Marxismus für Eilige

Lange ist es her, da war ich mal Marxist. Für ein Referat zum Thema “Kommunismus in Star Trek” musste ich den Marxismus noch mal aus der Mottenkiste meiner Erinnerung holen und war von mir selbst erstaunt, wieviel marxistisches Wissen von damals noch hängegeblieben ist. Wer schon immer mal wissen wollte, was die kommunistische Theorie von Karl Marx und Friedrich Engels eigentlich ausmacht, hier die Zusammenfassung des Referats – Marxismus in 10 Minuten. Und für die ganz Eiligen gibt es am Ende auch noch mal mit der Zusammenfassung die marxistische Theorie in zwei Minuten.

 

Was ist eigentlich Marxismus?

 

Die philosophischen und weltanschaulichen Grundlagen des Marxismus lassen sich auf drei Hauptquellen zurückführen: Die Dialektik Friedrich Hegels, die Einflüsse von Frühsozialisten wie François Noël Babeuf und der Materialismus als philosophische Weltanschauung.

 

1.1 Materialismus

 

Der Materialismus ist die philosophische Weltanschauung, die dem Marxismus zugrunde liegt. Der Materialismus verneint die Existenz jeglicher nicht-materieller Dinge. Friedrich Engels schreibt dazu: “Die wirkliche Einheit der Welt besteht in ihrer Materialität” [Es gibt nichts in der Welt, was nicht] “eine konkrete Form der Materie, ein bestimmter Zustand, eine Eigenschaft oder das Produkt der Veränderung oder Entwicklung der Materie wäre.” Damit wird die Existenz von allem Nichtmateriellen wie Gott, „Weltvernunft“, göttlicher Idee usw. ausgeschlossen.

 

1.2 Von Hegels Dialektik zum historischen Materialismus

 

Für Hegel ist die Dialektik sowohl die anzuwendende geistige Methode der Philosophie, um die Welt zu begreifen, als auch das innewohnende Prinzip aller Dinge selbst: Der These (z.B. „Freiheit“) folgt eine Antithese (z.B. „Gemeinwohl“), die dieser entgegengesetzt ist. Aus These und Antithese entsteht dann eine Synthese (z.B. „Freiheit in Brüderlichkeit“), die beide Widersprüche vereint und somit etwas ideell Höheres darstellt als These und Antithese für sich betrachtet. Am Ende der vom „Weltgeist“ angetriebenen Geschichte, die sich in Thesen, Antithesen und Synthesen vollzieht, steht für Hegel die „Vernunft der Geschichte“.

 

Alle bisherige Geschichte ist eine Geschichte von Klassenkämpfen.“ (Kommunistisches Manifest)

 

Marx greift dieses Prinzip auf und stellt es, wie er sagt, „vom Kopf auf die Füße“, indem er Hegels Dialektik mit der Philosophie des Materialismus (siehe 1.1) verknüpft und so zum historischen Materialismus weiterentwickelt. Die Dialektik wird nicht mehr als geistig-ideelles Vernunftsprinzip aufgefasst, sondern als Methode, die Dynamik der Geschichte zu verstehen. Diese wird laut Marx vorangetrieben durch die Klassengegensätze, bei der sich – dem Prinzip der Dialektik folgend – stets eine unterdrückende (analog der These) und eine unterdrückte Klasse (analog der Antithese) gegenüberstehen (z.B. Sklaven/Herren in archaischen Gesellschaften, Bauern/Adlige in der Feudalgesellschaft und Lohnarbeiter/Kapitalisten in der bürgerlichen Gesellschaft). Aus dieser Gegenüberstellung zweier Klassen mit entgegengesetzten Interessen ergibt sich der Klassenkampf.

Die Gesellschaftsstruktur ist dabei stets eine Widerspiegelung der ökonomischen Verhältnisse, die sich in Produktionsverhältnissen (wer besitzt die Produktionsmittel?) und der Entfaltung der Produktivkräfte (auf welchen technischen Stand befinden sich die Produktionsmittel?) ausdrückt. Befinden sich die Produktivkräfte auf einem Stand, der in Widerspruch mit den Besitzverhältnissen gerät, entsteht eine Spannung, die zur Revolution der unterdrückten gegen die unterdrückende Klasse führt.

