Staatsgeld fließt an Aktionäre und Manager

700 Milliarden Dollar hat sich der US-Staat das Banken-Unterstützungspaket kosten lassen – plus 150 Milliarden Dollar Steuererleichterungen, damit auch die republikanische Rechte im Kongress zustimmte.

Und wie gehen die Banken mit dem einzigartigen Steuerzahler-Geschenk um? Bereits in drei Jahren werden 52 Prozent der Summe ist als Dividende an Aktionäre geflossen sein, berechnet die Washington Post. Weitere Milliarden-Zahlungen sollen an Bankmanager ausgezahlt worden sein, statt die Bilanzen der Banken zu stärken.

Das US-Finanzministerium weist die Kritik zurück. “Wir haben die Bedingungen, zu denen die Banken Geld aus dem Rettungspaket erhalten, bewusst attraktiv gestalten. Damit wollten wir eine breite Teilnahme sicherstellen”, sagte eine Sprecherin auf Anfrage.

Quelle: ftd.de

Ich bin begeistert. Es wird dringend Zeit, dass diese Regierung abgewählt wird. Der neue Finanzminister kommt dann hoffentlich nicht mehr aus dem Umfeld der Investment-Banken.

Der Sinn der Spekulation

Der volkswirtschaftliche Sinn von Börsen einfach erklärt

Spekulanten – Krebsgeschwür der Menscheit. Blutsauger, fiese raffgierige Schmarotzer, die die arme hart arbeitenden Rest der Bevölkerung aussagen. So ist das Bild in weiten Teilen der Gesellschaft. Aber ohne Spekulation und Börsen wäre unsere Welt ärmer.

Wenn immer irgendwo das Thema Spekulation, Börse und Aktien aufkommt, spüre ich ein tiefes Misstrauen und Unbehagen gegenüber der Idee, dass jemand durch reine Spekulation Geld verdient. Geld muss hart erarbeitet werden, so scheint das Credo vieler Menschen immer noch zu sein.

Nun hat sich im Bereich der Finanzwirtschaft seit den Deregulierungen der 1980er Jahre tatsächlich eine Spekulations-Blase gebildet, die durch die Finanzkrise endlich wieder auf ein normales Maß zurückgestutzt zu werden scheint. Dennoch hat auch Spekulation mit Aktien ihren volkswirtschaftlichen Sinn.

Aktien als Geldanlage

Eine Aktie ist zweierlei: Einerseits ist sie eine Geldanlage, so wie ein Sparbuch, das Zinsen bringt. Im Falle einer Aktie werden diese Zinsen Dividende genannt. Sie sind der Lohn dafür, das der Anleger für eine bestimmte Zeit auf den Konsum seines Geldes verzichtet und stattdessen investiert.

Die Gesellschaftsform der Aktiengesellschaft ermöglicht es Unternehmen dabei, Kapital für die Expansion zu beschaffen. Dadurch können sie in Forschung und Entwicklung, neue Werke etc. investieren oder neue Mitarbeiter einstellen. Dadurch, dass der Anleger Konsumverzicht übt, kann das Unternehmen wachsen und folglich auch mehr volkswirtschaftlichen Nutzen erbringen.

Der Anleger wird dann für den zeitweiligen Verzicht des Geldes und das eingegangene Risiko über die Dividende entlohnt. Immerhin hat er durch Konsumverzicht mitgeholfen, das Wachstum des Unternehmens zu fördern.

Aktien als Spekulationsinstrument

Die meisten gehandelten Aktien werden allerdings nicht bei einem Börsengang (IPO) gezeichnet, sondern von anderen Aktienbesitzern gekauft. Hier wird der zweite Charakter einer Aktie deutlich: Die Aktie als Spekulationsinstrument.

Die Börse, der Handel mit Aktien unter den Anlegern, ist zunächst natürlich nichts weiter als ein großes Umverteilungsinstrument. Spekulanten, die bei niedrigen Kursen einsteigen, profitieren vom Kursgewinn. Spekulanten, die zu hohen Kursen einsteigen und bei niedrigen verkaufen, verlieren. Gerecht ist das alles nicht – aber auch das hat seinen volkswirtschaftlichen Sinn.

