Kommentar: Mindestlohn im Postmarkt

 

Doch jeder kann sich an drei Fingern abzählen, dass eine derartige Personalkostensteigerung in einem personalintensiven Gewerbe für manchen, der die Kosten nicht an seine Kunden weitergeben kann, das Aus bedeutet.

 

… schreibt Lothar Späth im Handelsblatt angesichts des von der SPD durchgesetzten Post-Mindestlohns und lässt mich damit an seinem ökonomischen Sachverstand zweifeln. Natürlich müssen die Postdienstleister die durch den gesetzlichen Mindestlohn entstandenen Mehrkosten an die Kunden weitergeben – das Schöne ist nur, sie können das auch. Schließlich ist der Mindestlohn nun für alle verbindlich und damit Waffengleichheit hergestellt, kein andere Postdienstleister kann seine Wettbewerbsfähigkeit durch Lohndumping steigern.

Ein einheitlicher Mindeststandard beim Lohn bedeutet auch keine Verhinderung des Wettbewerbs, wie manch ein arbeitgebernaher Kommentator nun moniert, sondern nur eine Verhinderung des Wettbewerbs über die Lohnpolitik. Daneben gibt es aber genug Stellschrauben im Unternehmen, die zu mehr Effizienz führen können.

Und an alle, die nun die alte Leier von der Arbeitsplatzvernichtung aus dem Reportoir des arbeitgebernahen Rhetorik-Seminars hervorzücken: Auf gesättigten Märkten wie dem Postmarkt entstehen keine neuen Arbeitsplätze, es sei denn durch eine Erhöhung der Nachfrage. Oder anders gesagt: Mit oder ohne Mindestlohn – Briefe werden geschrieben, Pakete werden versandt und irgenjemand wird sie austragen. Mehr Konkurrenz sorgt für bessere, effizientere und preistgünstigere Dienstleistungen – und das bedeutet insgesamt weniger Arbeitsplätze. Denn die Effizienz wird insbesondere durch Rationalisierung erhöht und das bedeutet mit weniger Arbeiteinsatz mehr erreichen. Ein Wettbewerber, der Personal aufstockt, tut das über Kurz oder Lang auf Kosten des Personals eines Mitkonkurrenten, der weniger effizient arbeitet, weil er diesem Marktanteile streitig macht. Insgesamt bleibt die Zahl der Arbeitsplätze auf gesättigten Märkten ein Nullsummenspiel mit Tendenz nach unten, weil die Produktivität steigt.

Wenn der Post-Mitbewerber TNT nun wortreich mit einem Rückzug aus dem Postgeschäft droht und Axel Springers Pin Group mehr als 1000 Stellen streicht zeigt das vor allem eines: Offenbar waren die Post-Konkurrenten nicht innovativer, besser und effizienter als der ehemalige Staatsmonopolist. Offenbar können sie nicht über einen besseren Service, besser auf die Kunden zugeschnittene Angebote oder intelligentere Logistik mit der Deutschen Post konkurrieren. Das ging, so scheinen es die Privaten nun mit diesen Drohungen zu offenbaren, nur über den Lohn, der vielfach auch noch staatlich subventioniert wurde, weil er zum Leben nicht ausreichte. Und genau das sollte über den gesetzlichen Mindestlohn verhindert werden.

Ausgerechnet die Vordenker des Neoliberalismus wie Lothar Späth beklagen nun landauf landab einen Angriff auf das deutsche Modell der Tarifautonomie. Das einstige Schreckgespenst liberaler Ökonomen wird nun im Zuge der Diskussion um Mindestlöhne von arbeitnahmernahen Kommentatoren zur sankrosanten Schutzphäre gegen staatlichem Interventionismus gepriesen. Kein Wunder: Das einstige Vorzeigeprojekt deutscher Gewerkschafter funktioniert nur, so lange das Kräfteverhältnis zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden ausgeglichen ist.

