Brazil – der Diktator im Kopf

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“Wir sollten weggehen, irgendwohin.”
“Irgendwo gibt es nicht.”

 

 

Filminterpretation

 

Terry Gilliams Spielfilm Brazil aus dem Jahre 1985 schildert die dystopische Lebenswelt von Sam Lowry, einem kleinen Angestellten im fortgeschrittenen mittleren Alter. Sein Alltag wird von der trostlosen Arbeit für das Ministeriums für Information bestimmt, für das er in der Abteilung für Informationswiederbeschaffung arbeitet – ein Wort, das ist seiner deutschen Übersetzung den grotesken Bürkratismus noch besser transportiert als das englische Orignal (Information Retrieval).

Aus einem gutbürgerlichen Hause stammend, stehen Sam Lowry alle Türen im der menschenverachtenden Gesellschaft offen. Statt diesen Umstand zu nutzen, verbringt seine Zeit damit, von dem Ideal einer Frau zu träumen, die er nie getroffen hat. Eines Tages offenbart sie sich ihm in Form einer Terroristin, die das System gewaltsam bekämpft. Es ist der Beginn eines Ausbruchversuchs mit Hindernissen.

Der Film zeigt die Geschichte eines Menschen, der seine Liebe über die Regeln der Gesellschaft stellt. Dabei beschreibt die “irgendwann im 20. Jahrhundert” angesiedelte Dystopie eine skurril-entmentschlichte Gesellschaft, in der persönliche Individualität und Bedürfnisse durch eine Systemlogik ersetzt wurden, die den formalen Rahmen aller menschlichen Handlungen und Bedürfnisse bestimmt und damit eingrenzt.

Die einzigartige verstörende Ästhethik des Films bedient sich der krude wirkenden Kombination von moderner Technik, 30er-Jahre-Look, faschistischer Symbolik und kafkaesker Bürokratie. Die gezeigte Welt gleicht dabei in ihrem Wesen aber weder komplett den bekannten faschistischen und stalinistischen Diktaturen der Vergangenheit, noch den modernen westlichen kapitalistischen Systemen. Sie vereinigt vielmehr die Gemeinsamkeit aller Gesellschaftssysteme, in denen das Individuum sein Selbst an eine gesellschaftlich geforderte Systemlogik verliert.

Kein Ausbeuter profitiert von dieser Unterdrückung, kein einzelner Diktator steht an der Spitze des despotischen Systems und bestimmt, was geschieht. Die Systemlogik hat sich vielmehr dem Geist aller Menschen bemächtigt und verselbständigt. Der Druck zu funktionieren, beherrscht alle Menschen und zwar auf allen Ebenen und in allen Schichten der Gesellschaft: Auch die höchsten Angestellten der Ministerien sind nicht weniger versklavt als die Menschen, die sie beherrschen. Es fällt die Intransparenz und Verantwortungslosigkeit auf, mit der sich die Maschinerie der Entindividualisierung in dieser Gesellschaft verbreitet hat. Befehle sind in der verworrenden Bürokratie nicht verantwortlich rückverfolgbar, keinen Personen mehr zuordbar – das System selbst hat die Macht übernommen.

Doch das ist nur die oberflächliche Betrachtung dieser Welt. Brazil ist nicht in erster Linie eine Gesellschaftskritik, welche die schlimmen Folgen von totaler Überwachung, Kontrolle und Diktatur aufzeigt – auch wenn all das eine Rolle spielt. Er zeigt vielmehr, wie jeder einzelne Mensch, gesteuert von seinem Trieb nach sozialer Anerkennung, sich der Systemlogik unterwirft und sein eigenes Ich verleugnet. In der Konsequenz entfernt sich damit jeder einzelne Mensch von sich selbst, ersetzt das eigene Ich durch eine datenverarbeitende Maschine, die nach den Regeln der Gesellschaft programmiert ist.

Das Aufzeigen des Bedrohungspotantials der Gesellschaft über eine dystopische Vision ist nicht neu. Innonativ ist jedoch der Ansatz des Films, dass die Versklavung der Menschen, die dem Wunsch entspringt in einer Gesellschaft funktionieren zu wollen, keine von außen wirkende Kraft und keinen Diktator mit Waffengewalt benötigt. Der Unterdrücker sind wir selbst, die wir die Mechanismen der uns unterdrückenden Umstände längst verinnerlicht haben. Wir selbst glauben, funktionieren zu müssen, glauben, das natürliche Streben nach sozialer Anerkennung und Liebe, könne nur über möglichst systemkonformes Verhalten erreicht werden: Beruflicher Erfolg, Anpassung, Sauberkeit und Fleiß, um einige der Sekundärtugenden zu nennen. Am Ende steht der Wunsch nach Perfektion.

Je mehr die Menschen nicht mehr nach ihren wahren individuellen Bedürfnissen und Eigenschaften leben, sondern diese durch gesellschaftliche Verhaltensregeln ersetzen, um so roboterhafter funktioniert das Zusammenleben, desto entmenschlichter und vorhersagbarer und langweiliger werden die in ihr lebenden Personen. Ist dieser Prozess einmal vollständig abgeschlossen, so verdeutlicht ironisch-bitter das schaurig-schöne Ende des Films (zumindest der europäischen Schnittfassung), bleibt nur noch die Flucht in die innere Immigration der Imagination. Brazil ist eine Mahnung, es nicht so weit kommen zu lassen.

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2 thoughts on “Brazil – der Diktator im Kopf

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