Kulturimperialimus an der Supermarktkasse

 

Die schleichende Amerikanisierung der Warteschlange

 

Die Deutsche Post hat es vorgemacht und das in US-Supermärkten übliche Wartenschlangensystem umgesetzt: Es gibt nur eine Schlange für alle Schalter – am Ende wird aufgeteilt. Auch bei der Bahn kommt dieses System schon seit längerem beim Ticketverkauf zum Einsatz.

Das Einschlangen-System ist fairer und einfacher als das aus Deutschland bekannte Warteschlangensystem in Supermärkten: Niemand muss sich Gedanken machen, ob er die richtige Supermarktschlange gewählt hat, kein “Stopfkunde” (das ist tatsächlich der Fachterminus) blockiert eine einzelne Schlange und wer sich zuerst anstellt, wird auch zuerst bedient – unabhängig von Glück und Zufällen.

Das System setzt inzwischen auch da durch, wo Menschen frei Schlangen bilden, wie auch Hartmut Trier von der Deutschen Post beobachtet hat:

 

Zitat:
Es ist interessant zu beobachten, dass die Leute mittlerweile sogar freiwillig zentrale Warteschlangen bilden. Das ist mir bei der Einführung des Dosenpfands aufgefallen. Wenn da zwei Automaten nebeneinander stehen, empfinden es die Leute als gerechter, wenn es nur eine Schlange für die beiden Automaten gibt. Gerade weil auch hier die Bedienzeiten in Abhängigkeit der Zahl einzulegender Flaschen stark schwanken.

Quelle: sueddeutsche.de

 

An deutschen Supermarktkassen sorgt leider noch das kontinaleuropäische System dafür, dass sich die Kunden regelmäßig über langsame Kunden und Kassierer ägern, wenn sie mal wieder die “falsche Kasse” gewählt haben – was subjektiv empfunden natürlich häufiger vorkommt als objektiv. Aber auch hier meine ich eine Amerikanisierung beobachten zu können.

Erinnert ihr euch noch an früher, wenn aufgrund einer ewig langen Schlange im Supermarkt irgendwann mal endlich eine neue Kasse aufgemacht hat? Im Krieg, in der Liebe und an deutschen Supermarktkassen war alles erlaubt: Frei nach dem deutschen Motto “Wer zuerst kommt, malt zuerst”, war das Rennen um die vorderen Plätze eröffnet.

Das passiert auch heute noch manchmal – aber nur, wenn jemand aus der Generation 40+ dabei ist, der das Rennen eröffnet. Gerade wenn nur Jugendliche bis junge Erwachsene in der Schlange stehen, ist das Verhalten inzwischen “amerikanisiert“: Wer vorne an der alten Schlange stand, geht dann ganz gesittet zur neuen Kasse und dahinter sortieren sich dann quasi im Reißverschlussverfahren die restlichen Wartenden mehr oder weniger abwechselnd in eine der beiden Schlangen ein. Manche haben bestimmte Präferenzen für die eine oder andere Kasse – aber es wird die bereits vor Kasseneröffnung bestehende Reihenfolge aus der alten Warteschlange beibehalten.

Das habe ich so zum ersten mal vor zwei oder drei Jahren gesehen und es setzt sich meiner Beobachtung nach immer häufiger durch. Wie gesagt: Nur wenn jemand aus der Generation 40+ dabei ist, setzt häufig noch die alte deutsche Hetzerei an der Kasse ein, sobald eine neue eröffnet wird. Von wegen, deutsche Gemütlichkeit …

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6 thoughts on “Kulturimperialimus an der Supermarktkasse

  1. witziger titel, voll globalisierung ey ^^

    an sonsten: ich kannte dieses system nicht (bei den simpsons sieht man immer nur die kasse selbst 😛 ) ist aber nett.. |
    und ein guter gegenbeweis das in (super-)markt-gesellschaften die leute alle irrational egoistisch werden würden |
    (zumintest haben die usanier ihren ‘kapitalismus’ schon ziemlich lange und relaiv ununterbrochen)

  2. Ich habe deine Beobachtung an deutschen Supermarktkassen bisher noch nicht gemacht, aber ich finde das “amerikanische System” (ist es wirklich amerikanisch?) auch besser. Es reduziert meiner Einschätzung nach den empfundenen Wartestress deutlich.

  3. Zitat:
    Ich habe deine Beobachtung an deutschen Supermarktkassen bisher noch nicht gemacht

    Welche? Dass alle zur neu eröffneten Kasse stürmen oder nicht stürmen?

  4. Ich kenne am häufigsten das Phänomen, dass ich mir grundsätzlich die falsche – weil leerste – Kasse aussuche. Immer wieder spaßig zu sehen, wie es dann nebenan schneller voran geht, obwohl dort längere Schlangen sind 🙂

  5. Ich habe eigentlich selten Probleme mit der Schlange an der Kasse. Ich gehe eben dann einkaufen, wenn nicht alle Hausfrauen und Rentner unterwegs sind.

  6. Ich liebe es wenn eine neue Kasse aufgemacht wird. Dann rammeln die Rentner ohne Rücksicht auf Verluste an die neue Kasse bis die Angestellte sagt, Sie habe nur die Tüten aufgefüllt. Komischerweise können die dann Super laufen, weg sind die Krankheiten die noch eben an der Kassenschlange aufgezählt wurden.

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