Immer schwachere gewerkschaftliche Organisationstrkturen, eine seit Jahrzehnten andauernde strukturelle Arbeitslosigkeit im Bereich der Geringqualifizierten und der Austritt von immer mehr Arbeitgebern aus den Verbänden haben die gewerkschaftliche Verhandlungsposition geschwächt. Das wird nicht zuletzt durch die seit Jahren stagnierenden Löhne bei glechzeitiger Produktitvitätsteigerung und dem deutlichen Zuwachs von Kapitaleinkünften am Bruttoinlandsprodukt klar. Längst ist augenscheinlich, dass gerade im Bereich der gewerkschaftlich immer weniger organisierten Geringqualifizierten nur noch der Staat soziale Mindeststandards durchsetzen kann, statt Hungerlöhne zu subventionieren. Die Stellen, die nun bei TNT und Konsorten gestrichen werden, wären mittelfristig Stellen gewesen, die bei der Deutschen Post eingespart worden wären – auf die eine oder andere Weise, mutmaßlich still und heimlich durch das Ausnutzen der natürlichen Fluktuation.

Der “deutsche Weg” der Tarifautonomie ist gescheitert, die Gewerkschaften halten höchstens noch aus machtpolitischen Gründen daran fest, während sie andererseits einen flächendeckenden staatlich festgesetzten Mindestlohn fordern. Beide Systeme parallel aufrecht zu erhalten, ist jedoch wenig sinnvoll, zumal die Flächentarifverträge spätestens seit der Deutschen Einheit ohnehin mit ihren Betriebsvereinbarungen und Ausnahmen in vielen Teilen des Landes eher einem lohntariflichen Flicketeppich entsprechen. Ein flächendeckender und damit branchenübergreifender Mindestlohn, der nicht zu hoch angesetzt ist, würde Lohndumping bei Geringqualifizierten verhindern und bei gleichzeitiger Aufhebung der Tarifautonomie mehr Lohnflexibilität ermöglichen. Damit wäre einer modernen Lohnentwicklung, die sich stärker an der individuellen wirtschaftlichen Entwicklung des Unternehmens orientiert, die Türe geöffnet.

 

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16 thoughts on “Kommentar: Mindestlohn im Postmarkt

  1. Mittelfristig ist es sicher, zu sagen, daß in einem gesättigten Markt wie diesem, Stellen abgebaut werden. Effizienzsteigerungen in den Unternehmen ist das richtige Stichwort. Allerdings ist langfristig nicht unerheblich, bei welchem Teilnehmer diese verloren gehen.
    Das Verdichten des Marktes auf einen Anbieter, der zwar unter dem momentanen Druck von Konkurrenz zu Effizienzsteigerungen gezwungen ist, wird dies langfristig nicht mehr zwangsläufig sein, sobald er dem Markt (wieder) monopolisiert hat. So kann zwar zunächst eine positive Wirkung haben, wie sie ein natürliches Monopol mit sich bringt.
    Langfristig kann aber so der entstandene Monopolist nicht wirksam kontrolliert werden, so daß sie für die Gesellschaft entstandene Wohlfahrtswirkung aus der Konzentration auf einen Anbieter durch Setzung des Preises abgeschöpft werden kann. Dies kann zu einer Situation führen, in der gesamtgesellschaftlich der Nutzen eines ehemals effizienten Monopolisten geringer ist, als der von weniger effizienten Konkurrenten.

  2. Langfristig kann aber so der entstandene Monopolist nicht wirksam kontrolliert werden

    Da möchte ich widersprechen. Sobald sich tatsächlich ein “natürlicher Monopolist” unter Markbedingungen herausgebildet hat und gleichzeitig die Marktzutrittschancen nicht zu hoch sind, wird dieser neue Konkurrenz bekommen, sobald er sein Monopol durch sehr hohe Gewinnmargen zu stark ausnutzt. Sobald dies nämlich passiert, lohnt es sich wiederum für andere den Markt zu betreten, um die vom Monopolisten festgesetzten Preise mit extremen Gewinnmargen minimal zu unterbieten.

  3. ich frag mich immer was das für eine scheiß arbeit ist die noch nichtmal den mindestlohn wert ist..

    um so deutlicher ist es wie sehr der staat die menschen in die arbeit drängt

  4. Dieser potentielle Wettbewerb, den der Monopolist mit einkalkulieren muß, und der ihn disziplinieren soll, kann, wie schon richtig bemerkt, jedoch nur greifen, wenn die Marktzutrittsschranken nicht zu hoch sind. Jedoch könnte sich der Mindestlohn als eine solche erweisen.
    Ein neuer Marktteilnehmer hat neben den üblichen Kosten für Reputationsaufbau etc. üblicherweise auch den Nachteil, über deutlich geringere Informationen über den Markt und die sich im Markt befindlichen Güter zu verfügen. So stellt sich für “den Neuen” das Problem, die niedrigen Preise, mit denen er den Monopolisten herausfordern möchte, nur über Effizienz und nicht über niedrige Löhne erreichen zu müssen. Als neuer Marktteilnehmer stehen ihm jedoch nicht die Erfahrungen zur Verfügung, um rein über Effizienz den Preis senken zu können. Diese Erfahrungen könnten erst während eines Verbleibens im Markt erreicht werden, so daß erst über Zeit die notwendige Effizienz bzw. Erfahrung gesammelt werden kann, um an anderen möglichen Stellschrauben im Unternehmen einen konkurrenzfähigen Preis zu erreichen.