Erst die Börse und das spekulative Element des Aktienhandelns macht diese Anlage für so viele Investoren so interessant, weil sie dadurch sehr einfach handelbar werden. Der Handel mit Aktien ist dabei im Grunde ein Handel mit Risiken. Wirtschaftet ein Unternehmen gut, steigt der Gewinn pro Aktie – und damit langfristig auch der Kurs. Wirtschaftet es schlecht, fällt der Kurs. Die Aktionäre und damit die Anteilseigner eines Unternehmens, haben dabei die Aufgabe dafür zu sorgen, dass das Unternehmen sinnvoll wirtschaftet.

Aktionäre, die in Unternehmen investiert haben, die sinnvoll wirtschaften, werden für das eingegangene Risiko belohnt. Aktionäre, die in Unternehmen investiert haben, die schlecht wirtschaften, müssen das eingegangene Risiko durch Verluste tragen. Aber nur weil es das Messinstrument Börse gibt, der den Wert von Aktien misst, sind Investoren überhaupt bereit, Aktien bei Neuemmissionen zu kaufen. Nur dadurch ist es Unternehmen möglich, Kapital über Börsengänge zu beschaffen.

Gerade für innovative und hochrisikoreiche Unternehmungen ist das wichtig. Denn nur durch die Aussicht an einem Unternehmen beteiligt zu werden, das eines Tages enorm wertvoll sein wird, sind Investoren auch bereit, sehr hohe Risiken einzugehen.

Warum Japan alles richtig machte und dafür bestraft wird

Die japanische Finanzwelt ist solider aufgestellt als der Rest der Welt. In der derzeitigen Finanzkrise schadet dies dem Land aber eher, als dass es ihm nützt.

In den Devisenmärkten erleben wir derzeit massive Verwerfungen. Der Dollar hate seine seit Jahren andauerenden Verluste gegenüber dem Euro in den vergangenen Monaten zu einem guten Stück aufgeholt. Doch das ist keine Stärke des Dollars, sondern eine Schwäche des Euros, die von Angst getrieben wird, die Wirtschaftskrise könnte die Eurozone deutlich härter treffen als lange angenommen. Weltweit erleben wir derzeit aber vor allem eine erdrutschartige Verschiebung zu Gunsten des japanischen Yen.

Japans Banken haben im internationalen Vergleich relativ solide gewirtschaftet. Hintergrund ist die massive japanische Bankenkrise in den 1990er Jahren. Damals hatten japanische Banken teilweise über Jahrzehnte Bilanzen gefälscht um einer Abwertung durch Investoren zu entgehen. Die Probleme der Banken wurden somit über Jahre verschleppt. Seit dem wurden die Bilanzierungsregeln deutlich verschärft.

Unter anderem deshalb ist die japanische Finanzwirtschaft derzeit im internationalen Vergleich relativ soldide aufgestellt – nur bringt das Japan nichts, im Gegenteil: Der japanische Leitindex Nikkei fiel heute auf ein 26-Jahres-Tief.

Grund für die Panik der Anleger: Japan ist extrem exportabhängig. Die Exportwirtschaft des Landes wird nicht nur unter der kommenden Weltwirtschaftskrise leiden, sondern auch unter der derzeitigen massiven Aufwertung des Yens, so das Kalkül der Anleger. Deshalb fallen die Kurse derzeit ins Bodenlose, teilweise auf ein Niveau aus der Anfangsphase der industriellen Entwicklung des Landes.

Mit ein Grund für die derzeit historisch einmaligen Wechselkursverschiebungen ist das Auflösen von sogegannten Carry-Trade-Geschäften. Dabei handelt es sich um ein sogenanntes Arbitrage-Geschäft, bei dem unterschiedliche Verzinsung verschiedener Währungen ausgenutzt wird. Der Anleger nimmt in einem Land wie Japan, wo der Letzins traditionell extrem niedrig ist, einen Kredit auf, um das aufgenomme Geld in einem Land zu investieren, wo es aufgrund eines deutlich höheren Leitzinses besser verzinst wird – beispielsweise Australien, wo der Leitzins trotz Finanzkrise bei immer noch sechs Prozent liegt.