Beispiel: In der Gesellschaft des ausgehenden Mittelalters gerieten die ökonomischen Verhältnisse (das Entstehen von Manufakturen, der ökonomische Aufstieg des Bürgertums in den Städten) in einen Widerspruch zu den Machtverhältnissen der Feudalgesellschaft. Infolge, so die marxistische Geschichtsauffassung, erhob sich das Bürgertum in der Französischen Revolution gegen die herrschende Klasse des Adels und etablierte die kapitalistische bürgerliche Gesellschaft mit einer neuen bürgerlichen Werteordnung („ideologischer Überbau“, siehe 3.). Diese aus These (unterdrückende Klasse) und Antithese (unterdrückte Klasse) entstandene neue Gesellschaft kann analog zu Hegels Dialektik als nächsthöhere Gesellschaftsform (Synthese) begriffen werden.

Am Ende der Geschichte steht nach dem Marxismus, analog zu Hegels „Vernunft der Geschichte“, die klassenlose kommunistische Gesellschaft. Die Übergangsphase vom Kapitalismus zum Kommunismus ist der Sozialismus, in der sich die unterdrückten Arbeiter in einer Revolution gegen die unterdrückende Klasse der Kapitalisten (Produktionsmittelbesitzer) auflehnen und die Produktionsmittel vergesellschaften, also in Gemeineigentum überführen. Mit der Aufhebung der Klassengegensätze durch den Sozialismus, wird die utopische Phase des Kommunismus eingeläutet, in der sämtliche Widersprüche aufgehoben und damit das „Ende der Geschichte“ erreicht ist.

 

2. Marxistische Wirtschaftstheorie: Mehrwert und Kapitalakkumulation

 

Marx sieht die westlichen Industrienationen zu seiner Zeit in zwei sich gegenüberstehende Klassen gespalten: Die abhängig beschäftigten Lohnarbeiter und die Klasse der Kapitalisten, welche die Produktionsmittel (Fabriken etc.) und den Boden besitzt. Marx sieht hier einen Widerspruch zwischen den Produktionsfaktoren Kapital und Boden auf der einen und Arbeit auf der anderen Seite. Der Kapitalist hat ein Interesse an einem möglichst hohen Profit. Dieser wird erreicht, indem die Differenz zwischen dem, was ein Arbeiter kostet und dem, was das Produkt kostet, das dieser herstellt, möglichst hoch ausfällt.

Diese Differenz zwischen Arbeitslohn und dem Preis der fertigen Produkte, die ein Arbeiter herstellt, nennt Marx den Mehrwert. Der Mehrwert wird vom Arbeiter erwirtschaftet und vom Kapitalist abgeschöpft. Je stärker der Kapitalist den Arbeitslohn drückt, desto größer wird der Mehrwert und damit der Profit. Je mehr Profit der Kapitalist erwirtschaftet, desto mehr kann er in weiteres Kapital reinvestieren, was wiederum zu noch größerem Profit und damit noch mehr Kapitalbesitz führt. Dadurch kommt es zur sogenannten Akkumulation, also der Anhäufung, von Kapital.

Immer mehr Kapitalisten mit wenig Kapital werden durch Kapitalisten mit größerem Kapitalbesitz verdrängt und rutschen in das Proletariat der besitzlosen Lohnarbeiter ab. Dadurch entsteht ein Überangebot an Arbeitskräften, wodurch die Löhne noch weiter gesenkt und der Profit damit noch weiter gesteigert werden kann.

Am Ende dieses Verdrängungswettbewerbs steht die fast vollständige Konzentration des Kapitals in wenigen Händen und die völlige Verelendung der Arbeiter (“Proletarisierung”), bis diese “nichts zu verlieren [haben] als ihre Ketten” und mit einer Revolution die nächste Entwicklungsstufe der Gesellschaft, den Sozialismus, einläuten.

 

3. Ideologiekritik: “Das Sein bestimmt das Bewusstsein”

 

Werte, Normen und Religion sehen Marx und Engels lediglich als “ideologischen Überbau” der Gesellschaft, welche die ökonomischen Besitzverhältnisse widerspiegeln. So waren während des Feudalismus Tugenden von Unterordnung und Gottesfürchtigkeit dominant, weil sie die bestehende ökonomische Ordnung stabilisierten, während mit der bürgerlichen Französischen Revolution Werte wie Fleiß in den Vordergrund rückten, weil diese die bestehende kapitalistische Ordnung stützten. Die jeweils herrschende Ideologie ist also die Ideologie der Herrschenden.

