Marxismus für Eilige

Lange ist es her, da war ich mal Marxist. Für ein Referat zum Thema “Kommunismus in Star Trek” musste ich den Marxismus noch mal aus der Mottenkiste meiner Erinnerung holen und war von mir selbst erstaunt, wieviel marxistisches Wissen von damals noch hängegeblieben ist. Wer schon immer mal wissen wollte, was die kommunistische Theorie von Karl Marx und Friedrich Engels eigentlich ausmacht, hier die Zusammenfassung des Referats – Marxismus in 10 Minuten. Und für die ganz Eiligen gibt es am Ende auch noch mal mit der Zusammenfassung die marxistische Theorie in zwei Minuten.

 

Was ist eigentlich Marxismus?

 

Die philosophischen und weltanschaulichen Grundlagen des Marxismus lassen sich auf drei Hauptquellen zurückführen: Die Dialektik Friedrich Hegels, die Einflüsse von Frühsozialisten wie François Noël Babeuf und der Materialismus als philosophische Weltanschauung.

 

1.1 Materialismus

 

Der Materialismus ist die philosophische Weltanschauung, die dem Marxismus zugrunde liegt. Der Materialismus verneint die Existenz jeglicher nicht-materieller Dinge. Friedrich Engels schreibt dazu: “Die wirkliche Einheit der Welt besteht in ihrer Materialität” [Es gibt nichts in der Welt, was nicht] “eine konkrete Form der Materie, ein bestimmter Zustand, eine Eigenschaft oder das Produkt der Veränderung oder Entwicklung der Materie wäre.” Damit wird die Existenz von allem Nichtmateriellen wie Gott, „Weltvernunft“, göttlicher Idee usw. ausgeschlossen.

 

1.2 Von Hegels Dialektik zum historischen Materialismus

 

Für Hegel ist die Dialektik sowohl die anzuwendende geistige Methode der Philosophie, um die Welt zu begreifen, als auch das innewohnende Prinzip aller Dinge selbst: Der These (z.B. „Freiheit“) folgt eine Antithese (z.B. „Gemeinwohl“), die dieser entgegengesetzt ist. Aus These und Antithese entsteht dann eine Synthese (z.B. „Freiheit in Brüderlichkeit“), die beide Widersprüche vereint und somit etwas ideell Höheres darstellt als These und Antithese für sich betrachtet. Am Ende der vom „Weltgeist“ angetriebenen Geschichte, die sich in Thesen, Antithesen und Synthesen vollzieht, steht für Hegel die „Vernunft der Geschichte“.

 

Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen.“ (Kommunistisches Manifest)

 

Marx greift dieses Prinzip auf und stellt es, wie er sagt, „vom Kopf auf die Füße“, indem er Hegels Dialektik mit der Philosophie des Materialismus (siehe 1.1) verknüpft und so zum historischen Materialismus weiterentwickelt. Die Dialektik wird nicht mehr als geistig-ideelles Vernunftsprinzip aufgefasst, sondern als Methode, die Dynamik der Geschichte zu verstehen. Diese wird laut Marx vorangetrieben durch die Klassengegensätze, bei der sich – dem Prinzip der Dialektik folgend – stets eine unterdrückende (analog der These) und eine unterdrückte Klasse (analog der Antithese) gegenüberstehen (z.B. Sklaven/Herren in archaischen Gesellschaften, Bauern/Adlige in der Feudalgesellschaft und Lohnarbeiter/Kapitalisten in der bürgerlichen Gesellschaft). Aus dieser Gegenüberstellung zweier Klassen mit entgegengesetzten Interessen ergibt sich der Klassenkampf.

Die Gesellschaftsstruktur ist dabei stets eine Widerspiegelung der ökonomischen Verhältnisse, die sich in Produktionsverhältnissen (wer besitzt die Produktionsmittel?) und der Entfaltung der Produktivkräfte (auf welchen technischen Stand befinden sich die Produktionsmittel?) ausdrückt. Befinden sich die Produktivkräfte auf einem Stand, der in Widerspruch mit den Besitzverhältnissen gerät, entsteht eine Spannung, die zur Revolution der unterdrückten gegen die unterdrückende Klasse führt.