In einem perfekt funktionierenden Markt dürfte diese Anlagestrategie nicht funktionieren, da sich die Zinsdiffernz durch einen entsprechenden Kursverlust der Währung auf Null reduzieren sollte. Aber Märkte funktionieren nunmal nicht modelltheoretisch perfekt und daher waren diese Carry-Trade-Anlagen lange eine relativ sichere Strategie, um hohe Renditen zu erwirtschaften.

Nun sind Euro und Dollar durch die Finanzkrise unter Druck geraten und haben eine Flucht in den Yen ausgelöst. Die Carry-Trade-Anleger haben dadurch ein Problem: Die Gewinne durch die Zinsdifferenz werden durch die Wechselkursschwankung überdeckt, deutliche Verluste drohen. Die Folge: Carry-Trade-Anleger lösen ihre Investments massenweise auf und investieren in den als sicherer Hafen geltenden japanischen Markt – also in Yen.

Dieses Herdenverhalten führt zu einem noch deutlich stärkeren Kurgewinns des Yens gegenüber anderen Währungen als es ohne Arbitrage-Geschäfte mit Devisen der Fall wäre. Der Yen ist dadurch stark wie nie und die exportabhängige japanische Wirtschaft vielleicht schon bald am Boden. Die Kursentwicklung an Tokios Börse nimmt diese Erwartungen jedenfalls vorweg.

Wo die Marktwirtschaft versagt

Gier ist geil, schrieb Welt-Chefkommentator Alan Posener vor ein paar Tagen und fing sich damit schon 194 überwiegend wütende Kommentare ein. Gier, so Posener, habe uns den Wohlstand beschert, den wir heute genießen können.

Ganz unrecht hat er nicht. Die Gier des Einzelnen, Reichtum anzuhäufen, führt dazu, dass er produktiv tätig wird und volkswirtschaftlichen Nutzen erbringt. Die Gier der Kapitaleigner, möglichst viel Rendite zu erwirtshaften, führt dazu, dass sie aktiv Ausschau halten nach besonders gewinnbringenden Investionsmöglichkeiten. So werden auch risikoreiche und innovative Geschäftsideen finanziert, die dann entsprechend volkswirtschaftlichen Nutzen bringen, statt dass das erarbeitete Einkommen gleich wieder verkonsumiert oder gehortet wird.

Ein immer größerer Teil des volkswirtschaftlichen Reichtums fließt aber in völlig unproduktive Wirtschaftsbereiche. Beispiel: Suchmaschinenoptimierung und -marketing (SEO und SEM). Sogenannte SEOs tun alles dafür, dass die Unternehmens-Website des Auftraggebers bei relevanten Suchbegriffen über dem des Konkurrenten steht – und verdienen damit extrem gut. Oder sie kaufen die enstprechenden “Sponsored Links” bei Google einfach direkt und überbieten sich dabei mit den Preisen gegenseitig.

Ich weiß auch, dass Holtzbrinck eLab und Holtzbrinck Ventures aktiv Links von anderen Websites kaufen, um die Such-Positionen der eigenen Startups zu verbessern.

Das Problem ist: Alle machen das, weil keiner zurückfallen will. Es werden unvorstellbare Summen an Leute bezahlt, damit diese – in welcher Form auch immer – die Suchposition in den Suchmaschinen verbessern. Dabei wird überhaupt nichts erwirtschaftet, es geht nur um Umverteilung der Marktanteile, kollektiv verlieren alle Unternehmen dabei. Statt Ressourcen darauf zu verwenden, Produkte oder Service zu verbessern, werden Ressourcen verschwendet, um Konkurrenten auf andere Weise Marktanteile abzujagen.

