Die Wurzeln des Neokonservatismus

Von der Realität geläuterte Linke?

Die Ära der neokonservativen Vorherrschaft innerhalb der republikanischen Partei hielt nicht lange an und ist spätestens seit dem sich abzeichnenden Irakkriegs-Desaster endgültig vorbei. Die derzeitigen republikanischen Präsidentschaftskandidaten für die Wahl 2008 werden nicht müde, sich von Bush und seinen neokonservativen Think Tanks zu distanzieren. Trotzdem lohnt sich eine genauere Betrachtung der Wurzeln dieser Ideologie, denn diese sind höchst umstritten, voller Widersprüche und ebenso interessant. Am Anfang stand der Philosoph Leo Strauss.

Unwissenheit ist ein Segen – für das einfache Volk

Leo Strauss, 1899 in Deutschland geboren, emigrierte bereits 1932 zunächst nach Paris, später in die USA. Der Professor für Politische Philosophie an der University of Chicago gilt vielen als ein konservativer politischer Theoretiker. Doch das trifft den Kern der Sache nicht ganz. So sehr Leo Strauss ein ausgewiesener Gegner der liberalen Demokratie, wie sie sich in der gesamten westlichen Welt ab dem 20. Jahrhundert auszubreiten begann, war, so wenig glaubte er selbst an die konservativen Werte an sich. Für den ihn als Atheisten bestand der Wert gesellschaftlicher Mythen wie der Nation und der Religion nicht in ihrem überzeitlichen Wahrheitgehalt, sondern in ihrer gesellschaftlichen Funktion.

Im Liberalismus und der Massendemokratie sah Strauss die Gefahr eines hemmunglosen, vom Atheismus getriebenen Individualismus, der in letzter Konseqeuenz die Auflösung aller Werte und jeglicher gesellschaftlicher Stabilität zur Folge hat. Sobald mangelns “rechter” Ideale und Mythen wie Nation, Religion und Familienwerten jegliches menschliches Streben der reinen Selbstverwirklichlung des Individuums untergeordnet wird, sah Strauss die Existenz der Menschheit an sich gefährdet. Daraus folgt für ihn ein zynischer Elitismus: Die politische und gesellschaftliche Führung eines Landes, müsse seiner Meinung nach nicht an die gesellschaftlichen Mythen wie Religion und Nation glauben. Sie müsse dies gegenüber den Massen der Gesellschaft aber vorgeben und -leben, um dem höheren Gut der gesellschaftlichen Stabilität zu dienen.

Pure Vernunft darf niemals siegen

Der von Strauss vertretene Ansatz ist normativ betrachtet damit nur scheinbar konservativ, in Wirklichkeit aber radikal utilitaristisch. Nicht die Wahrheit und Richtigkeit konservativer Werte wird betont, sondern deren Nutzenfunktion nach utilataristischen Kritierien:

Als wichtiger Theoretiker für die Neokonservativen gilt der Philosoph Leo Strauss. Vielfach wird Strauss’ Einfluss dafür verantwortlich gemacht, dass der Neokonservatismus sehr ausgeprägte Züge des Machiavellismus aufweist. Insbesondere geht auf Strauss die Idee des “Mythos” zurück (insbes. Religion und Nation). Dieses Konzept ist eng verbunden mit Strauss’ Ansatz, dass das Volk von der Elite belogen werden müsse. Dies ergibt sich aus Strauss’ tiefem Misstrauens gegen die liberale Gesellschaft, bzw. aus seinem Entsetzens über die liberale Gesellschaft. Der Mythos sei zwar nicht wahr, aber eine notwendige Illusion. Notwendig sei dies, weil die individuelle Freiheit die (einfachen) Menschen dazu verleite alles in Frage zu stellen, was dann die Gesellschaft insgesamt zerstören würde. Die Elite müsse diese Lügen öffentlich vertreten und leben, privat müssten sie diese natürlich nicht glauben (Strauss wies hier gern auf den TV-Anwalt Perry Mason als Rollenvorbild hin).

Quelle: Wikipedia



Von der “Old Left” zur paternalistischen Rechten

“Ein Liberaler ist jemand, der sagt, es sei in Ordnung, wenn ein 18-jähriges Mädchen in einem Pornofilm mitwirkt, so lange es den Mindestlohn erhalte.”

Irving Kristol

Als einer der wichtigsten Urväter der neokonservativen Ideologie kann Irving Kristol gelten. Der Historiker teilt insbesondere zwei biografische Merkmale mit fast allen Urvätern des Neokonservatismus: Seine ursprünglich explizit linke Ideologie und seinen jüdischen Hintergrund. Er selbst bezeichnet sich heute als einen “Linken, der von der Realität überfallen wurde” (“A liberal mugged by reality”). In seiner Jugend war er Mitglied der Young People’s Socialist League und wie viele heutige neokonservative Intellektuelle ein aktiver Trotzkist.