    Kurz: der Mindestlohn stellt unter Umständen bereits eine recht hohe Marktzutrittsschranke dar, die den Monopolisten zu einem guten Teil schützt und ihm ermöglicht zumindest einen größeren Teil der Konsumentenrente abzuschöpfen.

  5. wenn die regierung etwas gegen das monopol der deutschen pest hätte könnte sie sie übrigens ja auch einfach zerschlagen | bei in ungnade gefallenen konzernen gehts ja auch | und so könnten die folgen dieses illegitimen monopols beschränkt werden ohne geschaffene werte zu zerstören |
    und wenn ihr was an demokratie liegen würde würden sie die kleinen lokalen postanbieter bei der umwandlung in genossenschaften (wenn gewünscht) unterstützen

    aber ich bezweifle irgendwie das das passieren wird.. | man könnte fast meinen das dem staat weder arbeiterrechte noch der wettbewerb interessiert |
    doch halt: er schützt die arbeiter vor der effizienz eines wettbewerbs (zoll und steuern) und den wettbewerb vor arbeiten die sich wehren (streikverbot) |
    nochmal glück gehabt.. 😛

  6. Wie bei allem staatlichen Intervenismus habe ich große Probleme mit der konkreten Umsetzung so einer Regel wie beim Mindestlohn. Theoretisch mag das recht schön sein mit dem Schutz von Arbeitern und Angestellten vor Lohndumping und Wettbewerb auf dem Rücken der Schwachen. Praktisch frage ich mich, wer denn so einen Mindestlohn festlegen soll. Wer ist fachlich nahe genug am Thema dran und sagen zu können, was ein fairer Mindestlohn in der jeweiligen Branche ist und was nicht? Doch eigentlich nur Arbeitgeber und Angestellte vor Ort. Welche Authorität haben denn Politiker, die nicht einmal den aktuellen Butterpreis kennen und felsenfest davon überzeugt sind, dass sie selber 7500 Euro für einen Vortrag wert seien, den Mindestlohn zu regeln?

    Von Pensionen, Beamtenbezügen und Abgeordnetendiäten mal abgesehen, sind in fast allen anderen Bereichen, in denen ein Parlament die Bezüge vorgibt (Bafög, ALG, HartzIV, Rente), die Bezieher unzufrieden mit der überbordenden Büroratie und dem Umfang der Leistungsanpassung. Wieso soll das gerade bei einem Mindestlohn anders werden? Da wird höchstens wieder ein verwaltungstechnisches Monster mit Formularen, Bestimmungen und sicherlich ganz vielen Aktenvorgängen geschaffen. Jetzt anzunehmen, dass im Gegenzug die Tarifautonomie (für die im übrigen Gewerkschaften _und_ Arbeitgeber stehen) angepasst wird, ist in meinen Augen zwar wünschenswert, aber entbehrt leider der Erfahrung.

    Sollte man nicht eher das Pferd andersherum aufzäumen und zunächst dafür sorgen, dass politische und bürokratische Prozesse schlagkräftig genug sind; dass der Staatsapparat effizient genug und mit fachverstand ausgestattet ist, um solche Aufgaben wirklich lösen zu können? Aber von diesem intransparenten und korrupten Haufen von Wichtigtuern zu erwarten, dass sie etwas anderes als Aktionismus verbreiten, ist schon etwas weltfremd. Schutz wäre sicher schön und wünschenswert. Das Problem ist nur, dass uns zur Umsetzung nicht die nötige Infrastruktur zur Verfügung steht. Insofern bleibe ich dabei, dass Löhne, Gehälter und Preise besser von den Leuten direkt vor Ort geregelt werden.