Suchmaschinenoptimierung ist nur ein Beispiel, klassische Werbung wäre ein anderes. Oder Anwälte: Viele der intelligentesten und talentiertesten Amerikaner werden Wirtschafts-Anwälte, statt Erfinder oder Unternehmer, weil sie mehr Geld damit verdienen können, bei der Umverteilung des Vermögens mitzuhelfen, als es produktiv mit zu erwirtschaften. Je besser sie sind, desto mehr schlagen sie für ihren Mandaten raus – auf Kosten von anderen. Würden sie auf der anderen Seite in den Prozess ziehen, würden sie ihr ganzes Können, ihr Talent, ihre Intelligenz für das genaue Gegenteil einsetzen. Reine unproduktive Umverteilung.

Ähnliches gilt für sogenannte Finanzprodukte. Die bestbezahlten Menschen der Welt sind nicht etwa Manager, sondern Finanzproduktdesigner. Der Mensch mit dem höchsten Nicht-Kapitaleinkommen verdient damit 5 Milliarden Dollar im Jahr, habe ich letztens gehört. Innovationen bei diesen “Finanzprodukten” unterscheide sich ganz grundsätzlich zu Innovationen bei herkömlichen Produkten, wie der Ökonom Jagdish Bhagwati im Interview mit dem Handelsblatt erläutert:

Innovationen haben in den beiden Welten einen völlig anderen Charakter. Auf dem Gütermarkt können Sie davon ausgehen, dass Innovationen eigentlich immer für die Konsumenten und die Welt gut sind. Problematisch ist nur das, was Schumpeter den Prozess der kreativen Zerstörung nannte: Einzelne Unternehmen verschwinden, weil Konkurrenten bessere Produkte anbieten. In der Finanzbranche ist das anders. Dort sind Innovationen nicht per se gut, sie können auch destruktiv sein – auch deshalb, weil neue Finanzprodukte so kompliziert sind, dass sie kaum noch jemand versteht. Wohin das führt, erleben wir gerade: Finanzinnovationen, in denen faule Kredite versteckt sind, sind der Kern der Krise.

Mit anderen Worten: Gier führt nicht nur zu produktiver, für alle positiver Steigerung des Volkseinkommens, sondern auch zu unproduktiver Umverteilungsdynamik. Die Lösung des Problems liegt aber nicht in der Abschaffung der Gier, denn die ist menschlich, sondern in einem Wirtschaftssystem, dass diese unproduktive Form der Gier begrenzt.

PS: Wer zahlt am meisten für einen “sponsored Link” bei Google? Anwälte natürlich. Die legen da teilweise zweistellige Euro-Summen für einen einzigen Klick hin.

Update: Sehr interessant zu diesem Thema ist dieser Artikel, der versucht die Wertschöpfung der Finanzindustrie zu quantifizieren.

Autopoiesis

Gestern Abend stand ich auf dem Rheinturm und blickt auf Düsseldorf. Ich sah diese Stadt, wie sie lebte und pulsierte, wie sich alles bewegte. Jeder einzelne da unten, dachte ich mir, denkt nur stumpf daran, wo er als nächtes hin muss, was er als nächstes einkauft oder war zur Hölle sein Vordermann so lahmarschig fährt.

Und doch wirkte das ganze mehr, als die Summe seiner Teile. Ein System, ein Organismus, der lebt und sich selbst reguliert, auch wenn jedes einzelne Individuum in erster Linie die eigenen Bedürfnisse im Sinn hat.

Angesichts der Finanzkrise fast untergagengen, ist in den vergangenen Tagen diese Meldung: Der Klimawandel, so ein neuer Bericht der Klimaforscher, schreitet sehr viel schneller voran als bisher geglaubt.

Vielleicht ist der Kollaps unserer ölgetriebenen Ökonomie, der sich am Horizont abzeichnet, nichts weiter als die Reaktion eines Organismus, eines großen Systems, das sich selbst reguliert, um eine noch viel größere Katastrophe zu verhindern.

Dazu passt, dass auch Ökonomien immer mal wieder einen eine Umwälzung wie Krieg oder Hyperinflation benötigen, um die Einkommensverteilung nicht zu stark auseinanderdriften zu lassen:

Viel wichtiger ist etwas, was Ökonomen noch nicht untersucht haben: Die wunderbare Tatsache, dass wir seit über 60 Jahren im Frieden leben. Seit 60 Jahren wird Kapital akkumuliert, ohne Vernichtung durch Krieg oder Inflation und ohne Umverteilung durch Revolution und Enteignungen, was früher in Abständen von wenigen Jahrzehnten die Regel war.