Der Mensch ist aus dieser Sicht ein formbares Wesen, dessen Bewusstsein durch das gesellschaftliche Sein bestimmt ist, das heißt, durch die ökonomischen Umstände, in denen er lebt. Die technische und ökonomische Entwicklung geht also der kulturellen und geistigen voraus – bzw. letztere ist nur Abbild der ökonomischen Verhältnisse. Insbesondere durch die Ideologiekritik grenzt sich der Marxismus von den Theorien der Frühsozialisten ab.

 

4. Die kommunistische Utopie

 

In der kommunistischen Gesellschaft werden alle zur Verfügung stehenden Ressourcen nach dem Bedürfnisprinzip verteilt, die Lohnarbeit ist aufgehoben. Marx bleibt der Beschreibung der klassenlosen kommunistischen Gesellschaft unkonkret, gibt aber ein Beispiel, wie er sich das Leben im Kommunismus vorstellt:

Zitat:
„[…] während in der kommunistischen Gesellschaft, wo Jeder nicht einen ausschließlichen Kreis der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, nach dem Essen zu kritisieren, wie ich gerade Lust habe, ohne je Jäger, Fischer, Hirte oder Kritiker zu werden.“

 

 

5. Zusammenfassung

 

Der Marxismus reduziert mit dem historischen Materialismus die gesamte Geschichte von Gesellschaften auf deren ökonomischen Verhältnisse, die sich stets in Klassengegensätzen von Unterdrückern und Unterdrückten zeigen. Dieser Gegensatz ist die Triebkraft der Geschichte, die zu immer neuen, höheren, Gesellschaftsformen führt (Sklavenhaltergesellschaft → Feudalismus → bürgerlicher Kapitalismus usw.). Nach jeder Revolution folgt die Evolution (technische Weiterentwicklung) der Produktivkräfte. Dadurch erhöht sich nach der Etablierung einer neuen Gesellschaftsordnung der Widerspruch zwischen Besitzverhältnissen und Produktivkräften, bis sich dieser sich wieder in einer Revolution entlädt und diese vorübergehende Auflösung des Widerspruchs die nächsthöhere Entwicklungsstufe der Gesellschaft einläutet.

Am Ende dieser Entwicklung steht die klassenlose Gesellschaft des Kommunismus, in der alle Widersprüche endgültig aufgehoben sind. Diese zielgerichtete Geschichtsauffassung wird als Teleologie bezeichnet. Das Prinzip von den Gegensätzen als treibende Kraft der Geschichte, die sich in etwas Höherem (Synthese) auflösen, wurde Hegels Dialektik entliehen.

Lizenz

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Tagesthemen zeigen falsche Deutschlandflagge

Daumen drücken für rot-weiß oder für Schwarz-Rot-Gold – oder vielleicht doch Rot-Schwarz-Gold?

Der entsprechende Ausschnitt ist laut RP Online inzwischen aus dem Online-Archiv der Tagesthemen gelöscht worden. Aber zum Glück gibt es ja Youtube … fnord.

Nachtrag vom 23. Juni: Laut bild.de hat die ARD über Thomas Hinrichs, zweiter Chefredakteur von „ARD-aktuell“, folgendes Statement zum Vorfall abgegeben:

Zitat:
„Man kann das eigentlich nur mit der Fußballbegeisterung erklären. Das spannende Spiel Holland gegen Russland lief in der Redaktion. Der Grafiker hat die Fahne per Hand erstellt und sich bei den Farben verdrückt. Leider fiel das dem Chef vom Dienst erst auf, als die Grafik schon ausgestrahlt wurde.“

In einem Blog-Beitrag äußert sich Hinrichs noch einmal ausführlich zu dem Vorfall.

Steht die globale Wirtschaft vor dem Kollaps?

Das Vertrauen in die staatlichen Notenbanken schwindet, die globale Inflation nimmt überhand. Eine zunehmende Zahl von Experten erwartet nach den immer neuen Rekorständen bei Rohstoffen nun eine Flucht ins Gold. So zum Beispiel Finanzkolumnist Bill Bonner, der in der Süddeutschen einen baldigen Zusammenbruch des Papier-Geld-Systems voraussagt.

Dass die globale Wirtschaft derzeit von Krisen geplagt wird, dürfte keine Neuigkeit sein. Dabei war die Subprime-Krise nur der Auslöser für eine weit umfassendere Finanzkrise. Laut Oswald Grübel, dem ehemaligen Chef der Credit Suisse, stand das globale Finanzsystem sogar schon kurz vor dem Kollaps.