  7. > (für die im übrigen Gewerkschaften _und_ Arbeitgeber stehen)

    eben darin liegt meiner meinung das problem: einzelne arbeiter und chefs können kaum auf gleicher ebene verhandeln weil der chef die produktionsmittel besitzt (und dieses eigentum mit polizeigewalt gesichert wird, also nicht in beidseitiger ustimmung existiert)

    eingriffe des sozialstaats können da scheinbar aushelfen, man sollte aber beachten das es: 1. den arbeiter nicht mehr druckmöglichkeit gibt sondern lediglich den chef bevormundet | und 2. der staat nicht auf bitte der arbeiter bessere bedingungen schafft sondern das entgültige verelenden bestimmer bevölkerungsschichten kein guter wiederwahlgrund ist

    geduldete autorität mag manchmal relativ unblutig von statten gehen, ineffizient ist es trotzdem zwangsläufig | es ist hirnverschwendung befehlen zu gehorchen

    sorry wenn ich hier unerwünscht meinen anarchischen idealismus/zynismus/dings strapaziere | ich würde gern diskutieren, aber es kann schon sein das man über diese hingeworfenen fetzen schlecht diskutieren kann | es sprudelt halt heraus |
    wenn es stört wil ich es unterlassen

  8. Die Ambivalenz dieses Themas kann man schon an den Kommentaren erkennen. Die einen sind dafür, die anderen dagegen. Gründe genug führen beide Parteien ins Feld. Auf http://www.online-kredite.com/blog/wirtschaft/die-post-%e2%80%93-millionen-optionen-und-der-liebe-mindestlohn.html findet sich auch ein Blog-Beitrag zu diesem Thema, der untersucht, welche Meinung in Politik und Wirtschaft vorherrscht. Aus Sicht der Arbeitnehmer ist ein Mindestlohn ganz sicher zu begrüßen, so er über den bisher gezahlten Löhnen liegt. Bei nichteinmal 10 Euro, den der jetzt festgelegte Mindestlohn im Postsektor beträgt, ergeibt sich bei Vollzeit und 160 Stunden im Monat ein Bruttoeinkommen von rund 1.600 Euro, kaum mehr als 1.000 Euro netto. Selbst davon ist es schwer, zu leben und sich nebenher auch noch um die eigene Altersvorsorge zu kümmern. Den Unternehmern mag solch ein Mindestlohn ein Dorn im Auge sein, treibt er doch besonders in personalinventiven Bereichen die Lohnkosten enorm nach oben. Stellt sich mir immer wieder die Frage, wie macht man es allen recht?

  9. Ein Artikel in der Zeit heute befasst sich auch mit dem Thema.

  10. Sollte man nicht eher das Pferd andersherum aufzäumen und zunächst dafür sorgen, dass politische und bürokratische Prozesse schlagkräftig genug sind; dass der Staatsapparat effizient genug und mit fachverstand ausgestattet ist, um solche Aufgaben wirklich lösen zu können? Aber von diesem intransparenten und korrupten Haufen von Wichtigtuern zu erwarten, dass sie etwas anderes als Aktionismus verbreiten, ist schon etwas weltfremd. Schutz wäre sicher schön und wünschenswert. Das Problem ist nur, dass uns zur Umsetzung nicht die nötige Infrastruktur zur Verfügung steht. Insofern bleibe ich dabei, dass Löhne, Gehälter und Preise besser von den Leuten direkt vor Ort geregelt werden.

  11. Wenn man sich auch die vielen Berichte zu Hermes bei Ciao.de durchließt, wieviel man als Arbeitnehmer dort verdient, dann wundert mich auch nicht der niedrige Lohn bei den ganzen Zustellern. Aber als Kunde will man nunmal günstige Versandpreise haben. Solange es einen selber nicht betrifft, dann ist es fast jedem doch eh egal.

  12. Naja ehrlich ich finde der Mindestlohn sollte pflicht werden in allen branchen habe auf http://www.finanzxl.de gelesen das es diesen schon lange in vielen anderen Eu ländern gibt wie Frankreich und Groß Britanien, und dort klappt das auch bestens!
     

  13. Da versucht die EU alles zu regeln und gleich zu machen, Bananen die nicht in die Norm passen dürfen in der EU nicht verkauft werden und lauter so Blödsinn, anstatt sich mal bei den wichtigen Fragen wie Gesetzgebung oder auch Arbeitsrecht und Lohn einen für alle geltenden Standard zu entwickeln. Aber da ist Deutschland einfach zu verknöchert, versteinert oder eventuell einfach nicht daran intressiert in dieser Richtung neue Wege zu bestreiten.
     

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