Quelle: Handelsblatt.com

Obamas historische Chance

Rheinischer Kapitalismus am Hudson River?

Dass die Finanzkrise Barack Obama hilft, wissen wir ja. So wie es derzeit aussieht, wird er die Präsidentschaftswahlen ziemlich klar gewinnen. Wahrscheinlich weil sich die Menschen inzwischen eine tatsächliche Zäsur wünschen und auch, weil John McCain immer ein Verfechter der Finanzmarktderegulierung war – und dazu noch kein besonders ökonomisch kenntnisreicher.

Naomi Klein beschreibt in ihrem stark verschwörungstheoretisch angehauchten Bestseller “The Shock Doctrine“, wie Regierungen in der Vergangenheit Katastrophen genutzt haben, um eine ordoliberale Neuordnung ihrer Wirtschaft durchzusetzen. In diesem Fall könnte es umgekehrt laufen.

 

 

Mit Obama wird damit ein ungewöhnlicher Politiker, der bisher wenig politisches Profil gezeigt hat, zu einer ungewöhnlichen Zeit Präsident einer taumelnden Supermacht. Das ist eine historische Chance! Dem Zeitgeist entsprechend bietet sich für Obama nun eine Möglichkeit, das Wirtschaftssystem der USA komplett umzukrempeln. Soviel, wie er in den Debatten derzeit von Finanzmarktregulierungen und sozialer Sicherchung spricht, so desaströs sich die Finanzmärkte zurzeit auf die private Altersvorsorge auswirkt, kann Obma das vor 5 Jahren noch politisch Undenkbare gelingen: Der Aufbau eines Sozialstaats in den USA nach kontinentaleuropäischem Vorbild. Die politische Rückendeckung von Kongress und Bevölkerung hätte er derzeit wahrscheinlich.

Ob er das vorhat, weiß ich nicht. Andere bei den Demokraten wünschen sich das schon länger. Mit dem Aufstieg von Nancy Pelosi und Howard Dean innerhalb der demokratischen Partei, zeichnet sich schon lange ab, dass der nach Europa schielende Parteiflügel mächtig an Einfluss gewonnen hat.

Finanzkrise: Die Angst vor dem Bank Run

Kommt der ganze große Crash?

Ich will gar nicht groß quatschen, sondern gleich zum Punkt kommen: Die derzeitige Finanzkrise könnte zum völligen Kollaps unseren Wirtschaftssystem führen. Das unterscheidet diese Krise wesentlich von anderen Krisen der Vergangenheit, in denen viele Menschen zwar viel verloren haben aber es doch nicht zum völligen Zusammenbruch kam – und auch nie davor war. Entscheidend für die Frage, ob uns dieser völlige Kollaps bevorsteht, ist jetzt die Massen-Psychologie.

Was ist an dieser Krise anders? Kurz gesagt, handelt es sich um die tiefste Krise des globalen Finanzsystems, die diese Erde je erlebt hat. Und Funktionieren des Finanzsystems hängt die gesamte Wirtschaft ab.

Die Aktienwerte stürzen derzeit weltweit ins Bodenlose, aber das ist erstmal völlig egal, sollen die Anleger ruhig bluten. So ganz stimmt das natürlich nicht, immerhin wurde auch Einkommensschwachen jahrelang gepredigt, sie sollten privat fondgesichert vorsorgen, die staatliche Umlagefinanzierung (das einzig wirklich sichere, zumindest so lange dieser Staat existiert) würde nicht reichen etc. Aber das eigentlich Problem unserer derzeitigen Weltwirtschaft ist ein anderes: Sie basiert in jeglicher Hinsicht auf Vertrauen. Und das schwindet momentan. Die Kursstürze an der Börse sind nur ein Indikator dafür.