So weit sich heutige Neokonservative vom Trotzkismus auch entfernt zu haben scheinen, zwei wesentliche Konstanten lassen sich in ihrer sehr wechselhaften politischen Biografie ausmachen: Die unbedingte Feindschaft gegenüber jedem totalitären System, beginnend mit dem Stalinismus, und der Internationalismus der Bewegung, basierend auf einem ausgewiesenen Sendungsbewusstein der eigenen poltischen Werte. Immerhin war Trotzki ein glühender Anhänger der Idee einer weltweiten sozialistischen Revolution, während Stalin den Sozialismus zunächst im eigenen Land verwirklichen wollte. Ihre Feindschaft zum totalitären Regime der Sowjetunion trieb die Neokonservativen, die zunächst als Sozialisten in den 1930er Jahren noch überwiegend Roosevelts New Deal unterstützten, in die Arme der Republikaner. Ronald Reagans unachgiebige Haltung gegenüber der sowjetischen Führung imponierte den Neokonservativen, die sich von einer innerhalb der Demokraten häufig vertretenen Politik der Annäherung verraten fühlten.

Ein Kernanliegen der Neokonservativen war mit der Machtübernahme von George W. Bush junior von vorne herein die Demokratisierung des Nahen Ostens. Dieses begründet sich aus dem bereits angesprochenen Internationalismus. Um dieses Ziel zu erreichen haben sie es sogar geschafft, die vom Staatsverständnis der Republikaner als Partei eines “Small Governments” abgeleiteten außenpolitischen Isolationismus zu überwinden – und damit im Irak ein Desaster erlitten. Neben den oft vorgebrachten wirtschaftlichen Interessen des Irakkriegs, darf also auch nicht außer Acht gelassen werden, dass die Demokratisierung des Iraks – als Vorreteiter für eine Demokratisierung und Liberalisierung des gesamten Nahen Ostens – schon lange auf der neoliberalen Agenda stand.

Sicher ist heute nur, dass die offiziell vorgebrachten Gründe einer angeblichen Bedrohung der USA durch das Regime Saddam Husseins auf Lügen basierte. Dass die Bevölkerung hier offenbar betrogen wurde, um ein in den Augen der Neokonservativen höheres Gut zu erreichen, passt wiederum in die Philosophie von Leo Strauss. Der wohl bekannteste investigative Journalist in den USA, Seymour Hersh, glaubt hier den Geist von Strauss’ Philosophie ausgemacht zu haben und sieht im Falle des Irakkriegs die Neokonservativen als Puppenspieler hinter den Entscheidungen von Goerge W. Bush, der zur Erreichung der höheren Ziele selbst von der Neokonservativen belogen würde:

Strauss believed that good statesmen have powers of judgment and must rely on an inner circle. The person who whispers in the ear of the King is more important than the King. If you have that talent, what you do or say in public cannot be held accountable in the same way.” Another Strauss critic, Stephen Holmes, a law professor at New York University, put the Straussians’ position this way: “They believe that your enemy is deceiving you, and you have to pretend to agree, but secretly you follow your own views.” Holmes added, “The whole story is complicated by Strauss’s idea—actually Plato’s—that philosophers need to tell noble lies not only to the people at large but also to powerful politicians.”

Quelle: newyorker.com

Der technolibertäre Grateful Dead-Songtexter John Perry Barlow geht an dieser Stelle noch weiter, wenn man den Ausführung von CCC-Ikone Tim Pritlove glauben darf. Hinter vorgehaltener Hand spreche Barlow von einer Instrumentalisierung des Terrors im Sinne der Neokonservativen, die diesen daher hätten gewähren lassen. Angelehnt an Strauss’ Philosophie, die von der Elite verlangt, dem einfachen Volk eine klare Vorstellung von gut und böse zu vermitteln, glaubten die Neokonservativen an die Notwendigkeit einer äußeren Bedrohung.

Diese solle – sei diese real oder nicht – die innere Stabilität einer liberalen Gesellschaft aufrecht erhalten, indem sie die Welt in klar nachvollziehbare good guys und bad guys unterteilt. Somit seien die durch Terrorismus umgekommenen Amerikaner für einen höheren Zweck gestorben: Den gesellschaftlichen Glauben an eine äußere Bedrohung, die deren Zusammenhalt fördere. Allerdings bewegen wir uns spätestens jetzt bereits weit im Bereich des Spekulativen.

Links

Advertisements

3 thoughts on “Die Wurzeln des Neokonservatismus

  1. Interessant in dem Zusammenhange ist auch, daß die “kommunistische” Partei in China inzwischen die kommunistischen Werte ähnlich zu benutzen scheint wie die Neocons die konservativen Werte…

  2. We are specialists in Swarovski beads, that are very fashionable.Precisely minimize Swarovski crystal beads will make sure that the handmade jewellery appears fantastic. Swarovski crystals are crafted in Austria greatest specifications of superior and so are regarded as the finest items of the type from the world. Welcome to our website,you will obtain a surprise

  3. Louis Vuitton Outlet Online is not only make one fashion but also stand for them identity.Louis Vuitton is designed simple and novel.Louis Vuitton is a good choice for you. All the Louis Vuitton for sale on our Louis Vuitton Online Stores.Buy cheap Louis Vuitton from Louis Vuitton Online now!

Comments are closed.