In der Süddeutschen meldete sich am Donnerstag ein weiterer Schwarzseher zu Wort: Finanzkolumnist Bill Bonner rechnet damit, dass das Papiergeld-System in naher Zukunft vollständig zusammenbricht. Grund sei die seit 1971 endgültig durchgesetzte Aufhebung des Goldstandards. Seit dem beruhe jegliches Vertrauen in unsere Währungen in der Annahme, dass die staatlichen Notenbanken ihre Macht, Geld beliebig nachzudrucken, nicht ausnutzten. Genau das aber habe insbesondere die US-Notenbank Fed unter Alan Greenspan in jeder Krisensituation getan, um den Markt mit liquiden Mitteln zu stimulieren. Und auch Ben Bernankes Zins- und Geldmengen-Politik trägt nicht gerade zum Vertrauen in die US-Währung bei.

Zitat:
Wir nähern uns dem Ende des Geldsystems, das 1971 eingeführt wurde. Es ist ein großes Experiment: Können die Notenbanken ein Geldsystem allein mit Papiergeld betreiben, das nicht an Gold geankert ist? Das wurde auch vorher versucht, von John Law etwa im 18. Jahrhundert in Frankreich – ohne großen Erfolg. Die Römer und die Chinesen hatten Papiergeld für eine Weile. Aber sie sind damit gescheitert. Ein solches System beruht allein auf dem Vertrauen, dass die Notenbanker ihre Macht nicht missbrauchen und nach Lust und Laune Geld drucken. Ich glaube nicht daran. Die Zentralbanken werden es auch diesmal vermurksen.

Bill Bonner

Das Misstrauen in die Währungen dieser Welt, wird an der derzeit bedrohlich hohen globalen Inflation deutlich, die sich beispielsweise immer neuen Rekorden bei Rohstoffpreisen zeigt. Als nächstes prognostiziert Bonner eine Gold-Blase: Den Preis für eine Feinunze Gold sieht er mittelfristig bei 3.000 Dollar. Christopher Wyke, Produktmanager für Schwellenländer-Anleihen und Rohstoffe beim Londoner Vermögensverwalter Schroder Investment Management, glaubt sogar an 5.000 Dollar. Und tatsächlich spricht einiges dafür, dass der Rohstoffhausse, die sich insbesondere an immer neuen Rekordständen beim Öl zeigt, eine deutliche Aufwertung des Golds folgt. Dafür spricht alleine die historisch immer wieder bestätigte Gold/Öl-Ratio, nach der das Gold gegenüber dem Öl derzeit noch stark unterbewertet ist.

Interessant in diesem Zusammengang ist, dass Alan Greenspan früher selbst ein leidenschaftlicher Verfechter des Goldstandards war. “Ohne Goldstandard gibt es keine Möglichkeit, Ersparnisse vor der Enteignung durch Inflation zu schützen”, schrieb Greenspan 1966 in seinem Aufsatz Gold und wirtschaftliche Freiheit (PDF). Und laut dem FAME-Vorsitzenden Larry Parks hat er seine Überzeugung auch nie aufgegeben.

Ein weiterer Faktor, der das Vertrauen in die Stabiltät der Weltwährungen untergräbt, ist die anhaltend hohe Verschuldung öffentlicher Haushalte. Das Verhältnis von staatlicher Verschuldung zum Bruttoinlandsprodukt (die sogenannte Debt to GDP ratio) betrage in den USA inzwischen 270 Prozent, schreibt naked capitalism. 1929, vor Ausbruch der Weltwirtschafskrise, überwog die Verschuldung das BIP mit 250 Prozent.

Einige amerikanische Städte nehmen laut einem Bloomberg-Bericht inzwischen schon Kredite auf, um diese in Anlageformen zu investieren, deren Renditeversprechen über der Höhe der Kreditzinsen liegt. Damit, so das Kalkül, sollen Lücken in den Rentenkassen gestopft werden.

`It’s the dumbest idea I ever heard,” said New Jersey
Governor Jon Corzine, the Democrat and former chairman of
investment bank Goldman, Sachs & Co.

Dem ist wohl nichts mehr hinzuzufügen.