Ich sag es jetzt einfach mal so wie es ist: Dein Geld auf dem Konto deiner Bank ist nicht sicher. Es ist nicht nur nicht sicher, es ist einfach gar nicht da, weil es irgendwo investiert ist. Und wenn ich ganz ehrlich bin, dann muss ich dir sagen, dass es je nach Bank wahrscheinlich nicht nur irgendwo investiert ist, sondern verspekuliert wurde, sprich abgeschrieben, in faulen Krediten oder anderen Fehlinvestments.

Nur so funktioniert das ganze Bankensystem überhaupt. Zinsen kommen nicht davon, dass das Geld bei der Bank rumliegt und Staub ansetzt, die werden erwirtschaftet, indem die Bank das Geld der Kunden investiert. Soweit, so gut – das ist an sich keine schlechte Idee. Das Geld liegt nicht nutzlos rum, sondern erwirtschaftet Rendite, über die der Sparer mit Zinsen beteiligt wird. Investoren kommen so zu Krediten, können innovative Ideen umsetzen und damit volkswirtschaftlichen Nutzen bringen. Eine Win-Win-Win-Situation sozusagen.

Würden zu irgendeiner Zeit – egal ob Krise oder nicht – alle Sparer gleichzeitig an ihr Geld wollen, gäbe es immer einen Kollaps des Systems, das ist systembedingt. Zum Glück passiert das normalerweise nicht. Die Leute brauchen ihr Geld ja niemals alle gleichzeitig.

Nun haben sich einige Banken ziemlich verspekuliert und zwar so massiv, dass andere Banken ihnen nicht mehr über den Weg trauen, was die Refinanzierung verhindert. Eine Bank nach der anderen geht pleite und reißt andere Institute mit sich. Das alles wäre nicht so dramatisch, wenn da nicht ein kleines Problemchen Namens Massen-Psychologie bestände.

Die Leute beginnen ihre Sparbücher, ihre Konten usw. aufzulösen und Cash zu horten. Tresorhersteller melden schon Absatzrekorde. Das bringt auch solche Banken in Schieflage, die bisher noch völlig gesund gewirtschaftet haben. Sobald es zu den ersten größeren Bank Runs kommt, haben wir ein echtes Problem. Ich meine nicht nicht so ein Problemchen der Kategorie “Ist denn meine Altervorsorge jetzt noch sicher?”, eher ein Problem der Kategorie “OH FUCK“.

Was wir im Grunde derzeit sehen, ist ein massives Kooperationsdilemma, vielleicht das größte und fatalste in der Menschheitsgeschichte: Wenn alle nur still abwarten und ihr Geld brav bei ihrer Bank lassen, bis die Krise vorüber ist, kämen wir mit ziemlicher Sicherheit um den ganz großen Crash herum. Notenbanken und Staat würden mit Überbrückungskrediten helfen, die Banken würden sich refinnazieren, Vertrauen zurückgewinnen und so weiter – Friede, Freude, Kapitalismus.

Mit anderen Worten: Die für alle mit Abstand vorteilhafteste Lösung wäre es, jetzt einfach abzuwarten. Aber was, wenn es der Nachbar nicht tut? Bildet da sich nicht gerade schon wieder eine verdächtig lange Schlange vor dem Geldautomaten? Was ist wenn die anderen vor mir da sind und ihr Geld abholen – und wenn ich dann losgehe, ist keins mehr da? Diese Gedanken kommen bisher zum Glück nur wenigen. Aber sowas kann ganz schnell umschlagen. Der Mensch ist immer noch ein Herdentier. Sobald sich weltweit Schlangen vor den Bankhäusern dieser Welt bilden ist das globale Bankensystem binnen einem Tag völlig am Ende.

Ich bin geradezu erschrocken darüber, wie offen inzwischen auch in den Mainstream-Medien darüber gesprochen wird. Das Handelsblatt zitiert z.B. heute den CDU-Mittelstandschef Jürgen Schlarmann mit den Worten “Ich bin mir nicht sicher, ob die Garantieerklärung Frau Merkels für deutsche Bankkunden zum jetztigen Zeitpunkt eine gute Idee war. Das macht viele Menschen auf das Problem erst aufmerksam.” Jeder der rechnen kann, weiß, was diese “Garantieerklärung” bedeutet.

