dass dir die Haare geschnitten werden, ist für dich ein realer Wert, der dir auch entsprechend etwas kosten lässt. Damit wurde also ein Wert geschaffen (alle Werte sind immer nur subjektiv, aber die war die neue Frisur offenbar etwas wert).
    Klar, dass ein Unternehmen bei Suchmaschinen höher gerankt wird als ein anderes, ist für dieses Unternehmen auch ein realer Wert. Für die konkurrenrierenden Unternehmen ist der Nutzen dieser Dienstleistung allerdings real negativ. Deshalb wird hier, um in meiner Wortwahl zu bleiben, kein produktiver Mehrwert durch eine Dienstleistung geschaffen, sondern Umverteilung betrieben. Gesamtvolkswirtschaftlich, am Nutzen gemessen, ist SEO negativ.
    Okay, jetzt könnte man richtig wild werden und sagen, dass Frisuren auch nur relativ betrachtet werden: Sobald du eine gute hast und dadurch  deinen Eindruck von dir verbessern kannst, werden alle anderen (mit dir um positiven Eindruck konkurrierenden Menschen) entsprechend “abgwertet”. Aber so wild will ich hier nicht werden, in meinem Modell gehe ich davon aus, dass Frisuren ein konkurrenzloser Markt sind. 😉

  5. Klar, dass ein Unternehmen bei Suchmaschinen höher gerankt wird als ein anderes, ist für dieses Unternehmen auch ein realer Wert. Für die konkurrenrierenden Unternehmen ist der Nutzen dieser Dienstleistung allerdings real negativ.

    Ist es im Aktiengeschäft nicht aber Ähnlich? Ich denke da jetzt an das Kettenbrief-Modell, bei dem man immer einen noch blöderen Sucht?!

  6. Jo, Spekulation ist auch kein produktives Geschäft. Bei einer Neuemission von Aktien nimmt das Unternehmen noch Kapital auf, wodurch neue Investitionen ermöglicht werden. Sind die Aktien aber einmal im Umlauf, geht es um Umverteilung.

  7. hmm, wenn der staat wieder stärkeren einfluss aufden informationsfluss nehmen würde, könte er bestimmt auch seo-kampanien verhindern..das letze mal als er das getan hatt gab es.. hmm.. inquisition bücherverbrennung, und diktatorbilder an jeder ecke..
    und ich denke die freiheit hat bereits eine lösung für des spamproblems gefunden: technische filter und konsumkritik. aber bei suchmaschinenkorruption ist das bestimmt was anderes 😛 (wie bei ebay und vor ein paar jahren bei microsoft)

    Alle machen das, weil keiner zurückfallen will.

    vernunft unmöglich. aber staatliche wunderheilung schaftt es bestimmt: einfach mal ordentlich eins auf die nuss und die betroffenen werden bestimmt vernünftiger und weitsichtiger. nachweis unnötig.
    und nochwas zu den anwälten:wer verbietet kostenlose rechtsberatung? wer sorgt dafür das man mehr braucht als ein paar bücher und ein bisschen grips um sich anwalt (oder richter) zu nennen? mal wieder zufall das ein zwangsweise staatsnaher tätigkeitsbereich zu ineffizienz und dekadenz neigt..

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