Beispiel: In der Gesellschaft des ausgehenden Mittelalters gerieten die ökonomischen Verhältnisse (das Entstehen von Manufakturen, der ökonomische Aufstieg des Bürgertums in den Städten) in einen Widerspruch zu den Machtverhältnissen der Feudalgesellschaft. Infolge, so die marxistische Geschichtsauffassung, erhob sich das Bürgertum in der Französischen Revolution gegen die herrschende Klasse des Adels und etablierte die kapitalistische bürgerliche Gesellschaft mit einer neuen bürgerlichen Werteordnung („ideologischer Überbau“, siehe 3.). Diese aus These (unterdrückende Klasse) und Antithese (unterdrückte Klasse) entstandene neue Gesellschaft kann analog zu Hegels Dialektik als nächsthöhere Gesellschaftsform (Synthese) begriffen werden.

Am Ende der Geschichte steht nach dem Marxismus, analog zu Hegels „Vernunft der Geschichte“, die klassenlose kommunistische Gesellschaft. Die Übergangsphase vom Kapitalismus zum Kommunismus ist der Sozialismus, in der sich die unterdrückten Arbeiter in einer Revolution gegen die unterdrückende Klasse der Kapitalisten (Produktionsmittelbesitzer) auflehnen und die Produktionsmittel vergesellschaften, also in Gemeineigentum überführen. Mit der Aufhebung der Klassengegensätze durch den Sozialismus, wird die utopische Phase des Kommunismus eingeläutet, in der sämtliche Widersprüche aufgehoben und damit das „Ende der Geschichte“ erreicht ist.

 

2. Marxistische Wirtschaftstheorie: Mehrwert und Kapitalakkumulation

 

Marx sieht die westlichen Industrienationen zu seiner Zeit in zwei sich gegenüberstehende Klassen gespalten: Die abhängig beschäftigten Lohnarbeiter und die Klasse der Kapitalisten, welche die Produktionsmittel (Fabriken etc.) und den Boden besitzt. Marx sieht hier einen Widerspruch zwischen den Produktionsfaktoren Kapital und Boden auf der einen und Arbeit auf der anderen Seite. Der Kapitalist hat ein Interesse an einem möglichst hohen Profit. Dieser wird erreicht, indem die Differenz zwischen dem, was ein Arbeiter kostet und dem, was das Produkt kostet, das dieser herstellt, möglichst hoch ausfällt.

Diese Differenz zwischen Arbeitslohn und dem Preis der fertigen Produkte, die ein Arbeiter herstellt, nennt Marx den Mehrwert. Der Mehrwert wird vom Arbeiter erwirtschaftet und vom Kapitalist abgeschöpft. Je stärker der Kapitalist den Arbeitslohn drückt, desto größer wird der Mehrwert und damit der Profit. Je mehr Profit der Kapitalist erwirtschaftet, desto mehr kann er in weiteres Kapital reinvestieren, was wiederum zu noch größerem Profit und damit noch mehr Kapitalbesitz führt. Dadurch kommt es zur sogenannten Akkumulation, also der Anhäufung, von Kapital.

Immer mehr Kapitalisten mit wenig Kapital werden durch Kapitalisten mit größerem Kapitalbesitz verdrängt und rutschen in das Proletariat der besitzlosen Lohnarbeiter ab. Dadurch entsteht ein Überangebot an Arbeitskräften, wodurch die Löhne noch weiter gesenkt und der Profit damit noch weiter gesteigert werden kann.

Am Ende dieses Verdrängungswettbewerbs steht die fast vollständige Konzentration des Kapitals in wenigen Händen und die völlige Verelendung der Arbeiter (“Proletarisierung”), bis diese “nichts zu verlieren [haben] als ihre Ketten” und mit einer Revolution die nächste Entwicklungsstufe der Gesellschaft, den Sozialismus, einläuten.