Solltest du jetzt also losrennen und Geld abheben, so lange es noch geht? JEIN. Ich meine, nein, bitte bitte tu es nicht. Das ist ein dringender und ernstgemeiner Appell. Individuell betrachtet ist es das natürlich das Rationalste derzeit. Kollektivrational wäre es ein Desaster.

Aber wenn die anderen vor mir da sind? Nun, wenn wir wirklich Bank Runs in dem Ausmaß erleben sollten, dass Leute nicht mehr bedient werden können, dass auch die staatliche Sicherung nicht mehr greift – dann hätte ich einen super Investmenttyp: Eine durchgeladene Ak-47, einen Dieselgenerator, Nahrungskonserven und einen Bunker. 😉

Scherz beseite: Unser Wirtschaftssystem basiert auf einer Art mehrstufiger Vertrauenspyramide. Die oberste Stufe des Vertrauens besteht darin, dass die Menschen ihrer Bank vertrauen. Nur deshalb horten sie ihr Geld nicht im Sparstrumpf zu Hause. Nur weil es Kredite gibt, kann es größere Investitionen geben. Diese erste Säule des Vertrauens ist gerade schwer angeschlagen und droht zu kippen. Manche sehnen sich offensichtlich schon nach dem totalen Untergang.

Die fundamentalere Stufe des Vertrauens sichert den problemlosen Austausch von Waren und Dienstleistungen. Es ist das Vertrauen in den Wert das Geldes an sich. Das Geld ist nur so lange etwas wert, wie der Empfänger des Geldes auch darauf vertraut, dass er jemanden findet, der das an sich nutzlose Papier ebenfalls als Zahlungsmittel akzeptiert. Das Geld ist nur so lange etwas wert, wie alle daran glauben (Fiat Money).

Die globale Geldmenge ist in den vergangenen Monaten enorm gestiegen, weil die Notenbanken rund um die Welt alles dafür getan haben, die Liquidität der Privatbanken sicherzustellen. Übrigens ist das eine Art verdeckte Steuer, die in die Berechnungen, was die Staaten die Bankenrettung kostet, bisher gar nicht einfließt. Egal wie diese Krise ausgeht, das Gespenst der globalen Inflation wird zurückkehren, da bin ich mir fast sicher. Das merkt momentan angesichts der drohenden Kreditklemme nur niemand, weil alle Cash horten wie blöde – aber der Goldpreis nimmt es vorweg.

Im absoluten worst case, den ich wirklich nicht mehr ausschließen will, bricht auch diese zweite Säule des Systems zusammen. Was wir dann bräuchten, wäre wieder eine edelmetallgedeckte Währung. Und vielleicht wäre das, so altmodisch das klingen mag, gar keine schlechte Idee.

Das Schneeball-System des Finanzmarktkapitalismus konnte auch deshalb immer weiter fortgeführt werden und sich zu einer derart großen Blase aufblähen, weil insbesondere die US-Notenbank Fed immer, wenn die Maschinerie zu stottern drohte, kräftig mit Liquidität nachgeholfen hat. Bei einer goldgedeckten Währung hätte ein Korrektur der Finanzmärkte schon viel früher stattgefunden. Das wäre schmerzlich gewesen, hätte aber den ganz großen Crash verhindert. Ob der nun kommt? Ich weiß es nicht. Eigentlich hätte ich schreiben sollen: Bleibt ruhig, es wird alles gut. Wenn das nur alle glauben, wird es zur selbsterfüllenden Prophezeiung. Es basiert alles auf Vertrauen, Psychologie.

Update: Ich habe gerade die Bild-Schlagzeile von heute gesehen. Irgendeine “TV-Star”, dessen Name ich gar nicht kannte, im Liebesglück. Das kann man sich vielleicht für die Zukunft merken: Wenn die Bild-Zeitung mal keine Panik schiebt, ist es wirklich ernst. Zur Finanzkrise zitiert die Bild nur ausgerechnet den Unternehmensberater Roland Berger, der in einem SZ-Interview behauptet hat, die Finanzkrise sei bis 2010 ausgestanden.