Update vom 20. Juni 2008: “Wir bewegen uns auf einen der schlimmsten Bärenmärkte seit einhundert Jahren zu” glaubt Bob Janjuah, Chef-Kreditstratege der Royal Bank of Scotland (RBS), wie Spiegel Online heute berichtet. Fondsmanager auf der ganzen Welt würden bereits Aktien zu Geld machen, so die Investmentbank Merrill Lynch.

Update vom 23. Juni 2008: Auch die Rating-Agentur Moody’s sieht schwarz. “Die Krise hat den Boden noch nicht erreicht”, sagte der Moody’s-Chefvolkswirt John Lonski der italienischen Zeitung “La Repubblica” laut n-tv.de.

Obama: Weihnachtsmann der Politik

Warum jeder in Obama alles sieht – und alle enttäuscht werden

Zitat:
Unter Westeuropäern sei die Ansicht besonders ausgeprägt, dass der schwarze Senator im Falle seiner Wahl “in der Weltpolitik das Richtige” unternehmen wird, heißt es in einer Erhebung des angesehenen Pew Centers in Washington. Unter jenen, die in Frankreich den US-Wahlkampf in den Medien verfolgen, seien 84 Prozent der Befragten dieser Meinung, in Deutschland 82 Prozent.

Quelle: Handelsblatt.com

Eines vorweg: Auch ich wünsche mir, dass der nächste Präsident der Vereinigten Staaten Barack Obama heißt. Besser als John McCain wäre er sicher für Amerika, ganz zu schweigen von George W. Bush. Vor allem könnte Obama das wiederherstellen, was die USA derzeit am dringendsten benötigen: Internationale Reputation und Verständnis für amerikanische außenpolitische Interessen. Trotzdem möchte ich nicht so ganz ohne Vorbehalte in die sonst fast ungeteilte internationale Obama-Manie einstimmen.

Obma gilt als liberaler Kandidat. Liberal im amerikanischen Sprachgebrauch, sprich: links – für amerikanische Verhältnisse. Während sich aber John Edwards beispielsweise mit einem klar umrissenen wohlfahrtsstaatlich-sozialdemokratisches politischen Profil präsentierte und Hillary Clinton eine Art konservative Ausgabe dieses Programms vertrat, das immerhin noch die Pflichtversicherung für alle US-Bürger enthielt, präsentiert sich Obama durch und durch schwammig.

Die breite Unterstützung in der amerikanischen Bevölkerung kann meiner Meinung nach vor allem darauf zurückgeführt werden: Gesundheitsversorgung für alle – aber bitte nicht über eine Pflichtversicherung. Wie dann? Die Antwort bleibt Obama ebenso schuldig wie jede andere konkrete poltische Maßnahme. Das alles führt dazu, dass alle möglichen Gruppen in Obama den Wechsel sehen, den sie sich schon immer gewünscht haben.

Wie dieser dann konkret aussieht, bleibt der Phantasie des Wählers überlassen. Das zeigt sich auch in den extrem diversen Wählergruppen, die Obama unterstützen: Linksliberale ebenso wie republikanische Stammwähler und Unabhängige. Vor Obama hat es kaum ein Kandidat geschafft, so viele Wähler aus dem Lager der Independent und Republikaner in demokratischen Vorwahlen an die Urne zu locken.

Sein außenpolitisches Profil ist mehr als unkonkret. Klar, er will irgendwie raus aus dem Irak – sein Nein im Senat verleiht ihn immerhin etwas Glaubwürigkeit in dieser Sache. Aber einen konkreten Zeitplan kann er ebensowenig nennen wie die anderen Kandidaten. Ansonsten ist sein außenpolitisches Profil noch weniger greifbar. Einmal sorgte er für Lacher und Stirnruzeln, als er ankündigte, die Souveräntität Pakistans im Fall der Fälle verletzen zu wollen, um dort mutmaßliche Terroristen zu bombardieren. Wahrscheinlich wollte er einfach nicht als Weichei gelten.

Während Clinton mit populistischer Anti-Freihandelsrhetorik auf Stimmenfang im White-Trash-Milieu ging, bleibt Obama auch hier ziemlich unkonkret. Freihandel sei im Prinzip eine gute Sache, er werde sich für die Einhaltung internationaler WTO-Regeln einsetzen – mehr hat man von Obama in dieser Sache bisher nicht gehört. Andererseits war Obama neben Clinton der erste, der McCain angriff, nachdem dieser sich für ein faires Verfahren bei der US Air Force einsetzte, das neben dem US-Angebot von Boeing auch das der europäischen EADS prüft.

