Dollarcrash auf Raten und das Moral-Hazard-Dilemma

Die FED hat die Zinsen gesenkt – mal wieder. Aktueller Anlass ist die sich ausbreitende Subprime-Krise. Damit setzt Ben Bernanke die Tradition seines Vorgänger Alan Greenspan fort. Der erinnert sich in seinen Memoiren:

Wir erweiterten damit die Serie der sieben Zinssenkungen, die wir Anfang 2001 durchgeführt hatten, um die Auswirkungen des Dotcom-Crashs und des allgemeinen Einbruchs am Aktienmarkt aufzufangen. Nach den Anschlägen des 11. September senkten wir die Zinsen noch vier Mal und ein weiteres Mal auf dem Höhepunkt der Unternehmensskandale im Jahr 2002.

Bisher ging das immer gut. Wie ich jedoch bereits in einem älteren Blog-Beitrag ausführte, steuert der US-Dollar seit Jahrzehnten auf einen Crash zu, vor allem wegen des anhaltend hohen Außenhandelsdefizit der USA – zumindest, wenn man die ökonomische Theorie nicht umschreiben möchte. Auch wenn einige Ökonomen schon schon von einer aus der Physik entliehenden dunklen Materie fabulieren, um eine Theorie zu finden, nach der dieser Crash vermeidbar ist. Bisher war es allerdings eher ein Crash auf Raten, doch dieser beschleunigt sich jüngst – nicht zuletzt aufgrund der erneuten Leitzinssenkung. Inzwischen ist der US-Dollar genausoviel Wert wie der kanadische Dollar, ein schwerer Schlag auch für die amerikanische Comedy-Szene.

Nun sehen einige bereits ein Dollar-Desaster am Horizont. Bisher wurde das durch großzügige Stützkäufe, inbesondere der asiatischen Notenbanken, immer verhindert. “Das Leitmotiv der amerikanischen Währungspolitik hat vor über dreißig Jahren John Connally geprägt, der Finanzminister Richard Nixons: ‘Der Dollar ist unsere Währung, aber euer Problem.'” schrieb dazu bereits die Süddeutsche.

Was dabei von amerikanischer Seite leider vergessen wurde: Mit den enormen Dollarreserven der Chinesen, besitzen diese ein nicht zu unterschätzendes Drohpotential. Die chinesische Regierung weiß um Sprenghaft, die das plötzliche Abstoßen großer Dollarreserven für die Weltwirtschaft bedeuten würde und droht inzwischen ganz unverhohlen mit dieser “nuklearen Option“.

Doch etwas anderes, Grundsätzlicheres, ist es, das mir wirklich Sorgen macht: Investoren, Banken und Immobilienhändler können sich sicher sein: Wenn es eng wird, greift der Staat ein. Sei im Falle der Bank Northern Rock in Großbritannien, die sich mit riskanten Immobiliengeschäften zugrunde wirtschaftete, sei es im Falle der deutschen IKB oder bei jeder neuen Spekulationsblase: Wenn es brenzlig wird, greift der Staat ein, schon aus Eigeninteresse. Das ist einerseits ungerecht, weil Spekulationsrisiken sozialisiert werden. Und das ist andererseits gefährlich, weil riskantes Verhalten belohnt wird. Denn Hochrisikoinvestionen lohnen sich: Geht alles gut, werden die Gewinne individuell eingestrichen, verspekuliert man sich, fängt der steuerfinanzierte Staat das Schlimmste ab. Ökonomen kennen diese Problematik als Moral Hazard. Mit zunehmender Bedeutung der Finanzmärkte und einer stetig wachsenden Vernetzung der Weltwirtschaftsysteme nimmt das Moral-Hazard-Dilemma noch zu. Denn die Kosten risikoreicher Spekulationen werden inzwischen nicht nur national, sondern international abgefangen. Die Auswirkungen treffen damit auch gänzlich “unschuldige” Regierungen, welche die Spekulationsblase nichtmal durch rechtliche Regelierungen hätten verhindern können.

Selbst bei vielen ordoliberale Ökonomen reift daher langsam aber sicher die Erkenntnis: Eine welweite Regulierung von Spekulationsgeschäften ist nicht unbedingt schon im Ansatz falsch.

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6 thoughts on “Dollarcrash auf Raten und das Moral-Hazard-Dilemma

  1. 0,70 Cent bekommt man für einen Dollar. So niedrig war der Kurs noch nie. Man muss aber die Inflationsraten gegenrechnen.

  2. Man kann darüber spekulieren, wie ernst die Drohung Chinas ist. Beim Einlösen der nuklearen Option dürfte China mehr als in Mitleidenschaft gezogen werden.

    Interessant fand ich auch die Auswirkungen einer Dollarabwertung, wie sie in Ökonomie 2.0 beschrieben ist.

    The winner is

    USA

    weil die Schulden sich dadurch reduzieren, die eigenen Auslandsguthaben in Fremdwährungen laufen und die ausländischen Guthaben in USA ihren Wert verlieren, weil in Dollar angelegt sind.

  3. Ja, die USA bauen über die Inflation ihre Schulden ab.

    An sich eine geschickte Sache. Da aber Dollar in den Händen der Ausländer an Wert verlieren und weiter verlieren werden, wird der Dollar seine Funktion der Leitwährung verlieren.

    Ach übrigens: sehr guter Artikel!

  4. Nukleare Option? Oha

  5. Eine nukleare Option sollte es nie geben….

  6. Sehr guter Beitrag! GENAU so sehe ich es auch! wenn du interesse hast dich darüber hinaus auch noch zu informieren schau doch mal bei infokrieg.de vorbei. die seite ist zwar etwas “verschwörerisch” aber man kann sich ja sein eigenes Bild machen.
    Bitte schreib weiter solche Beiträge,
    Gruß, Glen.

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