Daten statt Dogmen: Ökonomie 2.0

Was passiert, wenn ein Kindergarten Strafgebühren für das verspätete Abholen von Kindern einführt?
Die Verspätungen nehmen zu.

Zur ökonomischen Wissenschaft, wie sie heute überwiegend betrieben wird, habe ich während meines Studiums eine sehr ambivalente Beziehung entwickelt. Einerseits waren die Kurse in meinem Studiengang, die von Volkswirtschaftlern angeboten wurden, zweifellos diejenigen, die es besten verstanden, meinen Horizont zu erweitern – neben den Soziologie-Kursen von Prof. Baurmann, die zum Glück so gar nicht typisch “soziologisch” aufgebaut waren, zumindest nicht so, wie man sich die Soziologie der 70er Jahre vorstellt.

Andererseits waren die VWL-Kurse auch immer diejenigen, in denen ich mich am häufigsten mit meinen Dozenten gestritten haben, wenn diese anhand ihrer reduzierten Modelle tatsächlich Aussagen über die Realität machen wollten. Der homo oeconomicus mag in einigen Fälle eine sinnvolle Näherung an die Realität sein, in vielen Fällen ist er es aber eben nicht. Wobei der homo oeconomicus der Ökonomie noch viel einseitiger und realitätsferner als der homo oeconomicus der Soziologie ist: Der handelt zwar ebenfalls ein reiner nutzenmaximierender und rationaler Egoist – ist aber dabei wenigstens nicht nur auf Geld aus.

Wenn ich einwandte, dass in Gesellschaften der relative Reichtum im Vergleich zu anderen sehr viel bedeutender sei, als der den homo oeconomicus allein seelige machende absolute Reichtum und dass daher hohe Spitzensteuersätze sehr viel weniger schädlich für das Wirtschaftswachstum seien, als von der neoklassischen Ökonomie vorhergesagt, musste ich mich ausschließlich auf meine menschliche Intuition verlassen.

Nun sind all diese Erkenntnisse der Psychologie, welche die blutleere Ökonomie erst wirklich zu einer Wissenschaft vom Menschen machen, durch Studien belegt. Und sie drängen unaufhaltsam in die neoklassizistischen Elfenbeintürme der modernen ökonomischen Theorie.

George A. Akerlof, Präsident der American Economic Association (AEA) und Wirtschafts-Nobelpreisträger, geht sogar von einer Renaissance des Keynsianismus angesichts der Erkenntnisse verhaltensorientierter Wirtschaftsforscher aus.

Eine leicht verständliche und sehr interessant zu lesende Zusammenfassung dieser “Ökonomie 2.0” bietet das Buch mit dem gleichnamigen Titel, das sich bereits auf der Wirtschafts-Bestseller-Liste des manager magazins befindet und den getAbstract Wirtschaftsbuchpreis 2007 nominiert wurde. Dem Untertitel “99 überraschende Erkenntnisse” wird das Buch dabei meiner Einschätzung nach nicht ganz gerecht: Die Erkenntnisse dürften größtenteils eher für Ökonomen überraschend sein, nicht so sehr für den mit “gesunden Menschenverstand” gesegneten Normalbürger. Aber die Verknüpfung psychologischer Erkenntnisse mit ökonomischen Modellen und die Konsequenzen, die sich daraus beispielsweise für die Politik ableiten lassen, ist außerordentlich spannend.

Unter ihrem Credo “Daten statt Dogmen” rütteln die beiden Handelsblat-Autoren Norbert Häring und Olaf Storbeck an liebgewonnen Grundsätzen vieler Ökonomen und erläutern unter anderem, warum Mindestlöhne in den meisten Fällen nicht zu mehr Arbeitslosigkeit führen, warum hohe Grenzsteuersätze glücksfördernd sein können, warum das deutsche dreigliedrige Schulsystem versagt und dass die Renten nicht unbedingt gekürzt werden müssten, wenn wir nur eine mit skandinavischen Ländern vergleichbare Erwerbsquote bei Frauen hätten.

Eine versandkostenfreie Bestellung ist bei Lehmanns möglich, wo es auch eine Leseprobe gibt. Bisher bin ich erst auf Seite 79 – aber das Buch erhält bereits jetzt eine uneingeschränkte Leseempfehlung von mir. Vielleicht werde ich in näherer Zukunft mal das eine oder andere Thema daraus aufgreifen. Besonders bemerkenswert finde ich beispielsweise die darin zitierten Schlüsse des Glücksökonomen Richard Layard von der London School of Economics.

Update vom 5. September:

Einer der beiden Autoren des Buchs, Olaf Storbeck, hat mir gerade eine E-Mail geschrieben. Leider scheiterte der Versuch, zu kommentieren (ich werde das klären lassen), daher der Kommentar von Herrn Storbeck hier manuell ergänzt:

Zunächst einmal vielen Dank für die wohlwollende Besprechung von “Ökonomie 2.0”. Wer mehr über die Erkenntnisse der Bildungsökonomie erfahren möchte, dem kann ich das Buch “Letzte Chance für gute Schulen” des Münchener Wissenschaftlers Ludger Wößmann empfehlen, das Ende September erscheint. Wößmann ist einer der führenden Forscher auf dem Gebiet, in “Ökonomie 2.0” haben wir einige seiner wissenschaftlichen Arbeiten zitiert. Mein Co-Autor Norbert Häring hat erst jüngst im Handelsblatt ein neueres Paper von Wößmann vorgestellt: http://www.handelsblatt.com/News/Konjunktur-%d6konomie/Wissenswert—Neue-Studien/_pv/_p/301104/_t/ft/_b/1304688/default.aspx/kombiniert-die-schulsysteme-von-bayern-und-berlin!.html
Olaf Storbeck, http://www.handelsblatt.com/oekonomie

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10 thoughts on “Daten statt Dogmen: Ökonomie 2.0

  1. Was sagen die denn wissenschaftlich belegt zum dreigliedrigen Schulsystem, was ja faktisch noch n paar Glieder mehr hat wie die Sonderschulen – heute Förderschulen genannt – und die Berufskollegs mit ihren Diversifizierungen?

  2. Ich leih dir das Buch für dieses Kapitel einfach mal aus. Zusammenfassend zitieren sie einfach Studien, nach denen das dreigliedrige Schulsystem in Deutschland – auch wenn man andere Faktoren herausrechnet – gegenüber den Gemeinschaftsschulsystemen andere Länder versagt uns zwar sowohl, die Integration von leistungsschwachen Schülern betreffend, als auch was das Leistungsnievau insgesamt angeht. Leider wird nicht wirklich erklärt, warum das so ist.

    Weiterhin wird aus Studien zitiert, nach denen, wenn es schon eine Auslese im Schulsystem gibt, diese sehr viel später erfolgen sollte als bereits nach der vierten Klasse. Die sich gerade in der Pubertät befindenden Schüler belastet ein Schulwechsel in dieser Zeit zusätzlich. In der neuen Schule sind sie die jüngsten Schüler. Das bedeutet einerseits am unter Ende die Hierachie und damit häufig das Opfer von Hänseleien und ähnlichem. Andererseits nehmen sie sich die älteren pubertierenden Schüler mit normabweichenden Verhlaten (Rauchen, Schlägereien etc.) zum Vorbild.

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