 

3. Ideologiekritik: “Das Sein bestimmt das Bewusstsein”

 

Werte, Normen und Religion sehen Marx und Engels lediglich als “ideologischen Überbau” der Gesellschaft, welche die ökonomischen Besitzverhältnisse widerspiegeln. So waren während des Feudalismus Tugenden von Unterordnung und Gottesfürchtigkeit dominant, weil sie die bestehende ökonomische Ordnung stabilisierten, während mit der bürgerlichen Französischen Revolution Werte wie Fleiß in den Vordergrund rückten, weil diese die bestehende kapitalistische Ordnung stützten. Die jeweils herrschende Ideologie ist also die Ideologie der Herrschenden.

Der Mensch ist aus dieser Sicht ein formbares Wesen, dessen Bewusstsein durch das gesellschaftliche Sein bestimmt ist, das heißt, durch die ökonomischen Umstände, in denen er lebt. Die technische und ökonomische Entwicklung geht also der kulturellen und geistigen voraus – bzw. letztere ist nur Abbild der ökonomischen Verhältnisse. Insbesondere durch die Ideologiekritik grenzt sich der Marxismus von den Theorien der Frühsozialisten ab.

 

4. Die kommunistische Utopie

 

In der kommunistischen Gesellschaft werden alle zur Verfügung stehenden Ressourcen nach dem Bedürfnisprinzip verteilt, die Lohnarbeit ist aufgehoben. Marx bleibt der Beschreibung der klassenlosen kommunistischen Gesellschaft unkonkret, gibt aber ein Beispiel, wie er sich das Leben im Kommunismus vorstellt:

Zitat:
„[…] während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirte oder Kritiker zu werden.“

 

 

5. Zusammenfassung

 

Der Marxismus reduziert mit dem historischen Materialismus die gesamte Geschichte von Gesellschaften auf deren ökonomischen Verhältnisse, die sich stets in Klassengegensätzen von Unterdrückern und Unterdrückten zeigen. Dieser Gegensatz ist die Triebkraft der Geschichte, die zu immer neuen, höheren, Gesellschaftsformen führt (Sklavenhaltergesellschaft → Feudalismus → bürgerlicher Kapitalismus usw.). Nach jeder Revolution folgt die Evolution (technische Weiterentwicklung) der Produktivkräfte. Dadurch erhöht sich nach der Etablierung einer neuen Gesellschaftsordnung der Widerspruch zwischen Besitzverhältnissen und Produktivkräften, bis sich dieser sich wieder in einer Revolution entlädt und diese vorübergehende Auflösung des Widerspruchs die nächsthöhere Entwicklungsstufe der Gesellschaft einläutet.

Am Ende dieser Entwicklung steht die klassenlose Gesellschaft des Kommunismus, in der alle Widersprüche endgültig aufgehoben sind. Diese zielgerichtete Geschichtsauffassung wird als Teleologie bezeichnet. Das Prinzip von den Gegensätzen als treibende Kraft der Geschichte, die sich in etwas Höherem (Synthese) auflösen, wurde Hegels Dialektik entliehen.

Lizenz

Dieser Artikel ist parallel sowohl unter CC-BY-SA als auch unter GNU-FDL lizenziert.

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11 thoughts on “Marxismus für Eilige

  1. netter artikel,
    was fehlt sind aber wirklich die begründungen für einer ‘proletarischen’/demokraischen staatswirtschaft, wie sie im kommunistischen manifenst ja befürwortet wird..

    da fällt mir ein das ich das mal lesen wollte:
    http://unsichtbarehand.blogspot.com/2007/11/karl-marx-die-kritik-der-politischen.html

  2. Und wie passt jetzt Star Trek da hinein? Und vor allem, das alte Kirk Star Trek oder Next Generation???

  3. Ich besuche ein Seminar zum Thema Star Trek und das von mir bearbeite Referatsthema lautete “Ist die Föderation kommunistisch?”. Ich habe den Teil übernommen, in dem erstmal erklärt wird, was der Kommunismus überhaupt ist.

  4. Machst du gerade Urlaub oder hat das Sommerloch auch diesen Blog erwischt?

  5. Hi Plissee,

    habe einfach nichts, worüber ich schreiben könnte. 😉

  6.  Hi, danke fürs Reinstellen, hab gerade ein bisschen Ideen für mein eigenes Referat geklaut (Eine marxistische Theorie der Sozialen Arbeit: Ausbeutung und Verelendung überwinden). Super und sehr leicht verständlich geschrieben!

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