Auf barackobama.com habe ich mir mal einige der Positionen Obamas für den Bereich Technologie durchgelesen. Einige ausgewählte Zitate:

Zitat:
A system that produces timely, high-quality patents is essential for global competitiveness in the 21st century. By improving predictability and clarity in our patent system, we will help foster an environment that encourages innovation.

Es fällt auf, wie häufig Worte wie “verbessern” in Obamas Rhetorik genutzt werden. Wer wollte nicht, dass etwas verbessert wird? In welche Richtung dies allerdings geschehen soll, diese Frage bleibt einem Obama fast immer schuldig, so auch hier:

Zitat:
Giving the Patent and Trademark Office (PTO) the resources to improve patent quality and opening up the patent process to citizen review will reduce the uncertainty and wasteful litigation that is currently a significant drag on innovation.

Dem Marken- und Patentamt noch mehr Geld in den Rachen zu werfen, löst kein einziges der massiven Probleme, die die USA mit dem derzeitigen Patentrecht haben. Das Patentrecht muss dringend grundlegend refomiert werden, Obama hat hierzu offenbar keinen substantiellen Vorschlag.

Auch ansonsten wieder nur viel Unkonkretes: “Barack Obama will work to ensure intellectual property is protected in foreign markets, and promote greater cooperation on international standards that allow our technologies to compete everywhere” – er will also dafür arbeiten, soso. Wie genau, schreibt er leider nicht, nur: “Barack Obama believes we need to update and reform our copyright and patent systems to promote civic discourse, innovation and investment while ensuring that intellectual property owners are fairly treated“. Eine Reform also – aber welche? Copyright-Reformen hat es schon viele gegeben, interessant wäre zu wissen, in welche Richtung diese gehen soll.

Auch seine politische Biographie lässt wenig Rückschlüsse auf die Linie seiner künftige Amtsführung zu: Einerseits unterstützte er Bernie Sanders, den ersten selbsternannten Sozialisten im US-Senat im Wahlkampf. Andererseits war sein politischer Mentor im Senat Joe Lieberman, ein Pro-Irakkriegs-Politiker vom äußersten rechten Spektrum der Demokratischen Partei, der die Unterstützung die demokratischen Basis verlor und so 2006 als Unabhängiger in den Senat gewählt wurde.

Am Ende bleibt zu sagen, dass so viele in Obama ihren Wuschkandidaten sehen, weil er keinem weh tut und viel Raum für die Phantasien des Wählers lässt. Obama ist der Weihnachtsmann der Politik: Wünschen kann man sich von ihm so ziemlich alles. Er wird nie sagen, dass er eine bestimmte Erwartung nicht erfüllen wird. Damit muss er am Ende alle enttäuschen, sollte er tatsächlich ins Amt gewählt werden. Ich bin gespannt, wie seine Politik aussehen wird, sollte er mal gezwungen sein zu handeln. Er wird uns sicher alle überraschen.

Update vom 20. Juni 2008: Globalisierungskritikerin Naomi Klein analysiert in “The Nation” Obamas Aussagen zu Wirtschaftspolitik. Auch in diesem Bereich mischt Obama fröhlich widersprüchliche Aussagen, mal marktliberal, mal kapitalismuskritisch. Das spiegelt sich im Beraterteam Obamas wider. Klein rät zu einem “ideologischen Hausputz”.

Lässt sich mit dem Web 2.0 Geld verdienen?

Lässt sich mit dem Web 2.0 wirklich Geld verdienen? Natürlich. Die Frage ist nur: Wer verdient und wieviel.

Einige verdienen schon Geld. Xing zum Beispiel oder MySpace. Wobei Xing ein Geschäftsmodell abseits der Werbung gefunden hat: Die Ausnutzung eines Quasi-Monopols (zumindest in Deutschland) durch künstliche Einschränkung der Nutzungsfunktionen für Gratis-User.

Auch Facebook macht unter dem Strich Gewinn, wenn auch weit weniger als der enorme Marktwert des Unternehmens vermuten lassen würde. Das deutsche StudiVZ schreibt noch immer rote Zahlen, geschweigedenn dass sich die Kaufsumme bisher auch nur halbwegs amortisiert hätte. Auf einer IHK-Veranstaltung in Düsseldorf bekam ich mal einen tieferen Einblick in die Motive des Holtzbrinck-Konzerns: “Wir wollten dahin, wo die User sind”, sagte ein Vertreter der Verlagsgruppe. “Wie wir damit irgendwann mal Geld verdienen, hatten wir uns beim Kauf noch nicht überlegt.”

Auch beim Web 2.0 scheint die Entwicklung ähnlich zu verlaufen wie es bereits bei anderen neu entstanden Industrien der Fall war: Kurz nachdem Henry Ford in den USA sein Modell T auf den Markt brachte, schossen hunderte andere Autohersteller wie Pilze aus dem Boden. Geblieben sind nur wenige Jahre danach nicht einmal ein Dutzend, der Markt hat sich konsolidiert.

Thomas Knüwer vertritt im Handelsblatt die Ansicht, es müsse nur noch das richtige Geschäftsmodell gefunden werden:

Zitat:
Lassen sich Social Networks, Blogs und Videos also nicht finanzieren? Das Allheilmittel – so wie es Googles Adsense-Programm für die Suchmaschinenwerbung war – gibt es noch nicht. Doch das Spiel hat gerade erst begonnen. Sicher ist aber schon heute, dass Werbung kreativer werden muss, will sie die Menschen im Internet erreichen.

Bisher kann sich jedoch noch niemand sagen, wie dieses kreative Geschäftsmodell aussehen soll und ob es das überhaupt gibt. Die immer populärer werdenden Werbeblocker für Browser wie den Firefox treiben die Konsolidierung der Web-2.0-Welt noch schneller voran.

Als wir blogage.de gegründet haben, hatten wir in vielerlei Hinsicht eher niedrige Erwartungen: Wie gingen davon aus, dass es eher schwer würde, Benutzer zu werben, eine gute Google-Suchposition zu erreichen und vor allem Presseecho zu erhalten. Gerade im letzten Punkt haben wir uns geirrt. Nicht nur die Lokalpresse wie die Rheinische Post und Antenne Düsseldorf haben über uns berichtet, sondern auch die NRZ, der Deutschlandfunk und die bundesweit ausliegende Studentenzeitschrift UNICUM (einen Überblick über alle Presse-Erwähnungen gibt auf dem Newsblog).

Das alles steht in einem krassen Gegensatz zu unseren bisherigen Einnahmen – denn die sind praktisch nicht vorhanden. In den letzten sieben Tagen beispielsweise haben wir 3,45 Dollar durch AdSense-Anzeigen verdient, im gesamten Monat Juni waren es gerade einmal 6,69 Dollar. Trotz langsam steigender Aktivität auf dem Portal gehen dabei die Werbeeinnahmen sogar noch tendenziell zurück. Denn auch wenn unser Portal relativ häufig aufgerufen wird – was zählt ist am Ende der Klick.

Natürlich sind wir mit unserem Portal noch lange nicht am Ziel, weder was die Technik, noch was die Nutzerzahlen angeht. Und mit dem baldigen kompletten Relaunch werden wir sehr viele Defizite endlich beseitigt und durch unserere neue Videoblogging-Funktion ein weiteres Alleinstellungsmerkmal haben.

Selbst wenn wir mit blogage.de niemals wirklich Geld verdienen werden, bleiben wir dabei. Trotzdem bleibt die Frage, ob wir auch bei einer weiteren Steigerung der Nutzerzahlen jemals in die Gewinnzone kommen werden.

Natürlich ist Googles AdSense-Programm für uns überhaupt nicht optimal – das zeigt allein die oft alles andere als inhalterelevante Werbung. Auf meinem Blog wird beispielsweise gerne mal für ein Portal für die “spirituelle Partnersuche” geworben. Wir werden unser Werbekonzept in absehbarer Zeit umstellen und Werbung direkt vermarkten – denn eigentlich sind wir der Überzeugung, dass wir viele für die Werbeindustrie sehr interessante Blogleser haben und die qualititiv überwiegend hochwertigen Blogs ein attraktives Werbeumfeld darstellen.

Am Samstag werde ich einen Workshop des ebenfalls aus Düsseldorf stammenden Web-2.0-Startups Styleranking besuchen. Dort soll unter anderem auch die geplante Geschäftsstrategie des Unternehmens besprochen werden. Ich bin gespannt, wie das Monetarisierungsmodell dieses Portals langfristig aussehen soll. Gerade bei einer solchen zielgruppespezifischen Community gibt es aber natürlich mehr Möglichkeiten.